Lobby Schweinerei 01
Es gibt eine ausführliche Quellenliste mit einer Timeline der Ereignisse und Hintergründen zur Person.
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Wenn ihr das Verfahren gegen die Anlage, die niemals existieren dürfte, und Gabriele Wolf unterstützen möchtet, dann spendet gerne an:
Das könnt ihr natürlich auch online erledigen über die Webseite des BUND.
1. die Anlage, die es nicht geben dürfte
Nichts könnte dörflicher sein als das 191-Einwohner-Fleckchen Gerbisbach in Sachsen-Anhalt: kein Supermarkt, keine Bäckerei und auch sonst nichts, das auf den ersten Blick sonderlich interessant wirkt. Sogar die Straßen heißen lapidar »Dorfstraße« und »Feldstraße«.
Bei Google Maps fällt sofort etwas auf: Neben dem alten Dorfkern gibt es eine Ansammlung von Wellblech-Gebäuden. Passt irgendwie nicht dahin.
Nach ein paar weiteren Klicks sieht man, dass diese 21 Hallen plump mit „Solarstromanlagen“ bezeichnet sind.
Mit meinem kleinen Spielzeug – einer filmenden Drohne – schau ich mir diese „Solarstromanlage“ doch mal genauer an:
Statt wie andere Drohnen den ganzen Flugverkehr zu irritieren, hilft mir heute die DJI-Drohne €, einen Überblick zu verschaffen:
Na gut: Es sind zwar solche Solarmodule auf den Dächern – aber das ist sicher nicht der Hauptzweck dieser lebensfeindlichen Wellblech-Gebäude.
Keine einzige der Hallen hat Fenster. Und nur an ein paar Seiten gibt es so etwas wie ein Tor oder eine Art Schleuse.
Es ist die Anlage, die es eigentlich nicht geben darf. Eine Schweinemast- und Ferkelaufzuchtanlage in Gerbisbach.
Spätestens beim Anblick der riesigen, ballonartigen Güllebehälter für die Biogas-Anlage wird klar, dass es sich nicht um einen stinknormalen – pun intended – Industriebetrieb handelt.
Beim genaueren Hinschauen, sehen wir überall Abfall oder Schutt herumliegen. Und an einer anderen Stelle sieht es so aus, als würde Gülle einfach in einen provisorischen See sickern.
Sowieso sieht alles ein wenig behelfsmäßig aus, für einen Betrieb, der ja eigentlich Lebensmittel produziert.
in dem Jahr, als ich meinen Schuldienst beendet habe, im Juni 2005 und im Dezember 2005 ereilte uns dann das Ereignis: Hier wird eine große Tierhaltungsanlage gebaut, industrielle Tierproduktion.
– Gabriele Wolf im Interview
Das ist Gabriele Wolf. Eine Lehrerin im Ruhestand und eine vehemente Gegnerin der Anlage, die es eigentlich nicht geben darf.
Sie hat bisher fast 20 Jahre dafür gekämpft, dass die Politik ihre eigenen Regeln einhält, dass Menschen vor Umweltgefahren geschützt werden – und Tiere nicht in Megaställen leiden müssen.
Inzwischen hat sie mehrere dicke Ordner mit Unterlagen, Flyern und Zeitungsausschnitten über alles, was mit der Schweinemastanlage zu tun hat.
Ich muss sagen, bis dahin hat uns das Thema gar nicht so berührt. Wir leben mit der Landwirtschaft. Rundherum wird hier angebaut und geerntet. Tierhaltungsanlagen gibt es auch, kenne ich alle. Davon hatte ich die Kinder in der Schule.
– Gabriele Wolf im Interview
Aber sie hat auch über die vielen Jahre gelernt, wie Menschen die Regeln biegen und zu ihrem Vorteil nutzen:
Weil er der skrupellose Schuldige ist, dass man hier so was realisiert hat. Und er wusste genau, wie man vorgehen muss. Wir waren die Betroffenen, Unerfahrenen und standen diesem Profi da gegenüber.
– Gabriele Wolf im Interview
Sie meint den gewieften Projektleiter des Stalls.
Die Lokalpresse nannte ihn: „Türöffner der Agrarindustrie“[ii].
Und er ist auch jemand, der wegen eines Bestechungsvorwurfs vor Gericht stand.
Heute nennen wir ihn …. „Helmut R.“ oder „R.“.
Helmut R. ist die Person, die alte landwirtschaftliche Betriebe aus der DDR in Megaställe umwandeln ließ.
Der Mann, der maximalen Profit auf Kosten von abertausenden Lebewesen und ostdeutscher Landstriche angestoßen hat.
Aber ich will dazu noch eine Sache sagen: Helmut R. ist nur ein Beispiel dafür, wie die Politik und die Tierindustrie Hand in Hand zusammenarbeiten. Von solchen Menschen gibt es alleine in Deutschland Dutzende. Er ist vielleicht ein markantes Beispiel – aber Helmut R. ist keine Ausnahme.
Gabriele Wolf hat einen großen Teil ihres Lebens dem Kampf gegen die Schweineaufzucht in ihrer direkten Nachbarschaft gewidmet. Von ihrem Haus aus kann sie den Gestank jeden Tag im Wohnzimmer riechen.
Sie hat mit Hilfe von Naturschutzverbänden gegen die Baugenehmigung geklagt – und mehrfach gewonnen. Und trotzdem stehen die 21 Wellblechhallen hier am „Fischweg“. Und trotzdem werden hier jedes Jahr tausende Schweine „produziert“.
Da kommen jetzt viele zu mir. Wieso geht denn das weiter? Ist doch rechtswidrig. Habe doch Recht bekommen. Das kann man schlecht erklären.
– Gabriele Wolf im Interview
Das ist auch meine brennende Frage, als ich von der Anlage, die nicht existieren dürfte, erfahre:
Wie konnte eine riesige Schweinemast in dem kleinen Örtchen entstehen, obwohl so vieles dagegenspricht? Gab es hier Politiker:innen, die „ein Auge zugedrückt“ haben?
