Allein im Schlachthof
Es ist ruhig. Ein paar Geräte surren vor sich her.
Der letzte LKW-Fahrer hat die Halle verlassen.
Irgendwie ist es ihr gelungen, herauszukommen. Nennen wir sie Annika.
Annika hat ihr ganzes Leben in einem Stall mit tausenden anderen Legehennen verbracht. Und jetzt ist sie frei – zumindest für einen kurzen Augenblick.
Sie hat keine Ahnung, wo sie hier ist. Aber sie wird bei ihrem kleinen Erkundungsausflug gefilmt.
Denn versteckte Kameras filmen seit Tagen, grausame Bilder in diesem Schlachthof in Bayern. Dass Annika hier lebend über den Verladehof läuft, ohne von Mitarbeitenden verfolgt zu werden, ist ein Wunder!
Sie hatte Glück und konnte sich aus einer der vielen Transportkisten befreien, die hier Tag für Tag auf das Fließband geworfen werden. Aus irgendeinem Grund war die Kiste wohl nicht richtig verschlossen: Ihr Weg in die Freiheit.
Aber, auch wenn hier gerade alles ruhig ist: In wenigen Stunden kommen die LKW und die Arbeitenden wieder. Dann könnte auch Annika, wie all die anderen Legehennen am Fließband, kopfüberhängen. Wenn sie Glück hat, kann sie es noch in eine dunkle Ecke schaffen.
Annika hat es tatsächlich in eine Ecke geschafft. Sie ist schwach und steht nur da. Das viele Rumlaufen, kein Wasser, kein Essen – seit Tagen.
Die Tür geht auf. Shit!
Mit rotem Licht leuchten die Menschen, die reinkommen, umher. Der Lichtstrahl trifft auch Annika. Sie hat eine Scheißangst.
Ein Mensch kommt langsam immer näher.
Annika wird gepackt.
@aninova.org Während des Einsatzes des Undercover-Teams im Luna-Schlachthof ist es gelungen, wenigstens sechs Hennen zu befreien. Diese sechs Glücklichen sind jetzt auf einem Lebenshof und erfahren zum ersten Mal Wärme und Fürsorge von Menschen. 🍀🐔 #suppenhuhn #hennen #fleisch #eier #schlachthof #tierrettung #aninova ♬ Originalton – ANINOVA | Für Tierrechte
Bis jetzt war Annika nur eine „Produktionsmaschine“. Als sie nur noch wenige Eier „produzierte“, war sie zu einer Art „Abfallprodukt“ geworden.
Was passiert mit Dingen, die nichts mehr wert sind in dieser grausamen Industrie?
Wohin verschwinden die Millionen Legehennen, die nicht mehr genügend Eier „liefern“?
Annika war bisher für die Menschen nur ein paar Cent wert. Ein Abfallprodukt eben.
Aber ab jetzt ist ihr Leben unbezahlbar.
1. Der Luna-Schlachthof
Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach in Bayern.
Es ist kurz nach Ostern.
Hier im kleinen CSU-geführten Örtchen ist ein wichtiger Betrieb für unsere Lieblingsindustrie ansässig.
Und genau da herrscht gerade reger Betrieb.
LKWs mit gelbem Anhänger rollen einer nach dem anderen über den Hof. Was sie geladen haben, erkennt man fast nicht.
Aber wer genau hinschaut, erkennt dutzende Hühner, gequetscht in kleine Gitterboxen aus Plastik. Hunderte davon sind auf die Laster gestapelt.
Das sind die Hühner, die für diese Industrie nur noch wenige Centbeträge wert sind.
Sie haben ihren „Legepeak“ erreicht. Sie sind nutzlos geworden für die Eierproduktion.
Die Hennen werden nachts von ausgebeuteten Niedriglohn-Arbeitenden in diese Gitterboxen gequetscht und auf die Lkw geladen.
Die Arbeitenden müssen unter immensem Zeitdruck ganze Ställe mit tausenden Tieren leeren. Deshalb landen die Hennen oft rabiat in den Gitterboxen, dann auf dem LKW und letztlich hier in diesem Schlachthof.
[Weil] Hennen und auch ehemalige Elterntiere nur noch wenige Cent wert sind und es sich letztlich nur lohnt, wenn man einen Schlachthof mit entsprechend hoher Kapazität hat, gibt es von diesen Schlachthöfen nur sehr, sehr wenige.
– Recherche-Aktivist im Interview
Das sagt einer der Recherche-Aktivisti, die an der Aufdeckung beteiligt waren. Die Stimme wurde anonymisiert.
Recherche-Aktivisti haben im April 2025 diesen riesigen Schlachthof in Bayern besucht. Sie wussten, dass es hier zu brutalen Szenen kommt, noch bevor die „ausgedienten Legehennen“ am Fließband getötet werden.
Aber weder Veterinäre, noch Mitarbeitende haben sich jemals dagegen aufgelehnt. Es war mucksmäuschenstill, rund um den Schlachthof „Buckl“ in Wassertrüdingen.
Deshalb wussten die Aktivisti, was sie machen müssen: Endlich der Welt zeigen, was hier passiert! Aber wie?!
