Zwei Freunde
Wir sind hier irgendwo in der Eifel. Grüne Felder. Jede Menge Hügel und Berge. Und eine ganze Herde Schafe.
So ganz easy auf der Weide grasen. Das klingt doch nach einem Life. Keine Sorge in der Welt – bisher.
Schafe sind so friedliebende Tiere. Sie können euer Gesicht erkennen und sind schnelle Lerner. Es gab schon Verhaltensexperimente, in denen sich Schafe über 22 Wochen etwas merken konnten[i]. – Das ist länger, als so mancher Macker sich ein „Nein“ merken können.
Zwei der Flauschis reiben ihre Köpfe liebevoll aneinander. Schafe sind sowieso dafür bekannt, dass sie untereinander Beziehungen bilden. Je nach Charakter und Persönlichkeiten, bilden sich dann Gruppen heraus[ii].
Vielleicht sind die Zwei im Grüppchen der Schüchternen und grasen lieber nebeneinander her, statt dem Rest der Herde zu folgen.
Aber leider wird es hier nicht friedlich bleiben.
Ein SUV mit Anhänger holpert über den Feldweg. Der Schäfer steigt aus und öffnet das Gatter.
Dann die Klappe des Anhängers.
Die zwei Freunde wissen nicht, was passiert. Sie bleiben zusammen.
Aber auch sie werden vom Schäfer über die Rampe in den Anhänger getrieben.
Die Tür wird verriegelt. Es ist dunkel.
Nach einer langen Fahrt rollt der Anhänger auf irgendeinem Hinterhof.
Sie sind jetzt in einem Industriegebiet in Hürth.
Der SUV bleibt stehen. Die Klappe des Anhängers öffnet sich.
Eines der selbstbewussteren Schafe läuft sofort los.
Aber ein Mann in Weiß packt sie und schleudert das Tier herum.
Dann kommen andere Männer in den Anhänger und schieben und zerren die Tiere raus. Manche werden am Schwanz oder an den Vorderbeinen rausgezerrt. Andere laufen hinterher – vollkommen verwirrt und voller Angst.
Wieder wird ein Schaf am Bein gepackt. Sie windet sich, aber der Mann ist zu stark. Andere aus der Herde kommen hinterher – vielleicht wollen sie helfen, oder sie nicht alleine lassen. Das windende Schaf stößt mit voller Wucht gegen die Laderampe – der Mensch hat gewonnen.
Jetzt laufen alle in einen Schuppen, in dem Stroh ausgelegt ist.
Die restlichen Schafe der Herde stehen dicht gedrängelt am Rand der Laderampe. Von hinten schiebt der Schäfer sie immer weiter.
Die Männer wollen schnell fertig werden. Sie pfeifen und rufen.
Vierundvierzig Tiere werden in den sogenannten Wartebereich oder Wartestall getrieben.
Auch die zwei Freunde sind jetzt hier. Sie haben vermutlich Angst und wissen nicht was vor sich geht.
Hier sollen die Tiere zur Ruhe kommen. Stress abbauen.
Denn „gestresstes Fleisch“ schmeckt nicht…
1. Der Schlachthof von nebenan
Wer in Deutschland Fleisch im Supermarkt kauft, kann sich eigentlich sicher sein, dass es in einem zugelassenen EU-Schlachthof produziert wurde. Bis Ende 2009 war das manchmal noch ohne Genehmigung möglich.
Als Land der Dokumentenberge und Fax-Verbindungen, gibt es eine Menge Dinge, die vor der Eröffnung eines Schlachthofs erledigt werden müssen – egal, wie groß oder klein dieses Horrorhaus nachher ist.
Einerseits muss der Ort entsprechend ausgebaut sein, um Tiere rechtskonform in den Tod zu schicken. Und andererseits müssen auch immer mal wieder Behörden ihren Gang durch die Räume machen.
Deshalb ist fast jeder Schlachthof rundum gefliest und hat eine Menge obskurer Gerätschaften: zum Beispiel einen Gitterboden mit Abfluss für das viele Blut. Eine sogenannte „Falle“, in der Tiere fixiert und „betäubt“ werden können. Aber auch Betäubungszangen mit Zacken und einem orangen Spiralkabel oder riesige Bandsägen, um die Körper zu zerteilen.
