Kategorie: Episoden

Jede Folge von dreckige Pfoten

  • 03. Blackbox Schlachthof 3/3

    03. Blackbox Schlachthof 3/3

    blackbox schlachthof 03

    Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

    Anna und Hendrik stehen vor Gericht: Hausfriedensbruch, Unterlassung, Schadensersatz – weil sie Bilder veröffentlicht haben, die ein „Tierwohl“-Schlachthof am liebsten für immer verschwinden lassen würde.​

    Diese Folge erzählt, wie der Prozess abläuft, welche Einschüchterungstaktiken der Betrieb fährt und warum dieser Fall zur Grundsatzfrage wird: Sind Tierschützer:innen Täter:innen – oder die wichtigsten Zeug:innen systematischer Tierqual?

    recap

    In den letzten zwei Folgen von „dreckige Pfoten“ haben wir den Schlachthofprozess unter die Lupe genommen: Zwei Tierschützer stehen vor Gericht, weil ein „Tierwohl“-Schlachthof die Bilder aus seinem Betrieb nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

    Anna und Hendrik haben uns beschrieben, welche Qualen Schweine bei der CO₂-Betäubung in einem Schlachthof durchmachen müssen. Diese Art der Betäubung vor dem eigentlichen Schlachten ist höchst umstritten – und trotzdem hoher Standard in deutschen Schweineschlachthöfen.

    Statt schillernder Werbe-Kulisse haben ihre Aufnahmen gezeigt, was wirklich passiert, wenn Schweine mit der sogenannten CO₂-Gondel in die Tiefe fahren: Schreie, Panik, Todeskampf.

    Diese Bilder landeten im Fernsehen, in Zeitungen – und plötzlich war aus dem Vorzeige-„Tierwohl“-Schlachthof ein Ort der Qualen geworden, über den ganz Deutschland diskutiert.

    Wir haben uns auch angeschaut, wie sich Schlachtung historisch entwickelt hat, warum Betäubung so oft schiefgeht und wieso Methoden wie CO₂ und Elektroschock für Millionen Tiere eher qualvoller Standard als Ausnahme sind.

    Und über allem hängt die Frage: Wer steht hier wirklich vor Gericht – die, die Tiere quälen, oder die, die diese Qual sichtbar machen?​

    dreckige pfoten

    1. Der Schlachthof-Prozess

    Wir werden in diesem Podcast noch öfter darüber reden, warum Tierrechtsaktivisti ihre Freiheit und manchmal auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um uns hier draußen zu zeigen, welche Hölle die Tiere durchmachen müssen.

    Sie alle treibt an, Tieren eine Lobby zu geben. Die Aktivisti verstärken die unendlich vielen Schreie von empfindungsfähigen Lebewesen, damit sie endlich von uns allen gehört werden. Damit das Leiden der Tiere endlich endet.

    Damit sich etwas ändern kann.

    Ob das bedeutet, dass die Politik sich bewegt und endlich den ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes ernst nimmt, oder ob es Tierquäler:innen sind, denen das Handwerk gelegt wird.

    Wir als Konsumierende tragen Mitverantwortung für das Leiden der Tiere. Aber die Politik, Gesetze und Subventionen treiben dieses grausame System weiter an und verhindern viel zu oft wichtige Aufklärungsarbeit.

    Was diese Menschen machen ist vielleicht nicht erlaubt. Aber das was sie aufdecken ist meist erheblich schlimmer und noch viel weniger erlaubt. Im Kern geht’s nämlich um die Frage, ob wir unsere Tierliebe ernst meinen oder es am Schnitzel scheitert.

     

    1.1 Täter:innen oder Zeug:innen?

    Gehen wir zurück zu Anna und Hendrik. Denn sie stehen vor Gericht für eine Tat, die für uns alle relevant ist.

    Mir zumindest waren die Dimensionen überhaupt nicht klar, in denen heutzutage Schweine mit CO₂ betäubt werden, und welche grausamen Qualen das für die Tiere bedeutet.

    Und trotzdem stehen Anna und Hendrik jetzt als Täter:innen vor Gericht – nicht als Zeug:innen eines Verbrechens.

    Ja, genau so läuft es im Prinzip ab. Heißt man sieht von außen erst mal nur, wie halbwegs ruhige Schweine automatisiert irgendwo reingeschoben werden und auf der anderen Seite kommen sie schlafend wieder raus. Und was da unterirdisch zwischen diesen beiden Sachen passiert, das sieht halt kein Mensch und das soll auch kein Mensch sehen

    – Anna im Interview [15].

    Also ohne solche Recherchen wüsste kein Mensch, wie was wirklich zugeht. Und die Öffentlichkeit hat ja auch ein Recht darauf, zu erfahren, wie es aussieht. Eine Öffentlichkeit. Muss ja informiert sein über diese Zustände, um sich selbst entscheiden zu können: Okay, möchte ich das unterstützen oder nicht?

    – Anna im Interview.

    „Ich glaube, es ist nach wie vor die Logik von Undercover-Recherchen, die wir hier weiter anwenden: Es geht darum aufzuzeigen, was in dieser Parallelwelt passiert. Es gibt einfach kaum Bilder, die diese CO₂-Betäubung zeigen. Und wir nutzen das jetzt, um diese Bilder weiterzuzeigen. Und, dass es absolut gerechtfertigt war.
    „Ein Redakteur vom NDR hat mal bei allen großen Schlachthäusern angefragt, die Schweine schlachten, ob sie die CO₂-Betäubung verwenden und ob sie dabei filmen dürfen. Die haben entweder keine Antwort bekommen oder eine Absage. Niemand will diese Betäubung zeigen.“

    – Hendrik im Interview.

    „Und dann die Leute, die dieses Material beschaffen, zu verklagen und […] dass ein Gericht da mitgeht – das ist total krass. Obwohl das Gericht gleichzeitig sagt: Ja, die Tiere leiden ja, es sind tierschutzrechtliche Verstöße auf dem Material zu sehen. Ja, das Bildmaterial ist echt. Es besteht ein öffentliches Interesse – und trotzdem diese Entscheidung zu treffen, das ist ein absoluter Skandal.“

    – Anna im Interview.

    1.2 Die Schlamm-Schlacht vor dem Prozess

    [Nachts in einer Stadt – Gitter wird geschlossen]

    Als Anna und Hendrik aus der Polizeistation rauskommen, wissen sie, dass sie schon bald Post bekommen werden.

    Denn wer unerlaubt das umzäunte Gelände einer Person betritt, ohne dass sie oder er auf Kaffee und Kuchen eingeladen wurde, kann eine Anzeige wegen „Hausfriedensbruch“ bekommen.

    Genau das ist passiert: Obwohl es kein „Haus“ war und dort definitiv kein „Frieden“ herrschte.

    Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass die Grundstücksbesitzer:innen wegen dieses Hausfriedensbruchs weitere Forderungen stellen können.

    „Also, im Zivilrecht geht es im Wesentlichen darum, dass wir aufhören sollen, die Bilder zu verbreiten. Da war seine [SH-Betreiber] Forderung auch, dass wir nicht nur aufhören, die Bilder selber zu benutzen, sondern die sollen auch bei Animal Rights Watch quasi nicht mehr gezeigt werden. Und eigentlich sollen wir sie auch bei der Presse zurückholen.
    Dann gab es noch eine Unterlassungsaufforderung, sein Gelände nicht mehr zu betreten. Ich meine, das darf man sowieso nicht, das ist ja dann Hausfriedensbruch. Aber wenn man so eine Unterlassungs quasi vor Gericht durchsetzt und es dann trotzdem tut, dann kriegt man nicht nur eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch, sondern muss auch ziemlich viel Geld zahlen.
    Die dritte Forderung von ihm war Schadensersatz.“

    – Anna im Interview.

