dreckige Pfoten - Episode 02 - Blackbox Schlachthof: Tierschützer vor Gericht

blackbox schlachthof 02

Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

Nächtliche Aktion im Industriegebiet: Mit Klettergeschirr, Sauerstoffflasche und Minikameras steigen Tierschützer:innen in den Schacht der CO₂-Gondel, um festzuhalten, was Schweine in ihren letzten Minuten erleben.​

Wir hören, wie Betäubung mit Gas, Strom und Bolzenschuss tatsächlich funktioniert, warum Fehlbetäubungen millionenfach vorkommen – und wie die Aktion im „Tierwohl“-Schlachthof schließlich mit Blaulicht und Festnahme endet.

recap

In der ersten von drei Folgen haben wir uns hier bei „dreckige Pfoten“ den Schlachthofprozess unter die Lupe genommen: Zwei Tierschützer stehen vor Gericht, weil ein „Tierwohl“-Schlachthof die schrecklichen Bilder aus seinem Betrieb nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

Nach außen wird Transparenz verkauft, aber innen sieht alles etwas anders aus:  Die Recherche-Aktivisten Anna und Hendrik haben undercover, mit versteckten Kameras gezeigt, was normalerweise hinter Imagefilmen und Tierwohl-Slogans verschwindet.

Die grausamen Aufnahmen landeten in Fernsehbeiträgen und zeigten so die Realität für 80 % der deutschen Schlacht-Schweine.

Der Schlachthof fordert nun Unterlassung und Schadensersatz in ruinöser Höhe.

Am Ende bleibt die Frage: Wer wird hier eigentlich zur Rechenschaft gezogen – die, die Tiere quälen, oder die, die das sichtbar machen?

dreckige pfoten

1. Tierschützer:innen bereiten sich vor

Es ist eine sehr ruhige Montagnacht: Die Straßen in diesem Industriegebiet, irgendwo in Niedersachsen, sind menschenleer. Kein Auto ist unterwegs. Und die Rushhour ist noch einige Stunden entfernt.In einem kleinen Waldstück machen sich ein paar Tierrechtsaktivisti bereit für ihren Job. Für ihre Arbeit ist die Nacht besonders geeignet. Denn keiner von ihnen will Menschen oder Tiere in irgendeiner Weise gefährden.Eine wolkenlose Nacht im Frühjahr ist also perfekt!Heute Nacht wollen sie beweisen, dass Schweine bei der Betäubung mit Kohlendioxid (CO₂) unglaublichen Qualen ausgesetzt werden.
Um das zu machen, haben sie sich vorbereitet.
Auf dem Gelände ist relativ schnell ausgemacht, wo die Betäubung stattfindet: Eine unscheinbare Box aus Edelstahl verhüllt das eigentliche „Herzstück“: ein Gondel-System, das in die dunkle Tiefe führt[i].Mit professionellem Klettergeschirr und einer Sauerstoffflasche ausgerüstet, geht es hinab in das dunkle Loch der sogenannten „CO₂-Gondel“.Gondeln aus Metall werden wie mit einem Fahrstuhl in die Tiefe gelassen und kommen auf der anderen Seite wieder nach oben.Es sind nur wenige Sekunden in der Dunkelheit – aber da unten herrscht eine so hohe CO₂-Konzentration, dass nur wenige Sekunden reichen, um das Bewusstsein zu verlieren. Das gilt auch für Menschen.
Deshalb wäre ohne Sauerstoff hinabzusteigen fahrlässig.
Ganz langsam geht es für Anna hinab. Oben stehen andere Aktivisti für den Notfall bereit.Notfall bedeutet entweder „unerwünschter Besuch“ oder Probleme im mit CO₂ gefüllten Schacht.Doch alles klappt wie geplant: Die kleinen Kameras werden an den Metallstangen der Gondeln montiert.In ein paar Stunden werden sie schreckliche Bilder aufzeichnen. Der ganz normale Alltag in diesem und noch vielen weiteren Schlachthöfen.
Bis dahin sind die Aktivisti längst wieder verschwunden.

2. Geschichte des Schlachtens

2.1 „The Jungle“

Sie nutzen alles vom Schwein – außer das Schreien.

