Schweinesystem DDR
Gülle, Gier und Fehler, die wir wiederholen
Ein Staat, der alles planen wollte. Fleischquoten, Exportziele, Außenpolitik. Und irgendwann auch: 1,3 Millionen Kubikmeter Schweinegülle – die keiner wollte, niemand wegbekam und die schließlich einfach auslief.
Das ist keine Dystopie. Das ist die Geschichte des VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde. Und sie ist noch nicht vorbei.
Frieden durch Schweinefleisch
In der DDR war Schweinefleisch kein gewöhnliches Lebensmittel. Fleisch sollte die unabhängige Eigenversorgung sichern und gleichzeitig für schnelles Geld sorgen.
Die Idee dahinter war simpel: Massiver Fleischexport sollte Devisen bringen, politische Stabilität sichern und den real existierenden Sozialismus nach außen hin als funktionierendes System verkaufen. Schweinefleisch als Friedensprojekt – so zumindest die Logik der Planwirtschaft.
Das VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde (kurz: SZME) war der sichtbare Ausdruck dieser Logik.
Dieser größte Schweinemastbetrieb der DDR in der Nähe von Eberswalde in Brandenburg, war ganz weit entfernt von der „bäuerlichen Landwirtschaft“: Es war eine Fabrik.
- 190.000 Schweine, Sauen und Ferkel wurden hier gleichzeitig gehalten.
- 4 Millionen Schweine wurden in rund 20 Jahren Betrieb zum Schlachten geschickt.
- 800 Mitarbeitende und 1.800 Auszubildende beschäftigte der Betrieb in DDR-Zeiten.
- Vertikale Integration im DDR-Stil: ein verzweigtes Produktionsnetz – von der Futterrezeptur bis zur Schlachtung der Tiere.
Die Tiere zählten in dieser Kalkulation nie als Individuum. Sie waren Einheiten. Produktionsmittel. Nummern in einem Plan. Ein Plan, der die DDR unabhängig machen sollte.
Friedensplan: Schwein
Was vielleicht nicht auf den ersten Blick so wirkt, aber: Tiere wie Produkte zu produzieren, hat der DDR über Jahrzehnte beinahe den Status des Exportmeisters eingebracht – zumindest, was Schweinefleisch angeht.
Jahr für Jahr stieg die Produktivität der VEB (volkseigenen Betriebe) der DDR. Darunter eben auch jene SZME und ähnliche Tierfabriken. Jährlich wuchs der Export von Schweinefleisch ins (europäische) Ausland aus dem sozialistischen Ostdeutschland.
Exporte halfen, Devisen zu beschaffen. Und die wiederum waren ein wichtiger Teil, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten.
Das wiederum machte möglich, dass aus dem Ausland importiert werden konnte, was der Zwergstaat nicht selbst produzieren konnte oder wozu die Rohstoffe fehlten.
Damit trieb auch der Export von toten Schweineteilen den DDR-Wirtschaftsmotor an.
Die Probleme dahinter, wurden aber lieber verschwiegen. Bis sie zu offensichtlich wurden.
Das Problem, das keiner einplante: Gülle
Wer 190.000 Schweine hält, hat ein Abfallproblem.
Allein das SZME produzierte bis zu 1,5 Millionen Kubikmeter Gülle jährlich. Das sind knapp drei Prozent Kot und Urin der jährlichen Gülle, die in der gesamten DDR produziert wurde.
Jeden einzelnen Tag ein volles Olympia-Schwimmbecken. Pro Jahr sogar 520 davon.
Gülle aus der Tierhaltung wird üblicherweise als Dünger auf Äcker ausgebracht. Aber selbst das hat Grenzen – Böden können nicht alles aufnehmen. Was darüber hinausgeht, versickert ins Grundwasser, verseucht den Boden, zerstört Ökosysteme. Vom Gestank im Umkreis ganz zu schweigen.
In der SZME war diese Grenze längst überschritten. Die Äcker der Region konnten die Güllemassen nicht mehr aufnehmen. Die Folgen waren Überdüngung, Schadstoffkontamination und eine schleichende Verseuchung von Boden und Grundwasser – dokumentiert, bekannt, und trotzdem nicht gestoppt.
