Kategorie: Episoden

Jede Folge von dreckige Pfoten

  • 04. Lobby Schweinerei 1/2

    04. Lobby Schweinerei 1/2

    Lobby Schweinerei 01

    Helmut R. und der illegale Stall

    Ein Ex-Landwirtschaftsminister, ein Bestechungsvorwurf und 28.000 Schweine in einer Anlage, die laut Gericht niemals hätte gebaut werden dürfen – und die trotzdem steht. Wie wurde Sachsen-Anhalt zum Nährboden für Deutschlands größte Tierfabriken?

    Es gibt eine ausführliche Quellenliste mit einer Timeline der Ereignisse und Hintergründen zur Person.

    Unterstützten

    Wenn ihr das Verfahren gegen die Anlage, die niemals existieren dürfte, und Gabriele Wolf unterstützen möchtet, dann spendet gerne an:

    BUND Sachsen-Anhalt e.V.Bank für SozialwirtschaftIBAN: DE 23 3702 0500 0001 7592 01Verwendungszweck: Schweinemastanlage Gerbisbach

    Das könnt ihr natürlich auch online erledigen über die Webseite des BUND.

    dreckige pfoten

    1. die Anlage, die es nicht geben dürfte

    Nichts könnte dörflicher sein als das 191-Einwohner-Fleckchen Gerbisbach in Sachsen-Anhalt: kein Supermarkt, keine Bäckerei und auch sonst nichts, das auf den ersten Blick sonderlich interessant wirkt. Sogar die Straßen heißen lapidar »Dorfstraße« und »Feldstraße«.
    Bei Google Maps fällt sofort etwas auf: Neben dem alten Dorfkern gibt es eine Ansammlung von Wellblech-Gebäuden. Passt irgendwie nicht dahin.

    Nach ein paar weiteren Klicks sieht man, dass diese 21 Hallen plump mit „Solarstromanlagen“ bezeichnet sind.

    Mit meinem kleinen Spielzeug – einer filmenden Drohne – schau ich mir diese „Solarstromanlage“ doch mal genauer an:
    Statt wie andere Drohnen den ganzen Flugverkehr zu irritieren, hilft mir heute die DJI-Drohne , einen Überblick zu verschaffen:

    Na gut: Es sind zwar solche Solarmodule auf den Dächern – aber das ist sicher nicht der Hauptzweck dieser lebensfeindlichen Wellblech-Gebäude.

    Keine einzige der Hallen hat Fenster. Und nur an ein paar Seiten gibt es so etwas wie ein Tor oder eine Art Schleuse.

    Es ist die Anlage, die es eigentlich nicht geben darf. Eine Schweinemast- und Ferkelaufzuchtanlage in Gerbisbach.

    Spätestens beim Anblick der riesigen, ballonartigen Güllebehälter für die Biogas-Anlage wird klar, dass es sich nicht um einen stinknormalen – pun intended – Industriebetrieb handelt.

    Beim genaueren Hinschauen, sehen wir überall Abfall oder Schutt herumliegen. Und an einer anderen Stelle sieht es so aus, als würde Gülle einfach in einen provisorischen See sickern.

    Sowieso sieht alles ein wenig behelfsmäßig aus, für einen Betrieb, der ja eigentlich Lebensmittel produziert.

    in dem Jahr, als ich meinen Schuldienst beendet habe, im Juni 2005 und im Dezember 2005 ereilte uns dann das Ereignis: Hier wird eine große Tierhaltungsanlage gebaut, industrielle Tierproduktion.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Das ist Gabriele Wolf. Eine Lehrerin im Ruhestand und eine vehemente Gegnerin der Anlage, die es eigentlich nicht geben darf.

    Sie hat bisher fast 20 Jahre dafür gekämpft, dass die Politik ihre eigenen Regeln einhält, dass Menschen vor Umweltgefahren geschützt werden – und Tiere nicht in Megaställen leiden müssen.

    Inzwischen hat sie mehrere dicke Ordner mit Unterlagen, Flyern und Zeitungsausschnitten über alles, was mit der Schweinemastanlage zu tun hat.

    Ich muss sagen, bis dahin hat uns das Thema gar nicht so berührt. Wir leben mit der Landwirtschaft. Rundherum wird hier angebaut und geerntet. Tierhaltungsanlagen gibt es auch, kenne ich alle. Davon hatte ich die Kinder in der Schule.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Aber sie hat auch über die vielen Jahre gelernt, wie Menschen die Regeln biegen und zu ihrem Vorteil nutzen:

    Weil er der skrupellose Schuldige ist, dass man hier so was realisiert hat.  Und er wusste genau, wie man vorgehen muss. Wir waren die Betroffenen, Unerfahrenen und standen diesem Profi da gegenüber.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Sie meint den gewieften Projektleiter des Stalls.
    Die Lokalpresse nannte ihn: „Türöffner der Agrarindustrie“[ii].

    Und er ist auch jemand, der wegen eines Bestechungsvorwurfs vor Gericht stand.

    Heute nennen wir ihn …. „Helmut R.“ oder „R.“.

    Helmut R. ist die Person, die alte landwirtschaftliche Betriebe aus der DDR in Megaställe umwandeln ließ.

    Der Mann, der maximalen Profit auf Kosten von abertausenden Lebewesen und ostdeutscher Landstriche angestoßen hat.

    Aber ich will dazu noch eine Sache sagen: Helmut R. ist nur ein Beispiel dafür, wie die Politik und die Tierindustrie Hand in Hand zusammenarbeiten. Von solchen Menschen gibt es alleine in Deutschland Dutzende. Er ist vielleicht ein markantes Beispiel – aber Helmut R. ist keine Ausnahme.

    Gabriele Wolf hat einen großen Teil ihres Lebens dem Kampf gegen die Schweineaufzucht in ihrer direkten Nachbarschaft gewidmet. Von ihrem Haus aus kann sie den Gestank jeden Tag im Wohnzimmer riechen.

    Sie hat mit Hilfe von Naturschutzverbänden gegen die Baugenehmigung geklagt – und mehrfach gewonnen. Und trotzdem stehen die 21 Wellblechhallen hier am „Fischweg“. Und trotzdem werden hier jedes Jahr tausende Schweine „produziert“.