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2. Wer ist Helmut R.?
Unser Helmut R. wuchs als Bauernkind in einem kleinen Dorf bei Wittenberg auf. Sein Vater war sogar Betriebsleiter einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Also nicht der schlechteste Ausgang.
Nachdem die DDR zerfiel, erhielt seine Familie ein großes Stück Land zurück als Eigentum und errichtete dort einen Rinderbetrieb.
R. machte eine Weile den Biobauern und trat zeitgleich in die SPD ein.
Er kennt seine Heimat in- und auswendig, weiß, wie die Agrarproduktion am profitabelsten funktioniert, und konnte schnell Karriere machen. Wie er selbst sagt, wurde er …
über Nacht [wurde ich] Landwirtschaftsminister, […][i]
Er ist einer »vom Fach«, der in die Politik wechselte. Klingt ja erstmal gut.
Doch leider »stolperte« er – so die Lokalpresse – über seine vielen Geschäfte: Als Landwirtschaftsminister setzte er sich für Fördermittel ein, die er dann seinem eigenen Betrieb zukommen ließ.
Auch wenn das scheinbar gängige Praxis war – und vermutlich noch immer ist: Es war kein Kavaliersdelikt. Also musste er seinen Posten als Minister räumen[iii] und strebte jetzt eine neue Karriere an.
Vermutlich dachte er sich: „Hauptsache was mit Tieren“.
Er hat vor, die brachliegenden LPG-Betriebe in blühende Landschaften zu verwandeln. Schließlich weiß der Unternehmer, was er da macht: Schon Mitte der 2000er Jahre betreut seine Beratungsfirma sechs Projekte mit insgesamt 200 Millionen Euro Investitionsvolumen[iv].
Wie R. das selbst schön nennt:
neues Leben in alte Ställe [bringen][v]
2.1 „finanzielle Unterstützung“ oder Bestechung?
Er findet ein interessantes Stück Land auf einem ehemaligen Sowjet-Flughafen in der Provinz.
All die schönen Werbeversprechen unseres Helmut R. – Arbeitsplätze, Aufschwung, Wachstum – bringen leider nicht das erhoffte „Go!“ aus den Ämtern der Region.
Bei dem Flugplatz-zu-Schweinemast-Projekt, ist die Krux, dass das Gelände zu vier verschiedenen Gemeinden gehört. Und nicht alle sind besonders erpicht auf das Projekt.
Sogar eine Bürgerinitiative wurde gegründet, um der »Schweinelobby« etwas entgegenzusetzen.
Letztlich kaufte eine der angrenzenden Gemeinden den Teil des Geländes auf ihrem Gebiet selbst und legte damit die Pläne des Schweinemästers und seines Geschäftspartners auf Eis. Damit kann der Ort ein starkes Zeichen gegen den Bau der riesigen Schweinemastanlage setzen.
Wer kann es ihnen verdenken, wenn Helmut R. und seine Geschäftspartner zusammen eine riesige Tierfabrik aufziehen wollen, die so viel Exkremente, wie eine 180.000-Einwohner-Stadt produzieren.
Vermutlich wurde unser Helmut R. jetzt etwas nervös. Es steht nicht nur eine Menge Geld auf dem Spiel, sondern auch seine Reputation.
Sein Auftraggeber zieht gegen die Entscheidung der Gemeinde Mahlwinkel vor Gericht. Doch die Stimmung bleibt mies und der Gemeinderat verweigert weiterhin seine Zustimmung.
Weil das natürlich ziemlich schlecht für das Geschäft ist, versucht R. das Ganze …
etwas zu beschleunigen[vii]
… wie sein Anwalt später vor Gericht sagen wird.
In zwei Gesprächen bietet R. eine … sagen wir: eigentümliche Art der Unterstützung an:
10.000 Euro hat er der ehrenamtlichen Bürgermeisterin von Mahlwinkel angeboten[viii].
Dabei wollte der ahnungslose R. doch nur die heimische Infrastruktur unterstützen.
Bestechung war nie meine Absicht
sagt R. selbst[ix].
Aber auch eine ehrenamtliche Bürgermeisterin weiß genau, dass das keine nette Geste zur »Unterstützung für die Gemeinde« war. Sie zeigt R. wegen eines Bestechungsversuchs an.
In einer ersten Verurteilung 2008 wurde R. sogar zu acht Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 5.000 Euro verdonnert.
Allerdings wird es im Berufungsprozess später heißen, dass R. die Bürgermeisterin gar nicht bestechen konnte – schließlich war die ja nur ehrenamtlich tätig.
2.2 „Türöffner“ & Gemüsebauer
Helmut R. hat inzwischen ein anderes Gebiet gefunden. Und das hat zumindest weniger mit Tieren zu tun. Seit einigen Jahren hat er sein Portfolio mit Gemüse diversifiziert.
In einem der größten Gewächshäuser in Deutschland hilft er, die »Luther-Tomate« anzubauen. Unter der Projektleitung unseres Unternehmensberaters, wirbt das Konterfei des Kirch-Reformers und Vollblut-Antisemiten Martin Luther nun für die angeblich beste Tomate aus Sachsen-Anhalt.
Leider schafft es die Tomate nicht in die große, weite Welt[x] – aber für den neuen, niederländischen Investor reicht das und damit ist das Standing von Helmut R. als Global-Player und Strippenzieher gerettet.
Schließlich hat die Lokalpresse hierzu auch einen Süßholz-raspelnden Artikel veröffentlicht, der nur Gutes über R. zu berichten weiß.
»Türöffner für Agrarkonzerne«[xi]
Nennt die Mitteldeutsche Zeitung unseren Unternehmensberater für Schweinemast-Investor:innen. Und sie zitieren ihn fleißig, ohne viele Nachfragen:
Es gibt in Deutschland unglaublich viele Auflagen und Hürden, doch mit Kompromissen findet sich meist auch ein Weg.