    „Im Zivilverfahren ist es so, dass die Anwälte sich immer ganz viele Schriftsätze hin und her schicken.
    Aber das meiste findet eigentlich im Vorfeld schriftlich statt. Und da hat er [der Anwalt] irgendwann im Verlauf dann auch versucht den Schaden zu beziffern mit 98.000 €.“

    – Anna im Interview.

    Um das vor dem Gericht zu rechtfertigen, müssen die Anwält:innen des Betriebs einiges aufbieten. Informationen aus Social Media mit zweideutigem Inhalt werden da genauso als „Beweis“ genutzt, wie fragwürdige Herleitungen zum eventuell entstandenen Schaden.

    „Wenn es einen Schaden gibt, der durch den Hausfriedensbruch entstanden ist, dann sollen wir den Zahlen. Und ich soll zusätzlich auch noch für den Schaden aufkommen, der durch die Veröffentlichung entstanden ist. Das würde sich jetzt auf diese 98.000 € beziehen, die [der Anwalt] versucht hat zu beziffern, im Laufe des Prozesses.“
    „Aber die müsste er jetzt erst mal gesondert vversuchen,bei mir einzuklagen.“
    Und das sind halt alles absurde Forderungen: So was wie seine Social-Media-Kosten oder Kosten für Security, die er im Nachhinein bestellt hat.
    Kosten bezahlen, nur weil wir Bilder aus seiner CCO₂-Anlage gezeigt haben?“

    – Anna im Interview.

    Dieser ganze Papierkrieg vor einem solchen Zivilprozess ist nicht nur nervtötend und anstrengend. Er macht auch etwas mit Anna und Hendrik: Es soll einschüchtern. Es lässt Fragen aufkommen, ob das alles der richtige Weg ist. Ist das Einstehen gegen das Leid von anderen Lebewesen vielleicht doch nicht so wichtig, wie Recht und Ordnung? Vielleicht hat der Schlachthof ja doch ein Recht, Tiere so zu behandeln?

    „Der Schlachthof macht ja echt einen riesen Gewinn – viel Umsatz – mit dem Verkauf von toten Schweinen. Und deswegen ist es umso verwunderlicher, dass er meint, das sei ein Geschäftsmodell, was wir betreiben würden: Nämlich, dass wir die Bilder veröffentlicht haben. […] Da fließt kein Geld.“

    – Hendrik im Interview.

    Die vielen Schreiben von Anwält:innen mit Vermutungen und Halbwahrheiten – all das baut psychischen Druck auf. Die hohe Summe – einfach so in den Raum gestellt – soll Anna und Hendrik verängstigen und kann sie privat ruinieren.

    All das, um die schrecklichen Bilder aus der CO₂-Gondel zu verheimlichen.

    1.2.1 Erste Instanz

    Ja, das ist mir total nahe gegangen. Ich hatte sogar Tränen in den Augen. Das habe ich nie. […] aber mich hat das so sehr berührt, als wir aus dem Gerichtssaal rausgekommen sind und plötzlich waren viel mehr Leute, als vor dem Gerichtstermin. […] Und plötzlich stand da so eine riesige Menge und alle haben so krass gerufen: ihr seid nicht allein, ihr seid nicht allein!
    War so laut, das war richtig krass. Das war absolut beeindruckend und hat mich echt, wirklich zu Tränen gerührt.“

    – Anna im Interview.[ii] [iii]

    Der Gerichtssaal des Landgerichts Oldenburg ist gut besetzt. Einige Reporter:innen von Tageszeitungen wollen die Story festhalten.

    Fast genau ein Jahr nachdem Anna und Hendrik die Aufnahmen in der CO₂-Gondel gemacht haben, sitzen sie nun hier dem Geschäftsführer des Betriebs gegenüber.

    Alle wirken gesetzt und verhandeln sachlich über den Vorwurf: Anna und Hendrik sollen dem Ruf des „Tierwohl“-Schlachthofs geschadet haben.

    Der Anwalt erklärt, dass der Betrieb zu Unrecht angeprangert wird, denn schließlich sei alles, was im Schlachthof passiert, mit dem Tierschutzgesetz konform.

    „Es ist völlig absurd: Also erst hat der Schlachthof behauptet, die Aufnahmen seien gar nicht aus seinem Betrieb, was man daran sehen würde, dass seine Gondel sich – weiß ich nicht – linksrum statt rechtsrum dreht oder so.
    „Das ist natürlich total absurd, weil die Gondel dreht sich links- oder rechtsrum, je nachdem von welcher Seite man draufschaut.“
    „Und dann, ein paar Monate später: […] Er hat dann einfach die Argumentation von vorher nicht mehr verwendet und dann hieß es aber, das Bildmaterial ist manipuliert – die Tonspur wäre manipuliert. Die Schweine würden nämlich gar nicht schreien.
    „Und um das nachzuweisen, hat er eine Szene genommen aus unserem Bildmaterial, um zu zeigen: hier, da schreien die Schweine nicht.

    – Anna im Interview.

    Was allerdings etwas schal wirkt: Der Betrieb möchte gleichzeitig, dass die Bilder aus der Öffentlichkeit verschwinden. Alles gesetzeskonform, aber niemand soll’s sehen, hm?

    „Es gab einen Verhandlungstag und dieser Verhandlungstag hat eigentlich dazu gedient, grob fürs Gericht zu verstehen, wo beide Seiten stehen und dann zu schauen, ob ein Vergleich geschlossen werden kann. Also, ob es eine Möglichkeit gibt, dass das Gericht nicht urteilt, sondern beide Parteien – wir und das Schlachthaus uns irgendwie einigen können.
    Wir haben das erste Angebot gemacht – das ging in der Presse ein bisschen unter – und haben gesagt: ja, wir wären bereit, die Unterlassungserklärung zu unterschreiben, dass wir das Gelände betreten. Das ist für uns okay. Aber für uns ist natürlich keine Option, Schadensersatz zu zahlen, oder dass wir die Bilder irgendwo runternehmen und löschen.
    Das fand der Schlachthof blöd und hat uns aber dann das Angebot gemacht, dass wir keinen Schadensersatz zahlen müssen, wenn wir die Bilder offline nehmen. Übrigens auch bei der Presse darauf hinwirken.“
    „Und das war für mich auch total entlarvend. Also dass der Schlachthofbetreiber im Gerichtssaal vor Publikum und Presse sagt: ja, ihr müsst keinen Schadensersatz zahlen, aber nimm bitte die Bilder offline.
    „Das ist so entlarvend. Dass das auch einfach wirklich eine Einschüchterungstaktik von dem Schlachthaus ist – dass er will, dass die Bilder verschwinden, und deswegen uns möglichst hart mit irgendwelchen Schadensersatzforderungen kommt.“

    – Hendrik im Interview.

    Hier werden zwei Privatpersonen verklagt – aber keine Medienhäuser, die über den Fall – mit dem gleichen Bildmaterial – berichtet haben.

    Eine so hohe Forderung nach Schadensersatz kann zwei junge Menschen finanziell ruinieren; von der psychischen Belastung eines solchen Prozesses mal ganz zu schweigen.

    Der Vorsitzende Richter sagte der Presse ganz trocken: Dieses Verfahren habe das Potenzial, „Rechtsgeschichte zu schreiben[iv].

    Denn hier geht es nicht nur um Anna und Hendrik, sondern um die unzähligen Ermittler:innen und Journalist:innen, die ungeheures Leid aufdecken, wo eigentlich gar keins sein sollte.

    Und dafür müssen sie manchmal leider geltende Gesetze brechen, weil es sonst nie ans Licht kommen würde.