    Da kommen jetzt viele zu mir. Wieso geht denn das weiter? Ist doch rechtswidrig. Habe doch Recht bekommen. Das kann man schlecht erklären.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Das ist auch meine brennende Frage, als ich von der Anlage, die nicht existieren dürfte, erfahre:

    Wie konnte eine riesige Schweinemast in dem kleinen Örtchen entstehen, obwohl so vieles dagegenspricht? Gab es hier Politiker:innen, die „ein Auge zugedrückt“ haben?

    Noch mehr?

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    2. Wer ist Helmut R.?

    Unser Helmut R. wuchs als Bauernkind in einem kleinen Dorf bei Wittenberg auf. Sein Vater war sogar Betriebsleiter einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Also nicht der schlechteste Ausgang.

    Nachdem die DDR zerfiel, erhielt seine Familie ein großes Stück Land zurück als Eigentum und errichtete dort einen Rinderbetrieb.
    R. machte eine Weile den Biobauern und trat zeitgleich in die SPD ein.

    Er kennt seine Heimat in- und auswendig, weiß, wie die Agrarproduktion am profitabelsten funktioniert, und konnte schnell Karriere machen. Wie er selbst sagt, wurde er …

    über Nacht [wurde ich] Landwirtschaftsminister, […][i]

    Er ist einer »vom Fach«, der in die Politik wechselte. Klingt ja erstmal gut.

    Doch leider »stolperte« er – so die Lokalpresse – über seine vielen Geschäfte: Als Landwirtschaftsminister setzte er sich für Fördermittel ein, die er dann seinem eigenen Betrieb zukommen ließ.

    Auch wenn das scheinbar gängige Praxis war – und vermutlich noch immer ist: Es war kein Kavaliersdelikt. Also musste er seinen Posten als Minister räumen[iii] und strebte jetzt eine neue Karriere an.

    Vermutlich dachte er sich: Hauptsache was mit Tieren“.

    Er hat vor, die brachliegenden LPG-Betriebe in blühende Landschaften zu verwandeln. Schließlich weiß der Unternehmer, was er da macht: Schon Mitte der 2000er Jahre betreut seine Beratungsfirma sechs Projekte mit insgesamt 200 Millionen Euro Investitionsvolumen[iv].

    Wie R. das selbst schön nennt:
    neues Leben in alte Ställe [bringen][v]

    2.1 „finanzielle Unterstützung“ oder Bestechung

    Er findet ein interessantes Stück Land auf einem ehemaligen Sowjet-Flughafen in der Provinz.

    All die schönen Werbeversprechen unseres Helmut R. – Arbeitsplätze, Aufschwung, Wachstum – bringen leider nicht das erhoffte „Go!“ aus den Ämtern der Region.

    Bei dem Flugplatz-zu-Schweinemast-Projekt, ist die Krux, dass das Gelände zu vier verschiedenen Gemeinden gehört. Und nicht alle sind besonders erpicht auf das Projekt.

    Sogar eine Bürgerinitiative wurde gegründet, um der »Schweinelobby« etwas entgegenzusetzen.

    Letztlich kaufte eine der angrenzenden Gemeinden den Teil des Geländes auf ihrem Gebiet selbst und legte damit die Pläne des Schweinemästers und seines Geschäftspartners auf Eis. Damit kann der Ort ein starkes Zeichen gegen den Bau der riesigen Schweinemastanlage setzen.

    Wer kann es ihnen verdenken, wenn Helmut R. und seine Geschäftspartner zusammen eine riesige Tierfabrik aufziehen wollen, die so viel Exkremente, wie eine 180.000-Einwohner-Stadt produzieren.

    Vermutlich wurde unser Helmut R. jetzt etwas nervös. Es steht nicht nur eine Menge Geld auf dem Spiel, sondern auch seine Reputation.

    Sein Auftraggeber zieht gegen die Entscheidung der Gemeinde Mahlwinkel vor Gericht. Doch die Stimmung bleibt mies und der Gemeinderat verweigert weiterhin seine Zustimmung.

    Weil das natürlich ziemlich schlecht für das Geschäft ist, versucht R. das Ganze …

    etwas zu beschleunigen[vii]

    … wie sein Anwalt später vor Gericht sagen wird.

    In zwei Gesprächen bietet R. eine … sagen wir: eigentümliche Art der Unterstützung an:

    10.000 Euro hat er der ehrenamtlichen Bürgermeisterin von Mahlwinkel angeboten[viii].
    Dabei wollte der ahnungslose R. doch nur die heimische Infrastruktur unterstützen.

    Bestechung war nie meine Absicht

    sagt R. selbst[ix].

    Aber auch eine ehrenamtliche Bürgermeisterin weiß genau, dass das keine nette Geste zur »Unterstützung für die Gemeinde« war. Sie zeigt R. wegen eines Bestechungsversuchs an.

    In einer ersten Verurteilung 2008 wurde R. sogar zu acht Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 5.000 Euro verdonnert.

    Allerdings wird es im Berufungsprozess später heißen, dass R. die Bürgermeisterin gar nicht bestechen konnte – schließlich war die ja nur ehrenamtlich tätig.

    2.2 „Türöffner“ & Gemüsebauer

    Helmut R. hat inzwischen ein anderes Gebiet gefunden. Und das hat zumindest weniger mit Tieren zu tun. Seit einigen Jahren hat er sein Portfolio mit Gemüse diversifiziert.

    In einem der größten Gewächshäuser in Deutschland hilft er, die »Luther-Tomate« anzubauen. Unter der Projektleitung unseres Unternehmensberaters, wirbt das Konterfei des Kirch-Reformers und Vollblut-Antisemiten Martin Luther nun für die angeblich beste Tomate aus Sachsen-Anhalt.

    Leider schafft es die Tomate nicht in die große, weite Welt[x] – aber für den neuen, niederländischen Investor reicht das und damit ist das Standing von Helmut R. als Global-Player und Strippenzieher gerettet.

    Schließlich hat die Lokalpresse hierzu auch einen Süßholz-raspelnden Artikel veröffentlicht, der nur Gutes über R. zu berichten weiß.

