Lobby Schweinerei 02
Es gibt eine ausführliche Quellenliste mit einer Timeline der Ereignisse und Hintergründen zur Person.
Unterstützten
Wenn ihr das Verfahren gegen die Anlage, die niemals existieren dürfte, und Gabriele Wolf unterstützen möchtet, dann spendet gerne an:
Das könnt ihr natürlich auch online erledigen über die Webseite des BUND.
1. Rückblende – DDR & Wende
Um das alles besser verstehen zu können, muss ich eine kleine Zeitreise machen; so ein paar Hintergründe herausfinden, wieso alles so kam, und mir einen Überblick verschaffen.
1.1 Exkurs: LPG & Schweinekombinate
Obwohl in Deutschland die meisten Schweine noch immer in den sogenannten „alten Bundesländern“ gehalten werden, ist Ostdeutschland sehr nah dran: Sachsen-Anhalt ist mit etwas Abstand die Hochburg der Tierindustrie im Osten.
Vermutlich fallen den meisten Menschen in den schwach besiedelten Gebieten die riesigen Schweinestallungen oft gar nicht so doll auf.
Außerdem hat es historische Hintergründe: Was hier lange Zeit ein Exportmotor war für die ehemalige Deutsche Demokratische Republik (DDR), kam im Laufe der Wende und der vielen Veränderungen, wieder zu neuem Glanz.
Riesige Tierfabriken von damals wurden zu riesigen Tierfabriken von heute. Manchmal sogar unter der gleichen Feder geführt, wie im Pseudo-Sozialismus der DDR. Wo die großen Agrarbetriebe keinen Fuß fassen konnten, wurden nicht etwa Kleinbauern bevorzugt, sondern ausländische Investoren.
Nach der NS-Zeit wurde auf dem Gebiet der DDR der Boden neu aufgeteilt: Die Sowjets haben schon früh nach dem Krieg dem Landadel seinen Besitz abgenommen. Vor allem östlich der Elbe gab es große, landwirtschaftliche Flächen, die nur ein paar adligen Familien gehörten. Dieses „Junkerland“ – Junker nannte man die Großgrundbesitzer – sollte den Bäuerinnen und Bauern gehören.
Vielleicht habt ihr den DDR-Spruch „Junkerland in Bauernhand“ schon Mal gehört.
Also wurden landwirtschaftlich nutzbare Gebiete erstmal an Bauern und Bäuerinnen, Umsiedler:innen und Kleinbauern verteilt. Diese „Neubauern“ hatten die harte Aufgabe, ihr Land urbar zu machen, und versorgten sich damit teilweise selbst.
Als dann in der DDR die Produktion der Landwirtschaft vereinheitlicht wurde – also kollektiviert – gab es eine Menge Unmut: Viele Landwirt:innen wurden nicht nur zur Kollektivierung gezwungen, sie hatten auch Angst, dass sie ihre Lebensgrundlage verlieren würden. Menschen, die als Selbstversorger und Kleinbauern lebten, wurden mit einem Schlag Teil eines großen Netzes an sogenannten Agrargenossen.
Dazu kam, dass sie ihre Anteile an diesen neuen Genossenschaften kaufen mussten. Wer nur wenige oder keine Maschinen, kein Saatgut, keine Immobilien oder Ländereien hatte – also viele der Bäuerinnen und Bauern – stand in der Kreide bei seinem neuen Arbeitgeber.
Die ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, kurz LPG, wurden in den 1950ern gegründet, um das selbst gesetzte Ziel zu erreichen, die Landwirtschaft im kleinen sozialistischen Land zu zentralisieren und zu modernisieren. Bis 1990 gab es insgesamt knapp 4.500 solcher LPG mit verschiedenen Ausrichtungen.
Das sowjetische Vorbild der Kolchos oder Kolchosen galt also jetzt auch in der DDR. 1961 waren dann letztlich alle Betriebe zwangskollektiviert und knapp 20 % der DDR-Bürger mussten sich erneut umorientieren[i].
Aus dem an sich guten Gedanken von gemeinschaftlicher, kollektiver Zusammenarbeit, wurde ein Moloch für die diktierte Produktion von Gütern – und Tieren.
Kleinere Bauernhöfe wurden zusammengelegt und über die Jahre wurden einige Betriebe beinahe zwanghaft auf die Zucht oder Mast von Schweinen spezialisiert.
Gleichzeitig wurden größere Produktionsanlagen neu aus dem Boden gestampft: Die volkseigenen „Schweinekombinate“ wurden mit moderner Technik ausgestattet und teilautomatisiert.
In einem der ersten und größten Betriebe dieser Art, dem VEB – also „volkseigenen Betrieb“ – Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde.