Als die Behälter barsten
Es blieb nicht bei schleichenden Schäden. Im April 1976 liefen in Eberswalde 5.000 Kubikmeter Gülle aus einem beschädigten Behälter aus. 1975 passierte schon etwas Ähnliches in der Nähe von Rostock, wo sogar 35.000 Kubikmeter Gülle ausliefen. Die Folge waren wortwörtliche Scheiße-Seen: Gülletümpel bildeten sich auf dem Gelände und in der Umgebung. Es gab jede Menge Gestank, Erosion und nachhaltige Bodenverseuchung. Die Havarie von 1976 war so gravierend, dass sie sogar von Funktionären dokumentiert wurde. In einem Bericht heißt es:Wie die Experten feststellten, kann in großen industriemäßig produzierenden Anlagen der Tierproduktion mit weiteren derartigen Havarien gerechnet werden, da von vielen leitenden Kadern der Mastkombinate in erster Linie die Produktion von Fleisch gesehen und den wichtigen Nebenanlagen wie der Güllelagerung und Aufbereitung zu wenig Beachtung geschenkt werde.– Info Nr. 450/76: Bruch des Gülleauffangbeckens, Schweinezuchtkombinat Eberswalde Das System wusste also, was es tat. Die Funktionäre wussten, dass weitere Havarien kommen würden, wenn kein Umdenken passierte. Und trotzdem priorisierte der Staat die Fleischproduktion – komme, was wolle. Karl-Rüdiger Zweig, der von 1976 bis 1991 im SZME arbeitete, erinnerte sich im März 2026 gegenüber der Märkischen Oderzeitung an eine der sichtbarsten Folgen:
Zu den größten Problemen des SZME gehörte das Ammoniak in der Gülle, das dafür gesorgt hat, dass in der Hauptwindrichtung die Bäume gelb wurden..– MOZ-Artikel vom 07.03.2026
Was das mit uns zu tun hat
Tja, jetzt habe ich den Realsozialismus ja ganz schön mies dastehen lassen: DDR, Planwirtschaft, Systemversagen – alles vorbei, alles gelernt.
Ist es nicht!
Leider hat mich sogar ein Buch aus dem Jahr 1983 auf die Idee für diesen Artikel und eine Podcastfolge gebracht:
Denn schon Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler haben ihre Erlebnisse bei Recherchen für ihre TV-Beiträge im Buch „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht – Mafia-Methoden in der deutschen Landwirtschaft“€ festgehalten. Da geht es um Korruption, die niemand so nennt, Mais, der sogar dort gedeiht, wo Gülle nur noch im nährstoffarmen Boden versickert – und jede Menge Tierleid.
Und das alles sogar in Westdeutschland: Der „kapitalistische Westen“ hat vor allem um Oldenburg eine riesige Tierindustrie herangezüchtet, die das Land Niedersachsen mit Gülle beinahe überschwemmte.
Noch heute leiden die Böden unter einer immensen Nitratbelastung – und komischerweise besonders dort, wo Agrar-Großindustrielle ihre Ställe hinpflanzten und Tiere in diesen fensterlosen Gebäuden in Turbomast hochzogen.
Gerbisbach
Gleichzeitig steht fast 50 Jahre nach den Gülle-Havarien von Eberswalde und Rostock ein vergleichbarer Güllebehälter neben einer riesigen Schweinemastanlage in Sachsen-Anhalt. Angeblich ist der Behälter für die immense Menge an Urin und Kot der 28.000 Schweine stabil genug. Let’s hope so!
Im Westen wird Gülle heute sogar im großen Stil importiert. Ein ganz normales Geschäft – manchmal werden Abnahmeverträge sogar gefälscht, damit große Tierfabriken, noch größer werden können.
Dabei wird aber insgesamt etwas deutlich: Die Strukturen haben sich vielleicht verändert. Es sind mitunter auch strengere Politiker:innen in Ämter gekommen, die vorher der Landwirtschaft die Türen zur intensiven Tierhaltung geöffnet haben. Aber die Logik hat sich nicht grundlegend verändert: Fleischproduktion für Profit, Gülle als Nebenprodukt, Umwelt als Puffer, Tiere als Leidtragende.
Das Leid, das in solchen Anlagen täglich entsteht – für die Schweine, für die Böden, für die Menschen, die in der Nähe wohnen – ist nicht weniger real, weil es selten auf den Titelseiten landet. Es erregt keine virale Empörung wie gestrandete Wale oder Hunde in Tötungsstationen. Es ist unsichtbar, weil es hinter Fabrikmauern stattfindet, weil es Routine ist, weil man sich daran gewöhnt hat – über Jahrzehnte.
Wir müssen aufhören, uns an das Leid zu gewöhnen. Wir können nicht einfach weiter hinnehmen, dass unsere Landschaft mehrfach im Jahr ekelerregend stinkt, nur weil die Tierindustrie auf ihren Profit nicht verzichten will.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unbequeme Wahrheiten aussprechen können.
Macht das Maul auf. Zeigt Rückgrat. Lasst die Tiere endlich in Ruhe.
dreckige Pfoten öffnet Türen. Der Podcast lässt die Menschen zu Wort kommen, die Tierleid dokumentieren. Er erzählt die True-Crime-Fälle, über die niemand spricht – investigativ recherchiert, mit allen Quellen offengelegt.
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