    »Türöffner für Agrarkonzerne«[xi]

    Nennt die Mitteldeutsche Zeitung unseren Unternehmensberater für Schweinemast-Investor:innen. Und sie zitieren ihn fleißig, ohne viele Nachfragen:

    Es gibt in Deutschland unglaublich viele Auflagen und Hürden, doch mit Kompromissen findet sich meist auch ein Weg.

    [xii]

    Inzwischen wissen wir ja, wie ein solcher »Kompromiss« aussieht. Aber die Lokalredaktion fragt da nicht weiter nach.

    Nicht erwähnenswert bleibt, dass R. die Projektleitung einer Kaviar- und Störfarm wegen Insolvenz abgeben musste und weiterhin gegen seine Planungen von Massentierhaltungsanlagen in Sachsen-Anhalt geklagt wird.

    Auch die schlimmsten Übertreibungen oder Lügen wurden ihm immer abgenommen, als er über die von ihm „intensive Tierhaltung“ genannte Massentierhaltung redete:

    Dem Schwein, das mit zwölf Artgenossen zusammenlebt, ist es egal, ob in der Gesamtanlage 2.000 oder 12.000 Tiere leben.

    [xiii]

    In Großanlagen sei die Hygiene häufig besser und der Einsatz von Medikamenten geringer als in kleineren Ställen. Das hängt aus [seiner] Sicht damit zusammen, dass es spezialisiertere und professionellere Mitarbeiter gibt.

    Was sind Massenställe? Ob 100.000 oder 10.000 in einem Stall sind, ist für das Einzeltier uninteressant, weil das Einzeltier lebt in einer Gruppe von 10, 12, 14 Tieren. Mehr sieht es in seinem Leben nicht. Das sieht nicht, ob drumherum noch 500, 1000 oder 100 sind.

    – R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“[xiv]

    All das sind Dinge, die ein ehemaliger Landwirtschaftsminister und ständiges SPD-Mitglied einfach so von sich geben durfte und darf. All das sind aber auch Dinge, die recht einfach zu widerlegen sind, beispielsweise, wenn man die Beschäftigten selbst fragt oder die Veröffentlichungen von investigativen Recherche-Teams anschaut:
    Schweine, die sich gegenseitig anfressen. Tiere, die riesige Wunden haben oder gar nicht mehr bewegungsfähig sind. Der unglaubliche Ammoniak-Gestank, der jeder Person sofort in die Nase steigt, wenn sie diese Riesen-Anlagen betritt.

    Solche Zustände sind der Normalzustand und werden immer wieder vorgefunden – auch in den Anlagen der Familie van Gennip und den ganzen anderen.

    Also in genau den Ställen, die unser Helmut R. eigentlich gut kennen sollte und deren Geschäftsführende er stets als erfahrene Schweinemäster auszeichnet, sobald Kritik geäußert wird.

    Für den »Türöffner der Agrarindustrie« passt ein Spruch von einem der Gegner der Schweinemast in Gerbisbach:

    An dem Schlüssel wird so lange gefeilt, bis er ins Schloss passt.

    [xv]

    Denn am Ende geht’s nur ums Geld. Nicht um Tiere, nicht um Menschen, nicht um Umwelt – nur um Geld. Für wenige. So schnell wie irgendwie möglich.

    Da können dann auch mal Regeln und Gesetze etwas lockerer genommen werden.

    Es sieht aus wie Baustelle, also wirklich ganz schlecht, was da auf dem Gelände alles rumliegt. So stelle ich mir ein, ein Betrieb eines erfahrenen Schweinemeisters wirklich nicht vor. […] Und da ist so Desinteresse, das geht nur um Produzieren, Schweine rein und Schweine raus und Geld verdienen, Profit machen und das seit elf Jahren mit einer rechtswidrigen Genehmigung.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Gut, es ist so eine allgemeine Erscheinung, das muss ich ja auch sagen: Es ermüdet die Menschen und die Politiker sind froh, wenn Ruhe ist.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Unter den vielen Mitkämpfer:innen gegen die Anlage in Gerbisbach, ist auch der Schauspieler Thomas Rühmann: Er ist seit 1998 in der ARD-Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“ wöchentlich zu sehen.

    Und auch er hat seine Erfahrungen mit Gerbisbach und den Schweinemästern in Sachsen-Anhalt:

    ich komm einfach aus der DDR. Und wir haben das natürlich erlebt, aber haben es natürlich auch verschwiegen und es spielte einfach natürlich keine Rolle. […] Und das wurde einem dann praktisch nach der Wende wurde das einem bewusst, was da eigentlich los gewesen ist.

    – Thomas Rühmann im Interview

    Und das Absurde heute ist natürlich Fahren Sie mal durch Niedersachsen. Also *lacht* das ist, also – ich war da neulich mit dem Auto unterwegs – das ist ein Land aus Gülle, Kann man so sagen.

    – Thomas Rühmann im Interview

    Also die Vorstellung, dass […] praktisch vor allem exportiert wird, das Schweinefleisch praktisch mit diesem schlimmen ökologischen Ergebnis, das heißt, wir sorgen dafür, dass diese Schweine, die bei uns unmenschlich, schweinemäßig aufwachsen – praktisch eigentlich die Welt versorgen. Aber die Folgen, die Gülle, die Beeinträchtigung der Natur, die bleibt bei uns. Und das ist für mich wirklich eine absurde Zuspitzung.

