Teenage Mutant Ninja Turtles gegen die Rinderlobby
Eine falsche Zahl, ein Kinderbuch und eine Branche, die die Klimawissenschaft anzweifelte, während sie selbst Bescheid wusste.
Das Kinderbuch, das nicht nachgedruckt wurde
1991 erscheint bei Random House das Kinderbuch „Teenage Mutant Ninja Turtles: ABC’s for a Better Planet“: Donatello und Co. haben darin Beispiele gezeigt, wie man die Umwelt- und den Planeten schützen kann. Echte Helden!
Unter M wie „Meat“ (Fleisch) steht, dass Rinder hohe Mengen Methan ausstoßen. Das ist ein Gas, das den Treibhauseffekt verstärkt.
Deshalb der Tipp an die Kinder: gar nicht erst so viel Fleisch essen!
Die National Cattlemen’s Association (NCA), der Lobbyverband der US-Rinderhalter, erfährt davon. Berichten von damals zufolge setzt sie den Verlag unter Druck. Das Buch wird nicht mehr nachgedruckt.
Wer hinter der NCA steht
Die NCA nennt sich selbst den größten Verband der US-Rinderhalter. Nach Recherchen von DeSmog ist aber weniger als jeder 25. Rinderhalter Mitglied in der Lobbygruppe. Stattdessen sitzen die großen Fleischkonzerne (JBS, Tyson, Cargill und Co.) im Verband. Rund 70 % des Geldes stammen laut DeSmog aus dem „Beef Checkoff“, einer staatlich organisierten Abgabe auf jedes verkaufte Rind.
1996 benennt sich die NCA in National Cattlemen’s Beef Association (NCBA) um.
Sie wussten es
Spätestens 1989 weiß die NCA laut Sentient Media, dass die Rinderindustrie zu den größten Methanquellen zählt. Sie kennt auch Wege, die Emissionen zu senken. Stattdessen startet sie eine Kampagne, die die Wissenschaft in Zweifel zieht.
Belegt hat das jetzt eine Studie der University of Miami, erschienen im Oktober 2026 in PLOS Climate. Die Forscherinnen Jennifer Jacquet und Loredana Loy werteten NCA-Dokumente von 1986 bis 1996 aus.
Ihr Befund: Die verbandseigene Kommunikation bestritt oder bezweifelte die Erderwärmung und den Anteil der Rinderhaltung daran.
Die Zahl
Die Landwirtschaft ist laut US-Umweltbehörde EPA die größte Methanquelle der USA. Rund ein Viertel des US-Methans entsteht bei der Verdauung von Nutztieren, den Großteil davon verursachen Rinder.
Die NCA behauptet dagegen: US-Mastrinder verursachten weniger als 0,5 % des weltweiten Methans. Die Zahl stammt von F. M. Byers, Tierwissenschaftler an der Texas A&M University, 1990 von der NCA beauftragt. Er ist kein Klimawissenschaftler.
Seine Berichte haben nach Angaben der Studienautorinnen keinen Methodenteil und sind nicht reproduzierbar. Jacquet kann die 0,5 % nach eigener Aussage nicht nachrechnen und hält sie für falsch.
Von der Zahl in die Zeitung
1990 greift die New York Times die Zahl auf, in dem Artikel „Cows in Trouble“. Ein EPA-Vertreter nennt sie darin eher niedrig. Im selben Jahr schreibt Byers in USA Today: „Eating meat won’t harm the environment“.
1991 lässt die NCA auswerten, wie die Presse über Methan berichtet. Von 196 Artikeln nennen 25 die 0,5-%-Zahl der Industrie. Die Auswertung rät, mehr positive Botschaften in der Presse zu platzieren.
1994 berichtet die Chicago Tribune über EPA-Geld für Forschung zu Methan aus der Rinderhaltung. NCA-Mitarbeiter Greg Ruehle antwortet mit einem Leserbrief: Rinder seien eine unbedeutende Methanquelle. Außerdem gebe es zunehmend Hinweise, dass die Erderwärmung gar nicht stattfinde.
Dazu kommen ganzseitige Anzeigen in der New York Times und in USA Today. Die NCA zahlt dafür laut Studie 100.000 US-Dollar aus Checkoff-Mitteln. Der Slogan zum Earth Day lautet: „Every Day Is Earth Day For American Cattlemen“.
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Und in Deutschland?
Zwar wirkt der Deutsche Bauernverband als Dachverband der 18 Landesbauernverbände als Vertreter der Interessen von Landwirt:innen. Aber er arbeitet mit ähnlichen Maschen wie die NCA.
Werbekampagnen werden zwar über Sub-Gruppen, wie „Forum Moderne Landwirtschaft“ gefahren (Vorsitz ist auch der Vorsitzende des Bauernverbands), die Nähe zur Politik ist allerdings eklatant. Eine Studie des Bremer Instituts Arbeit und Wirtschaft zählte 2019 über 560 Verbindungen in ein Agrar-Netzwerk. Über die Hälfte der Unions-Abgeordneten im Agrarausschuss hatte danach Posten im Bauernverband. Die Studie spricht von Hinweisen auf interessengeleitete Einflussnahme. Die Union wies den Vorwurf zurück, die Studie wurde auch kritisiert.
Wie das heute aussieht: Der Bayerische Bauernverband sprach sich im Januar 2026 gegen ein sofortiges Anbindeverbot aus.
Quellen
- Jacquet, Loy: Global warming and the National Cattlemen’s Association 1986–1996, PLOS Climate, 2026
- Sentient Media, 13.10.2026
- DeSmog, 18.04.2023
- Missouri Independent, 06.06.2024
- EPA: Methane Emissions
- New York Times, 06.05.1990
- Chicago Tribune, 03.07.1994
- Analyse Jacquet, Loy zu 2006
- bpb-Politiklexikon: Deutscher Bauernverband
- t-online zur Bremer Studie, 2019
- top agrar zum Anbindeverbot
