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  • Gerbisbach: Wie ein Fall zum Sinnbild für Behördenversagen wurde

    Gerbisbach: Wie ein Fall zum Sinnbild für Behördenversagen wurde

    True Crime in Deutschland – unterschätzte Fälle

    Ein Dörfchen in Sachsen-Anhalt. Felder, Stille, der Geruch von Gülle in der Luft. Und irgendwo dahinter: tausende Schweine hinter Dämmen aus Bürokratie.

    Nein zur Schweinemast in Gerbisbach

    Stell dir vor: Ein Gericht entscheidet, dass eine Anlage so nicht betrieben werden darf. Die Behörden wissen es. Die Anwohner:innen kämpfen seit Jahren dagegen an. Und die Schweinefarm läuft einfach weiter.

    Das klingt nach einem Krimi. Es ist aber ein realer Fall aus Sachsen-Anhalt – und er zeigt, wie systematisch das Versagen von Behörden, Politik und Rechtsstaat gegenüber der grausamen Massentierhaltung sein kann.

    Was in Gerbisbach passiert ist

    Seit 2014 betreibt ein Unternehmer in Gerbisbach eine Anlage mit zigtausenden Schweinen.

    Die Menschen in der Nähe wollten das von Beginn an nicht einfach hingenommen. Sie haben Akten durchforstet, Anwält:innen eingeschaltet, Petitionen gestartet. Sie haben geklagt, verloren, wieder geklagt – und inzwischen gewonnen!

    Und doch: Der Betrieb läuft. Jahr für Jahr. Die Abgründe der Massentierhaltung bleiben für tausende Schweine pro Jahr Realität.

    Im Zentrum steht nicht nur ein Unternehmen, das Regeln bricht – sondern auch ein früherer Landwirtschaftsminister, der nach seiner politischen Karriere als Berater für eben diese Branche tätig wurde. Ein klassisches Drehtür-Phänomen zwischen Politik und Agrarindustrie.

    Der riesige Schweinestall in Gerbisbach hat bis heute keine rechtsgülitige Genehmigung - aber läuft weiter...

    Warum dieser Fall so symptomatisch ist

    Der Fall Gerbisbach ist kein Einzelfall – er ist ein Muster. Er zeigt:

    • Wie langsam Rechtsmittel gegen industrielle Tierhaltung wirken, selbst wenn Bürger:innen Recht bekommen.
    • Wie politische Netzwerke dafür sorgen können, dass Vollzug ausbleibt.
    • Wie Bürger:innen jahrelang gegen ein System kämpfen – und trotzdem kaum gehört werden.
    • Und wie die Geschichte der DDR-Landwirtschaft bis heute nachwirkt: Viele dieser Megaanlagen entstanden aus ehemaligen LPG-Betrieben – und wurden nach der Wende privatisiert, ohne dass die strukturellen Probleme gelöst wurden.

    Ein Kampf, den kaum jemand sieht

    Man muss sich das vorstellen: Da sitzen Menschen an Küchentischen, wälzen Gerichtsbeschlüsse, schreiben Einsprüche – während ein paar hundert Meter entfernt die Anlage läuft, als wäre nichts. Keine News, keine nationale Berichterstattung. Aber jede Menge Aktenordner und Erschöpfung.

    Während einzelne Tierrettungsaktionen gottseidank viral gehen, bleibt das systemische Versagen oft im Verborgenen. Kein Einzelschicksal, das sich leicht teilen lässt. Nur ein jahrelanger, stiller Kampf gegen Mühlen, die sich einfach weiterdrehen. Zermürbende Realität der Tierfabriken-Gegner:innen.

    Genau das ist der Grund, warum dreckige Pfoten über solche Fälle berichtet. Die systematische Untergrabung von Tierrechten und gezielte Lobbyarbeit muss aufgedeckt werden.

    Den ganzen Fall hören

    In der zweiteiligen Episode „Lobby Schweinerei“ nimmt dreckige Pfoten den Fall Gerbisbach auseinander: die Vorgeschichte, die Gerichtsverfahren, die politischen Verbindungen und den Kampf einer Anwohnerin seit 20 Jahren.

    dreckige Pfoten öffnet Türen. Der Podcast lässt die Menschen zu Wort kommen, die Tierleid dokumentieren. Er erzählt die True-Crime-Fälle, über die niemand spricht – investigativ recherchiert, mit allen Quellen offengelegt.

