Hühner in der Massentierhaltung haben kaum Platz und leiden unter akutem Stress in riesigen Ställen

falsche Vergleiche

„Holocaust“-Vergleich und warum das nicht funktioniert

So erschreckend die Realität der Massentierhaltung auch ist – manche Vergleiche haben problematische Wurzeln und sollten wir vermeiden.

Junge Ferkel in der Massentierhaltung sind nur Opfer eines industrialisierten Prozesses
Junge Ferkel in der Massentierhaltung sind nur Opfer eines industrialisierten Prozesses

Eine kurze Geschichte des Missbrauchs

PETA führte zwischen 2005 und 2009 die Kampagne „Holocaust auf deinem Teller“ durch. Das Bundesverfassungsgericht untersagte sie, weil die Kampagne „das Schicksal der Holocaust-Opfer trivialisiert und banalisiert.“ Die taz hat das Urteil und die Reaktionen damals gut aufgearbeitet.

Seitdem hat sich wenig geändert. Auf Instagram kursieren weiterhin entsprechende Bilder, Gruppen wie 269life arbeiten mit Holocaust- und Sklaverei-Symbolik, auch die „militante Veganerin“ versucht diesen Vergleich immer wieder zu legitimieren.

Selbst die Stiftung für Tierschutz hat sich klar von solchen Vergleichen distanziert – ein deutliches Signal, das aus der eigenen Szene kommt.

dreckige pfoten

Warum der Begriff „Holocaust“ fehl am Platz ist

Ob verirrte Abtreibungsgegner:innen oder Rechtsextreme: Die Grausamkeit des eigenen Themenschwerpunktes wird von manchen Akteur:innen gerne mit dem Superlativ schlechthin bezeichnet oder verglichen: Ob „Bombenholocaust“ oder „Hühner-KZ“ – es gibt vermutlich nichts, was nicht mal mit der größten, organisierten Massenvernichtung von Menschen in der jüngeren Geschichte verglichen wurde.

Ich verstehe den Drang, unmenschliche Taten mit starken Worten zu benennen. Aber genau hier liegt das Problem.

Menschen, die sich für Tiere einsetzen, wollen eine Welt aufbauen, die frei von Leid, Unterdrückung und Diskriminierung ist. Doch dieses gemeinsame Ziel lässt uns manchmal vergessen, dass es auch Wege gibt, die mehr schaden als nützen. Und das sage ich als jemand, der sich seit Jahren mit Massentierhaltung, Tierausbeutung und Aktivismus beschäftigt.

Einer dieser falschen Wege ist die Nutzung von Holocaust-Vergleichen: Ein Vergleich von Shoa und der industriellen Tierhaltung

Das Wort „Holocaust“ beschreibt heutzutage den von den Nationalsozialisten begangenen Völkermord, dem rund 11 Millionen Menschen – vorwiegend Jüdinnen und Juden oder Romani – zum Opfer fielen.

Es gibt Menschen, die diese Vergleiche deutlich ablehnen:

Tierquälerei sollte abgelehnt werden, kann und darf jedoch nicht mit dem Holocaust verglichen werden.

Abraham H. Foxman, Anti Defamation League

Gleichzeitig gibt es sogar Shoah-Überlebende, die ihn noch immer nutzen:

Mit Entsetzen stellte ich die frappierenden Ähnlichkeiten fest zwischen dem, was die Nazis meiner Familie und meinem Volk angetan haben, und dem, was wir den Tieren antun, die wir zur Ernährung züchten[…]

Alex Hershaft, Mitbegründer Farm Animal Rights Movement

Aber ein entscheidender Punkt ist: Axel Hershaft hat den Holocaust selbst überlebt und erzählt fast immer seine eigene Geschichte, wenn er seine eigene Analogie von Holocaust und Tierausbeutung nutzt.

Dass ihn jetzt wiederum Dutzende Tierrechtsaktivist:innen zitieren – weil er ja Jude, Shoa-Überlebender und Veganer ist –, dann ist das nicht mehr als Tokenism.

Ausstellung von "The Animal Holocaust" der Künstlerin Jo Friederiks

Sechs Gründe, warum dieser Vergleich nicht funktioniert:

  1. Er verharmlost die Schoa. Schlachtung ist kein Völkermord – der Begriff ist klar definiert als die gezielte Vernichtung einer Gruppe aufgrund ihrer Identität. Beides in einem Atemzug zu nennen, relativiert das eine.

  2. Er ist rhetorisch billig. Filmaufnahmen aus Schlachthöfen, der Tierhaltung selbst und Zeugenberichte aus der Massentierhaltung reichen aus, um Empathie auszulösen. Wir brauchen keine wackelige Symbolik oder Tokenism.

  3. Er zeigt fehlende Empathie gegenüber Überlebenden. Es gibt nur noch wenige Überlebende der Shoah und wir sollten deren Geschichten anhören, sie fragen und wenig Pietät zeigen.

  4. Er lässt sich nicht zurückfordern. Auch wenn das Wort historisch andere Bedeutungen hatte – es ist untrennbar mit dem industriellen Massenmord im Nationalsozialismus verbunden. So wenig wie man das Swastika / Hakenkreuz heute neu besetzen kann, funktioniert das mit dem Begriff „Holocaust“.

  5. Er schadet der Bewegung. Solche Vergleiche spielen denen in die Hände, die Tierrechtsaktivist:innen als fanatisch oder weltfremd darstellen wollen.