Inzwischen wissen wir ja, wie ein solcher »Kompromiss« aussieht. Aber die Lokalredaktion fragt da nicht weiter nach.
Nicht erwähnenswert bleibt, dass R. die Projektleitung einer Kaviar- und Störfarm wegen Insolvenz abgeben musste und weiterhin gegen seine Planungen von Massentierhaltungsanlagen in Sachsen-Anhalt geklagt wird.
Auch die schlimmsten Übertreibungen oder Lügen wurden ihm immer abgenommen, als er über die von ihm „intensive Tierhaltung“ genannte Massentierhaltung redete:
Dem Schwein, das mit zwölf Artgenossen zusammenlebt, ist es egal, ob in der Gesamtanlage 2.000 oder 12.000 Tiere leben.
In Großanlagen sei die Hygiene häufig besser und der Einsatz von Medikamenten geringer als in kleineren Ställen. Das hängt aus [seiner] Sicht damit zusammen, dass es spezialisiertere und professionellere Mitarbeiter gibt.
Was sind Massenställe? Ob 100.000 oder 10.000 in einem Stall sind, ist für das Einzeltier uninteressant, weil das Einzeltier lebt in einer Gruppe von 10, 12, 14 Tieren. Mehr sieht es in seinem Leben nicht. Das sieht nicht, ob drumherum noch 500, 1000 oder 100 sind.
– R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“[xiv]
All das sind Dinge, die ein ehemaliger Landwirtschaftsminister und ständiges SPD-Mitglied einfach so von sich geben durfte und darf. All das sind aber auch Dinge, die recht einfach zu widerlegen sind, beispielsweise, wenn man die Beschäftigten selbst fragt oder die Veröffentlichungen von investigativen Recherche-Teams anschaut:
Schweine, die sich gegenseitig anfressen. Tiere, die riesige Wunden haben oder gar nicht mehr bewegungsfähig sind. Der unglaubliche Ammoniak-Gestank, der jeder Person sofort in die Nase steigt, wenn sie diese Riesen-Anlagen betritt.
Solche Zustände sind der Normalzustand und werden immer wieder vorgefunden – auch in den Anlagen der Familie van Gennip und den ganzen anderen.
Also in genau den Ställen, die unser Helmut R. eigentlich gut kennen sollte und deren Geschäftsführende er stets als erfahrene Schweinemäster auszeichnet, sobald Kritik geäußert wird.
Für den »Türöffner der Agrarindustrie« passt ein Spruch von einem der Gegner der Schweinemast in Gerbisbach:
An dem Schlüssel wird so lange gefeilt, bis er ins Schloss passt.
Denn am Ende geht’s nur ums Geld. Nicht um Tiere, nicht um Menschen, nicht um Umwelt – nur um Geld. Für wenige. So schnell wie irgendwie möglich.
Da können dann auch mal Regeln und Gesetze etwas lockerer genommen werden.
Es sieht aus wie Baustelle, also wirklich ganz schlecht, was da auf dem Gelände alles rumliegt. So stelle ich mir ein, ein Betrieb eines erfahrenen Schweinemeisters wirklich nicht vor. […] Und da ist so Desinteresse, das geht nur um Produzieren, Schweine rein und Schweine raus und Geld verdienen, Profit machen und das seit elf Jahren mit einer rechtswidrigen Genehmigung.
– Gabriele Wolf im Interview
Gut, es ist so eine allgemeine Erscheinung, das muss ich ja auch sagen: Es ermüdet die Menschen und die Politiker sind froh, wenn Ruhe ist.
– Gabriele Wolf im Interview
Unter den vielen Mitkämpfer:innen gegen die Anlage in Gerbisbach, ist auch der Schauspieler Thomas Rühmann: Er ist seit 1998 in der ARD-Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“ wöchentlich zu sehen.
Und auch er hat seine Erfahrungen mit Gerbisbach und den Schweinemästern in Sachsen-Anhalt:
ich komm einfach aus der DDR. Und wir haben das natürlich erlebt, aber haben es natürlich auch verschwiegen und es spielte einfach natürlich keine Rolle. […] Und das wurde einem dann praktisch nach der Wende wurde das einem bewusst, was da eigentlich los gewesen ist.
– Thomas Rühmann im Interview
Und das Absurde heute ist natürlich Fahren Sie mal durch Niedersachsen. Also *lacht* das ist, also – ich war da neulich mit dem Auto unterwegs – das ist ein Land aus Gülle, Kann man so sagen.
– Thomas Rühmann im Interview
Also die Vorstellung, dass […] praktisch vor allem exportiert wird, das Schweinefleisch praktisch mit diesem schlimmen ökologischen Ergebnis, das heißt, wir sorgen dafür, dass diese Schweine, die bei uns unmenschlich, schweinemäßig aufwachsen – praktisch eigentlich die Welt versorgen. Aber die Folgen, die Gülle, die Beeinträchtigung der Natur, die bleibt bei uns. Und das ist für mich wirklich eine absurde Zuspitzung.
– Thomas Rühmann im Interview
2.3 Helmut R. & die Investor:innen
Zurück zu Helmut R.
In den kommenden Jahren wird Helmut R. immer wieder millionenschwere Geschäfte anleiern und dafür seine Kontakte in Politik und Wirtschaft ausgiebig nutzen.
Mit seinem Wissen über die eigene Heimatregion und die zerfallene DDR konnte R. seine eigenen Vorstellungen und Träume von erfolgreicher Agrarproduktion anschieben.