    Die Musik und die KI-Stimmen habe ich von Artlist. Meldet euch unter diesem Link an, um diese Musik, AI-Bilderstellung oder AI-Voice-overs und vieles andere für euren Content zu nutzen.
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  • Schweinesystem DDR

    Schweinesystem DDR

    Schweinesystem DDR

    Gülle, Gier und Fehler, die wir wiederholen

    Ein Staat, der alles planen wollte. Fleischquoten, Exportziele, Außenpolitik. Und irgendwann auch: 1,3 Millionen Kubikmeter Schweinegülle – die keiner wollte, niemand wegbekam und die schließlich einfach auslief.

    Das ist keine Dystopie. Das ist die Geschichte des VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde. Und sie ist noch nicht vorbei.

    Frieden durch Schweinefleisch

    In der DDR war Schweinefleisch kein gewöhnliches Lebensmittel. Fleisch sollte die unabhängige Eigenversorgung sichern und gleichzeitig für schnelles Geld sorgen.

    Die Idee dahinter war simpel: Massiver Fleischexport sollte Devisen bringen, politische Stabilität sichern und den real existierenden Sozialismus nach außen hin als funktionierendes System verkaufen. Schweinefleisch als Friedensprojekt – so zumindest die Logik der Planwirtschaft.

    Das VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde (kurz: SZME) war der sichtbare Ausdruck dieser Logik.

    Dieser größte Schweinemastbetrieb der DDR in der Nähe von Eberswalde in Brandenburg, war ganz weit entfernt von der „bäuerlichen Landwirtschaft“: Es war eine Fabrik.

    • 190.000 Schweine, Sauen und Ferkel wurden hier gleichzeitig gehalten.
    • 4 Millionen Schweine wurden in rund 20 Jahren Betrieb zum Schlachten geschickt.
    • 800 Mitarbeitende und 1.800 Auszubildende beschäftigte der Betrieb in DDR-Zeiten.
    • Vertikale Integration im DDR-Stil: ein verzweigtes Produktionsnetz – von der Futterrezeptur bis zur Schlachtung der Tiere.

    Die Tiere zählten in dieser Kalkulation nie als Individuum. Sie waren Einheiten. Produktionsmittel. Nummern in einem Plan. Ein Plan, der die DDR unabhängig machen sollte.

    Schwein im Kastenstand - Mutter hinter Gittern

    Friedensplan: Schwein

    Was vielleicht nicht auf den ersten Blick so wirkt, aber: Tiere wie Produkte zu produzieren, hat der DDR über Jahrzehnte beinahe den Status des Exportmeisters eingebracht – zumindest, was Schweinefleisch angeht.

    Jahr für Jahr stieg die Produktivität der VEB (volkseigenen Betriebe) der DDR. Darunter eben auch jene SZME und ähnliche Tierfabriken. Jährlich wuchs der Export von Schweinefleisch ins (europäische) Ausland aus dem sozialistischen Ostdeutschland.

    Exporte halfen, Devisen zu beschaffen. Und die wiederum waren ein wichtiger Teil, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten.

    Das wiederum machte möglich, dass aus dem Ausland importiert werden konnte, was der Zwergstaat nicht selbst produzieren konnte oder wozu die Rohstoffe fehlten.

    Damit trieb auch der Export von toten Schweineteilen den DDR-Wirtschaftsmotor an.

    Die Probleme dahinter, wurden aber lieber verschwiegen. Bis sie zu offensichtlich wurden.

    Gülle ist einer der wichtigsten und gleichzeitig auch problematischsten "Nebenprodukte" der intensiven Tierhaltung.

    Das Problem, das keiner einplante: Gülle

    Wer 190.000 Schweine hält, hat ein Abfallproblem.

    Allein das SZME produzierte bis zu 1,5 Millionen Kubikmeter Gülle jährlich. Das sind knapp drei Prozent Kot und Urin der jährlichen Gülle, die in der gesamten DDR produziert wurde.

    Jeden einzelnen Tag ein volles Olympia-Schwimmbecken. Pro Jahr sogar 520 davon.

    Gülle aus der Tierhaltung wird üblicherweise als Dünger auf Äcker ausgebracht. Aber selbst das hat Grenzen – Böden können nicht alles aufnehmen. Was darüber hinausgeht, versickert ins Grundwasser, verseucht den Boden, zerstört Ökosysteme. Vom Gestank im Umkreis ganz zu schweigen.