  6. Er liefert Rechtsextremen Argumente. Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs stärkt antihumane Narrative – zum Beispiel die Behauptung, die Shoa sei nicht schlimmer als die heutige Tierhaltung. Die Fachstelle Radikalisierungsprävention FARN hat diesen Zusammenhang gut dokumentiert.

dreckige pfoten

Warum der Vergleich inhaltlich auch nicht stimmt

Tiere werden auf erschreckende, industrialisierte Weise ausgebeutet – aus kapitalistischen Gründen. Der Holocaust verfolgte einen völlig anderen Zweck: Menschen wurden wegen ihrer Herkunft, Religion oder Abstammung ermordet. Profit war nicht der Antrieb – Vernichtung war es.

Diese Unterschiede wegzudiskutieren, um einen rhetorischen Punkt zu machen, ist historisch unredlich. Und wie The Abolitionist Approach es auf den Punkt bringt:

Was für einen Sinn macht es zu sagen, dass wir eine Gruppe instrumentell behandeln sollten, um einer anderen Gruppe zu helfen?
Puten leiden in der Tierhaltung massiv
Puten leiden in der Tierhaltung massiv
dreckige pfoten

Nicht das Ende der problematischen Vergleiche

Leider ist mit dem „Holocaust-Vergleich“ nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Immer wieder sehen sich aktivistisch agierende Menschen dazu gezwungen, fragwürdige, verletzende oder durch und durch verachtenswürdige Vergleiche zu machen.

Ein Instagram-User: "Voll richtig. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wieso man gleich ein schlechter Mensch ist, nur weil man ab und zu auf Epstein Island war. Ich meine, wenn man doch sonst so viel Gutes macht..."
Ein Instagram-User: „Voll richtig. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wieso man gleich ein schlechter Mensch ist, nur weil man ab und zu auf Epstein Island war. Ich meine, wenn man doch sonst so viel Gutes macht…“

Im Ursprungspost ging es darum, einen Tierschützer zu othern – also abseits der eigenen Gruppe zu verorten. Völlig legitim, sich abzugrenzen von Menschen, die einem nicht gefallen. I do it all the time.

Aber braucht es dazu den Vergleich dieser Person mit den Tätern (!) einer der größten Pädokriminellen-Verstrickungen?

Nennt mir gerne eine Studie, die sagt, dass diese Vergleiche Leute nicht abschrecken, sondern zum Umdenken ihrer Handlungen bringen – ich warte so lange!

Ein Versuch der Aufschlüsselung

Gehen wir kurz in die Begründung für solche Vergleiche rein:

Dieser Vergleich ist keine Gleichsetzung – es ist eine Analogie in der Art:

Nicht-Veganer:innen verhalten sich ähnlich moralisch korrupt, wie Pädokriminelle / Mörder […] die ab und zu was Gutes tun.

Es ist eine Veranschaulichung, eine Verbildlichung und mehr nicht. Das zumindest sagt die Logik dahinter.

Nirgendwo geht es in diesem Vergleich aber darum, dass Tieren ein Recht auf Unversehrtheit zugerechnet wird. Noch schlimmer: Dieser Vergleich nutzt Mensch-zu-Mensch-Analogien*, die lediglich die Abwertung von einem Individuum zum anderen hervorheben.

Die Opfer werden bei solchen Vergleichen vollkommen vernachlässigt: Weder die Opfer der Epstein-Täter stehen im Fokus, noch die Tiere, um die es angeblich eigentlich hier gehen soll.

Wir könnten jetzt noch auf die Fallstricke für antisemitische Verschwörungstheorien rund um die Epstein-Fälle sprechen, aber das würde nun endgültig den Rahmen sprengen.

Aber wer mit solchen Aussagen abserviert wird, hat wohl wenig Lust, sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Im allerbesten Fall hat die Person sich ertappt gefühlt und überdenkt gewisse Entscheidungen in Zukunft.

Aber macht es den Epstein-Vergleich „in Ordnung“?



* Ein bekannter Vegan-Influencer benützt dazu gerne das Wort „Humanbereich“, was an sich schon ein Othering ist.

Die Kastration von Ferkeln ist erst seit wenigen Jahren nur noch mit Betäubung erlaubt.
Die Kastration von Ferkeln ist erst seit wenigen Jahren nur noch mit Betäubung erlaubt.

Als Multiplikator:innen haben wir die Möglichkeit, das Narrativ zu wählen, das wir für angemessen halten. Wenn wir uns also entscheiden können, wie wir nach außen agieren und Menschen ansprechen, dann können wir auch sagen: „Diesen Scheiß-Vergleich nutze ich nicht!“

Und wer es dann trotzdem immer noch tut, der hat halt die Löffel am brennen.

Egal, welche vielleicht lobenswerte Motivation hinter solchen Ausbrüchen liegt: Wir brauchen keine solchen abscheulichen Vergleiche. Punkt.

dreckige pfoten

Die Wahrheit reicht aus

Wir haben genug Material, um zu zeigen, wie wir mit Tieren umgehen. Undercover-Aufnahmen aus allen Mast- und Zuchtbetrieben, sogar grausame Aufnahmen aus dem Schlachthof. Es gibt wissenschaftliche Gutachten und Studien – die Fakten sprechen für sich. Wer mehr Kontext zur Geschichte und Mechanik solcher Vergleiche sucht, findet bei.

Wir brauchen keine hinkenden Analogien, um unsere Arbeit zu legitimieren. Die Realität der Massentierhaltung ist brutal genug.

Und wer für Tierrechte kämpft, sollte das tun, ohne andere Gruppen zu instrumentalisieren – das gilt sprachlich genauso wie politisch.

Der Anspruch „Alles für die Tiere“ ist kein Aktivismus. Er ist ein Fehler.

dreckige pfoten

dreckige Pfoten öffnet Türen. Der Podcast lässt die Menschen zu Wort kommen, die Tierleid dokumentieren. Er erzählt die True-Crime-Fälle, über die niemand spricht – investigativ recherchiert, mit allen Quellen offengelegt.

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