– Upton Sinclair: „Der Dschungel“[ii]

Mehr als nur „lebhaft“ könnte man das „Packingtown“ genannte Schlachthof-Viertel im Chicago des Jahres 1904 nennen: Überall wuseln Menschen, werden Karren umhergeschoben, Ladungen von Waggons geladen.

Lange bevor sich die Autoindustrie angesiedelt hatte, kamen Menschen aus der ganzen Welt hier an, um Fuß zu fassen und sich einen Teil des „amerikanischen Traums“ zu schnappen. Leider in den meisten Fällen mit wenig Erfolg.

Das Gelände der „Union Stock Yards“ spannte sich über mehrere Quadratkilometer. Hier wurden schon zwischen 1865 und 1900 rund 400 Millionen Tiere geschlachtet [iii].

Für ein paar Wochen tummelte sich auch der Schriftsteller Upton Sinclair hier herum, um für sein neuestes Buch zu recherchieren. Im „meatpacking district“ – dem „Fleischverarbeitungs-Bezirk“[iv] erlebte er einen extrem unhygienischen Verarbeitungsprozess von Fleisch. Dazu kamen grausame Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung der Ärmsten der Armen und gigantische Umweltschäden.

Manche Arbeiter:innen verloren Gliedmaßen in einer Suppe aus tierischen Eingeweiden und landeten damit auch in der Wurst auf dem Teller der Amerikaner:innen. Andere verletzten sich schwer und mussten trotzdem weiterarbeiten, da ihnen sonst kein Gehalt gezahlt wurde. Der Chicago River wurde wegen ständiger Verschmutzung mit verwesenden Resten aus der Fleischindustrie auch „Bubbly Creek“ – „blubbernder Bach“ – genannt⁣ [v].

Nachdem er all das erlebt hatte, tippte sich Upton Sinclair die Finger wund. Es entstand eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts: „The Jungle“ – „Der Dschungel“

Ein kleiner Einblick

Der litauische Einwanderer und Hauptcharakter, Jurgis Rudkus, erfährt in den „Union Stock Yards“ in Chicago einige der schlimmsten Effekte des aufstrebenden Kapitalismus:

Seine Arbeit im Schlachthof besteht darin, Gedärme der ausgeweideten Tiere zusammenzufegen. Andere Arbeiter:innen müssen gammelndes Fleisch in Konserven pressen.

In diesem bis zum Kleinsten heruntergebrochenen Arbeitsprozess gibt es auch noch die „Knocker“ – zu Deutsch etwa „Schläger“: Sie sind damit beauftragt, den Schweinen mit einem Vorschlaghammer den Schädel zu zertrümmern. Was nach blankem Horror klingt, war eine gängige Methode der „Betäubung“:

[…] und während sie brüllend und stürzend dastanden, lehnte sich einer der „Schläger“ mit einem Vorschlaghammer bewaffnet, über das Dach des Pferchs und wartete auf eine Gelegenheit, einen Schlag zu führen. Der Raum hallte wider von den schnell aufeinanderfolgenden Schlägen und dem Stampfen und Treten der Stiere. Kaum war das Tier gefallen, ging der „Klopfer“ zu einem anderen weiter, während ein zweiter Mann einen Hebel anhob, die Seite des Pferchs anhob und das Tier, das noch immer strampelte und zappelte, auf das „Tötungsbett“ gleiten ließ. Hier legte ein Mann Fesseln um ein Bein, drückte einen weiteren Hebel, und der Körper wurde mit einem Ruck in die Luft gehoben. Es gab fünfzehn oder zwanzig solcher Pferche, und es dauerte nur ein paar Minuten, um fünfzehn oder zwanzig Rinder zu klopfen und sie herauszurollen. Dann wurden die Tore erneut geöffnet, und eine weitere Partie stürmte herein; […]

– Upton Sinclair: „Der Dschungel“ [vi]

Das ganze Skript?

für supporter

Dieser Podcast verlangt eine Menge ab von allen Beteiligten. Dafür bietet er euch Content, den es sonst nirgendwo gibt. Deshalb gibt es das komplette Transkript nur für Supporter.

Das war die zweite von drei Folgen zum „Schlachthofprozess“.

Der Podcast „dreckige Pfoten“ soll ein bisschen Licht ins Dunkle bringen und Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar machen.