Wo 1960 rund sechs Millionen Schweine in der DDR für ihr Fleisch gezüchtet wurden, waren es 1980 schon knapp zehn Millionen.[iii]
Die extrem schnelle Industrialisierung traf auf Umweltprobleme[iv]: Jährlich wurden rund eine Million Liter Gülle „produziert“. Und weder im Osten noch im Westen wusste man damals, wohin mit dieser ganzen Scheiße. – Naja, selbst heute weiß man es so richtig.
Die industrielle Schweineproduktion gilt laut Forschern als ein wichtiges Projekt in der Deutschen Demokratischen Republik:
[Die DDR] nahmen hohe Kredite auf, um ihre Wirtschaft und Infrastruktur aufzubauen, in der Überzeugung, dass dies Ostdeutschland zu einem weltweit bekannten Exportmotor machen würde. Und die Landwirtschaft, insbesondere die Schweinefleischproduktion, war ein wichtiger Teil dieses Plans.
– „Communist Pigs“[v], Thomas Fleischman.
Neben der Schweinezucht wurden auch andere Tiere zur Versorgung mit Eiern, Milch und Fleisch gehalten. Immerhin waren die Bürger:innen der DDR beim Fleischverzehr mindestens unter den weltweiten Top Ten.
Dafür mussten riesige Produktionsstätten her. Und einige davon stellen alles bisher Gesehene in Sachen Tierhaltung in den Schatten.
So stieg allein von 1950 bis 1960 die Anzahl der Legehennen in der DDR von 8,7 auf 28,1 Millionen Tiere an
Wo die vielen Tiere auf dem doch recht kleinen Land unterkamen? In Käfigbatterien[vii]! Eine recht moderne „Erfindung“, aber auf jeden Fall schrecklich für die Millionen Tiere – ob Ost oder West.
Nicht nur, als Äcker, Felder und Stallungen als »Volkseigentum« in die Produktionsabläufe der DDR eingegliedert wurden – sondern auch als diese riesigen Produktionsanlagen für Tiere gebaut wurden, gab es reihenweise Proteste[viii].
2.2 Korruption & Ausverkauf nach 1990
Als die Grenzen der DDR wieder geöffnet wurden, war der Fall der sozialistischen Republik eigentlich schon so gut wie festgeschrieben.
Für die Landwirtschaft bedeutete das schon wieder eine Veränderung: Ländereien der LPG sollten zunächst an die Bundesrepublik übergehen, um dann wieder an Bäuerinnen und Bauern verpachtet zu werden.
Wenn es auch früh schon Bestrebungen gab, Familienunternehmen für solche Pachtverträge zu bevorzugen – also das, was wir uns immer so schön vorstellen, wenn wir das Wort „Bauer“ hören – gab es letztlich eine Menge ehemaliger LPG-Betriebe, die unter neuer Firmierung weiterarbeiteten. Die Großbäuerinnen und -bauern haben also gewonnen, wenn man so will.
1995 berichtete die Zeitschrift „SPIEGEL“ im Heft mit dem Titel „Bauernland in Bonzenhand“[ix] über den kruden Ausverkauf der ehemaligen DDR-Landwirtschafts-Genossenschaften:
Die damals lukrativen Produktionsgenossenschaften waren plötzlich auf dem Papier arm. Übrige Produkte und Tiere wurden stillschweigend ins Ausland verkauft und die Millionen-Erlöse wanderten vermutlich in die Taschen von ehemaligen Vorständen oder Produktionsleitern[x].
Teils wurden damit die neuen Betriebe wieder aufgebaut – aber fast nie wurden die ehemaligen Anteilseigner ausgezahlt[xi]. Die Arbeiter:innen und Bäuer:innen der LPG-Betriebe wurden also wieder über den Tisch gezogen.
Selbst jahrelange Klagen von einzelnen Landwirt:innen gingen zwar positiv aus – aber gezahlt wurde bisher kein Cent – oder Pfennig[xii].
Ein ehemaliges Mitglied einer LPG schrieb an den „Wende-Kanzler“, Helmut Kohl:
Ich erlebe jetzt, wie in dem neuen Staat altes Unrecht weiter ausgeführt werden darf.
– LPG-Mitglied Inge Horn aus Berthelsdorf in einem Brief an Helmut Kohl[xiii].
Aus ehemaligen LPG-Vorständen wurden wieder Großgrundbesitzer:innen oder zumindest Verwalter:innen dieses Besitzes. Und sie nutzten das gemeinsam mit den ehemaligen Arbeiter:innen und Landwirt:innen in der DDR erwirtschaftete Erbe, um die eigenen Betriebe zu neuer Größe zu züchten und dann selbst zu profitieren.