    Doch schon früher haben Richter:innen entschieden, dass die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf hat, von Tierquälerei zu erfahren. Das hat sogar der Bundesgerichtshof schon 2018 gerechtfertigt:

    Zwar sind die Filmaufnahmen – die eine Massentierhaltung dokumentieren und tote oder nur mit unvollständigem Federkleid versehene Hühner zeigen – geeignet, das Ansehen und den wirtschaftlichen Ruf der Klägerin in der Öffentlichkeit zu beeinträchtigen. Der Senat ist auch davon ausgegangen, dass die Ausstrahlung der nicht genehmigten Filmaufnahmen das Interesse der Klägerin berührt, ihre innerbetriebliche Sphäre vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Diese Beeinträchtigungen sind aber nicht rechtswidrig. Das von der Beklagten verfolgte Informationsinteresse der Öffentlichkeit und ihr Recht auf Meinungs- und Medienfreiheit überwiegen das Interesse der Klägerin am Schutz ihres sozialen Geltungsanspruchs und ihre unternehmensbezogenen Interessen. Dies gilt trotz des Umstands, dass die veröffentlichten Filmaufnahmen von F. rechtswidrig hergestellt worden waren.[v]

    Leider haben die Richter in Oldenburg das in der ersten Instanz jedoch anders gesehen:

    Anna und Hendrik sollen für den Schaden, der durch ihren Hausfriedensbruch entstanden ist, zahlen. Außerdem soll der Verein, der das Material an die Presse weitergegeben hat – „Animal Rights Watch“, kurz ARIWA – das Bildmaterial löschen. Beiträge bei ARD, BILD oder RTL und alle anderen Veröffentlichungen sind davon nicht betroffen.

    Was die Verbreitung der Bilder betrifft, hatte [der Schlachthof] in seiner ursprünglichen Klageschrift sich nur auf die ARIWA [Animal Rights Watch] Veröffentlichung bezogen. Und deswegen haben wir auch nur da verloren. Also das heißt, die Bilder bleiben weiterhin in der Presse
    „Aber Sie fordern jetzt von mir: […] Ich darf diese Bilder nicht weiter verbreiten […] weil sie sagen ich habe das Urheberrecht an den Bildern und deswegen müsste ich alles tun, damit die Bilder bei ARIWA runtergenommen werden.“

    – Anna im Interview.

    „Und das Gericht hat bestätigt: die Schweine leiden, es besteht ein öffentliches Interesse an der Sache.
    Das Gericht hat bestätigt die Aufnahmen sind echt. Und trotzdem verbieten sie mir jetzt das Bildmaterial zu verbreiten, was ja total absurd ist. Die Begründung ist, es ist ja ein Hausfriedensbruch. […] Wenn man das jetzt durchgehen lassen würde, dann wäre das ja quasi wie eine Aufforderung für andere Leute auch.“

    – Anna im Interview.

    Ich fand auch total bezeichnend: Der Schlachthausbetreiber ist an die Presse gegangen und hat bisschen erklärt, wie das ganze aus seiner Sicht ist. Und er meinte, er hat diese Aufnahmen gesehen und das könne nicht aus seinem Betrieb sein, das sei ja wie im Horrorfilm, wie die Tiere da schreien würden.

    Tatsächlich hält der Geschäftsführer das Material für manipuliert und in einem Interview sagte er sogar:

    „Das ist eine Geräuschkulisse wie im Horrorfilm. Das gibt es hier bei uns nicht.“[vi]

    Und das finde ich jetzt mit gerichtlicher Feststellung, dass die Aufnahmen aus seinem Betrieb sind, umso zitierenswürdiger, dass der Schlachthausbetreiber selber sagt, dass das, was in seinem Schlachthaus passiert, wie im Horrorfilm ist.

    – Hendrik im Interview[vii].

    „Das finde ich halt total krass: Die Medien sind eben auf unserer Seite. […] Klar, wir haben jetzt das Urteil verloren, aber was das Thema angeht, haben wir halt gewonnen, ganz klar.
    Und darum geht es am Ende. Es geht am Ende nicht darum, ob wir irgendwie keine Ahnung eine Vorstrafe haben, Schadensersatz zahlen müssen oder so – dass dieses Thema in der Gesellschaft groß wird, ist viel mehr wert.“

    – Anna im Interview.

    „Ich glaube die öffentliche Unterstützung, aber auch in gewisser Weise auch die Presseberichterstattung, die stärkt uns den Rücken. Und ich glaube das sind die Dinge, die glaube ich entscheidend sind. Ich glaube nicht, dass wir sonst einfach so einknicken würden, aber das […] stärkt uns total den Rücken und lässt uns wirklich das Gefühl geben: wir stehen zwar dort stellvertretend für alle anderen, die Sachen aufdecken und für Verbesserungen für Tiere kämpfen, aber wir sind halt tatsächlich nicht wirklich allein.“

    – Hendrik im Interview.

    „Wir werden nicht aufgeben, auf gar keinen Fall.“
    „Und keinen Cent auf einen Schlachthof zahlen.“

    – Anna und Hendrik im Interview.

    Anna und Hendrik wollen weitermachen. Aber bis das Verfahren abgeschlossen ist, könnten mehrere Jahre vergehen.

    Ganz abgesehen davon, dass es jede Menge Anstrengung und Geld kostet.

    Währenddessen geht der Betrieb im Schlachthof ungehindert weiter.

    Tier für Tier.

    1.2.2 Der Streisand-Effekt: Die Berichte danach

    Aber der harte Kurs des Unternehmens gegen die Aktivisti schlägt schon jetzt große Wellen in den Medien:

    Es gibt unzählige Berichte, in denen der Schlachthof nicht besonders gut wegkommt.

    „Das Material wird mehr gezeigt als bei der eigentlichen Veröffentlichung. Und das Thema CO₂ ist jetzt in einigen sehr guten Texten genauer besprochen worden.
    Wie die absurd und wie beschissen es ist, so ein Gas zu verwenden – ich glaube, das kommt bei immer mehr bei immer mehr Leuten an.
    Öffentliche Kommunikation, öffentliche Debatten sind ja wesentlich komplexer. Bis mal alle es durchdrungen haben. Nicht alle schauen diesen Beitrag, nicht alle verstehen es sofort und da braucht’s einfach eine viel, viel häufigere Beschallung der Öffentlichkeit mit den mit den Schreien der Tiere aus dem aus der CO2-Anlage im Schlachthaus.

    – Hendrik im Interview.

    Vermutlich kennt die heutige Gen Z die Musikerin und Schauspielerin Barbara Streisand gar nicht mehr. Ich alter Mann bin ja auch schon nicht mehr mit ihrer Musik aufgewachsen.

    Jedenfalls verklagte Streisand 2003 einen Fotografen auf eine Unsumme Schadensersatz. Der hatte für ein wissenschaftliches Projekt, Fotos der kalifornischen Küste gemacht und dabei auch ihre Villa fotografiert.

    Ähnlich, wie der Schlachthof empfand auch Streisand die Veröffentlichung als verletzend. Nur ging es bei ihr um Bedenken über die Sicherheit ihrer Familie – und nicht um den „Schutz“ eines Industriebetriebs und der wirtschaftlichen Interessen.

    Als öffentlich wurde, dass Streisand die Bilder verschwinden lassen wollte, tat das Internet, was es gut kann: einen Shitstorm aufwirbeln.

    Innerhalb eines Monats wurde das Bild 420.000-mal runtergeladen und wie ein Lauffeuer überall im Internet geteilt. Es berichteten Zeitungen und Fernsehen über die Forderung der Musikerin.

    Statt das Bild ihrer Villa aus dem Internet zu verbannen, wurde Streisands Haus noch berühmter als vorher. Außerdem wurde die Klage abgewiesen.

    Trotz dieses verheerenden Endes gibt es immer wieder ähnliche Versuche, unliebsame Aufnahmen aus der Öffentlichkeit zu klagen. Der Journalist, der den Begriff „Streisand-Effekt“ prägte, schrieb dazu:

    Wie lange wird es dauern, bis Anwälte erkennen, dass der Versuch, etwas zu unterdrücken, was ihnen online nicht gefällt, dazu führt, dass etwas, das die meisten Menschen niemals sehen würden […], nun von viel mehr Menschen gesehen wird? Nennen wir es den Streisand-Effekt.

    Mike Masnick, “Since When Is It Illegal To Just Mention A Trademark Online?”, in Techdirt am 05. Januar 2005[viii]

    Ob die Anwält:innen und der Betreiber des Schlachthofs diesen Effekt noch nicht kennen?