Deshalb meine Bitte: Wenn ihr von dieser Folge nur einen Bruchteil interessant fandet, sagt es weiter und bewertet den Podcast!

Auch Hendrik und Anna brauchen eure Unterschrift, euer Like auf Instagram und auch finanzielle Unterstützung. Schaut dazu einfach auf www.schlachthofprozess.org

Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

Rechtliche Beratung für den Podcast: Benjamin Lück

Die Intro-Musik ist von Manuel Rathje

Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

Da das Verfahren wegen den Aufnahmen aus der CO2-Betäubungsanlage noch immer läuft, wurden teilweise andere Aufnahmen von Organisationen wie Animal Rights Watch und SOKO-Tierschutz genutzt. Die Links dazu findet ihr auf der Website.

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Quellen

[i] Siehe hier Seiten 5+6: https://elib.tiho-hannover.de/servlets/MCRFileNodeServlet/etd_derivate_00002993/remiend_2001.pdf

[ii] https://www.goodreads.com/quotes/79118-they-use-everything-about-the-hog-except-the-squeal

[iii] Encyclopedia of Chicago: Dictionary of Leading Chicago Businesses (1820-2000) that was prepared by Mark R. Wilson, with additional contributions from Stephen R. Porter and Janice L. Reiff.  Online: https://web.archive.org/web/20090719222132/http://www.encyclopedia.chicagohistory.org/pages/2883.html

[iv] Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/Union_Stock_Yards

[v] Siehe hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Bubbly_Creek

[vi] https://etc.usf.edu/lit2go/77/the-jungle/1263/chapter-3/

[vii] Hugo Heiss hat eine entsprechende Schrift 1904 veröffentlicht: „Das Betäuben der Schlachttiere mittels blitzartig wirkender Betäubungsapparate“ https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Hugo_Hei%C3%9F

[viii] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/CO2-Narkose und https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Hill_Hickman

[ix] Siehe https://vgt.at/de/aktuelles/detailseite/7612/co2-betaeubung-bei-huehnern.html und https://www.researchgate.net/profile/Mohan-Raj-2

[x] Die Aufdeckung von Animal Rights Watch gibt es hier: https://www.ariwa.org/totschlagen-kleiner-ferkel-ist-standard/

[xi] https://www.topagrar.com/schwein/news/ein-schonendes-ende-nottoetung-unheilbar-kranker-schweine-mit-co2-oder-e-zange-9552240.html

[xii] https://www.agrarheute.com/tier/schwein/nottoetung-saugferkeln-sollten-wissen-529489

[xiii] Hier ein Artikel von Spiegel Online: https://www.spiegel.de/wirtschaft/toetung-von-ferkeln-mit-kohlendioxid-so-brutal-wie-legal-a-ab02233f-498a-4553-bbfa-25d5ee06e652 Archiv: https://archive.is/k6bCW

Und hier gibt es Einblicke in eine Recherche von ARIWA: https://www.ariwa.org/co2-toetung-ferkel/

[xiv] Studie des Friedrich-Löffler-Instituts und VION: https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/projektabschluss-projekt-tiger-untersuchte-tierschutzgerechtere-alternativen-zur-co2-betaeubung-von-schlachtschweinen/

[xv] Diese Geräte sind ein Industriestandard: https://www.hubert-haas.de/produkte/betaeubungsgeraete/

[xvi] Eine Studie dazu: https://www.researchgate.net/publication/263264458_Identifying_reasons_for_stun_failures_in_slaughterhouses_for_cattle_and_pigs_A_field_study
und noch eine: https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00018871

[xvii] Auch hier eine Studie dazu: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8151686/

[xviii] Siehe: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/deutschland-umstrittene-co2-methode-bei-schweineschlachtung-14169503.html und https://archive.is/0xID0

[xix] Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA (2020): Schweine bei der Schlachtung: Tierschutzmaßnahmen. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.efsa.europa.eu/de/news/pigs-slaughter-measures-address-welfare-concerns

Ebenso: Eurogroup For Animals (2020): EFSA (finally) affirms that CO2 stunning is incompatible with pig welfare at slaughter. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.eurogroupforanimals.org/news/efsa-finally-affirms-co2-stunning-incompatible-pig-welfare-slaughter

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