    In der SZME war diese Grenze längst überschritten. Die Äcker der Region konnten die Güllemassen nicht mehr aufnehmen. Die Folgen waren Überdüngung, Schadstoffkontamination und eine schleichende Verseuchung von Boden und Grundwasser – dokumentiert, bekannt, und trotzdem nicht gestoppt.

     

    VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde (SZME)
    VEB Schweinezucht- und Mastkombinat Eberswalde (SZME)

    Als die Behälter barsten

    Es blieb nicht bei schleichenden Schäden. Im April 1976 liefen in Eberswalde 5.000 Kubikmeter Gülle aus einem beschädigten Behälter aus. 1975 passierte schon etwas Ähnliches in der Nähe von Rostock, wo sogar 35.000 Kubikmeter Gülle ausliefen. Die Folge waren wortwörtliche Scheiße-Seen: Gülletümpel bildeten sich auf dem Gelände und in der Umgebung. Es gab jede Menge Gestank, Erosion und nachhaltige Bodenverseuchung. Die Havarie von 1976 war so gravierend, dass sie sogar von Funktionären dokumentiert wurde. In einem Bericht heißt es:
    Wie die Experten feststellten, kann in großen industriemäßig produzierenden Anlagen der Tierproduktion mit weiteren derartigen Havarien gerechnet werden, da von vielen leitenden Kadern der Mastkombinate in erster Linie die Produktion von Fleisch gesehen und den wichtigen Nebenanlagen wie der Güllelagerung und Aufbereitung zu wenig Beachtung geschenkt werde.
    Info Nr. 450/76: Bruch des Gülleauffangbeckens, Schweinezuchtkombinat Eberswalde Das System wusste also, was es tat. Die Funktionäre wussten, dass weitere Havarien kommen würden, wenn kein Umdenken passierte. Und trotzdem priorisierte der Staat die Fleischproduktion – komme, was wolle. Karl-Rüdiger Zweig, der von 1976 bis 1991 im SZME arbeitete, erinnerte sich im März 2026 gegenüber der Märkischen Oderzeitung an eine der sichtbarsten Folgen:
    Zu den größten Problemen des SZME gehörte das Ammoniak in der Gülle, das dafür gesorgt hat, dass in der Hauptwindrichtung die Bäume gelb wurden..
    MOZ-Artikel vom 07.03.2026

    Was das mit uns zu tun hat

    Tja, jetzt habe ich den Realsozialismus ja ganz schön mies dastehen lassen: DDR, Planwirtschaft, Systemversagen – alles vorbei, alles gelernt.

    Ist es nicht!

    Leider hat mich sogar ein Buch aus dem Jahr 1983 auf die Idee für diesen Artikel und eine Podcastfolge gebracht:

    Denn schon Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler haben ihre Erlebnisse bei Recherchen für ihre TV-Beiträge im Buch „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht – Mafia-Methoden in der deutschen Landwirtschaft“ festgehalten. Da geht es um Korruption, die niemand so nennt, Mais, der sogar dort gedeiht, wo Gülle nur noch im nährstoffarmen Boden versickert – und jede Menge Tierleid.

    Und das alles sogar in Westdeutschland: Der „kapitalistische Westen“ hat vor allem um Oldenburg eine riesige Tierindustrie herangezüchtet, die das Land Niedersachsen mit Gülle beinahe überschwemmte.

    Noch heute leiden die Böden unter einer immensen Nitratbelastung – und komischerweise besonders dort, wo Agrar-Großindustrielle ihre Ställe hinpflanzten und Tiere in diesen fensterlosen Gebäuden in Turbomast hochzogen.

     

    Schweinemastanlage in Gerbisbach im Jahr 2025
    Schweinemastanlage in Gerbisbach im Jahr 2025

    Gerbisbach

    Gleichzeitig steht fast 50 Jahre nach den Gülle-Havarien von Eberswalde und Rostock ein vergleichbarer Güllebehälter neben einer riesigen Schweinemastanlage in Sachsen-Anhalt. Angeblich ist der Behälter für die immense Menge an Urin und Kot der 28.000 Schweine stabil genug. Let’s hope so!

    Im Westen wird Gülle heute sogar im großen Stil importiert. Ein ganz normales Geschäft – manchmal werden Abnahmeverträge sogar gefälscht, damit große Tierfabriken, noch größer werden können.