    Das ganze Skript?

    Das komplette Transkript gibt es für Patreon-Follower.

    Dieser Podcast verlangt eine Menge ab von allen Beteiligten. Dafür bietet er euch Content, den es sonst nirgendwo gibt. Noch mehr exklusiven Content gibt es bei Patreon.

    Das war „dreckige Pfoten“ mit der LETZTEN von drei Folgen zum „Schlachthofprozess“.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.

    Und eine Bitte: Wenn ihr von dieser Story nur 10 % interessant fandet, sagt es weiter und bewertet den Podcast!

    Auch Hendrik und Anna brauchen eure Unterschrift, euer Like auf Instagram und auch finanzielle Unterstützung. Schaut dazu einfach auf www.schlachthofprozess.org

    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

    Rechtliche Beratung für den Podcast: Benjamin Lück

    Die Intro-Musik ist von Manuel Rathje

    Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

    Da das Verfahren wegen den Aufnahmen aus der CO2-Betäubungsanlage noch immer läuft, wurden teilweise andere Aufnahmen von Organisationen wie Animal Rights Watch und SOKO-Tierschutz genutzt. Die Links dazu findet ihr weiter unten.

    dreckige pfoten

    Quellen

    [i] NDR „Hallo Niedersachsen“ am 06.02.2025: „Tierschützer kämpfen gegen CO2-Betäubung von Schweinen“
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Tierschuetzer-kaempfen-gegen-CO2-Betaeubung-von-Schweinen,hallonds93068.html

    [ii] NDR „Hallo Niedersachsen“ am 11.06.2025: „Tierrechtsaktivisten wegen Hausfriedensbruch vor Gericht“
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Tierrechtsaktivisten-wegen-Hausfriedensbruch-vor-Gericht,hallonds95678.html

    [iii] Siehe auch „Pro Lebensglück“ auf Instagram:

    https://www.instagram.com/pro_lebensglueck/reel/DKx4upfqLcm/

    [iv] Süddeutsche Zeitung am 18.06.2025: „Gondeln des Todes“
    https://www.sueddeutsche.de/wissen/oldenburg-gericht-schlachtung-tierschutz-li.3264739?reduced=true Archiv: https://archive.is/lWcqr

    [v] Urteil vom 10. April 2018 – VI ZR 396/16 : https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2018/2018072.html

    [vi] Tagesspiegel am 22.06.2025: „Schweinebetäubung mit Kohlendioxid: Wie viel Leid ist vertretbar?“
    https://www.tagesspiegel.de/politik/schweinebetaubung-mit-kohlendioxid-wie-viel-leid-ist-vertretbar-13891738.html Archiv: https://archive.is/XKwjn

    [vii] Tagesspiegel am 22.06.2025: „Schweinebetäubung mit Kohlendioxid: Wie viel Leid ist vertretbar?“
    https://www.tagesspiegel.de/politik/schweinebetaubung-mit-kohlendioxid-wie-viel-leid-ist-vertretbar-13891738.html Archiv: https://archive.is/XKwjn

    [viii] Siehe https://www.techdirt.com/2005/01/05/since-when-is-it-illegal-to-just-mention-a-trademark-online/

    [ix] Original hier: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32009R1099 und in der FAZ: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-sehr-leiden-schweine-bei-der-betaeubung-aufnahmen-aus-schlachthof-110548286.html Archiv: https://archive.is/2mKvO#selection-2523.191-2523.205

    [x] Siehe auch Schlachthofprozess“ auf Instagram: https://www.instagram.com/p/DQ62dbZAoFX/

    [xi] Siehe auch „Schlachthofprozess“ auf Instagram:
    https://www.instagram.com/reel/DQ62dbZAoFX/
    https://www.instagram.com/reel/DPI_X-KArmW/

    dreckige pfoten
    Die Musik und die KI-Stimmen habe ich von Artlist. Meldet euch unter diesem Link an, um diese Musik, AI-Bilderstellung oder AI-Voice-overs und vieles andere für euren Content zu nutzen.     mit markierte Links sind Affiliate-Links. I know, wir sind keine Fans. Aber: es kostet euch nichts.

    eindringliche
    Geschichten

    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

  • 02. Blackbox Schlachthof 2/3

    02. Blackbox Schlachthof 2/3

    blackbox schlachthof 02

    Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

    Nächtliche Aktion im Industriegebiet: Mit Klettergeschirr, Sauerstoffflasche und Minikameras steigen Tierschützer:innen in den Schacht der CO₂-Gondel, um festzuhalten, was Schweine in ihren letzten Minuten erleben.​

    Wir hören, wie Betäubung mit Gas, Strom und Bolzenschuss tatsächlich funktioniert, warum Fehlbetäubungen millionenfach vorkommen – und wie die Aktion im „Tierwohl“-Schlachthof schließlich mit Blaulicht und Festnahme endet.

    recap

    In der ersten von drei Folgen haben wir uns hier bei „dreckige Pfoten“ den Schlachthofprozess unter die Lupe genommen: Zwei Tierschützer stehen vor Gericht, weil ein „Tierwohl“-Schlachthof die schrecklichen Bilder aus seinem Betrieb nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

    Nach außen wird Transparenz verkauft, aber innen sieht alles etwas anders aus:  Die Recherche-Aktivisten Anna und Hendrik haben undercover, mit versteckten Kameras gezeigt, was normalerweise hinter Imagefilmen und Tierwohl-Slogans verschwindet.

    Die grausamen Aufnahmen landeten in Fernsehbeiträgen und zeigten so die Realität für 80 % der deutschen Schlacht-Schweine.

    Der Schlachthof fordert nun Unterlassung und Schadensersatz in ruinöser Höhe.

    Am Ende bleibt die Frage: Wer wird hier eigentlich zur Rechenschaft gezogen – die, die Tiere quälen, oder die, die das sichtbar machen?

    dreckige pfoten

    1. Tierschützer:innen bereiten sich vor

    Es ist eine sehr ruhige Montagnacht: Die Straßen in diesem Industriegebiet, irgendwo in Niedersachsen, sind menschenleer. Kein Auto ist unterwegs. Und die Rushhour ist noch einige Stunden entfernt.In einem kleinen Waldstück machen sich ein paar Tierrechtsaktivisti bereit für ihren Job. Für ihre Arbeit ist die Nacht besonders geeignet. Denn keiner von ihnen will Menschen oder Tiere in irgendeiner Weise gefährden.Eine wolkenlose Nacht im Frühjahr ist also perfekt!Heute Nacht wollen sie beweisen, dass Schweine bei der Betäubung mit Kohlendioxid (CO₂) unglaublichen Qualen ausgesetzt werden.
    Um das zu machen, haben sie sich vorbereitet.
    Auf dem Gelände ist relativ schnell ausgemacht, wo die Betäubung stattfindet: Eine unscheinbare Box aus Edelstahl verhüllt das eigentliche „Herzstück“: ein Gondel-System, das in die dunkle Tiefe führt[i].Mit professionellem Klettergeschirr und einer Sauerstoffflasche ausgerüstet, geht es hinab in das dunkle Loch der sogenannten „CO₂-Gondel“.Gondeln aus Metall werden wie mit einem Fahrstuhl in die Tiefe gelassen und kommen auf der anderen Seite wieder nach oben.Es sind nur wenige Sekunden in der Dunkelheit – aber da unten herrscht eine so hohe CO₂-Konzentration, dass nur wenige Sekunden reichen, um das Bewusstsein zu verlieren. Das gilt auch für Menschen.
    Deshalb wäre ohne Sauerstoff hinabzusteigen fahrlässig.
    Ganz langsam geht es für Anna hinab. Oben stehen andere Aktivisti für den Notfall bereit.Notfall bedeutet entweder „unerwünschter Besuch“ oder Probleme im mit CO₂ gefüllten Schacht.Doch alles klappt wie geplant: Die kleinen Kameras werden an den Metallstangen der Gondeln montiert.In ein paar Stunden werden sie schreckliche Bilder aufzeichnen. Der ganz normale Alltag in diesem und noch vielen weiteren Schlachthöfen.
    Bis dahin sind die Aktivisti längst wieder verschwunden.