Wie der SPIEGEL berichtet:
Niemand schützte die unbedarften Traktoristen oder Melker vor ihren gewieften Ex-Chefs. Im Gegenteil: Beamte und Politiker bis hinauf in die Landtage – oft Bekannte aus guten sozialistischen Zeiten – decken bis heute die Machenschaften der roten Barone.
– SPIEGEL vom 18.06.1995: „Im Zweifel gibt’s Druck” [xiv]
Mitverantwortlich für diesen, von der FAZ damals „Bauernkrieg“ bezeichneten Raubbau, waren auch Funktionäre der ehemaligen regierungstreuen „Demokratischen Bauernpartei“, kurz DBD (1990 in die CDU übergegangen[xv]). Mitglieder waren unter anderem die langjährige Landwirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt, Petra Wernicke.
Frau Wernicke werden wir später in Gerbisbach auch nochmal hören.
Um die landwirtschaftlichen Flächen der DDR nach dem Fall der Mauer in die sogenannte „soziale Marktwirtschaft“, die im Rest von Deutschland herrschte zu integrieren, war einiges Geschick gefragt. Wie es auf der Wikipedia-Seite der Treuhand so schön heißt:
die Volkseigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen des Kapitalismus zu privatisieren und die ‚Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern‘ […] oder, wenn das nicht möglich war, stillzulegen.
– Kurzbeschreibung über die „Treuhandanstalt“ bei Wikipedia[xvi]
An anderer Stelle geht der Protest weiter – seit fast 20 Jahren:
Und das ist für mich eigentlich so ein Resümee: Egal, wie es ausgeht, wir haben gekämpft, wir haben allen gezeigt, dass es so nicht geht, dass man so nicht umgehen kann mit der Meinung von Menschen.
2. Gerbisbach – die Chronik eines Skandals
In der letzten Folge haben wir uns eingehend mit Helmut R. und seinen eigensinnigen Geschäftsmethoden beschäftigt.
Für seine Anlagen dehnt er auch gerne mal ein wenig die guten Sitten und Bräuche. Eine Gemeindevertreterin hat ihn sogar der Bestechung angezeigt.
Aber Gott sei Dank wurde sogar gerichtlich bestätigt, dass er gar keine ehrenamtliche Bürgermeisterin bestechen kann.
Aber das sind – so könnte ich das immer wieder fortsetzen, diese Machenschaften und diese Ungereimtheiten. Und immer wieder kam er an, wenn wir Kritik geübt haben: ‚Ach, das kriegen wir schon hin!
Das richten wir dann schon…’ und so weiter und so fort, also immer mit Ausflüchten.
– Gabriele Wolf im Interview
Gabriele Wolf hat einen großen Teil ihres Lebens dem Kampf gegen die Schweineaufzucht in ihrer direkten Nachbarschaft gewidmet. Von ihrem Haus aus kann sie den Gestank jeden Tag im Wohnzimmer riechen.
Und er wusste genau, wie man vorgehen muss. Wir waren die Betroffenen, Unerfahrenen und standen diesen Profi da gegenüber. Dann seine Seilschaften, die er zum Landesverwaltungsamt immer noch hatte – wie es jetzt ist, weiß ich nicht. Sein falsches Auftreten, also ins Gesicht die Freundlichkeit und hintenrum dann diese Machenschaften, Lügen. Ich bin auch überzeugt, dass der Investor Harry von Gennip und später sein Schwiegersohn auch von Herrn R. nicht transparent in die ganze Materie eingewiesen worden sind. […] ‚es könnte Schwierigkeiten geben. Wir müssen die Anwohner, wir müssen die Stadt mitnehmen. Wir müssen was tun.‘
– Gabriele Wolf im Interview
2.1 Erste Pläne
Dieser jahrelange Widerstand wäre nicht möglich ohne die unzähligen Aktivisti vor Ort. Sie sammeln Berichte, machen eigene Recherchen, stehen im Kontakt mit Behörden und informieren die Öffentlichkeit. Und nebenbei müssen sie noch Spenden für die teuren Gerichtsprozesse sammeln.
Mit Informationsveranstaltungen in angrenzenden Ortschaften, Unterschriftenaktionen oder Demonstrationen vor den Baustellen möchten sie vor allem die unbedarfte Öffentlichkeit auf die Gefahren von solchen Megaställen hinweisen.
Und diese negativen Folgen reichen von Umweltschäden durch Gülle, Feinstaub oder übermäßigen LKW-Verkehr, bis zu Fehlern in Bauanträgen und Bedenken wegen des beinahe unmöglichen Tierschutzes in solchen Anlagen.
