Gülle, das schwarze Gold
Wäsche, die nach Schwein stinkt. Brunnen mit dem 1000-fach überschrittenen Nitratwerten. Tiere, die ihr Leben im eigenen Dreck stehen. Das ist kein Versehen – das ist die Logik der schlimmsten Industrie der Welt, die ihr Abfallproblem einfach zur Normalität erklärt hat. Und wir haben uns dran gewöhnt.
Nur ein paar Wochen, bevor ich diese Episode aufgenommen habe, ist ein wichtiger Dokumentarfilmer gestorben: Wolf-Michael Eimler hat über Jahrzehnte zur Tierindustrie in Niedersachsen recherchiert und mit vielen „Größen“ aus der Tierindustrie geredet.
Ich hätte so gerne mehr erfahren – und ihm gedankt für seine Arbeit.
Ich würde diese Folge so gerne einfach mit Dimitry aus „Triangle of Sadness“€ starten. Wisst ihr noch? Dieser Typ, der reich durch … Scheiße wurde!
Gewöhnt euch am besten jetzt schon an die Wortwahl – wird nicht besser werden…
Wir sind auf einer 50 Millionen-Dollar-Jacht und der russische Millionär Dimitry stellt sich vor:
By the way: Der Film ist wirklich sehenswert –
Dimitry, gespielt von Zlatko Buric, stellt sich als russischer Oligarch vor. Aber wenn wir ehrlich sind: Das hätte genauso gut auch ein Oldenburger Agrarriese sagen können.
Vor allem macht diese Szene deutlich, wie wichtig Gülle, Jauche, Scheiße in der Agrarindustrie ist. Das „Nebenprodukt“ wurde zum import-export-Schlager und brachte vielen Menschen viel Geld ein. Umwelt und Tiere waren (und sind) zweitrangig.
Und darüber hinaus wird hier auch schnell deutlich, dass es zwischen dem „bösen, kommunistischen Osten“ und dem „guten, kapitalistischen Westen“ nicht viel Unterschied gibt – zumindest, was die ganze Scheiße angeht.
Ich werde am Ende übrigens nochmal zählen, wie viele „Scheiße“ es in dieser Episode waren. Stay tuned.
1. Wo fangen wir an?
Gülle, Jauche oder „schwarzes Gold“: Wir alle haben den abscheulichen Geruch schon mal in der Nase gehabt. Manche haben vielleicht auch mal Landwirte diesen Scheiß (ha) versprühen sehen.
Wenn der Gestank erst mal im Geruchsgang war, geht der da nicht mehr so schnell raus. Es bleibt irgendwie im Gehirn und verätzt alles. Allein beim Gedanken an die Gülle-getränkten Felder in meiner Heimat, kommt mir ein bisschen Kotze in den Hals.
Gülle ist aber nicht nur ekelhaft stinkend. Es ist auch ein sehr beliebter Dünger für Ackerflächen. Ohne die tausenden Kubikmeter Scheiße und Pisse aus den Tierhaltungsanlagen, würden wir wohl kaum Obst und Gemüse in dieser Hülle und Fülle im Supermarkt erleben.
Na gut, Moment: Natürlich würde das auch anders gehen – mit biozyklischem veganem Anbau zum Beispiel.
Aber in einem riesigen Netzwerk aus Produzierenden und Nutznießern, samt Güllebanken – einer Art Vermittler zwischen der Tierindustrie und dem Ackerbau (Gülle als Dünger) – ist der Ausstieg eben mit großem Willen verbunden.
Manchmal hilft leider nur ein Systemumsturz, um etwas wirklich zu ändern.
Exkurs: Was ist Gülle
Das Wort Gülle stammt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und bedeutete so viel wie ‚Pfütze‘ oder ‚Lache‘.
Gülle ist ein natürlich anfallender Wirtschaftsdünger, der hauptsächlich aus Abfallstoffen der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung wie Urin und Kot besteht.