Helmut R. wirbt jetzt mit jeder Menge Enthusiasmus bei Presse und den Interessierten: Viele neue Arbeitsplätze wird es geben und die Landwirt:innen der Region brauchen ja sowieso händeringend mehr Gülle für ihre Felder – da kann er Abhilfe schaffen:
„Wir haben ja das große Problem genau umgekehrt: Wissen Sie, wir haben gute, große Landwirtschaftsbetriebe. Wir kriegen aber nicht genügend Tiere.“
– R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“[xvi]
Genau wie die Führer der DDR war auch R. total überzeugt von der industriellen Tierhaltung. Die „intensive Tierzucht“ – wie er die Massentierhaltung auch nennt[xvii] – war für ihn vermutlich eine Gelddruckmaschine, jetzt, wo all diese Flächen wieder verfügbar waren.
Die Technik, die Infrastruktur und die Gebäude sind da. Arbeitswillige gibt es in der »strukturschwachen« Region sowieso. Und wie wir jetzt wissen, liebt die Politik landauf, landab Anreize für den viel beschworenen Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.
Was jetzt nur noch fehlte, waren geldschwere Investoren. Am besten Unternehmer, die schon in der Landwirtschaft tätig sind, aber weiter wachsen wollen.
Vor allem niederländische und dänische Investoren hatten ein starkes Interesse an den ehemaligen Landwirtschaftsbetrieben der DDR. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt wurden tausende Hektar Land an die Privatwirtschaft verkauft.
Knapp 60 Prozent der Schweine-Tierfabriken waren schon in den 2000er-Jahren in der Hand von ausländischen Investoren[xviii].
Ein solcher, ausländischer Unternehmer und Investor war Harrie van Gennip:
Schon 1995 machte er sich in der ehemaligen DDR breit und kaufte einen in den 1960er-Jahren erbauten Stall in der Nähe von Magdeburg.
60–65.000 Schweine in sechs, knapp 400 Meter langen Hallen, auf einem knapp 90.000 Quadratmeter großen Gelände im Örtchen Sandbeiendorf. Wöchentlich sollen hier 1.600 Schweine zur Schlachtung abtransportiert werden[xix].
Eine der größten – wenn nicht sogar die größte Schweinemastanlage in Deutschland.
Aber selbst das war weder Herrn van Gennip, noch unserem Helmut R. genug.
Van Gennip hat ein persönliches Interesse an neuen Anlagen, meint Gabriele Wolf, die sich eingehend mit der Persönlichkeit und seinem Netzwerk beschäftigt hat:
und der van Gennip hatte damals zu ihm gesagt: Ich habe fünf Kinder und jedes Kind bekommt so eine Anlage.
– Gabriele Wolf im Interview
Wer möchte nicht auch einen eigenen Stall voller Tiere erben? Anyways:
Das Problem im Heimatland des Investors sind die strengen Umweltauflagen und der generelle Drift der Gesellschaft, Massentierhaltung doof zu finden: Seit einigen Jahren gibt es sogar Bestrebungen der Regierung, dass alte Ställe zurückgebaut werden, um die Tierzahlen in den Niederlanden nachhaltig zu reduzieren.
Wie sich 2025 zeigt, hat diese Methode Erfolg: 19 % der Schweinehalter wollen aussteigen[xx] und zum ersten Mal seit 45 Jahren ist der Schweinebestand auf unter 10 Millionen Tiere geschrumpft[xxi]. – ja, das sind immer noch verkackt viele.
Im Jahr 2008 beschrieb ein niederländischer Mitarbeiter einer Schweinemast in Sachsen-Anhalt seine Perspektive mit:
Zu Hause wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.
– Jan Van Genugten, Pelapro Farm [xxii]
Dass van Gennip und Co. diesen Negativtrend mit ihren Ställen in Deutschland umgehen wollen, wurde nicht zuletzt bei einer Aufdeckung der Tierrechtsorganisation „Animal Rights Watch“ de utlich:
2013 bekamen sie grausame Aufnahmen aus einer der van Gennip-Anlagen zugespielt und haben damit ein ganz anderes Licht auf den strahlenden Investor geworfen[xxiii]. Ein Vertreter des Vereins berichtet:
Das Problem ist zum einen, dass der Betreiber dieser Anlage gegen viele deutsche Vorschriften, die jetzt in der neuen Tierschutzhaltungsverordnung drinstehen, verstößt. Also insgesamt haben wir zehn oder elf verschiedene Verstöße dort gezählt. Das heißt, diese Anlage ist eigentlich echt unterm Standard oder absolut unter dem, was sein sollte. Und dieser Betreiber ist aber gleichzeitig so groß, dass er dann den Marktstandard definiert und mit runterzieht.
– Ein Vertreter von „Animal Rights Watch“ über die Zustände in der Anlage[xxiv]
Und erst nachdem Tierschützer vor Ort Aufnahmen gemacht hatten, kam auch das Veterinäramt und verhängte ein Bußgeld gegen van Gennip[xxv].
2.4 PR-Strategien des Helmut R.
Super! Kein Grund zur Aufregung! Die Geschäfte müssen halt weiterlaufen…
Und deshalb ging es auch weiter bei einer anderen Tierfabrik im Örtchen Haßleben. Die alte DDR-Anlage sollte wieder in Betrieb genommen werden: 85.000 Schweine sollen hier ihr eintöniges Leben leben – um am Ende als Fleisch zu enden[xxvi].
Was erst mal nicht so überzeugend klingt, ist für Helmut R. nur eine dornige Chance sozusagen…
Denn wie schon Edward Bernays wusste – der Guru der „Public Relations“ und Neffe von Sigmund Freud:
Die bewusste und intelligente Manipulation der Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft.
– Edward Bernays: Propaganda[xxvii]
Menschen können eben nicht plump dazu gebracht werden, etwas Dummes toll zu finden. Gewiefte Strategen müssen eine Art „Zustimmung fabrizieren“ („Manufacturing Consent“), wie Bernays es später nannte.