    – Thomas Rühmann im Interview

    2.3 Helmut R. & die Investor:innen

    Zurück zu Helmut R. In den kommenden Jahren wird Helmut R. immer wieder millionenschwere Geschäfte anleiern und dafür seine Kontakte in Politik und Wirtschaft ausgiebig nutzen. Mit seinem Wissen über die eigene Heimatregion und die zerfallene DDR konnte R. seine eigenen Vorstellungen und Träume von erfolgreicher Agrarproduktion anschieben.   Helmut R. wirbt jetzt mit jeder Menge Enthusiasmus bei Presse und den Interessierten: Viele neue Arbeitsplätze wird es geben und die Landwirt:innen der Region brauchen ja sowieso händeringend mehr Gülle für ihre Felder – da kann er Abhilfe schaffen: „Wir haben ja das große Problem genau umgekehrt: Wissen Sie, wir haben gute, große Landwirtschaftsbetriebe. Wir kriegen aber nicht genügend Tiere.“  – R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“[xvi]   Genau wie die Führer der DDR war auch R. total überzeugt von der industriellen Tierhaltung. Die „intensive Tierzucht“ – wie er die Massentierhaltung auch nennt[xvii] – war für ihn vermutlich eine Gelddruckmaschine, jetzt, wo all diese Flächen wieder verfügbar waren. Die Technik, die Infrastruktur und die Gebäude sind da. Arbeitswillige gibt es in der »strukturschwachen« Region sowieso. Und wie wir jetzt wissen, liebt die Politik landauf, landab Anreize für den viel beschworenen Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.   Was jetzt nur noch fehlte, waren geldschwere Investoren. Am besten Unternehmer, die schon in der Landwirtschaft tätig sind, aber weiter wachsen wollen. Vor allem niederländische und dänische Investoren hatten ein starkes Interesse an den ehemaligen Landwirtschaftsbetrieben der DDR. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt wurden tausende Hektar Land an die Privatwirtschaft verkauft. Knapp 60 Prozent der Schweine-Tierfabriken waren schon in den 2000er-Jahren in der Hand von ausländischen Investoren[xviii].   Ein solcher, ausländischer Unternehmer und Investor war Harrie van Gennip: Schon 1995 machte er sich in der ehemaligen DDR breit und kaufte einen in den 1960er-Jahren erbauten Stall in der Nähe von Magdeburg. 60–65.000 Schweine in sechs, knapp 400 Meter langen Hallen, auf einem knapp 90.000 Quadratmeter großen Gelände im Örtchen Sandbeiendorf. Wöchentlich sollen hier 1.600 Schweine zur Schlachtung abtransportiert werden[xix]. Eine der größten – wenn nicht sogar die größte Schweinemastanlage in Deutschland. Aber selbst das war weder Herrn van Gennip, noch unserem Helmut R. genug.   Van Gennip hat ein persönliches Interesse an neuen Anlagen, meint Gabriele Wolf, die sich eingehend mit der Persönlichkeit und seinem Netzwerk beschäftigt hat:

    und der van Gennip hatte damals zu ihm gesagt: Ich habe fünf Kinder und jedes Kind bekommt so eine Anlage.

    – Gabriele Wolf im Interview Wer möchte nicht auch einen eigenen Stall voller Tiere erben? Anyways: Das Problem im Heimatland des Investors sind die strengen Umweltauflagen und der generelle Drift der Gesellschaft, Massentierhaltung doof zu finden: Seit einigen Jahren gibt es sogar Bestrebungen der Regierung, dass alte Ställe zurückgebaut werden, um die Tierzahlen in den Niederlanden nachhaltig zu reduzieren. Wie sich 2025 zeigt, hat diese Methode Erfolg: 19 % der Schweinehalter wollen aussteigen[xx] und zum ersten Mal seit 45 Jahren ist der Schweinebestand auf unter 10 Millionen Tiere geschrumpft[xxi]. – ja, das sind immer noch verkackt viele. Im Jahr 2008 beschrieb ein niederländischer Mitarbeiter einer Schweinemast in Sachsen-Anhalt seine Perspektive mit:

    Zu Hause wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.

    – Jan Van Genugten, Pelapro Farm [xxii]   Dass van Gennip und Co. diesen Negativtrend mit ihren Ställen in Deutschland umgehen wollen, wurde nicht zuletzt bei einer Aufdeckung der Tierrechtsorganisation „Animal Rights Watch“ de utlich: 2013 bekamen sie grausame Aufnahmen aus einer der van Gennip-Anlagen zugespielt und haben damit ein ganz anderes Licht auf den strahlenden Investor geworfen[xxiii]. Ein Vertreter des Vereins berichtet:

    Das Problem ist zum einen, dass der Betreiber dieser Anlage gegen viele deutsche Vorschriften, die jetzt in der neuen Tierschutzhaltungsverordnung drinstehen, verstößt. Also insgesamt haben wir zehn oder elf verschiedene Verstöße dort gezählt. Das heißt, diese Anlage ist eigentlich echt unterm Standard oder absolut unter dem, was sein sollte. Und dieser Betreiber ist aber gleichzeitig so groß, dass er dann den Marktstandard definiert und mit runterzieht.

    – Ein Vertreter von „Animal Rights Watch“ über die Zustände in der Anlage[xxiv] Und erst nachdem Tierschützer vor Ort Aufnahmen gemacht hatten, kam auch das Veterinäramt und verhängte ein Bußgeld gegen van Gennip[xxv].  