    2. Geschichte des Schlachtens

    2.1 „The Jungle“

    Sie nutzen alles vom Schwein – außer das Schreien.

    – Upton Sinclair: „Der Dschungel“[ii]

    Mehr als nur „lebhaft“ könnte man das „Packingtown“ genannte Schlachthof-Viertel im Chicago des Jahres 1904 nennen: Überall wuseln Menschen, werden Karren umhergeschoben, Ladungen von Waggons geladen.

    Lange bevor sich die Autoindustrie angesiedelt hatte, kamen Menschen aus der ganzen Welt hier an, um Fuß zu fassen und sich einen Teil des „amerikanischen Traums“ zu schnappen. Leider in den meisten Fällen mit wenig Erfolg.

    Das Gelände der „Union Stock Yards“ spannte sich über mehrere Quadratkilometer. Hier wurden schon zwischen 1865 und 1900 rund 400 Millionen Tiere geschlachtet [iii].

    Für ein paar Wochen tummelte sich auch der Schriftsteller Upton Sinclair hier herum, um für sein neuestes Buch zu recherchieren. Im „meatpacking district“ – dem „Fleischverarbeitungs-Bezirk“[iv] erlebte er einen extrem unhygienischen Verarbeitungsprozess von Fleisch. Dazu kamen grausame Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung der Ärmsten der Armen und gigantische Umweltschäden.

    Manche Arbeiter:innen verloren Gliedmaßen in einer Suppe aus tierischen Eingeweiden und landeten damit auch in der Wurst auf dem Teller der Amerikaner:innen. Andere verletzten sich schwer und mussten trotzdem weiterarbeiten, da ihnen sonst kein Gehalt gezahlt wurde. Der Chicago River wurde wegen ständiger Verschmutzung mit verwesenden Resten aus der Fleischindustrie auch „Bubbly Creek“ – „blubbernder Bach“ – genannt⁣ [v].

    Nachdem er all das erlebt hatte, tippte sich Upton Sinclair die Finger wund. Es entstand eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts: „The Jungle“ – „Der Dschungel“

    Ein kleiner Einblick

    Der litauische Einwanderer und Hauptcharakter, Jurgis Rudkus, erfährt in den „Union Stock Yards“ in Chicago einige der schlimmsten Effekte des aufstrebenden Kapitalismus:

    Seine Arbeit im Schlachthof besteht darin, Gedärme der ausgeweideten Tiere zusammenzufegen. Andere Arbeiter:innen müssen gammelndes Fleisch in Konserven pressen.

    In diesem bis zum Kleinsten heruntergebrochenen Arbeitsprozess gibt es auch noch die „Knocker“ – zu Deutsch etwa „Schläger“: Sie sind damit beauftragt, den Schweinen mit einem Vorschlaghammer den Schädel zu zertrümmern. Was nach blankem Horror klingt, war eine gängige Methode der „Betäubung“:

    […] und während sie brüllend und stürzend dastanden, lehnte sich einer der „Schläger“ mit einem Vorschlaghammer bewaffnet, über das Dach des Pferchs und wartete auf eine Gelegenheit, einen Schlag zu führen. Der Raum hallte wider von den schnell aufeinanderfolgenden Schlägen und dem Stampfen und Treten der Stiere. Kaum war das Tier gefallen, ging der „Klopfer“ zu einem anderen weiter, während ein zweiter Mann einen Hebel anhob, die Seite des Pferchs anhob und das Tier, das noch immer strampelte und zappelte, auf das „Tötungsbett“ gleiten ließ. Hier legte ein Mann Fesseln um ein Bein, drückte einen weiteren Hebel, und der Körper wurde mit einem Ruck in die Luft gehoben. Es gab fünfzehn oder zwanzig solcher Pferche, und es dauerte nur ein paar Minuten, um fünfzehn oder zwanzig Rinder zu klopfen und sie herauszurollen. Dann wurden die Tore erneut geöffnet, und eine weitere Partie stürmte herein; […]

    – Upton Sinclair: „Der Dschungel“ [vi]

    Das ganze Skript?

    für supporter

    Dieser Podcast verlangt eine Menge ab von allen Beteiligten. Dafür bietet er euch Content, den es sonst nirgendwo gibt. Deshalb gibt es das komplette Transkript nur für Supporter.

    Das war die zweite von drei Folgen zum „Schlachthofprozess“.

    Der Podcast „dreckige Pfoten“ soll ein bisschen Licht ins Dunkle bringen und Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar machen.

    Deshalb meine Bitte: Wenn ihr von dieser Folge nur einen Bruchteil interessant fandet, sagt es weiter und bewertet den Podcast!

    Auch Hendrik und Anna brauchen eure Unterschrift, euer Like auf Instagram und auch finanzielle Unterstützung. Schaut dazu einfach auf www.schlachthofprozess.org

    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

    Rechtliche Beratung für den Podcast: Benjamin Lück

    Die Intro-Musik ist von Manuel Rathje

    Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

    Da das Verfahren wegen den Aufnahmen aus der CO2-Betäubungsanlage noch immer läuft, wurden teilweise andere Aufnahmen von Organisationen wie Animal Rights Watch und SOKO-Tierschutz genutzt. Die Links dazu findet ihr auf der Website.

    dreckige pfoten
    dreckige pfoten

    Quellen

    [i] Siehe hier Seiten 5+6: https://elib.tiho-hannover.de/servlets/MCRFileNodeServlet/etd_derivate_00002993/remiend_2001.pdf

    [ii] https://www.goodreads.com/quotes/79118-they-use-everything-about-the-hog-except-the-squeal

    [iii] Encyclopedia of Chicago: Dictionary of Leading Chicago Businesses (1820-2000) that was prepared by Mark R. Wilson, with additional contributions from Stephen R. Porter and Janice L. Reiff.  Online: https://web.archive.org/web/20090719222132/http://www.encyclopedia.chicagohistory.org/pages/2883.html

    [iv] Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/Union_Stock_Yards

    [v] Siehe hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Bubbly_Creek

    [vi] https://etc.usf.edu/lit2go/77/the-jungle/1263/chapter-3/

    [vii] Hugo Heiss hat eine entsprechende Schrift 1904 veröffentlicht: „Das Betäuben der Schlachttiere mittels blitzartig wirkender Betäubungsapparate“ https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Hugo_Hei%C3%9F

    [viii] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/CO2-Narkose und https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Hill_Hickman

    [ix] Siehe https://vgt.at/de/aktuelles/detailseite/7612/co2-betaeubung-bei-huehnern.html und https://www.researchgate.net/profile/Mohan-Raj-2

    [x] Die Aufdeckung von Animal Rights Watch gibt es hier: https://www.ariwa.org/totschlagen-kleiner-ferkel-ist-standard/

    [xi] https://www.topagrar.com/schwein/news/ein-schonendes-ende-nottoetung-unheilbar-kranker-schweine-mit-co2-oder-e-zange-9552240.html

    [xii] https://www.agrarheute.com/tier/schwein/nottoetung-saugferkeln-sollten-wissen-529489

    [xiii] Hier ein Artikel von Spiegel Online: https://www.spiegel.de/wirtschaft/toetung-von-ferkeln-mit-kohlendioxid-so-brutal-wie-legal-a-ab02233f-498a-4553-bbfa-25d5ee06e652 Archiv: https://archive.is/k6bCW

    Und hier gibt es Einblicke in eine Recherche von ARIWA: https://www.ariwa.org/co2-toetung-ferkel/

    [xiv] Studie des Friedrich-Löffler-Instituts und VION: https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/projektabschluss-projekt-tiger-untersuchte-tierschutzgerechtere-alternativen-zur-co2-betaeubung-von-schlachtschweinen/