    Dabei wird aber insgesamt etwas deutlich: Die Strukturen haben sich vielleicht verändert. Es sind mitunter auch strengere Politiker:innen in Ämter gekommen, die vorher der Landwirtschaft die Türen zur intensiven Tierhaltung geöffnet haben. Aber die Logik hat sich nicht grundlegend verändert: Fleischproduktion für Profit, Gülle als Nebenprodukt, Umwelt als Puffer, Tiere als Leidtragende.

    Das Leid, das in solchen Anlagen täglich entsteht – für die Schweine, für die Böden, für die Menschen, die in der Nähe wohnen – ist nicht weniger real, weil es selten auf den Titelseiten landet. Es erregt keine virale Empörung wie gestrandete Wale oder Hunde in Tötungsstationen. Es ist unsichtbar, weil es hinter Fabrikmauern stattfindet, weil es Routine ist, weil man sich daran gewöhnt hat – über Jahrzehnte.

    Wir müssen aufhören, uns an das Leid zu gewöhnen. Wir können nicht einfach weiter hinnehmen, dass unsere Landschaft mehrfach im Jahr ekelerregend stinkt, nur weil die Tierindustrie auf ihren Profit nicht verzichten will.

    Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unbequeme Wahrheiten aussprechen können.

    Macht das Maul auf. Zeigt Rückgrat. Lasst die Tiere endlich in Ruhe.

    dreckige Pfoten öffnet Türen. Der Podcast lässt die Menschen zu Wort kommen, die Tierleid dokumentieren. Er erzählt die True-Crime-Fälle, über die niemand spricht – investigativ recherchiert, mit allen Quellen offengelegt.

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  • falsche Vergleiche

    falsche Vergleiche

    falsche Vergleiche

    „Holocaust“-Vergleich und warum das nicht funktioniert

    So erschreckend die Realität der Massentierhaltung auch ist – manche Vergleiche haben problematische Wurzeln und sollten wir vermeiden.

    Junge Ferkel in der Massentierhaltung sind nur Opfer eines industrialisierten Prozesses
    Junge Ferkel in der Massentierhaltung sind nur Opfer eines industrialisierten Prozesses

    Eine kurze Geschichte des Missbrauchs

    PETA führte zwischen 2005 und 2009 die Kampagne „Holocaust auf deinem Teller“ durch. Das Bundesverfassungsgericht untersagte sie, weil die Kampagne „das Schicksal der Holocaust-Opfer trivialisiert und banalisiert.“ Die taz hat das Urteil und die Reaktionen damals gut aufgearbeitet.

    Seitdem hat sich wenig geändert. Auf Instagram kursieren weiterhin entsprechende Bilder, Gruppen wie 269life arbeiten mit Holocaust- und Sklaverei-Symbolik, auch die „militante Veganerin“ versucht diesen Vergleich immer wieder zu legitimieren.

    Selbst die Stiftung für Tierschutz hat sich klar von solchen Vergleichen distanziert – ein deutliches Signal, das aus der eigenen Szene kommt.

    dreckige pfoten

    Warum der Begriff „Holocaust“ fehl am Platz ist

    Ob verirrte Abtreibungsgegner:innen oder Rechtsextreme: Die Grausamkeit des eigenen Themenschwerpunktes wird von manchen Akteur:innen gerne mit dem Superlativ schlechthin bezeichnet oder verglichen: Ob „Bombenholocaust“ oder „Hühner-KZ“ – es gibt vermutlich nichts, was nicht mal mit der größten, organisierten Massenvernichtung von Menschen in der jüngeren Geschichte verglichen wurde.

    Ich verstehe den Drang, unmenschliche Taten mit starken Worten zu benennen. Aber genau hier liegt das Problem.

    Menschen, die sich für Tiere einsetzen, wollen eine Welt aufbauen, die frei von Leid, Unterdrückung und Diskriminierung ist. Doch dieses gemeinsame Ziel lässt uns manchmal vergessen, dass es auch Wege gibt, die mehr schaden als nützen. Und das sage ich als jemand, der sich seit Jahren mit Massentierhaltung, Tierausbeutung und Aktivismus beschäftigt.

    Einer dieser falschen Wege ist die Nutzung von Holocaust-Vergleichen: Ein Vergleich von Shoa und der industriellen Tierhaltung

    Das Wort „Holocaust“ beschreibt heutzutage den von den Nationalsozialisten begangenen Völkermord, dem rund 11 Millionen Menschen – vorwiegend Jüdinnen und Juden oder Romani – zum Opfer fielen.