    eindringliche
    Geschichten

    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

    2.3 Helmut R. & die Investor:innen

    Zurück zu Helmut R. In den kommenden Jahren wird Helmut R. immer wieder millionenschwere Geschäfte anleiern und dafür seine Kontakte in Politik und Wirtschaft ausgiebig nutzen. Mit seinem Wissen über die eigene Heimatregion und die zerfallene DDR konnte R. seine eigenen Vorstellungen und Träume von erfolgreicher Agrarproduktion anschieben.   Helmut R. wirbt jetzt mit jeder Menge Enthusiasmus bei Presse und den Interessierten: Viele neue Arbeitsplätze wird es geben und die Landwirt:innen der Region brauchen ja sowieso händeringend mehr Gülle für ihre Felder – da kann er Abhilfe schaffen: „Wir haben ja das große Problem genau umgekehrt: Wissen Sie, wir haben gute, große Landwirtschaftsbetriebe. Wir kriegen aber nicht genügend Tiere.“  – R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“[xvi]   Genau wie die Führer der DDR war auch R. total überzeugt von der industriellen Tierhaltung. Die „intensive Tierzucht“ – wie er die Massentierhaltung auch nennt[xvii] – war für ihn vermutlich eine Gelddruckmaschine, jetzt, wo all diese Flächen wieder verfügbar waren. Die Technik, die Infrastruktur und die Gebäude sind da. Arbeitswillige gibt es in der »strukturschwachen« Region sowieso. Und wie wir jetzt wissen, liebt die Politik landauf, landab Anreize für den viel beschworenen Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.   Was jetzt nur noch fehlte, waren geldschwere Investoren. Am besten Unternehmer, die schon in der Landwirtschaft tätig sind, aber weiter wachsen wollen. Vor allem niederländische und dänische Investoren hatten ein starkes Interesse an den ehemaligen Landwirtschaftsbetrieben der DDR. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt wurden tausende Hektar Land an die Privatwirtschaft verkauft. Knapp 60 Prozent der Schweine-Tierfabriken waren schon in den 2000er-Jahren in der Hand von ausländischen Investoren[xviii].   Ein solcher, ausländischer Unternehmer und Investor war Harrie van Gennip: Schon 1995 machte er sich in der ehemaligen DDR breit und kaufte einen in den 1960er-Jahren erbauten Stall in der Nähe von Magdeburg. 60–65.000 Schweine in sechs, knapp 400 Meter langen Hallen, auf einem knapp 90.000 Quadratmeter großen Gelände im Örtchen Sandbeiendorf. Wöchentlich sollen hier 1.600 Schweine zur Schlachtung abtransportiert werden[xix]. Eine der größten – wenn nicht sogar die größte Schweinemastanlage in Deutschland. Aber selbst das war weder Herrn van Gennip, noch unserem Helmut R. genug.   Van Gennip hat ein persönliches Interesse an neuen Anlagen, meint Gabriele Wolf, die sich eingehend mit der Persönlichkeit und seinem Netzwerk beschäftigt hat:

    und der van Gennip hatte damals zu ihm gesagt: Ich habe fünf Kinder und jedes Kind bekommt so eine Anlage.

    – Gabriele Wolf im Interview Wer möchte nicht auch einen eigenen Stall voller Tiere erben? Anyways: Das Problem im Heimatland des Investors sind die strengen Umweltauflagen und der generelle Drift der Gesellschaft, Massentierhaltung doof zu finden: Seit einigen Jahren gibt es sogar Bestrebungen der Regierung, dass alte Ställe zurückgebaut werden, um die Tierzahlen in den Niederlanden nachhaltig zu reduzieren. Wie sich 2025 zeigt, hat diese Methode Erfolg: 19 % der Schweinehalter wollen aussteigen[xx] und zum ersten Mal seit 45 Jahren ist der Schweinebestand auf unter 10 Millionen Tiere geschrumpft[xxi]. – ja, das sind immer noch verkackt viele. Im Jahr 2008 beschrieb ein niederländischer Mitarbeiter einer Schweinemast in Sachsen-Anhalt seine Perspektive mit:

    Zu Hause wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.

    – Jan Van Genugten, Pelapro Farm [xxii]   Dass van Gennip und Co. diesen Negativtrend mit ihren Ställen in Deutschland umgehen wollen, wurde nicht zuletzt bei einer Aufdeckung der Tierrechtsorganisation „Animal Rights Watch“ de utlich: 2013 bekamen sie grausame Aufnahmen aus einer der van Gennip-Anlagen zugespielt und haben damit ein ganz anderes Licht auf den strahlenden Investor geworfen[xxiii]. Ein Vertreter des Vereins berichtet:

    Das Problem ist zum einen, dass der Betreiber dieser Anlage gegen viele deutsche Vorschriften, die jetzt in der neuen Tierschutzhaltungsverordnung drinstehen, verstößt. Also insgesamt haben wir zehn oder elf verschiedene Verstöße dort gezählt. Das heißt, diese Anlage ist eigentlich echt unterm Standard oder absolut unter dem, was sein sollte. Und dieser Betreiber ist aber gleichzeitig so groß, dass er dann den Marktstandard definiert und mit runterzieht.

    – Ein Vertreter von „Animal Rights Watch“ über die Zustände in der Anlage[xxiv] Und erst nachdem Tierschützer vor Ort Aufnahmen gemacht hatten, kam auch das Veterinäramt und verhängte ein Bußgeld gegen van Gennip[xxv].  

    2.4 PR-Strategien des Helmut R.

    Super! Kein Grund zur Aufregung! Die Geschäfte müssen halt weiterlaufen…   Und deshalb ging es auch weiter bei einer anderen Tierfabrik im Örtchen Haßleben. Die alte DDR-Anlage sollte wieder in Betrieb genommen werden: 85.000 Schweine sollen hier ihr eintöniges Leben leben – um am Ende als Fleisch zu enden[xxvi]. Was erst mal nicht so überzeugend klingt, ist für Helmut R. nur eine dornige Chance sozusagen… Denn wie schon Edward Bernays wusste – der Guru der „Public Relations“ und Neffe von Sigmund Freud:

    Die bewusste und intelligente Manipulation der Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft.

    – Edward Bernays: Propaganda[xxvii]   Menschen können eben nicht plump dazu gebracht werden, etwas Dummes toll zu finden. Gewiefte Strategen müssen eine Art „Zustimmung fabrizieren“ („Manufacturing Consent“), wie Bernays es später nannte.   Deshalb hat auch unser Helmut R. nicht lockergelassen und versucht, das Bild der Massentierhaltung zu beschönigen:   „Wenn wir immer über Massenställe reden, was sind Massenställe? Ob 100.000 oder 10.000 einem Stall sind, ist für das Einzeltier uninteressant. […] Ein Einzeltier ist das Entscheidende. Und wenn Sie heute Fleisch produzieren, egal ob Hühner, Schweine oder Rinder, wenn Sie Ihren Bestand nicht gesund erhalten, werden Sie das nicht lange überleben. Und das ist eigentlich das Ziel. Und da muss man immer darauf achten Wie geht es den Tieren, wie geht es ihnen? Wie hoch sind die Medikamenten-Einsätze? Wie hoch sind die Verluste? Also das unterhalb der Norm ist, Sprechen wir aus, spreche ich von einer artgerechten Haltung.“ – Helmut R. bei einer Talkrunde mit dem Thema: „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel[xxviii] Diese Aussagen traf Helmut R. in einer Talkrunde zum Thema „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel“ im Jahr 2012.   In der gleichen Sendung pflichtete ihm der damalige Staatssekretär für Landwirtschaft – und übrigens wegen Untreue bestrafter Politiker der CDU, Peter Bleser, bei und unterstellte – natürlich mit akuter Realitätsverzerrung:

    Und da möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es in früheren Jahrzehnten nicht besser war: Die Kühe waren angekettet, die Schweine in engen Ställen ohne Licht. Heute sind die Ställe hell, modern, klimatisiert und die Böden trocken. Insofern ist meine Aussage richtig, wenn ich sage: Unseren Tieren ging es in der Nutzti erhaltung noch nie so gut wie heute.