Was hierbei besonders wichtig ist: Oftmals werden solche Hinweise und Bedenken erst nach der Intervention von Bürger-Initiativen auch bei Politik und Behörden aufgegriffen. Der Wille der Anwohnenden, die jeden Tag mit diesem Grauen hinter Stalltüren leben müssen, scheint selten zum Einlenken zu führen.
Mein Mann sagt immer: Die haben Angst vor dir.
– Gabriele Wolf im Interview
Das sagt die Aktivistin Gabriele Wolf aus Gerbisbach. Sie kämpft gemeinsam mit ihrer Bürgerinitiative gegen die Anlage, die eigentlich längst verboten ist.
Ihr Zuhause liegt nur knapp 1 Kilometer entfernt von der Anlage, die ihnen heute noch immer Probleme bereitet.
Ich habe auch gesagt, dass ich hier eigentlich nicht leben will. Mit dem Gedanken, dass da die Schweine – wenn ich vorbeifahre, oftmals oder im Winter vorbeilaufe – und es quiekt da drin und ich weiß, wie die dahinvegetieren. Und das schlimme ist, dass der Tierschutz hier gar keine Rolle spielt.
– Gabriele Wolf im Interview
Früher hieß der Ort »Zwiesigko«, wurde aber von den Nazis 1939 eingedeutscht zu »Gerbisbach« – und naja, blieb dann so. Und der Ort hat heute genauso viel zu bieten, wie die meisten Winz-Dörfer in Deutschland: eine asphaltierte Durchgangsstraße – die passend einfach »Dorfstraße« heißt – viel Geschichte und 191 Seelchen, die mit Landwirtschaft heute nicht mehr viel am Hut haben.
Die Familie von Gabriele Wolf ist Mitte der 1990er hierhergezogen. Die gebürtig aus der Kleinstadt Jessen stammenden Wolfs kamen hierher, um ihre Hundeschule mit dem Familienleben besser in Einklang zu bringen. In der Stadt wäre der Geräuschpegel der dutzenden Schäferhunde vermutlich nicht lange mit der Nachbarschaft vereinbar gewesen.
Kurz vor Weihnachten 2004 kam dann eine Art Hiobsbotschaft:
Wissen Sie, wie wir das erfahren haben, dass die Schweinemast kommt? Es ist eigentlich ein bisschen lustig. Mein Mann war beim Friseur und der Friseur ist Stadtratsvorsitzender. […] Er wurde frisiert und […] Mensch, […] weißt du, was auf euch zukommt? Da wird eine Massentierhaltung gebaut. Da kommen zigtausende Schweine
in und ein Haufen Gülle – so haben wir es erfahren. […] Es war ihm wahrscheinlich rausgerutscht und er hat die Tragweite sicherlich nicht voraus gesehen.
– Gabriele Wolf im Interview
Die seit 1990 leerstehende »Jungrinder-Aufzucht-Anlage« am Rand des Ortes wurde von Helmut R.s Geschäftspartner Harrie van Gennip gekauft.
Auf dem Gelände der ehemaligen Produktionsgenossenschaft mit dem schillernden Namen »Fortschritt Gerbisbach« soll eine Aufzucht für knapp 3.000 Ferkel entstehen.
Prinzipiell war die kleine Gemeinde zuversichtlich, dass das brachliegende Gelände auch wieder genutzt werden kann.
Und ich weiß auch, dass einige aus dem Bereich Interesse hatten dort auch Tierhaltung zu betreiben – im anderen Maßstab, aber hiesige; regionale.
– Gabriele Wolf im Interview
2004 geht dann eine sogenannte Bauvoranfrage für eine Erweiterung und ein paar Umbauarbeiten beim Bauamt der Stadt Jessen ein.
Das gibt den Behörden die Möglichkeit, das Vorhaben grob einzuschätzen und auch wichtige Punkte zu prüfen: Ist das Grundstück im Außenbereich überhaupt für eine Schweinemastanlage geeignet? Können Abstände zu Naturschutzgebieten oder Wohnhäusern eingehalten werden?
In dieser Bauvoranfrage wurde von einer Ferkelaufzucht mit 3.000 Tieren geredet, die in den umgebauten, alten Ställen entstehen.
Und wir haben dann erfahren, dass all diese Interessenten abgewiesen wurden; keine Chance hatten, weil eben schon ein anderer Interessent da war. Wie gesagt, […] hat hier vorgesprochen und hat sofort das okay von unserem Stadtoberhaupt bekommen. Und wenn so eine Bauvoranfrage gestellt wird, die mit ‚Ja‘ beantwortet wird, dann rollt der Zug.