    Es gibt Menschen, die diese Vergleiche deutlich ablehnen:

    Tierquälerei sollte abgelehnt werden, kann und darf jedoch nicht mit dem Holocaust verglichen werden.

    Abraham H. Foxman, Anti Defamation League

    Gleichzeitig gibt es sogar Shoah-Überlebende, die ihn noch immer nutzen:

    Mit Entsetzen stellte ich die frappierenden Ähnlichkeiten fest zwischen dem, was die Nazis meiner Familie und meinem Volk angetan haben, und dem, was wir den Tieren antun, die wir zur Ernährung züchten[…]

    Alex Hershaft, Mitbegründer Farm Animal Rights Movement

    Aber ein entscheidender Punkt ist: Axel Hershaft hat den Holocaust selbst überlebt und erzählt fast immer seine eigene Geschichte, wenn er seine eigene Analogie von Holocaust und Tierausbeutung nutzt.

    Dass ihn jetzt wiederum Dutzende Tierrechtsaktivist:innen zitieren – weil er ja Jude, Shoa-Überlebender und Veganer ist –, dann ist das nicht mehr als Tokenism.

    Ausstellung von "The Animal Holocaust" der Künstlerin Jo Friederiks

    Sechs Gründe, warum dieser Vergleich nicht funktioniert:

    1. Er verharmlost die Schoa. Schlachtung ist kein Völkermord – der Begriff ist klar definiert als die gezielte Vernichtung einer Gruppe aufgrund ihrer Identität. Beides in einem Atemzug zu nennen, relativiert das eine.

    2. Er ist rhetorisch billig. Filmaufnahmen aus Schlachthöfen, der Tierhaltung selbst und Zeugenberichte aus der Massentierhaltung reichen aus, um Empathie auszulösen. Wir brauchen keine wackelige Symbolik oder Tokenism.

    3. Er zeigt fehlende Empathie gegenüber Überlebenden. Es gibt nur noch wenige Überlebende der Shoah und wir sollten deren Geschichten anhören, sie fragen und wenig Pietät zeigen.

    4. Er lässt sich nicht zurückfordern. Auch wenn das Wort historisch andere Bedeutungen hatte – es ist untrennbar mit dem industriellen Massenmord im Nationalsozialismus verbunden. So wenig wie man das Swastika / Hakenkreuz heute neu besetzen kann, funktioniert das mit dem Begriff „Holocaust“.

    5. Er schadet der Bewegung. Solche Vergleiche spielen denen in die Hände, die Tierrechtsaktivist:innen als fanatisch oder weltfremd darstellen wollen.

    6. Er liefert Rechtsextremen Argumente. Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs stärkt antihumane Narrative – zum Beispiel die Behauptung, die Shoa sei nicht schlimmer als die heutige Tierhaltung. Die Fachstelle Radikalisierungsprävention FARN hat diesen Zusammenhang gut dokumentiert.

    dreckige pfoten

    Hier auch eine detaillierte Aufarbeitung über diesen Vergleich. Folgt @KritikDesVeganismus 

    Warum der Vergleich inhaltlich auch nicht stimmt

    Tiere werden auf erschreckende, industrialisierte Weise ausgebeutet – aus kapitalistischen Gründen. Der Holocaust verfolgte einen völlig anderen Zweck: Menschen wurden wegen ihrer Herkunft, Religion oder Abstammung ermordet. Profit war nicht der Antrieb – Vernichtung war es.

    Diese Unterschiede wegzudiskutieren, um einen rhetorischen Punkt zu machen, ist historisch unredlich. Und wie The Abolitionist Approach es auf den Punkt bringt:

    Was für einen Sinn macht es zu sagen, dass wir eine Gruppe instrumentell behandeln sollten, um einer anderen Gruppe zu helfen?
    Puten leiden in der Tierhaltung massiv
    Puten leiden in der Tierhaltung massiv
    dreckige pfoten

    Nicht das Ende der problematischen Vergleiche

    Leider ist mit dem „Holocaust-Vergleich“ nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Immer wieder sehen sich aktivistisch agierende Menschen dazu gezwungen, fragwürdige, verletzende oder durch und durch verachtenswürdige Vergleiche zu machen.