      Na klar: Die Zustände, die schon Upton Sinclair in „Der Dschungel“ porträtiert hat, sind passé … Was Sinclair genau gesagt hat, hört ihr in der zweiten Folge dieses Podcasts.   Aber inzwischen hat sich die Tierindustrie auf eine andere Weise zum Grauen gewandt: Sogar Experten wie Helmut R. gehen von 10 % „Verlust“ in deutschen Ställen aus. Das bedeutet: Bei 20,9 Millionen Schweinen in deutschen Anlagen, sind zwei Millionen Schweine – zwei Millionen Individuen, die fühlen, riechen, schmecken und vor allem leiden können – abgeschrieben und dem Tode geweiht. Abstrakte Zahlen statt eines empathischen Blicks auf fühlende Lebewesen. Auch das wird deutlich bei einer anderen Aussage von R. als es um Exporte geht:

    Dann müssen Sie auch untersagen, dass wir Autos verkaufen nach China. […] Was ist denn der Unterschied zwischen Export von technischen Gütern und von Lebensmitteln.

    – Helmut R. in einer Talkshow   Aber es gibt auch Stimmen aus den Gemeinden, die Massentierhaltung in Haßleben und anderswo gar nicht so kritisch gegenüberstehen: Eine Bürgerinitiative mit dem Slogan: „Pro Schwein – für Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich“[xxix] macht tüchtig Stimmung. Mit bunten Schildern und Pappschweinen. Die wenigen Menschen, die sich öffentlich für die industrielle Tierhaltung im Ort einsetzen – vor allem wegen vermeintlicher Jobs – kämpfen laut Zeitungsberichten mit …

    überwiegend unsachliche[n] Argumentation zur geplanten Investition der Schweinemastanlage in Haßleben

    [xxx] Und auch dort hat R. seine Finger im Spiel, wie er selbst zugibt:

    Wir haben bei denen gewisse Kosten übernommen.

    [xxxi] Das sagte R. dem Spiegel. Zu diesen „gewissen Kosten“ gehören wohl ein aufpolierter Internetauftritt, T-Shirts und ein Exklusiv-Besuch bei van Gennips anfangs erwähnter Anlage in Sandbeiendorf mit knapp 60-65 000 Tieren. Wer könnte bei einem so exklusiven Service schon „nein“ sagen?

    2.5 Aktivismus dagegen (und das Ende von Haßleben)

    Letztlich hat auch diese PR-Strategie keinen großen Erfolg gebracht: Inzwischen wurde endgültig gegen die Erweiterung und den Neubau entschieden. Allerdings erst nach mehreren Gerichtsprozessen, die von Umwelt- und Tierschutzverbänden angeführt wurden. Immer wieder unterstützt von Aktivisti, die vor Ort leben oder sogar in den ehemaligen DDR-Anlagen gearbeitet haben und wissen, wie traurig ein Schweineleben in der Massentierhaltung ist. Ein Kräftezehrender Kampf über 16 Jahre, bis es zum endgültigen Beschluss gegen die Schweinemast in Haßleben kam[xxxii]. Und die Gerichte entschieden wohl weniger aufgrund von den immer wieder zutage gebrachten Tierschutzskandalen in solchen Riesenanlagen, fehlenden Evakuierungsplänen bei Bränden oder den immensen Auswirkungen auf Umwelt und Nachbarschaft. Am Ende war es lediglich eine Art Formfehler im Bauplanungsrecht der das Ganze Projekt zum Erliegen brachte.      

    3. Gerbisbach

    3.1 „sofortiger Vollzug“

    Man kann der Stadt Jessen zugutehalten, dass sie scheinbar 2009 den Braten schon gerochen hat und ihre Zustimmung zum Bau der Riesenmastanlage in ihrer Gemeinde Gerbisbach verweigerte. Damit wäre das Thema eigentlich vom Tisch gewesen. Allerdings lassen sich ein Helmut R. und seine Investor:innen nicht durch rigide Ämter ihren Plan durchkreuzen: Sie legten Beschwerde ein. Dann entschied die nächsthöhere Instanz und winkte den Bauantrag durch:

    Im August [2009] wurde dann die Genehmigung erteilt. Und, das war das Schlimmste – [durch] die Gerissenheit von Herrn R., oder in Anführungsstrichen die ‚Erfahrung’ – ‚mit sofortigem Vollzug’.

    – Gabriele Wolf im Interview Durch diesen sofortigen Vollzug, wie es Gabriele Wolf nannte, konnte der Umbau und die Erweiterung sofort losgehen, ohne, dass der Betrieb vollständig dafür ausgerichtet sein musste – eine sogenannte Teilinbetriebnahme. Wie ein neues Mehrfamilienhaus, das nur zur Hälfte umgebaut wurde, aber in dem in der anderen Hälfte schon Mieter einziehen können. So lässt sich schon früher Geld verdienen, ohne lange warten zu müssen. Praktisch.  

    Wenn die Anlage erst mal da ist, gewöhnen sich die Leute schon dran.