    [xv] Diese Geräte sind ein Industriestandard: https://www.hubert-haas.de/produkte/betaeubungsgeraete/

    [xvi] Eine Studie dazu: https://www.researchgate.net/publication/263264458_Identifying_reasons_for_stun_failures_in_slaughterhouses_for_cattle_and_pigs_A_field_study
    und noch eine: https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00018871

    [xvii] Auch hier eine Studie dazu: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8151686/

    [xviii] Siehe: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/deutschland-umstrittene-co2-methode-bei-schweineschlachtung-14169503.html und https://archive.is/0xID0

    [xix] Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA (2020): Schweine bei der Schlachtung: Tierschutzmaßnahmen. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.efsa.europa.eu/de/news/pigs-slaughter-measures-address-welfare-concerns

    Ebenso: Eurogroup For Animals (2020): EFSA (finally) affirms that CO2 stunning is incompatible with pig welfare at slaughter. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.eurogroupforanimals.org/news/efsa-finally-affirms-co2-stunning-incompatible-pig-welfare-slaughter

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    eindringliche
    Geschichten

    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

  • 01. Blackbox Schlachthof 1/3

    01. Blackbox Schlachthof 1/3

    blackbox schlachthof 01

    Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

    Ein „Tierwohl“-Schlachthof im Norden. Hier gibt es Hochglanzwerbung nach außen – und schreckliche Undercover-Aufnahmen nach innen: Anna und Hendrik zeigen, wie Schweine bei der CO2-Betäubung schreien, kämpfen und um Luft ringen.​

    Diese Folge öffnet die Tür in die Blackbox Schlachthof. Sie erklärt, wie aus einem Tier, einem Lebewesen ein Stück Fleisch wird – und warum zwei Tierschützer für ihre Aufnahmen von Tierquälerei vor Gericht landen.

    Intro

    Plötzlich blitzt Blaulicht durch die schmalen Fenster. Anna und Hendrik erstarren für einen Moment. Doch mitten in der „Todesstraße“ eines Schlachthofs müssen die Aktivisti schnell handeln: Beide Fluchtrichtungen sind abgeschnitten. Die Polizei kreist mit quietschenden Reifen über den Hof.

    Dann geht es schnell: raus aus der Tür zur Straße. In ein kleines Gebüsch, das wie die Rettung aussieht. Aber schon kurz darauf ruft eine aufgeregte Stimme:

     „Halt! Polizei!“

     „Kommen Sie mit erhobenen Händen raus!“

    Die Aktivisti müssen vor der Polizei knien und haben die Arme hinter dem Kopf. Der Regen prasselt ihnen ins Gesicht. Die Beamten haben die Hände an den Waffen. Sie vermuten wohl üble Gewalttäter – dabei waren Anna und Hendrik nur hier, um Grausamkeiten wortwörtlich ans Licht zu bringen.

    Von hinten drängelt sich einer der Mitarbeiter des Schlachthofs durch. Er will sich wohl genau anschauen, wer da geschnappt wurde. Aber die Polizei schiebt ihn höflich und bestimmt zur Seite.

    Es ist vorbei. Gefasst. Alle Arbeit umsonst.

    – oder?

    dreckige pfoten

    1. Aktivisti vor Gericht

    Die Welt der Werbung hat uns einen ziemlichen Bärendienst erwiesen:

    Manche Stadtkinder denken noch immer, dass Kühe lila sind, bei der Herstellung von Bärchenwurst keinem Tier wehgetan wird und alle Schweine, Hühner und Rinder bis zu ihrem Ende ein ganz wundervolles Leben haben.

    Dabei sieht die Wahrheit ganz schön anders aus: Die zahlreichen Tierschutzverstöße der letzten Jahre zeigen das leider immer wieder. Und bei überforderten Behörden und gebeutelten Landwirt:innen scheint die Flut an grausamen Aufdeckungen aus Tierställen auch nicht so recht aufzuhören.

    1.1 Aktivisti vor Gericht

    Wegen einer solchen Aufdeckung stehen zwei Aktivisti im Juni 2025 vor Gericht: Sie haben heimlich Aufnahmen im Inneren eines Schlachthofs gemacht.

    Es sind Bilder, die zeigen, wie Schweine scheinbar in den letzten Momenten ihres Lebens immense Schmerzen erleiden. Dutzende Tiere schreien, strampeln, kämpfen.

    Ich kenne Anna und Hendrik schon lange und habe auch die Bilder aus der sogenannten „CO₂-Gondel“ gesehen: Das ist selbst für mich als Cutter, mit tausenden Stunden schrecklichen Tierleids im Gehirn, ein Anblick, der mich noch lange verfolgt.

    Wir stehen mit einem Streitwert von 140.000 € vor Gericht. Der Schlachthofsbetreiber, Herr [PIEP], der immer so tut, als wäre er der Gute, verklagt uns jetzt wirklich. Zwei Privatpersonen für die grausame CO₂-Schlachtung von Schweinen in seinem Schlachthaus aufgedeckt haben. […] Er will vertuschen, was die Öffentlichkeit sehen will, und uns zum Schweigen bringen.

    – Anna & Hendrik in ihrem Statement via @schlachthofprozess.
    Nun wurden Anna und Hendrik vom Landgericht zur Unterlassung verurteilt. Außerdem hat das Gericht festgestellt, dass sie dem Schlachthofbetreiber grundsätzlich Schadensersatz leisten müssen. Bislang beziffert der Schlachthofbetreiber den Betrag mit 98.000 Euro.

    Aber der Schlachthofbetreiber bietet auch einen Deal an: Kein Schadensersatz, dafür sollen alle gemachten Aufnahmen für immer verschwinden.

    Das sind brennende, stechende Schmerzen, die die Tiere haben. Dann haben sie Atemnot. Es ist im Prinzip so, als würde man jemandem eine Tüte über den Kopf ziehen und sie zuschnüren.

    – Anna im Interview

    Das ist ein ganz extremes Leid. Das ist genau dieses Gefühl, zu ersticken – die Angst vorm Ersticken. Und das kann sich ja jeder vorstellen, wie schlimm das ist. Und das ist sozusagen ja der absolute Standard, der da stattfindet.

    – Anna im Interview

    Ich sage dann immer: Ein Baseballschläger kann auch betäuben – sollte trotzdem nicht zu einer Betäubung zugelassen sein. Vielleicht ist ein Baseballschläger sogar effektiver in dem Sinne.

    – Hendrik im Interview

    Und die CO₂-Betäubung ist halt auch so was. Das ist total brutal, super grausam. Keiner spricht darüber, niemand interessiert sich. Die Branche macht einfach so weiter, aus wirtschaftlichem Interesse, obwohl eigentlich klar ist, dass es tierschutzwidrig ist.

    – Anna im Interview

    Nicht alle schauen diesen Beitrag, nicht alle verstehen es sofort – und da braucht’s einfach eine viel, viel häufigere Beschallung der Öffentlichkeit mit den Schreien der Tiere aus der CO₂-Anlage im Schlachthaus.

    – Hendrik im Interview
    Wegen der Bilder, die Hendrik und Anna an den Verein „Animal Rights Watch“ weitergegeben haben, ist dem Schlachthof ein Riesenschaden entstanden – so sagt er zumindest vor Gericht. Obwohl der Betrieb des „Tierwohl-Schlachthofs“ ungehindert weitergeht.

    98.000 Euro Schaden haben die Anwält:innen im Verfahren bisher berechnet – darunter fallen Social-Media-Management wegen überfluteter Kommentarspalten, zusätzliches Sicherheitspersonal auf dem eigenen Gelände und die Kosten für die PR-Beratung des Unternehmens.

    Aber wieso stellt sich ein vermeintlicher Vorzeigebetrieb so sehr dagegen, dass Bilder aus seinem Schlachthof an die Öffentlichkeit kommen? Auf der eigenen Website steht was von „Transparenz“ und „Tierwohl“. Ist all das vielleicht doch nur eine trügerische Fassade? Eine Idylle für arglose Konsument:innen?