Und an der Decke gibt es fast immer eine Art Schienensystem, an dem die Tiere an Haken umhergeschoben werden können. Arbeitsschutz und so…
Bei verschiedenen Anbietern kann man sogar, Zitat: „optimale Lösungen für jede Schlachtkapazität“, oder sogar ein ganzes „Schlachthausmodul“ ordern.
Wie in einem Einkaufsladen für empathielose Businessmenschen, kann man bei manchen Herstellern von der „Großviehwinde“ über die „rituelle Schlachtbox mit Drehmechanismus“ bis zum sogenannten „Hohlstechmesser“ alles finden, was zum rechtskonformen Töten von Individuen so nötig ist.
Was Henry Ford für die Automobilindustrie übernommen hat, wurde zuerst in den Schlachthöfen von Chicago erfunden: Ausgeklügelte Arbeitsteilung half dabei, dass die Tiere lebend angekarrt wurden und in Einzelteilen, fertig verpackt, wieder in die Supermärkte verschifft werden konnten.
– Rechercheheini im InterviewAber was überall gleich ist, ist, dass sie eben gekachelt sind, dass da eben nachts teilweise Pfützen sind, dass es so metallisch riecht. Schlachthöfe haben so einen ganz eigenen Geruch.
Im Außenbereich sind dann gegebenenfalls irgendwie Kadaver Tonnen bzw. einfach Mülleimer wo kein aber drin sind oder eben so ganz große, je nach je nach Größe vom Schlachthof ganz große Abfallbehältnisse. Aber im Grunde ist es dieses dieses man ist in einem Raum der nasskalt ist, gekachelt ist, wo irgendwelche Ketten und Schienen rum hängen, Ketten rum, den Schienen entlang sind so komische Fleischhaken. Die Türen sind auch alle. Eben dieses Edelstahl weiß muss.
Es ist alles auf Hygiene quasi ausgelegt und dann ist entsprechend letztlich das schon alles ähnlich oder vergleichbar. Und auch immer die gekühlt führen dann mit so einem Kippriegel und so. Das ist schon alles sehr miteinander vergleichbar. […] Auch wenn die quasi jeder zu Hause sein Wohnzimmer anders einrichten würde, würde doch trotzdem jeder irgendwie erkennen was ist ein Wohnzimmer.
Und ein Schlachthof ist halt auch irgendwie zwar im Aufbau, dann unterschiedlich, aber es ist halt schon immer irgendwie erkennbar.
Wer nicht viel Platz in seiner Kaschemme hat, darf sich sicher sein, dass die schlauen Profis der Branche auch dafür eine Lösung haben: So hilft beispielsweise die EG‑Verordnung 853/2004 mit dem „Flexibility-Prinzip“, dass selbst in der kleinsten Bude geschlachtet werden kann. Wer wenig Platz hat, darf in einem einzigen Raum einem Tier das Leben nehmen, es ausweiden und letztlich in Portionen zerstückeln. Es muss nur zwischendrin mal sauber gemacht werden – aber wer guckt da schon so genau…
Was für zuvorkommende Gesetzgebende wir doch manchmal haben…
So kann man auf jeden Fall sein eigenes Schlachthaus der Träume recht komfortabel einrichten. Ein paar passende Feuchtraumleuchten, genügend Wasseranschlüsse und ein paar Gummistiefel – dann kann’s schon fast losgehen.
Einen formlosen Antrag beim zuständigen Veterinäramt einreichen. Dann ein paar Details zum neuen Schlachthof notieren und einen Grundriss zeichnen. Und damit keine bösen Jungs einen solchen Schlachthof aufbauen, kann auch ein Führungszeugnis verlangt werden. Am besten der Kollege mit der weißen Weste übernimmt die ganze Beantragung.
Dann muss noch ein „Hygienekonzept zur Selbstkontrolle“ festgehalten werden – gibt’s sicher schon Vorlagen im Internet.
Das, was jetzt noch fehlt, trägt einen Titel, den ich irgendwie nicht einfach aussprechen kann. Weil er so vollkommen absurd und falsch klingt: „Sachkundenachweis nach Tierschutz-Schlachtverordnung“.