Deshalb hat auch unser Helmut R. nicht locker gelassen und versucht, das Bild der Massentierhaltung zu beschönigen:
„Wenn wir immer über Massenställe reden, was sind Massenställe? Ob 100.000 oder 10.000 einem Stall sind, ist für das Einzeltier uninteressant. […] Ein Einzeltier ist das Entscheidende. Und wenn Sie heute Fleisch produzieren, egal ob Hühner, Schweine oder Rinder, wenn Sie Ihren Bestand nicht gesund erhalten, werden Sie das nicht lange überleben. Und das ist eigentlich das Ziel. Und da muss man immer darauf achten Wie geht es den Tieren, wie geht es ihnen? Wie hoch sind die Medikamenten-Einsätze? Wie hoch sind die Verluste? Also das unterhalb der Norm ist, Sprechen wir aus, spreche ich von einer artgerechten Haltung.
– Helmut R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel[xxviii]
Diese Aussagen traf Helmut R. in einer Talkrunde zum Thema „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“ im Jahr 2012.
In der gleichen Sendung pflichtete ihm der damalige Staatssekretär für Landwirtschaft – und übrigens wegen Untreue bestrafter Politiker der CDU, Peter Bleser, bei und unterstellte – natürlich mit akuter Realitätsverzerrung:
Und da möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es in früheren Jahrzehnten nicht besser war: Die Kühe waren angekettet, die Schweine in engen Ställen ohne Licht. Heute sind die Ställe hell, modern, klimatisiert und die Böden trocken. Insofern ist meine Aussage richtig, wenn ich sage: Unseren Tieren ging es in der Nutzti erhaltung noch nie so gut wie heute.
Na klar: Die Zustände, die schon Upton Sinclair in „Der Dschungel“ porträtiert hat, sind passé … Was Sinclair genau gesagt hat, hört ihr in der zweiten Folge dieses Podcasts.
Aber inzwischen hat sich die Tierindustrie auf eine andere Weise zum Grauen gewandt: Sogar Experten wie Helmut R. gehen von 10 % „Verlust“ in deutschen Ställen aus. Das bedeutet: Bei 20,9 Millionen Schweinen in deutschen Anlagen, sind zwei Millionen Schweine – zwei Millionen Individuen, die fühlen, riechen, schmecken und vor allem leiden können – abgeschrieben und dem Tode geweiht.
Abstrakte Zahlen statt eines empathischen Blicks auf fühlende Lebewesen. Auch das wird deutlich bei einer anderen Aussage von R. als es um Exporte geht:
Dann müssen Sie auch untersagen, dass wir Autos verkaufen nach China. […] Was ist denn der Unterschied zwischen Export von technischen Gütern und von Lebensmitteln.
– Helmut R. in einer Talkshow
Aber es gibt auch Stimmen aus den Gemeinden, die Massentierhaltung in Haßleben und anderswo gar nicht so kritisch gegenüberstehen:
Eine Bürgerinitiative mit dem Slogan: „Pro Schwein – für Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich“[xxix] macht tüchtig Stimmung. Mit bunten Schildern und Pappschweinen.
Die wenigen Menschen, die sich öffentlich für die industrielle Tierhaltung im Ort einsetzen – vor allem wegen vermeintlicher Jobs – kämpfen laut Zeitungsberichten mit …
überwiegend unsachliche[n] Argumentation zur geplanten Investition der Schweinemastanlage in Haßleben
Und auch dort hat R. seine Finger im Spiel, wie er selbst zugibt:
Wir haben bei denen gewisse Kosten übernommen.
Das sagte R. dem Spiegel. Zu diesen „gewissen Kosten“ gehören wohl ein aufpolierter Internetauftritt, T-Shirts und ein Exklusiv-Besuch bei van Gennips anfangs erwähnter Anlage in Sandbeiendorf mit knapp 60-65 000 Tieren.
Wer könnte bei einem so exklusiven Service schon „nein“ sagen?
2.5 Aktivismus dagegen (und das Ende von Haßleben)
Letztlich hat auch diese PR-Strategie keinen großen Erfolg gebracht: Inzwischen wurde endgültig gegen die Erweiterung und den Neubau entschieden.
Allerdings erst nach mehreren Gerichtsprozessen, die von Umwelt- und Tierschutzverbänden angeführt wurden. Immer wieder unterstützt von Aktivisti, die vor Ort leben oder sogar in den ehemaligen DDR-Anlagen gearbeitet haben und wissen, wie traurig ein Schweineleben in der Massentierhaltung ist.
Ein kräftezehrender Kampf über 16 Jahre, bis es zum endgültigen Beschluss gegen die Schweinemast in Haßleben kam[xxxii].
Und die Gerichte entschieden wohl weniger aufgrund von den immer wieder zutage gebrachten Tierschutzskandalen in solchen Riesenanlagen, fehlenden Evakuierungsplänen bei Bränden oder den immensen Auswirkungen auf Umwelt und Nachbarschaft.
Am Ende war es lediglich eine Art Formfehler im Bauplanungsrecht der das Ganze Projekt zum Erliegen brachte.
3. Gerbisbach
3.1 „sofortiger Vollzug“
Man kann der Stadt Jessen zugutehalten, dass sie scheinbar 2009 den Braten schon gerochen hat und ihre Zustimmung zum Bau der Riesenmastanlage in ihrer Gemeinde Gerbisbach verweigerte. Damit wäre das Thema eigentlich vom Tisch gewesen.
Allerdings lassen sich ein Helmut R. und seine Investor:innen nicht durch rigide Ämter ihren Plan durchkreuzen:
Sie legten Beschwerde ein. Dann entschied die nächsthöhere Instanz und winkte den Bauantrag durch:
Im August [2009] wurde dann die Genehmigung erteilt. Und, das war das Schlimmste – [durch] die Gerissenheit von Herrn R., oder in Anführungsstrichen die ‚Erfahrung‘ – ‚mit sofortigem Vollzug‘.