    Ein Instagram-User: "Voll richtig. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wieso man gleich ein schlechter Mensch ist, nur weil man ab und zu auf Epstein Island war. Ich meine, wenn man doch sonst so viel Gutes macht..."
    Ein Instagram-User: „Voll richtig. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wieso man gleich ein schlechter Mensch ist, nur weil man ab und zu auf Epstein Island war. Ich meine, wenn man doch sonst so viel Gutes macht…“

    Im Ursprungspost ging es darum, einen Tierschützer zu othern – also abseits der eigenen Gruppe zu verorten. Völlig legitim, sich abzugrenzen von Menschen, die einem nicht gefallen. I do it all the time.

    Aber braucht es dazu den Vergleich dieser Person mit den Tätern (!) einer der größten Pädokriminellen-Verstrickungen?

    Nennt mir gerne eine Studie, die sagt, dass diese Vergleiche Leute nicht abschrecken, sondern zum Umdenken ihrer Handlungen bringen – ich warte so lange!

    Ein Versuch der Aufschlüsselung

    Gehen wir kurz in die Begründung für solche Vergleiche rein:

    Dieser Vergleich ist keine Gleichsetzung – es ist eine Analogie in der Art:

    Nicht-Veganer:innen verhalten sich ähnlich moralisch korrupt, wie Pädokriminelle / Mörder […] die ab und zu was Gutes tun.

    Es ist eine Veranschaulichung, eine Verbildlichung und mehr nicht. Das zumindest sagt die Logik dahinter.

    Nirgendwo geht es in diesem Vergleich aber darum, dass Tieren ein Recht auf Unversehrtheit zugerechnet wird. Noch schlimmer: Dieser Vergleich nutzt Mensch-zu-Mensch-Analogien*, die lediglich die Abwertung von einem Individuum zum anderen hervorheben.

    Die Opfer werden bei solchen Vergleichen vollkommen vernachlässigt: Weder die Opfer der Epstein-Täter stehen im Fokus, noch die Tiere, um die es angeblich eigentlich hier gehen soll.

    Wir könnten jetzt noch auf die Fallstricke für antisemitische Verschwörungstheorien rund um die Epstein-Fälle sprechen, aber das würde nun endgültig den Rahmen sprengen.

    Aber wer mit solchen Aussagen abserviert wird, hat wohl wenig Lust, sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Im allerbesten Fall hat die Person sich ertappt gefühlt und überdenkt gewisse Entscheidungen in Zukunft.

    Aber macht es den Epstein-Vergleich „in Ordnung“?



    * Ein bekannter Vegan-Influencer benützt dazu gerne das Wort „Humanbereich“, was an sich schon ein Othering ist.

    Die Kastration von Ferkeln ist erst seit wenigen Jahren nur noch mit Betäubung erlaubt.
    Die Kastration von Ferkeln ist erst seit wenigen Jahren nur noch mit Betäubung erlaubt.

    Als Multiplikator:innen haben wir die Möglichkeit, das Narrativ zu wählen, das wir für angemessen halten. Wenn wir uns also entscheiden können, wie wir nach außen agieren und Menschen ansprechen, dann können wir auch sagen: „Diesen Scheiß-Vergleich nutze ich nicht!“

    Und wer es dann trotzdem immer noch tut, der hat halt die Löffel am brennen.

    Egal, welche vielleicht lobenswerte Motivation hinter solchen Ausbrüchen liegt: Wir brauchen keine solchen abscheulichen Vergleiche. Punkt.

    dreckige pfoten

    Die Wahrheit reicht aus

    Wir haben genug Material, um zu zeigen, wie wir mit Tieren umgehen. Undercover-Aufnahmen aus allen Mast- und Zuchtbetrieben, sogar grausame Aufnahmen aus dem Schlachthof. Es gibt wissenschaftliche Gutachten und Studien – die Fakten sprechen für sich. Wer mehr Kontext zur Geschichte und Mechanik solcher Vergleiche sucht, findet bei.

    Wir brauchen keine hinkenden Analogien, um unsere Arbeit zu legitimieren. Die Realität der Massentierhaltung ist brutal genug.

    Und wer für Tierrechte kämpft, sollte das tun, ohne andere Gruppen zu instrumentalisieren – das gilt sprachlich genauso wie politisch.

    Der Anspruch „Alles für die Tiere“ ist kein Aktivismus. Er ist ein Fehler.

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