– Gabriele Wolf im Interview
Zunächst war Gabriele Wolf etwas geschockt, dass es so undurchsichtig in der Demokratie zugeht – aber sie hat nicht lockergelassen. Mit Gleichgesinnten aus der Umgebung gründete sie eine Bürgerinitiative, kurz BI.
Sie machten sich schlau: Sie sprachen mit Fachleuten, machten eigene Recherchen und fragten nach.
Mein Mann und ich und Leute aus der BI, wir haben sämtliche Möglichkeiten, die es gab, genutzt, um uns zu informieren und um Wissen zu haben, was geht da ab, wie läuft das?
– Gabriele Wolf im Interview
Wir waren ja Laien – oder sind wir immer noch – und wollten nicht mit Gewalt gegen etwas vorgehen, wovon wir keine Ahnung haben und haben uns unser Wissen angeeignet: Mit Literatur, mit allen möglichen und Unterstützern aus der Branche. Auch viele Landwirte hier aus der Region, die uns unterstützt haben.
– Gabriele Wolf im Interview
Bis nach Halle zur Fachtagung des Instituts für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa sind sie gereist und haben vor allem zugehört:
Viele Bauern, sag ich mal, Landwirte, Fachleute. Aber es war damals auch eine Vertreterin vom BUND da, die Reinhold Benning. […] Wir haben dann so zum Beispiel in den Pausen Tischgespräche mit angehört. […] Und da wurden solche Dinge gesagt: ‚Na ja, das bringt immer Konflikte, das macht Schwierigkeiten; es stinkt, das kann man nicht verhindern.‘ Und wir haben das aufgesogen und haben unsere Gedanken dazu gemacht, haben es ausgewertet und hatten dann zu diesem Zeitpunkt Kontakt mit der Reinhold Benning, haben ihr unser Problem vorgetragen und sie hat uns sofort empfohlen, Kontakt zum Rechtsanwalt aufzunehmen.
– Gabriele Wolf im Interview
Obwohl noch wenig Genaues über die kommende Ferkelaufzucht- und Schweinemast klar war, empfahl auch Bärbel Höhn, die damalige Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen (1995-2005) ganz klar:
Sie [Bärbel Höhn] hat gesagt kämpft, kämpft, kämpft vor Antragsstellung. Also genau das Gegenteil. Die anderen sagten: ‚ist ja noch gar kein Antrag gestellt…‘
– Gabriele Wolf im Interview
In Einwohnerfragerunden im Kreistag von Wittenberg oder bei der Aufklärung vor Ort: Wolf und ihre BI geben nicht so leicht auf.
In der Einwohnerfragestunde habe ich meine Fragen losgelassen. […] Es gab Anfragen: ‚Wie viel Nitrat / Nitrite hier, wie ist der Stand der Dinge?‘ Dann hat das Amt für Abfallwirtschaft das berichtet und man sah, dass es Ecken gab, wo die Grenzwerte überschritten waren. – Und keiner hat danach gefragt! Das hat die nicht interessiert. Und wenn ich danach gefragt habe: ‚woran liegt’s denn?‘ ‚Na, an der Landwirtschaft.‘ Damals schon – und jetzt ist es noch prekärer. […] Aber eben immer nur auf Druck, auf Nachfragen.
– Gabriele Wolf im Interview
wir haben die Jessener Bürger aufgeklärt, wir haben Einwohnerversammlung organisiert, haben das Projekt vorgestellt. Angefangen haben wir mit: ‚Was ist positiv, was ist negativ?‘ Das haben wir dem Bürgermeister- Soll ich es Ihnen mal zeigen?
– Gabriele Wolf im Interview
Es ist ein einfaches Schaubild und naja – es gibt nicht viel Positives, sagen wir so.
So haben wir mal angefangen: Was ist positiv, was ist negativ? Das haben wir unserem Bürgermeister gezeigt. Da war aber die Bauvoranfrage schon gestellt, haben ihm das vorgestellt. Er hat uns abgewiesen.
– Gabriele Wolf im Interview
‘Arbeitsplätze‘, kamen sie damals immer. Totschlagargument. Davon hat dann nachher gar keiner mehr geredet.
– Gabriele Wolf im Interview
Aber so sind wir rangegangen. Wir haben Flugblätter verfasst, wir haben die Leute aufgerufen. […] Wir waren in Magdeburg in der Kirche. Die Kirche hat sich ja dann auch da positioniert.
Die BI ist also keineswegs untätig und sammelt weiter Informationen, macht Veranstaltungen vor Ort und lädt prominente Gesichter ein, um eine noch größere Öffentlichkeit gegen die Tierfabrik zu mobilisieren.