– Wikipedia-Eintrag zum Thema Gülle
Diese „Abfallstoffe“ enthalten – wie jede Kacke und Pisse – viel Stickstoff, Phosphor und Kalium. Und da viele Pflanzen besonders auf diese Stoffe geil sind, ist Gülle eben ein guter Dünger, um den Ertrag zu steigern.
Vermutlich werden schon seit Jahrtausenden tierische oder menschliche Fäkalien auf die Felder gestreut, um eine bessere Ernte einzufahren.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht anders geht:
Denn bevor es Gülle in immensen Mengen aus der Tierindustrie gab, wurde auf verschiedene Art gedüngt.
Kleinere Betriebe, die sich vorrangig selbst versorgt haben, haben den Mist und die Jauche der (wenigen) Tiere auf ihren eigenen Feldern verteilt. Das Höchste der Gefühle war vermutlich ein bisschen Kalk, der den Boden für die Wachstumsphase vorbereitete.
Erst in den Jahren um die letzte Jahrhundertwende, wurden Verfahren entwickelt, um im großen Maße künstlich Düngemittel herzustellen. Vor allem das Haber-Bosch-Verfahren bildete die Grundlage für die Produktion von synthetischem Stickstoffdünger.
Aber für die kleinen Landwirtschaftsbetriebe waren diese „Kunstdünger“ trotz der voranschreitenden Industrialisierung nicht erschwinglich. Sie mussten weiter auf Gülle und Mist setzen.
Und als auch die kleinen Betriebe immer größer wurden und mehr und mehr Tiere in ihre, noch immer kleinen Ställe zwängten, wurden auch die Mengen an „Abfallprodukten“ immer größer.
Es wurden Teiche vollgepumpt mit Literweise Gülle von Schwein, Huhn, Rind. Dann wurden daraus riesige Lagunen. Da die immer mal wieder überschwappten, wurden größere Betonsilos vorgeschrieben.
Die Jahr für Jahr steigenden Mengen an Gülle machten es dann letztlich auch unmöglich, Gülle nur gezielt einzusetzen – irgendwohin muss der ganze Scheiß ja doch irgendwann.
Gottseidank gibt es dazu den sogenannten „Breitverteiler“: Kennt ihr diese Wasserfontänen mit dem breiten, aber flachen Wasserstrahl im Schwimmbad? – Sowas, nur für … flüssige Kacke.
Mit ihm wurden sogar noch 2015 unglaubliche 113 Millionen Kubikmeter Gülle ausgebracht. Das ist eine ganze Großstadt, die literally knietief in der Scheiße steckt.
Ein paar von den randalierenden Bauern in Brüssel haben mit so einem Ding sogar 2024 die Polizei … beschissen. Cannot not find that funny.
Aber es gibt ein Problem, wenn Gülle derart frei durch die Luft geschleudert wird: Sie setzt tonnenweise Ammoniak frei. Dieses Gas ist so giftig, dass schon kleine Mengen gesundheitsgefährdend sein können.
Deshalb sind Breitverteiler seit 2020 im Ackerbau verboten. Bis 2025 konnten sie aber noch auf Wiesen eingesetzt werden.
Heute nutzen die Landwirte einen Schleppschuh oder Schleppschlauch, um die Kacke direkt auf den Boden auszubringen. Weniger Gestank, weniger Emissionen.
Okay – das Problem mit dem Gestank ist wohl behoben…
Aber da war doch schon in den 1980er Jahren Protest in der DDR, weil diese Art der exessiven Düngung ein ganzes Waldstück verseucht hat?!
Wieso hat es so lange gedauert, bis sich was tut? Und: Wieso ist das Grundwasser in manchen Gegenden noch immer mit Nitrat verseucht?