Wieder so ein Wortmix, bei dem sich die Erfinder:innen nicht sicher waren, ob sie sich selbst verarschen wollen oder nur die Tiere.
Anyways: Dieses Unwort-Dokument bekommen zwar auch gelernte Fleischer:innen, aber auch Menschen, die einen dreitägigen Lehrgang mit Theorie- und Praxisteil absolviert haben. Drei Tage. Und dann: tote Tiere.
Bei Geflügeltieren übrigens nur ein Tag.
Passenderweise hier eine Erinnerung an die Folge 9: „Allein im Schlachthof“.
Andere Beiträge:
2. Betäubungsloses Schlachten
Was bei solchen dreitägigen Lehrgängen auf jeden Fall Thema ist: Schlachten ohne Betäubung ist verboten. Das habe ich in der ersten Folge dieses Podcasts schon erzählt.
Und trotzdem ist es hier passiert…
In den meisten EU-Ländern gibt es Verbote für die Schlachtung von Tieren ohne Betäubung. Dass diese Betäubung unter Umständen tierschutzwidrig ist, weil sie erhebliches Leid verursacht – ja, ich schaue auf Dich, Du grausame scheiß CO2-Betäubung! – das spielt erstmal keine Rolle. Leider.
In Deutschland muss in jedem Schlachthof betäubt werden. Egal, für wen da getötet wird.
Verschiedene Organisationen von Juden und Muslimen behaupten zwar, dass durch eine scharfe Durchtrennung der Blutbahnen das Tier praktisch sofort bewusstlos werde und schmerzfrei sterbe. Aber aktuelle Forschung widerspricht hier vehement. Und selbst der Europäische Gerichtshof hat bekräftigt, dass ein Verbot der betäubungslosen Schlachtung auf Landesebene die Religionsfreiheit nicht einschränkt.
Auch das Bundesverfassungsgericht hat für eine verhältnismäßige Abwägung zwischen Religionsfreiheit und Tierschutz plädiert. Da die Gesetzgebenden damals zumindest den Anschein erwecken wollten, dass sie aus der Nazi-Zeit was gelernt haben, hat die Religionsfreiheit nämlich einen hohen Stellenwert – aber der Tierschutz ist eben auch ein ausdrückliches Staatsziel im Grundgesetz.
Diese Abwägung der beiden Grundrechte bedeutet: Wer abgemetzelte Tiere essen muss, weil es die eigene Religion vorschreibt, der kann eine Sondererlaubnis beantragen – oder eben heimlich ohne Betäubung schlachten.
Und sagen wir so viel: Der Schlachthof, um den es jetzt geht – der hatte so eine Sondererlaubnis nicht…
Das ganze Skript?
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Das war „dreckige Pfoten“ mit „Zwei Freunde“.
Vielen Dank an rechercheheini für das Interview und die vielen Insights!
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Intro-Musik von: Manuel Rathje
Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de
Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI € erstellt.
Quellen & Hintergründe
[i] Hunter, D. S., Hazel, S. J., Kind, K. L., Liu, H., Marini, D., Owens, J. A., Pitcher, J. B., & Gatford, K. L. (2015): „Do I turn left or right? Effects of sex, age, experience and exit route on maze test performance in sheep.“ Physiology and Behavior, 139, 244-253
[ii] „Crafty sheep conquer cattle grids“ bei BBC News am 30.07.2004 (abgerufen am 05.05.2026)
http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/3938591.stm
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Die Aufdeckung bei ANINOVA:
https://aninova.org/news/schlachthof-huerth-ermittlungen-fast-abgeschlossen/
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Prozess um Tierquälerei in Hürther Schlachthof ausgesetzt (WDR) am 24.10.2025:
https://www1.wdr.de/nrw/rheinland/koeln-huerth-tiere-schlachten-quaelerei100.html
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Prozess um Tierquälerei auf Hürther Schlachthof startet neu (Köllnischer Anzeiger) am 31.03.2026:
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Lokalzeit aus Köln: Schafskadaver gefunden am am 06.01.2025:
https://www.ardmediathek.de/video/lokalzeit-aus-koeln/lokalzeit-aus-koeln-oder-06-01-2025/wdr-koeln/
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