Unter den vielen Mitkämpfern war auch der Schauspieler Thomas Rühmann: Er bekam Wind von der ganzen Sache und war gleich angetan.
Rühmann ist für die meisten sicherlich eher bekannt aus der ARD-Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“, die schon seit 1998 wöchentlich ausgestrahlt wird.
Es ist in der Nähe von meinem Wohnort, also ich glaube eine halbe Stunde. Aber der Kontakt ist zustande gekommen, weil hier in Zollbrücke, Theater am Rande, das ich seit 27 Jahren betreibe, haben wir gespielt von Annie Proulx, ‚Mitten in Amerika‘.
– Thomas Rühmann im Interview
Aber im Stück „Mitten in Amerika“ geht es um etwas weniger schnulzig-romantisches – es geht um die amerikanische Version des Schweinegürtels:
Das ist ein Stoff also, der sich im weitesten Sinne mit Schweinemast befasst. Junger Mann zieht durch die Panhandels von Oklahoma und ist von einem globalen Schweinemastkonzern beauftragt, Grundstücke zu finden, damit die dort ihre riesigen Anlagen bauen können.
– Thomas Rühmann im Interview
die Bürgerinitiative von Gerbisbach, die kam auf uns zu und haben gesagt könnt er nicht bei uns spielen? Wir brauchen praktische Unterstützung. […] Wir haben gespielt und die Bude war voll und man spürte richtig, wie das Problem den Leuten so unter die Haut ging. Also, man hatte auch das Gefühl, die Einwohner begreifen zum ersten Mal, was da wirklich los ist, was da auf sie zukommt.
– Thomas Rühmann im Interview
Es gibt so eine kleine Szene, wo eine der Hauptfiguren des Stücks einfach argumentiert und praktisch für die Schweine als gesellige Lebewesen, die praktisch in diesen Tierfabriken so furchtbar behandelt werden. […] [Da] gibt es immer Szenenapplaus.
– Thomas Rühmann im Interview
2.2 Verfahren & Aufklärung
Ende 2006 wurde ein sogenanntes „Scoping-Verfahren“ eröffnet: Da konnten die öffentlichen Institutionen und auch der Naturschutzbund, NABU erste Einblicke in das Projekt erhalten und ihre Bedenken äußern.
[…] das Projekt, was da vorgestellt wurde bei diesem ersten Termin, das bezog sich nur auf 5.000 Tierplätze. Ganz geringfügig vorgestellt – nur lukrativ gemacht. Und da gab es Stellungnahmen zum Beispiel vom NABU. Die haben gesagt: […] ‚mit der Platzzahl ja, aber wenn sich das [ändert] […] dann kann man da nicht einverstanden sein. Die Stadt Jessen war vertreten, haben ihre Belange vorgetragen, Erschließung nicht gesichert, dies nicht usw. […] und danach die Antragsstellung, und dann rollte das lang hin.
– Gabriele Wolf im Interview
Der Naturschutzbund hat damals auch schon eine Reduzierung der Tierzahl gefordert und sah Sicherheitsbedenken bei der Nutzung der alten Güllebehälter aus DDR-Zeiten. Auch ein 50 Meter breiter Grüngürtel sollte um die Anlage rundherum sein.
Doch all diese Bedenken wurden scheinbar recht schnell weggewischt.
Nach dem ernüchternden Ergebnis des Scoping-Verfahrens, wollten die Gerbisbacher und ihre Unterstützer endlich ihre Haltung auf andere Art darstellen: Insgesamt 5.300 Unterschriften wurden gesammelt[xvii].
Und dann haben wir die Unterschriften gesammelt: Das waren 2.000- quatsch: 5.300 Unterschriften. Die haben wir dem damaligen Landrat übergeben. […] und er sollte es weiterleiten an die Landwirtschaftsministerin. Und das war damals Frau Wernicke. […] Und die Antwort von ihr war: Sie ist sehr erstaunt und es ist schon beachtlich, wie viel Öffentlichkeitswirksamkeit die Anlage hier hat. Aber rechtlich hat das keine Bedeutung.
– Gabriele Wolf im Interview
Jetzt leider noch etwas mehr Beamtensprech:
Nach dem Scoping-Verfahren hat van Gennip mit seinem Geschäftspartner R. dann den Bauantrag gestellt: Alle Informationen müssen dafür zusammengestellt werden, Baupläne eingereicht und Gutachten in Auftrag gegeben werden.
Und all diese Schritte – Bauvoranfrage, Scoping-Verfahren, Bauantrag – sollen verhindern, dass trotz schwerwiegender Bedenken etwas einfach durchgewunken wird.