    Wir schauen uns die Geschichte hinter den Bildern an, die der Schlachthof lieber verheimlicht – aber jede:r sehen sollte.

    1.2 Trügerische Idylle: Der „Tierwohl Schlachthof“

    Wer genau wissen will, wie aus einem Tier ein Stück Fleisch wird, kann fast nicht auf die Infos der Industrie vertrauen: Da gibt es nur die schönen Seiten oder gar irreführende Werbung wie die lila „Milka-Kuh“ oder Hühner und Schweine auf der grünen Weide. Die unschönen Seiten der Tierindustrie sind selten frei zugänglich oder mit beschönigendem Kommentar versehen.

    Bühne frei für einen „Tierwohl“-Schlachthof aus Norddeutschland: Die Unternehmenschefs zeichnen sich als Partner der Landwirt:innen und herzallerliebste Tierfreunde aus. Bei LinkedIn, Instagram und Co. veröffentlichen sie Werbespots mit aufgehübschten Bildern. Sie zeigen fröhliche Tiere, lächelnde Bauern und Bäuerinnen und freudige Arbeiter:innen in weißen Overalls.

    Doch 2024 haben Aktivisti Anna und Hendrik hinter die Fassade des Schlachthofs geblickt und in einem TV-Bericht tierquälerische Praktiken angeprangert.

    Vor der Tötung setzen die meisten Schlachthöfe auf die Betäubung mit Kohlendioxid. Die Tiere sollen dadurch weniger leiden, heißt das. Tierschützer weisen aber schon lange darauf hin, dass das oft so nicht stimmt. Manchmal im Gegenteil. Neue Aufnahmen zeigen, wie grausam die CO₂-Betäubung sein kann. Aufnahmen, die verstören können

    – Moderatorin Julia Lehmann zum Beitrag von Plus Minus[1].

    Es ist ein Ort des Horrors. Die Tiere haben Schmerzen dabei.

    – Anna im Interview mit BILD[2].

    Und das ist, wie wenn man keine Luft mehr bekommt. Eigentlich das Grausamste, was man den Tieren antun kann.

    – Dr. Kai Braunmüller (Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene und Tierschutz) im Interview mit BILD[3].
    Seit diesem Beitrag in einem deutschen Wirtschafts-Magazin hat sich die Marketingabteilung des betroffenen Schlachthofs besonders ins Zeug gelegt: Der Betrieb will unbedingt zeigen, wie transparent und für Tierwohl er doch ist…

    Die Kundschaft wird also mit einem immensen Marketing-Einsatz daran erinnert, dass ihr Schlachthof eigentlich ein Vorzeigebetrieb ist, wo „die Qualität […] immer maßgebend für [unser] Handeln“ ist. Außerdem: „Die respektvolle Behandlung der Tiere während der Transporte in den Schlachthof und während der Betäubung und Tötung sind unsere wichtigsten Grundsätze.“ [4]

    Alles beste Qualität, alles super „Tierwohl“ – alles und besonders „artgerecht“[5]. So steht’s zumindest auf der Webseite.

    1.3 Vorstellung des Schlachthofs

    Wer genau hinsieht, erkennt bei Instagram[6] sogar ein Bild wieder: Angeblich wird hier im Meeting der Belegschaft gezeigt, wie tadellos die Betäubung mit CO₂ funktioniert. Doch eine Kamera in der „Todeskammer“ – das wird doch kein Unternehmen freiwillig zeigen, oder?

    Richtig: Denn auch hier haben wieder Aktivisti die Drecksarbeit geleistet und zeigen, dass all das Geplänkel um Tierwohl nur Augenwischerei ist.

    Sie haben im Schlachthof für die Öffentlichkeit eingefangen, was zu gerne verschwiegen wird: die grausamen Qualen von Schweinen bei der Betäubung im Akkord. Eine Praxis, die in ganz Europa als tierquälerisch bekannt ist – aber eben als normal angesehen wird.

    1.4 Werbefilme der Industrie

    In aufpolierten Werbefilmen von Tönnies, Wiesenhof, Vion und wie sie alle heißen, bekommen die Konsument:innen einen etwas anderen Einblick in die Prozesse hinter den hohen Mauern einer Schlachtfabrik.

    Abgesehen davon, dass nicht erzählt wird, was „Remontierung“ bedeutet, wird in diesen Werbespots viel gezeigt: das riesige Fabrikgebäude, tolle Hightech-Geräte, bunte und leuchtende Knöpfe, und viele lächelnde Gesichter. Nach dem Motto „from farm to table“ („vom Hof zum Tisch“) zeigen die Schlachtunternehmen, dass sie nur mit den besten Landwirt:innen zusammenarbeiten, nur die besten Mitarbeitenden und strengsten Kontrollen haben. Wie aus einem Tier ein Stück Fleisch wird, sehen wir eher nebenbei.

    In den meisten dieser Clips kommt das Wort „Qualität“ sechs- bis neunmal öfter vor, als zum Beispiel „Tierwohl“. Das ist kein Zufall, sondern gehört zum Geschäft mit Tierprodukten: Die trügerische Idylle, die wir auch auf Milch- und Eierverpackungen sehen, poliert das Image dieser Unternehmen auf und hilft dabei, unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen.

    Fragen wie:

    „Wie oft scheitert die Betäubung? Wie viele Tiere werden trotzdem geschlachtet? Wie viele Arbeitsunfälle gibt es bei dieser Akkordarbeit?“

    2. Das Prinzip Schlachthof

    Tier rein – Fleisch raus.
    So oder so ähnlich stellen wir uns wohl alle einen Schlachthof vor. Die Details wollen wir meist gar nicht so genau wissen.Aber das Grundprinzip ist in etwa so:
    1. Tier wird am Bauernhof eingeladen,
    2. zum Schlachthof transportiert,
    3. entladen,
    4. betäubt,
    5. mit einem Kehlschnitt ausgeblutet,
    6. zerteilt,
    7. und am Ende geht gekühltes Fleisch raus.
    Aber, bis aus einem (fühlenden) Individuum ein Stück abgepacktes Fleisch im Supermarkt wird, bedarf es einer Menge Zwischenschritte. Darunter fallen auch ziemlich unangenehme Dinge, von denen wir nur selten hören und die wir noch seltener sehen.Allerdings kenne ich einige Details aus meiner Arbeit mit Tierschutzvereinen, die anderen verwehrt bleiben.Deshalb: Let’s go! 

    2.1 Vom Tier zum „Lebensmittel“

    Schweine kommen in der Regel in großen Transport-Lkw an, die mit ziemlich zynischen Beschriftungen und Cartoons darauf hinweisen, dass hier „lebende Tiere“ oder „wertvoller Tierbestand“ drin ist.Und trotzdem werden sie beim Abladen wie leblose Waren behandelt: Schubsen, Schieben, Schlagen, Treten oder sogar Elektroschocks sind keine Seltenheit. Schließlich muss es schnell gehen.

    EXKURS:

    Bei Geflügeltieren wie Hühnern und Puten ist das Ganze noch grausamer: Die Tiere werden im Stall schon in Gitterboxen gepresst und dann über Stunden zum nächsten Schlachthof transportiert.

    Es gibt einfach keine gesetzlichen Vorgaben zur maximalen Transportdauer, nur eine Art Handlungsempfehlung[7], also ein „nice to have“: maximal 12 Stunden und bitte ohne Tierschutzverstöße.

    Bei Hühnern und Co. werden dann die besagten Boxen – meist nicht größer als ein Einkaufswagen[8] – auf ein Fließband geworfen, das die Tiere dann bis zum Tod schiebt.

    Die „entladenen“ Schweine kommen in einen Wartebereich. Dort sollen sie Stress abbauen, zur Ruhe kommen. Gestresstes Fleisch schmeckt nicht.