– Gabriele Wolf im Interview
Durch diesen sofortigen Vollzug, wie es Gabriele Wolf nannte, konnte der Umbau und die Erweiterung sofort losgehen, ohne, dass der Betrieb vollständig dafür ausgerichtet sein musste – eine sogenannte Teilinbetriebnahme.
Wie ein neues Mehrfamilienhaus, das nur zur Hälfte umgebaut wurde, aber in dem in der anderen Hälfte schon Mieter einziehen können. So lässt sich schon früher Geld verdienen, ohne lange warten zu müssen. Praktisch.
Wenn die Anlage erst mal da ist, gewöhnen sich die Leute schon dran.
wie R. schon in einem Interview mit dem Abendblatt sagte.
Was jetzt folgt, ist ein kräftezehrendes Hin und Her durch Verwaltungsgerichte – das sind die Instanzen, die sich vor allem darum kümmern, dass Gesetze und Vorschriften auch in Ämtern eingehalten werden.
Das Landesverwaltungsamt hat Anfang 2009 die Genehmigung zur Schweinemastanlage in Gerbisbach erteilt – vermutlich ohne große Kenntnisse eines mehrere Jahre andauernden Prozesses und voll im Sinne der Betreiber.
Dagegen wiederum klagte die Stadt Jessen. Die Straßen wären nicht ausreichend ausgebaut für den aufkommenden Verkehr.
Daraufhin entschied nächste Instanz – dieses Mal das Oberverwaltungsgericht in Halle – Ende 2009 gegen die Genehmigung.
Und wieder klagte der Betreiber – und übrigens auch das Landesverwaltungsamt – vielleicht waren sie beleidigt, dass sie jetzt selbst übergangen wurden? – who knows?
Endlich wurde dann 2013 die Baugenehmigung vom Landesverwaltungsamt in Halle (an der Saale) erteilt:
„Die Stadt Jessen/Elster hatte im Genehmigungsverfahren ihr gemeindliches Einvernehmen für die gegenüber der erteilten immissionsschutzrechtlichen Genehmigung veränderte Ausführung der Schweinemastanlage mit Futterhaus versagt. Nach intensiver Prüfung und Abwägung aller Fakten hat das Landesverwaltungsamt als zuständige Behörde das gemeindliche Einvernehmen mit der Genehmigung ersetzt, weil es rechtswidrig versagt wurde.“[xxxiv]
Eine höhere Instanz, hundert Kilometer weit entfernt und mit – sagen wir, eher theoretischen Kenntnissen über die Region –, hat entschieden, dass es falsch war, dem Unternehmen die Genehmigung zu versagen, und nennt das Verhalten der Ortsgemeinde – also der Menschen, die am Ende von so einem Bau betroffen sind – „rechtswidrig“.
Tja…
Die ersten Abrissarbeiten wurden schon 2006 begonnen[xxxv]. Als dann mit dem Umbau in Gerbisbach begonnen wurde, blieb kein Stein mehr auf dem anderen: Alle alten Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht und über 20 riesige, fensterlose Gebäude mit Blechdach hingepflanzt.
Jetzt konnte der Betrieb also richtig losgehen…
Wie der MZ von mehreren Seiten bestätigt wurde, sollen in der neuen Mastanlage, deren Bau noch nicht abgeschlossen ist, etwa 1 900 Ferkel eingestallt worden sein.
Die niederländischen Betreiber und ihr Projektmanager lehnten trotz wiederholter Nachfragen der MZ jede Auskunft zum Stand der Bauarbeiten und zu einem möglichen Eröffnungstermin ab. Es hieß lediglich, dass noch Forderungen von Behörden zu erfüllen seien. Darum sei es noch nicht an der Zeit, sich dazu zu äußern, erklärte R..
„Aus dem Landesverwaltungsamt in Halle, der Genehmigungsbehörde der Anlage, hieß es lediglich: ‚Die Schweinemastanlage in Gerbisbach darf entsprechend unserer Genehmigung Mastschweine und Ferkel halten. Eine Teilinbetriebnahme wurde uns angezeigt. Die Kontrolle der Umsetzung von entsprechenden Auflagen erfolgt durch den dafür zuständigen Landkreis.‘ Der sieht Klärungsbedarf, der Initiativkreis auch.“
R. bestätigte zudem, dass Schweine aus Gerbisbach bereits zur Schlachtung gebracht wurden. Zahlen nannte er nicht.
Ganz genau wird es wohl nie klar werden, wie viele Tiere schon 2014 bei der sogenannten „Teilinbetriebnahme“ in den Ställen waren: Der Landkreis sieht Klärungsbedarf, das Verwaltungsamt – 100 Kilometer entfernt – meint aber, dass alles tippi toppi ist.
Wieder werden also die Bedenken vor Ort ignoriert, damit der Wirtschaftsbetrieb in Gerbisbach weiterlaufen kann.
Gabriele Wolf im Sinne von Martin Luther:
Ich habe das viele, viele Jahre erlebt. Dieses ‚nicht dem Volke aufs Maul schauen‘, um mit Luther zu sprechen, das tut so weh. Bei allen Sachen: mit den Unterschriften von der Frau Wernicke.
– Gabriele Wolf im Interview
Mit „Ihr müsst dem Volk aufs Maul schauen“[xxxviii] meinte er: ihr müsst den Leuten zuhören, wie sie bei euch sprechen. Einen Satz, den Gabriele Wolf nicht nur einmal erwähnt.
Das ist das Enttäuschende. Und Menschen, die jetzt vielleicht nicht richtig unterscheiden und nur diesen Frust und die Enttäuschung so in sich graben.
– Gabriele Wolf im Interview
Also ich meine, ich habe jetzt so viele Beispiele genannt, wo man hätte spüren müssen, sollen als Betroffener, dass man ernst genommen wird und dass man das da was getan wird, was erfolgversprechend ist.