Andere Beiträge:
2. Beweismittel
Die Eule auf dem gelben Untergrund kennt ihr sicherlich als Symbol für „Naturschutzgebiete“. Und die ist eine DDR-Erfindung! Und die DDR hatte sogar schon 15 Jahre vor der Bundesrepublik, ein Umweltschutzministerium. Trotzdem kennen wir alle die schrecklichen Bilder von Luft- und Umweltverschmutzung im „Osten“. Denn leider war immer die Produktion wichtiger als die Umwelt. Ob bei der Förderung von Braunkohle, der Synthese von Chemikalien oder eben bei der „Produktion“ von Tieren. Genau deshalb sind am 25. Juni 1988 Umweltaktivist:innen aus der DDR mit Filmemachern aus dem Westen unterwegs. Heute ist es besonders ruhig in der Gegend um den Industriestandort Bitterfeld. Zumindest der gefürchteten Staatssicherheit (Stasi) will heute keiner begegnen. Es ist so ruhig, weil die Niederlande gegen die Sowjetunion spielt. Das EM-Finale. Alle, die können, sitzen vor dem Fernseher. Ganz Europa schaut hin, als der Osten gegen den Westen verliert. Diese Chance nutzen die Filmemacher und lassen sich von den Umweltaktivist:innen die schlimmsten Auswüchse der Rückgratlosigkeit des DDR-Regimes zeigen. Alle Beteiligten könnten mehrere Jahre ins Gefängnis kommen. Aber sie wollen -, nein, sie müssen zeigen, wie grausam die Natur hier rund um Bitterfeld Schaden nimmt. Und mit ihr die Familien der Arbeitenden, die wegen dem besseren Lohn herkamen.Die Leute in Bitterfeld haben sich eingerichtet, haben sich gewöhnt, Einwohner von Bitterfeld zu sein und vom Dreck berieselt zu werden. Vielleicht ist es nichts als grob und herzlos, ihnen zu sagen: Ihr seid vergessen worden, geopfert für Wichtigeres. Und ich kann es nicht ändern. – Autorin Monika Maron Was passiert, wenn Gewöhnung zur Normalität wird? Wenn man aufhört zu merken, wie schlimm es ist, weil es schon immer so war? Die Umweltaktivist:innen in der DDR, die diese „neue Normalität“ nicht akzeptieren wollten, wurden für den Staat zum Feind: Sie wurden ausgehorcht und unter Druck gesetzt – zermürbt. (So sehr, dass sich der Ostdeutsche Umweltaktivist und Fahrer des Filmteams in einer der DDR-Mülldeponien suizidierte und zuvor seine Tochter umbrachte.)
Das ganze Skript?
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Das war „dreckige Pfoten“ mit einem Beitrag zu Gülle.
„dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.
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Intro-Musik von: Manuel Rathje
Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de
Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI € erstellt.
Weitere Infos
[1] Die „Big-Four“: VEB Schweinezucht und -mast Borna, Eberswalde, Haßleben, Neustadt/Orla
[1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“.
[1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“ über sogenannte Lohnmäster, die das volle Risiko tragen, aber nur einen Teil des Gewinns; oder von LKW-Fahrern, die Nacht für Nacht Überstunden schieben; über Hilfsarbeiter aus der Türkei, die alles mitmachen müssen.
Quellen & Hintergründe
„Bitteres aus Bitterfeld“ (1989) – Dokumentarfilm über Umweltzerstörung in der DDR
Ausschnittsweise bei YouTube zu finden- Und ein Transkript der DDR-Führung zum Beitrag in „Kontraste“ im West-Fernsehen.
„Unter deutschen Dächern: Und ewig stinken die Felder“ (Radio Bremen, 1983)
„Bauer Hermann und das liebe Vieh“ (NDR, 2010)
„Triangle of Sadness“
Bücher & Hintergrundliteratur
Nina Kleinschmidt & Horst-Michael Eimler – „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht – Mafia-Methoden in der deutschen Landwirtschaft“€
Monika Maron – „Flugasche“€
Rechtliche Grundlagen & politische Einordnung
Geschichten
Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.