    [xxxiii], wie R. schon in einem Interview mit dem Abendblatt sagte.   Was jetzt folgt, ist ein kräftezehrendes Hin und Her durch Verwaltungsgerichte – das sind die Instanzen, die sich vor allem darum kümmern, dass Gesetze und Vorschriften auch in Ämtern eingehalten werden.   Das Landesverwaltungsamt hat Anfang 2009 die Genehmigung zur Schweinemastanlage in Gerbisbach erteilt – vermutlich ohne große Kenntnisse eines mehrere Jahre andauernden Prozesses und voll im Sinne der Betreiber. Dagegen wiederum klagte die Stadt Jessen. Die Straßen wären nicht ausreichend ausgebaut für den aufkommenden Verkehr. Daraufhin entschied nächste Instanz – dieses Mal das Oberverwaltungsgericht in Halle – Ende 2009 gegen die Genehmigung. Und wieder klagte der Betreiber – und übrigens auch das Landesverwaltungsamt – vielleicht waren sie beleidigt, dass sie jetzt selbst übergangen wurden? – who knows?   Endlich wurde dann 2013 die Baugenehmigung vom Landesverwaltungsamt in Halle (an der Saale) erteilt: „Die Stadt Jessen/Elster hatte im Genehmigungsverfahren ihr gemeindliches Einvernehmen für die gegenüber der erteilten immissionsschutzrechtlichen Genehmigung veränderte Ausführung der Schweinemastanlage mit Futterhaus versagt. Nach intensiver Prüfung und Abwägung aller Fakten hat das Landesverwaltungsamt als zuständige Behörde das gemeindliche Einvernehmen mit der Genehmigung ersetzt, weil es rechtswidrig versagt wurde.“[xxxiv]   Eine höhere Instanz, hundert Kilometer weit entfernt und mit – sagen wir, eher theoretischen Kenntnissen über die Region –, hat entschieden, dass es falsch war, dem Unternehmen die Genehmigung zu versagen, und nennt das Verhalten der Ortsgemeinde – also der Menschen, die am Ende von so einem Bau betroffen sind – „rechtswidrig“. Tja…   Die ersten Abrissarbeiten wurden schon 2006 begonnen[xxxv]. Als dann mit dem Umbau in Gerbisbach begonnen wurde, blieb kein Stein mehr auf dem anderen: Alle alten Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht und über 20 riesige, fensterlose Gebäude mit Blechdach hingepflanzt. Jetzt konnte der Betrieb also richtig losgehen…

    Wie der MZ von mehreren Seiten bestätigt wurde, sollen in der neuen Mastanlage, deren Bau noch nicht abgeschlossen ist, etwa 1 900 Ferkel eingestallt worden sein.

    [xxxvi]

    Die niederländischen Betreiber und ihr Projektmanager lehnten trotz wiederholter Nachfragen der MZ jede Auskunft zum Stand der Bauarbeiten und zu einem möglichen Eröffnungstermin ab. Es hieß lediglich, dass noch Forderungen von Behörden zu erfüllen seien. Darum sei es noch nicht an der Zeit, sich dazu zu äußern, erklärte R..

    „Aus dem Landesverwaltungsamt in Halle, der Genehmigungsbehörde der Anlage, hieß es lediglich: ‚Die Schweinemastanlage in Gerbisbach darf entsprechend unserer Genehmigung Mastschweine und Ferkel halten. Eine Teilinbetriebnahme wurde uns angezeigt. Die Kontrolle der Umsetzung von entsprechenden Auflagen erfolgt durch den dafür zuständigen Landkreis.‘ Der sieht Klärungsbedarf, der Initiativkreis auch.“

    R. bestätigte zudem, dass Schweine aus Gerbisbach bereits zur Schlachtung gebracht wurden. Zahlen nannte er nicht.

    [xxxvii]   Ganz genau wird es wohl nie klar werden, wie viele Tiere schon 2014 bei der sogenannten „Teilinbetriebnahme“ in den Ställen waren: Der Landkreis sieht Klärungsbedarf, das Verwaltungsamt – 100 Kilometer entfernt – meint aber, dass alles tippi toppi ist. Wieder werden also die Bedenken vor Ort ignoriert, damit der Wirtschaftsbetrieb in Gerbisbach weiterlaufen kann. Gabriele Wolf im Sinne von Martin Luther:

    Ich habe das viele, viele Jahre erlebt. Dieses ‚nicht dem Volke aufs Maul schauen‘, um mit Luther zu sprechen, das tut so weh. Bei allen Sachen: mit den Unterschriften von der Frau Wernicke.

    – Gabriele Wolf im Interview Mit „Ihr müsst dem Volk aufs Maul schauen“[xxxviii] meinte er: ihr müsst den Leuten zuhören, wie sie bei euch sprechen. Einen Satz, den Gabriele Wolf nicht nur einmal erwähnt.

    Das ist das Enttäuschende. Und Menschen, die jetzt vielleicht nicht richtig unterscheiden und nur diesen Frust und die Enttäuschung so in sich graben.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Also ich meine, ich habe jetzt so viele Beispiele genannt, wo man hätte spüren müssen, sollen als Betroffener, dass man ernst genommen wird und dass man das da was getan wird, was erfolgversprechend ist.

    – Gabriele Wolf im Interview

    Solche Sachen, die waren schon oftmals auch sehr deprimierend und enttäuschend. Wir hatten auch alle Politiker aller Couleur, waren hier. Die haben sich das angesehen, haben sich führen lassen, waren an der Anlage. Alle haben mit dem Kopf geschüttelt und haben [gesagt]: ‘ja, wir werden es ansprechen.’ Nichts.