Dafür wurde sogar extra das Bundes-Immissionsschutzgesetz 1974 verabschiedet. Dieses Monster-von-einem-Namen-Gesetz wurde eigentlich wegen der immer stärker werdenden Luftverschmutzung durch den Autoverkehr ins Leben gerufen. Heute hilft es dabei, die umweltschädlichen Auswüchse von Neubau-Industrie-Anlagen im Zaum zu halten.
Für Tierhaltung ab einer gewissen Anzahl von Tieren gilt dieses BImSchG genauso, wie für ein neues Kernkraftwerk oder eine Lagerhalle – klar ist ja alles… ähnlich, hm?
Da unsere Anlage in Gerbisbach auch die kritische Anzahl von 1.500 Ferkel übersteigt, mussten van Gennip und R. die nötigen Beweise erbringen, dass ihre Anlage luft-, lärm-, und umweltschutzzkonform sein wird.
Vom Bauherrn bezahlte Gutachter zeigen dann, wie gut sich die Anlage in die Umwelt einfügt und, dass mit keiner Lärm-, Geruchs- oder Umweltbelastung zu rechnen ist.
Diese ganzen Gutachten und Unterlagen werden dann öffentlich ausgelegt und können von jeder Bürgerin, jedem Bürger – deutschlandweit – eingesehen werden.
Und was hier wichtig ist: Jede oder jeder kann seine oder ihre Bedenken als eine sogenannte „Einwendung“ einreichen.
Es gab 329 Einwendungen.
– Gabriele Wolf im Interview
Und dann kam es ja zum Erörterungstermin im Frühjahr 2007. Da waren zwei Tage anberaumt. Es waren dann sechs. […] Die vorhandenen […] Ämter, die da vertreten sind, nehmen dazu Stellung. Viele Fragen konnten aber gar nicht geklärt werden.
– Gabriele Wolf im Interview
Wenn wir dann nachgefragt haben oder gebohrt haben, dann hieß es: ‚ja, es ist ja nur ein Erörterungstermin, wir nehmen die Argumente auf und dann werden wir das im Amt diskutieren‘. Und so weiter.
– Gabriele Wolf im Interview
Man sieht ja schon, man hat nur das Nötigste gemacht, nicht das Notwendige.
– Gabriele Wolf im Interview
Es gab zur Erörterung kein Brandschutz-Konzept. Das war dann der Punkt. Er wollte das so ‚bringe ich morgen mit‘ – so nach dem Motto. Das hat dann unser Rechtsanwalt empfohlen, wir brechen ab und das sollte dann schriftlich erörtert werden.
– Gabriele Wolf im Interview
Auch Rühmann war vor Ort:
Der Rechtsanwalt des BUND, der war so sachkundig, der konnte so viele Details beschreiben: Was passiert mit der Umwelt, was passiert mit dem Grundwasser, was passiert mit der Straßensituation, wenn diese riesigen Gülletransporter dort durch die Landschaft fahren. Der künftige holländische Eigentümer saß immer ein bisschen bedröppelt da und schaute auch mal hilfesuchend zu seinem Anwalt, der dann auch ausholte und es natürlich abgestritten hat. […] Die Fronten waren schon sehr stark da im Saal.
– Thomas Wolf im Interview
Aber es gab auch schon zu der Zeit Erfolge: Denn die Erörterung hat ergeben, dass der Schweinemäster eine Luftreinhalteungsanlage einbauen muss, was bisher im Projekt nicht vorgesehen war.
– Gabriele Wolf im Interview
Ohne die Initiative von Menschen vor Ort würde es vermutlich also noch mehr stinken in Gerbisbach.
Unterstützten
Wenn ihr das Verfahren gegen die Anlage, die niemals existieren dürfte, und Gabriele Wolf unterstützen möchtet, dann spendet gerne an:
BUND Sachsen-Anhalt e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE 23 3702 0500 0001 7592 01
Verwendungszweck: Schweinemastanlage Gerbisbach
Das könnt ihr natürlich auch online erledigen über die Webseite des BUND.
Das ganze Skript?
Dieser Podcast verlangt eine Menge ab von allen Beteiligten. Dafür bietet er euch Content, den es sonst nirgendwo gibt. Noch mehr exklusiven Content gibt es bei Patreon.
Das war „dreckige Pfoten“ mit der ZWEITEN Folge über „Lobby-Schweinerei“.
„dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.
Und eine Bitte: Wenn ihr von dieser Story nur 10 % interessant fandet, sagt es weiter, schreibt einen Kommentar und bewertet den Podcast! Das hilft eine Menge!