    Der nächste Schritt für alle Tierarten ist dann die Betäubung. Denn kein Tier darf unnötige Schmerzen erleiden … so steht es im Tierschutzgesetz.

    Wer jetzt an hochprofessionelle Narkose-Methoden wie vor einer Knie-OP denkt, liegt leider daneben: Zwar haben sich tüchtige Ingenieur:innen und Schlachtimperien zusammengetan, um die besten Methoden zu entwickeln, aber es bleiben brutale Verfahren.

    Wie übel das früher aussah, erfahrt ihr später.

    Sogenanntes „Schächten“ – das Töten ohne vorherige Betäubung – ist in der EU fast komplett verboten. Was leider nicht heißt, dass es nicht trotzdem gemacht wird. Aus tragischem Versehen oder mit brutaler Absicht.

    Erst, wenn die Tiere betäubt sind – um das zu testen, gibt es verschiedene Methoden, zum Beispiel ins Auge pieksen –, erst dann darf der eigentliche Schlachtprozess beginnen. Und der muss auch sofort starten – innerhalb von wenigen Sekunden.

    Das „Entbluten“ von Tieren ist dabei der Hauptteil: Den Tieren wird die Kehle aufgeschnitten und sie werden an den Beinen aufgehängt, damit das gesamte Blut aus dem Körper fließt.

    Manche Schlachthofmitarbeitenden haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als den Tieren die Hauptschlagader zu durchtrennen. Alle paar Sekunden zustechen. Was ein für ein Horror.

    Bei Hühnern wird der gesamte Vorgang halbautomatisch erledigt: Mitarbeitende zerren die Tiere aus den (im Exkurs genannten) Boxen, hängen sie in eine Art Fließband ein und ab hier übernehmen Maschinen Betäubung und Kehlschnitt.

    Erst nachdem ein Tier komplett ausgeblutet ist – und damit offiziell als tot gilt – darf weitergearbeitet werden. Jetzt werden Hühnern die Federn gerupft – Schweine werden gebrüht und abgeflammt, damit ihre Borsten abfallen – Rinder und Schafe werden gehäutet.

    Dann werden Gliedmaßen abgeschnitten und … naja, das ganze Tier wird zerlegt, bis es in Einzelteilen daliegt und keine Gedärme, Organe und Co. mehr hat.

    2.3 Betäubung (Part 1)

    Puh.

    Nach diesem einigermaßen sachlichen Abriss über die Vorgänge in einem Schlachthof könnt ihr jetzt raten, an welcher Stelle die meisten Probleme entstehen.

    Richtig: Bei der Betäubung.

    Denn Tiere dürfen erst in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit[9] geschlachtet werden. So platt steht es in der „Verordnung zum Schutz von Tieren im Zusammenhang mit der Schlachtung oder Tötung“ (Tierschutz-Schlachtverordnung).

    Und Schlachten meint dabei im medizinischen Sinne: Ausbluten bis zum Stillstand aller Hirn- und Körperfunktionen.

    Wo vor hundert Jahren ein dumpfer Schlag auf den Kopf schon als „Betäubung“ galt, ist bei dem heutigen Tempo der Schlachtstraßen eine effektivere Methode nötig.

    Wir gehen später noch genauer auf die verschiedenen Betäubungsmethoden ein.

    Aber auch moderne Methoden sind nicht unfehlbar. Einerseits dürfen nur wenige Sekunden vergehen, bis die Tiere letztlich sterben müssen, und andererseits gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit auf Erfolg beim Betäuben.

    Und was, wenn wirklich etwas bei der Betäubung schiefgeht? Was, wenn die Betäubung nicht dem entspricht, was wir uns hier draußen so vorstellen? Was, wenn Tiere am laufenden Band leiden müssen?

    2.4 Was, wenn es schiefgeht?

    Ins Innere eines Schlachthofs kommen eigentlich nur die Angestellten, Veterinär:innen oder manchmal auch politische Funktionäre, um sich vor Schweinehälften ablichten zu lassen.

    Aber wenn sich Vermutungen häufen, dass in einem Betrieb etwas nicht stimmt und Tiere darunter leiden müssen – dann riskieren Tierschützende alles, um zu zeigen, was in diesen Gebäuden vor sich geht. Mit Minikameras werden die Abläufe und Problemstellen gefilmt. Versteckt. Unentdeckt.

    Dass Schlachthöfe mit Videokameras überwacht werden, ist keine neue Idee: Immer wieder wird nach grausamen Veröffentlichungen über Tierleid im Schlachthof so etwas gefordert [10] [11]. Es gab sogar schon Tierrechtsaktivisten, die Drohnen für die Überwachung der ganzen Agrarindustrie forderten [12].

    Doch, wie der Bundestag zuletzt in einem Papier festhielt:

    Eine vollumfängliche, unbeschränkte, verdachtsunabhängige Videoüberwachung dürfte mit datenschutzrechtlichen Vorgaben nicht vereinbar sein.[13]

    Obwohl es um fühlende Lebewesen geht, die in einem beinahe vollständig automatisierten Prozess ihr Ende finden, wird es also in absehbarer Zeit keine gesetzlich vorgeschriebene Überwachung von Schlachthöfen geben.

    So oder so: Was wäre, wenn ausgerechnet in dem wichtigen Moment die Bodycam der Cops- verzeihung – die Überwachungskamera ausfallen würde? Oder – wie in den Gesetzesentwürfen vorgesehen – die Betäubungsanlagen sowieso ausgenommen wären? Dann wäre ein weiteres Tier unter Qualen gestorben und niemand wüsste davon. Kein Schlachthof würde schließen. Keine weiteren Ermittlungen.

    Deshalb ist es umso wichtiger, dass Menschen wie Anna und Hendrik aufdecken, was schiefläuft.

    Damit Tierqual nicht verdeckt bleibt.

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    Quellen

    [1] Originalbeitrag „CO2-Betäubung: Gnadenakt oder Tierquälerei?“ vom 21.08.2025 beim Magazin „Plus Minus“ vom ARD

    [2] Original-Beitrag „Tiere erleiden Todesqualen“ vom 13.06.2025 auf BILD.de
    Archiv: https://archive.is/xQ6f8

    Siehe auch „Schlachthofprozess“ auf Instagram: https://www.instagram.com/schlachthofprozess/reel/DLU1lnbCmUx/

    [3] Ebenso.

    [4] Siehe: https://brand-lohne.de/nachhaltigkeit/#Tierwohl

    [5] Siehe Instagram-Kanal des Konzerns: https://www.instagram.com/brandlohne/

    [6] Siehe Instagram-Kanal des Konzerns: https://www.instagram.com/p/C7lsEUEtf0f/

    [7] https://www.openagrar.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00028965/Tierschutz_Gefluegeltransport.pdf

    [8] EU-Verordnung (EG) Nr. 1/2005 über den Schutz von Tieren beim Transport enthält in Anhang I Kapitel VII die Vorgaben zu Platzbedarf für Geflügel nach Gewicht: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32005R0001

    [9] So platt steht es in der „Verordnung zum Schutz von Tieren im Zusammenhang mit der Schlachtung oder Tötung und zur Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 des Rates (Tierschutz-Schlachtverordnung – TierSchlV)“ – Paragraph § 12: Betäuben, Schlachten und Töten. Siehe: https://www.gesetze-im-internet.de/tierschlv_2013/__12.html

    [10] https://www.landundforst.de/tier/kameras-schlachthoefen-videoueberwachung-tierschutz-foerdern-571472

    [11] https://taz.de/Tierquaelerei-in-der-Fleischindustrie/!5886502/

    [12] Will Potter: „Drone On The Farm“ https://www.kickstarter.com/projects/1926278254/drone-on-the-farm-an-aerial-expose?ref=9rybhl

    [13] Wissenschaftlicher Dienst der Bundesregierung, WD 3 – 3000 – 073/23 https://www.bundestag.de/resource/blob/963082/eda5f7b64e887a09eaa3fca2d2bd513c/WD-3-073-23-pdf-data.pdf

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