Besonders an den Recherchen zum Schlachthof in Wassertrüdingen war, dass wir bisher keinerlei Erfahrung mit Geflügelschlachthöfen hatten. Das heißt, wir wussten gar nicht genau, wie ist der Ablauf? Wir wussten nicht: wo sind die Punkte, wo es möglicherweise zu Übergriffen kommt? […]
Noch bei der Vorrecherche wussten wir nicht, ob sie eine Elektrobetäubung haben – also die Hennen kopfüber in ein Wasserbad getaucht werden, welches unter Strom gesetzt ist – oder ob sie eine CO₂-Betäubung haben. […]
Entsprechend haben wir am Anfang auch erstmal nur eine Kamera in den Außenbereich gehängt und eine in den Bereich, wo die Tiere aus den Kisten genommen und in das Förderband reingehängt werden, um einfach zu verstehen: Was passiert da eigentlich? Wie funktioniert so ein Schlachthof?
Recherche-Aktivist im Interview
Andere Beiträge:
[…] was Geflügel-Schlachthöfe von Schlachthöfen für Säugetiere vor allem unterscheidet, ist die große Anzahl der Tiere, die dort getötet werden, aber auch, dass sie viel wehrloser sind. Und diese Kombination führt letztlich zu einer unfassbaren Verrohung der Mitarbeitenden. Die Gewalt, die wir dort erlebt haben und die wir für so einzigartig hielten, findet aber in anderen Schlachthöfen genauso statt.– Recherche-Aktivist im Interview
Ein ganz normaler Geflügelschlachthof
[…] im Vergleich zu anderen Schlachthöfen [gibt es] bei Geflügel-Schlachthöfen eine ganz, ganz krasse Industrialisierung. So, dass dort eben Bänder sind, die laufen. Das ist letztlich wie man sich ein Autowerk vorstellt: dass man da Schienen hat, da fahren dann die Autos rum und überall stehen Leute und schrauben irgendwas dran oder machen irgendwas. […] Nur, dass es eben dort um Lebewesen geht. Aber genauso durchgetaktet. Von der Rampe bis zur Aufhängung war bereits ein automatisches Förderband. Kisten konnten da als Stapel mit (geschätzt) zehn Kisten übereinander in einen Mechanismus gestellt werden, der dann automatisch die Kisten nebeneinander auf ein Förderband stellt. Auf diesem Förderband sind sie dann bestimmt 20 bis 25 Meter weitergefahren. Dort wurden sie dann von Mitarbeitern des Schlachthofs aus den Kisten gepackt und in ein Hakensystem eingehängt – mit den Füßen, um dann quasi im Förderband zu sein. Man sieht aber insgesamt, dass es dort ganz, ganz krass industrialisiert ist und wirklich jeder Schritt nach Möglichkeit vollautomatisiert läuft, um möglichst wenig Arbeitsschritte zu haben.– Recherche-Aktivist im Interview Die Hühner in den Transportboxen, die gerade mit dem LKW auf den Hof des Buckl-Schlachthofs in Bayern rollen, sind dazu verdammt, zum sogenannten „Suppenhuhn“ zu werden: Ihr ausgemergeltes Skelett, manchmal mit gebrochenen Knochen, schmale Schenkel und Brüste – all das ist für „KFC“, „Burger King“ oder „McDonald’s“ nicht fleischig genug. Stattdessen sollen sie zum Spottpreis von ein bis zwei Euro pro Kilogramm in der Tiefkühltruhe von „REWE“, „Edeka“ und Co. verkauft werden. Nur so kann wieder ein Plus am Ende der Rechnung stehen. Der Schlachthof hier ist eine Art „Entsorgungsstätte“ für einen ganzen Industriezweig. Und dementsprechend scheiße wird hier auch gearbeitet. Die Arbeit an diesem Fließband wird wohl kaum in unsere Vorstellung einer „Work-Life-Balance“ passen. Aber es wird noch schlimmer kommen, als alle dachten…
Das ganze Skript?
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Das war „dreckige Pfoten“ mit „Alleine im Schlachthof“.
„dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.
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Intro-Musik von: Manuel Rathje
Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de
Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI € erstellt.
Quellen & Hintergründe
Die Aufdeckung bei ANINOVA:
https://aninova.org/aufdeckung/schlachthof-luna-suppenhuehner/
Die Pressemitteilung von ANINOVA:
„Skandal-Schlachthof Buckl: Strafbefehle gegen sieben Mitarbeiter“ in der Süddeutschen Zeitung am 18.02.2026:
„Design For More Eggs“ (1962) aus dem Prelinger-Archive:
https://archive.org/details/Design_For_More_Eggs
„Ein Mann für alle Ställe: Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister gewinnt Profil“ in der ZEIT am 19. August 1988:
https://www.zeit.de/1988/34/ein-mann-fuer-alle-staelle/
Archiv: https://web.archive.org/web/20171229125904/http://www.zeit.de/1988/34/ein-mann-fuer-alle-staelle/komplettansichtDer ehemalige Schlachthof „Buckl“ in Wassertrüdingen:
Geschichten
Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.