– Gabriele Wolf im Interview
Solche Sachen, die waren schon oftmals auch sehr deprimierend und enttäuschend. Wir hatten auch alle Politiker aller Couleur, waren hier. Die haben sich das angesehen, haben sich führen lassen, waren an der Anlage. Alle haben mit dem Kopf geschüttelt und haben [gesagt]: ‚ja, wir werden es ansprechen.‘ Nichts.
– Gabriele Wolf im Interview
3.2 Bilder aus der Hölle
Fassen wir nochmal kurz zusammen:
Helmut R. und seine Clique haben in Ostdeutschland eine Menge umgesetzt: Ehemalige DDR-Schweinemastbetriebe wurden so zu riesigen Produktionsanlagen für Schweine.
Aber an einigen Orten gab es Beschwerden und Klagen der Anwohnenden, die Helmut R. und Co. einen Durchmarsch erschwerten.
So wird seit der ersten Planung die Schweinemast im Örtchen Gerbisbach angefochten. Gabriele Wolf ist an vorderster Front.
Gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kämpfen Wolf und Co. seit 2004 gegen die Anlage von Helmut R. und den niederländischen Investor:innen, der Familie van Gennip.
Die Genehmigung für den Bau der Schweinemast wird zuerst vom örtlichen Amt versagt und dann von der nächsthöheren Behörde genehmigt.
Dagegen klagt der BUND durch alle Instanzen: Schon 2019 hat das Verwaltungsgericht entschieden, dass diese Ställe nicht genehmigt werden durften.
Trotzdem wurden weiter Schweine hier gehalten.
Letztlich hat sogar das Bundesverwaltungsgericht 2025 festgehalten: Diese Anlage hätte nie genehmigt werden dürfen.
Tja. Trotzdem werden Schweine bis heute hier gehalten.
Gabriele Wolf ist inzwischen auch Mitglied des Stadtrats und hat immer wieder nachgefragt, Druck ausgeübt. Aber so richtig zuständig fühlt sich wohl niemand.
„Wir sehen wenig Chancen als Stadtrat Einfluss zu nehmen.“, sagt Dirk Nowak, von der CDU.[xxxix]
„Ich würde mir wünschen, dass wir den Druck erhöhen.“, sagt Sindy Stolze von der FDP.
„Es gibt dieses Urteil. Aber wir als Stadt sind nicht diejenigen, die es umsetzen müssen.“, sagt Dirk Zarrad von den Linken.
Noch während sich der Stadtrat um die beliebte „Zuständigkeitsfrage“ drückt, gibt es ein Update:
Eine Tierrechtsorganisation hat Bildmaterial zugespielt bekommen, in dem deutlich zu erkennen ist, dass die Tiere leiden: Das Wasser ist in mehreren Nächten abgestellt. Das ist ziemlich eindeutig tierschutzwidrig[xl].
Doch statt den grausamen Zuständen in dieser Anlage endlich ein für alle mal einen Riegel vorzuschieben, entgegnet der Pressesprecher des zuständigen Landkreises Wittenberg:
„Die Behörde kontrolliert nicht in der Nacht. Deshalb liegen hier keine Informationen vor, ob das Tränkwasser in den benannten Nächten abgestellt war.”[xli]
Außerdem bestehen die Bildaufnahmen…
“sehr wahrscheinlich auf Erkenntnissen aus unbefugten Betretungen der Stallanlagen”[xlii]
Alles, um den Schwarzen Peter den Tierschützenden zuzuschieben, statt sich selbst an der Nase zu fassen. Und das scheint zumindest hier in Gerbisbach mindestens seit 2019 so zu sein.
Aber Behörden kontrollieren nicht nur nachts nicht, sondern auch immer wieder nur sporadisch, mit Vorankündigung und sehr oberflächlich. Das ist ja auch logisch, denn niemand will sich wegen zweifelhafter, oft tierquälerischer, aber irgendwie doch legaler Bedingungen einen Haufen Papierarbeit machen.
Aufnahmen von verschiedenen Organisationen zeigen die Amtstierärzte auch immer wieder bei diesen Kontrollen: Mal trinken sie Kaffee, schauen nur von der Tür in einen großen Stall oder laufen sogar an Kadavern vorbei.
Sie sind auch Teil des Systems, das Tiere ausbeutet. Auch, wenn sie das selbst verständlicherweise nicht so sehen.
In der nächsten Episode werden wir uns ein wenig in die Geschichte der DDR-Landwirtschaft reinfuchsen und dabei ein paar bekannte Namen wiederentdecken. Außerdem gehen wir dann intensiver auf die Schweinemastanlage in Gerbisbach ein – die, die es eigentlich nicht geben sollte.
eindringliche
Geschichten
Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.
Das war „dreckige Pfoten“ mit der ERSTEN von zwei Folgen über „Lobby Schweinerei“.
„dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von Dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.
Und eine Bitte: Wenn ihr von dieser Story nur 10 % interessant fandet, sagt es weiter, schreibt einen Kommentar und bewertet den Podcast! Das hilft eine Menge!
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Intro-Musik von: Manuel Rathje
Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI € erstellt.
Weitere Infos
Es gibt eine eigene Seite mit einem Timeline-Überblick für Gerbisbach und Helmut R.
Quellen
[i] „Aqua Orbis in Jessen: Störfarm meldet erneut Insolvenz an“, 08.09.2014 in der MZ
https://www.mz.de/lokal/jessen/aqua-orbis-in-jessen-storfarm-meldet-erneut-insolvenz-an-2121611 Archiv: https://archive.is/xi0BG
[ii] Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen, 20.06.2018
https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142
Archiv: https://archive.is/ldXxj
[iii] Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen, 20.06.2018
https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142
Archiv: https://archive.is/ldXxj
[iv] „Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe“, 05.02.2006 bei Spiegel:
https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO
[v] ebenda
[vi] „Schweinezucht in der Ex-DDR – es riecht nach Korruption”, 31.08.2008 im Hamburger Abendblatt:
https://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107389298/Schweinezucht-in-der-Ex-DDR-es-riecht-nach-Korruption.html Archiv: https://archive.is/FpW1S
[vii] „Schweinezucht in der Ex-DDR – es riecht nach Korruption”, 31.08.2008 im Hamburger Abendblatt:
https://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107389298/Schweinezucht-in-der-Ex-DDR-es-riecht-nach-Korruption.html Archiv: https://archive.is/FpW1S
[viii] ebenda
[ix] ebenda
[x] Mitteldeutsche Zeitung: “Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen”, 20.06.2018
https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142 Archiv: https://archive.is/ldXxj
[xi] Mitteldeutsche Zeitung: “Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen”, 20.06.2018
https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142 Archiv: https://archive.is/ldXxj
Übrigens schreibt der Journalist auch für den „deutschen Landwirtschaftsverlag“, dem Sprachrohr der Tier-Industrie.