Außerdem gibt es einen Patreon-Account. Schaut einfach vorbei und sagt „hi!“
Intro-Musik von: Manuel Rathje
Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI € erstellt.
Weitere Infos
Es gibt eine eigene Seite mit einem Timeline-Überblick für Gerbisbach und Helmut R.
Quellen
[i] Laut Michael Beleites: „Stasi und kein Ende?“ in: „Sachsen seit der friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven.“ Sonderausgabe der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Konstantin Hermann (Hrsg.). Sax-Verlag 2010. S. 235.
[ii] Sehr interessanter Beitrag über die Geschichte des „SZME“ („SchweineZucht- & Mastkombinat Eberswalde“): https://wirtschaftsgeschichte-eberswalde.de/agrarwirtschaft/veb-schweinezucht-und-matkombinat-eberswalde-szme/ Archiv: https://archive.is/eXxFW
[iii] Statistik: https://www.gil-net.de/Publikationen/20_128.pdf
[iv] Ebenda:
[v] Thomas Fleischmann: „Communist Pigs“
Siehe: https://uwapress.uw.edu/book/9780295750699/communist-pigs/
[vi] Siehe Statistik: https://buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/51/Brade-92-2-html
Quelle: Statistische Jahrbücher der DDR
[vii] Hier mit einer Abbildung, wie ein solcher Stall aussah: https://hohpublica.uni-hohenheim.de/server/api/core/bitstreams/65ce9806-4f00-4309-a920-c95ce983b6a9/content
[viii] Beispiel: https://www.bundesregierung.de/breg-de/schwerpunkte/deutsche-einheit/protest-gegen-riesen-schweinerei-473518
[ix] Siehe SPIEGEL-Archiv: https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1995-24.html
[x] Siehe SPIEGEL: „Belogen und betrogen“, 11.06.1995
https://www.spiegel.de/politik/belogen-und-betrogen-a-99214427-0002-0001-0000-000009198023 Archiv: https://archive.is/eFiDc
[xi] Der sogenannte „Inventarbeitrag“ wurde kaum zurückgezahlt.
[xii] Siehe SPIEGEL: “Im Zweifel gibt’s Druck”, 18.06.1995
www.spiegel.de/wirtschaft/im-zweifel-gibts-druck-a-b1606245-0002-0001-0000-000009199271 Archiv: https://archive.is/WbWbD
[xiii] Siehe SPIEGEL: „Belogen und betrogen“, 11.06.1995
https://www.spiegel.de/politik/belogen-und-betrogen-a-99214427-0002-0001-0000-000009198023 Archiv: https://archive.is/eFiDc
[xiv] Siehe SPIEGEL: “Im Zweifel gibt’s Druck”, 18.06.1995
www.spiegel.de/wirtschaft/im-zweifel-gibts-druck-a-b1606245-0002-0001-0000-000009199271 Archiv: https://archive.is/WbWbD
[xv] Wikipedia: „Demokratische Bauernpartei Deutschlands“: https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Bauernpartei_Deutschlands
[xvi] Wikipedia: „Treuhandanstalt“: https://de.wikipedia.org/wiki/Treuhandanstalt
[xvii] „Unterschriften kontra Schweinemast“, 05.02.2006 in der Mitteldeutschen Zeitung:
https://www.mz.de/lokal/jessen/unterschriften-kontra-schweinemast-2771499
[xviii] Siehe Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/tierhaltung/schweinehaltung
[xix] Statistik des BMEL: https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/tierhaltung/schweinehaltung
[xx] Statistik des BMEL: https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/tierhaltung/schweinehaltung
[xxi] Die „Probleme“ werden hier angesprochen: „Schwänze kupieren“ ist leider verboten; die tierquälerische „Kastenstandhaltung von Sauen“ ist ebenfalls verboten ab 2029.
siehe „Aktuelle Herausforderungen in der Schweinehaltung im Hinblick auf den Tierschutz“ vom BMEL:
https://www.bmleh.de/DE/themen/tiere/tierschutz/herausforderungen-schweinehaltung.html
[xxii] „Schweinestau schlägt sich in der Schlachtbilanz nieder“, 24.04.2025 in top agrar:
https://www.topagrar.com/schwein/news/schweinestau-sind-weniger-schweine-geschlachtet-worden-a-20013668.html
[xxiii] Sehr beliebte Events im Rahmen der „Gläsernen Produktion“ in Baden-Württemberg sind die Hoffeste mit Ponyreiten, Kinderschminken und Vorstellung des Maschinenparks.
https://gläserne-produktion.de/?page_id=129 Archiv: https://archive.is/Aduta
Geschichten
Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.