[xii] ebenda
[xiii] ebenda
[xiv] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)
https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM
[xv] Berliner Zeitung: “Der Preis für billiges Fleisch im Supermarkt sind Turbomast und Massentierhaltung mit mindestens 40000 Hühnern”, 22.01.2011
[xvi] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)
https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM
[xvii] ebenda
[xviii] Siehe „Foreign investments successful in Eastern Germany“, 01.05.2017 von Pig Progress: https://www.pigprogress.net/home/foreign-investments-successful-in-eastern-germany/ Archiv: https://web.archive.org/web/20250424192332/https://www.pigprogress.net/home/foreign-investments-successful-in-eastern-germany/
[xix] „Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe”, 05.02.2006 im SPIEGEL
https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO
[xx] „NL: 19 % der Schweinehalter wollen Ausstiegsförderung nutzen“, 09.01.2025 in topagrar:
[xxi] Die „Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Deutschland“ berichtet:
https://www.schweine.net/news/viehzaehlung-in-den-niederlanden-51-weniger-schwei.html
[xxii] „Schweinereien im Osten“, 25.04.2008 in Der Freitag:
https://www.freitag.de/autoren/jeroen-kuiper/schweinereien-im-osten
[xxiii] Siehe: “Massives Tierleid in Schweinezucht Sandbeiendorf” von Animal Rights Watch: https://www.ariwa.org/tierleid-in-sandbeiendorf/
[xxiv] „Tierschützer schlagen Alarm“ bei ARD Brisant, 17.12.2013:
https://www.youtube.com/watch?v=eJdRaQtXPQ0
[xxv] „Tierquälerei in ostdeutschen Schweinebetrieben”, 10.12.2013 von Deutschlandfunk:
https://www.deutschlandfunk.de/fleischindustrie-tierquaelerei-in-ostdeutschen-10.html
[xxvi] „Haßleben: Aus für Schweinemastanlage mit 37.000 Plätzen“, 10.07.2020 in agrarheute:
https://www.agrarheute.com/tier/schwein/hassleben-fuer-schweinemastanlage-37000-plaetzen-570665
[xxvii] „The manipulation of the American mind: Edward Bernays and the birth of public relations“ in „The Conversation“ von Richard Gunderman
https://theconversation.com/the-manipulation-of-the-american-mind-edward-bernays-and-the-birth-of-public-relations-44393
[xxviii] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)
https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM
[xxix] „Über die Gigantomanie in Sachen Schnitzelproduktion“, 18.01.2012 in der TAZ:
https://taz.de/Ueber-die-Gigantomanie-in-Sachen-Schnitzelproduktion-NORMALZEIT/!624915/
[xxx] “Regionalkrimis (11): Achsen* des Bösen”, 13.08.2010 in der TAZ:
https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/08/13/regionalkrimis_11_achsen_des_boesen/
[xxxi] “Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe”, 05.02.2006 im Spiegel
https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO
[xxxii] Pressemitteilung der Bürger-Initiative „Kontra Industrieschwein“ am 09.07.2020.
[xxxiii] Siehe [2]: „Schweinezucht in der Ex-DDR“
[xxxiv] Pressemitteilung der Behörde in Halle: “Baugenehmigung für Schweinemastanlage Gerbisbach erteilt”, 22.07.2013:
https://presse.sachsen-anhalt.de/landesverwaltungsamt/2013/07/23/baugenehmigung-fuer-schweinemastanlage-gerbisbach-erteilt/ Archiv: https://archive.is/TKO2L
[xxxv] „Unterschriften kontra Schweinemast“, 05.02.2006 in der Mitteldeutschen Zeitung:
https://www.mz.de/lokal/jessen/unterschriften-kontra-schweinemast-2771499
[xxxvi] „Mastanlage: Erste Ferkel in Gerbisbach eingestallt“, 11.07.2014 in der Mitteldeutschen Zeitung:
https://www.mz.de/lokal/jessen/mastanlage-erste-ferkel-in-gerbisbach-eingestallt-2100645 Archiv: https://archive.is/rACcb
[xxxvii] „Hauptausschuss: Lokaltermin im Schweinestall Gerbisbach vorgeschlagen“, 03.10.2014 in der Mitteldeutschen Zeitung:
[xxxviii] „dem Volk aufs Maul schauen“ im Wiktionairy: „gewöhnlichen Menschen zuhören und daraus lernen, die eigenen Handlungen danach ausrichten“
https://de.wiktionary.org/wiki/dem_Volk_aufs_Maul_schauen
[xxxix] „Was kann die Stadt tun?“, 02.01.2026 in der Mitteldeutschen Zeitung.
https://www.mz.de/lokal/jessen/so-positioniert-sich-der-jessener-stadtrat-zur-schweinemastanlage-4174104
[xl] „Eine Sauerei“, 16.01.2026 in der TAZ: https://taz.de/Quaelerische-Tierhaltung/!6118526/
Und das Original-Material bei uncover: https://uncover-recherche.de/systematischer-gesetzesbruch-in-deutschen-schweinebetrieben/
[xli] Ebenda.
[xlii] Ebenda.
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