    – Gabriele Wolf im Interview  

    3.2 Bilder aus der Hölle

    Fassen wir nochmal kurz zusammen: Helmut R. und seine Clique haben in Ostdeutschland eine Menge umgesetzt: Ehemalige DDR-Schweinemastbetriebe wurden so zu riesigen Produktionsanlagen für Schweine. Aber an einigen Orten gab es Beschwerden und Klagen der Anwohnenden, die Helmut R. und Co. einen Durchmarsch erschwerten.   So wird seit der ersten Planung die Schweinemast im Örtchen Gerbisbach angefochten. Gabriele Wolf ist an vorderster Front. Gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kämpfen Wolf und Co. seit 2004 gegen die Anlage von Helmut R. und den niederländischen Investor:innen, der Familie van Gennip. Die Genehmigung für den Bau der Schweinemast wird zuerst vom örtlichen Amt versagt und dann von der nächsthöheren Behörde genehmigt. Dagegen klagt der BUND durch alle Instanzen: Schon 2019 hat das Verwaltungsgericht entschieden, dass diese Ställe nicht genehmigt werden durften. Trotzdem wurden weiter Schweine hier gehalten. Letztlich hat sogar das Bundesverwaltungsgericht 2025 festgehalten: Diese Anlage hätte nie genehmigt werden dürfen. Tja. Trotzdem werden Schweine bis heute hier gehalten.   Gabriele Wolf ist inzwischen auch Mitglied des Stadtrats und hat immer wieder nachgefragt, Druck ausgeübt. Aber so richtig zuständig fühlt sich wohl niemand.   „Wir sehen wenig Chancen als Stadtrat Einfluss zu nehmen.”, sagt Dirk Nowak, von der CDU.[xxxix] „Ich würde mir wünschen, dass wir den Druck erhöhen.”, sagt Sindy Stolze von der FDP. „Es gibt dieses Urteil. Aber wir als Stadt sind nicht diejenigen, die es umsetzen müssen.”, sagt Dirk Zarrad von den Linken.   Noch während sich der Stadtrat um die beliebte „Zuständigkeitsfrage“ drückt, gibt es ein Update: Eine Tierrechtsorganisation hat Bildmaterial zugespielt bekommen, in dem deutlich zu erkennen ist, dass die Tiere leiden: Das Wasser ist in mehreren Nächten abgestellt. Das ist ziemlich eindeutig tierschutzwidrig[xl].   Doch statt den grausamen Zuständen in dieser Anlage endlich ein für alle mal einen Riegel vorzuschieben, entgegnet der Pressesprecher des zuständigen Landkreises Wittenberg: „Die Behörde kontrolliert nicht in der Nacht. Deshalb liegen hier keine Informationen vor, ob das Tränkwasser in den benannten Nächten abgestellt war.”[xli] Außerdem bestehen die Bildaufnahmen… “sehr wahrscheinlich auf Erkenntnissen aus unbefugten Betretungen der Stallanlagen”[xlii] Alles, um den Schwarzen Peter den Tierschützenden zuzuschieben, statt sich selbst an der Nase zu fassen. Und das scheint zumindest hier in Gerbisbach mindestens seit 2019 so zu sein. Aber Behörden kontrollieren nicht nur nachts nicht, sondern auch immer wieder nur sporadisch, mit Vorankündigung und sehr oberflächlich. Das ist ja auch logisch, denn niemand will sich wegen zweifelhafter, oft tierquälerischer, aber irgendwie doch legaler Bedingungen einen Haufen Papierarbeit machen. Aufnahmen von verschiedenen Organisationen zeigen die Amtstierärzte auch immer wieder bei diesen Kontrollen: Mal trinken sie Kaffee, schauen nur von der Tür in einen großen Stall oder laufen sogar an Kadavern vorbei. Sie sind auch Teil des Systems, das Tiere ausbeutet. Auch, wenn sie das selbst verständlicherweise nicht so sehen.     In der nächsten Episode werden wir uns ein wenig in die Geschichte der DDR-Landwirtschaft reinfuchsen und dabei ein paar bekannte Namen wiederentdecken. Außerdem gehen wir dann intensiver auf die Schweinemastanlage in Gerbisbach ein – die, die es eigentlich nicht geben sollte.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle der Tierindustrie und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von Recherche-Aktivisti sichtbar.

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    Die Intro-Musik ist von Manuel Rathje

    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

    Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

    dreckige pfoten

    Weitere Infos

    Es gibt eine eigene Seite mit einem Timeline-Überblick für Gerbisbach und Helmut R.

    Quellen

    [i] „Aqua Orbis in Jessen: Störfarm meldet erneut Insolvenz an“, 08.09.2014 in der MZ

    https://www.mz.de/lokal/jessen/aqua-orbis-in-jessen-storfarm-meldet-erneut-insolvenz-an-2121611 Archiv: https://archive.is/xi0BG

    [ii] Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen, 20.06.2018
    https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142
    Archiv: https://archive.is/ldXxj

    [iii] Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen, 20.06.2018
    https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142
    Archiv: https://archive.is/ldXxj

    [iv] „Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe“, 05.02.2006 bei Spiegel:

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO

    [v] ebenda

    [vi] „Schweinezucht in der Ex-DDR – es riecht nach Korruption”, 31.08.2008 im Hamburger Abendblatt:

    https://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107389298/Schweinezucht-in-der-Ex-DDR-es-riecht-nach-Korruption.html Archiv: https://archive.is/FpW1S

    [vii] „Schweinezucht in der Ex-DDR – es riecht nach Korruption”, 31.08.2008 im Hamburger Abendblatt:

    https://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107389298/Schweinezucht-in-der-Ex-DDR-es-riecht-nach-Korruption.html Archiv: https://archive.is/FpW1S

    [viii] ebenda

    [ix] ebenda

    [x] Mitteldeutsche Zeitung: “Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen”, 20.06.2018

    https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142 Archiv: https://archive.is/ldXxj

    [xi] Mitteldeutsche Zeitung: “Türöffner für Agrarkonzerne: Ex-Minister unterstützt Bau von Mastanlagen”, 20.06.2018

    https://www.mz.de/lokal/wittenberg/turoffner-fur-agrarkonzerne-ex-minister-unterstutzt-bau-von-mastanlagen-1450142 Archiv: https://archive.is/ldXxj
    Übrigens schreibt der Journalist auch für den „deutschen Landwirtschaftsverlag“, dem Sprachrohr der Tier-Industrie.

    [xii] ebenda

    [xiii] ebenda

    [xiv] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)

    https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM

    [xv] Berliner Zeitung: “Der Preis für billiges Fleisch im Supermarkt sind Turbomast und Massentierhaltung mit mindestens 40000 Hühnern”, 22.01.2011

    https://www.berliner-zeitung.de/der-preis-fuer-billiges-fleisch-im-supermarkt-sind-turbomast-und-massentierhaltung-mit-mindestens-40000-huehnern-oder-2000-schweinen-in-einem-stall-ekelfutter-tiertransporte-und-medikamenteneinsatz-viele-verbraucher-sind-nicht-mehr-bereit-diesen-preis-zu-bezahlen-sie-kaufen-bewusster-ein-und-kaempfen-hartnaeckig-gegen-grossprojekte-der-agrarindustrie-ein-besuch-der-widerstandsnester-in-der-schlachtzone-li.17720 Archiv: https://archive.is/4YeGl

    [xvi] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)

    https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM

    [xvii] ebenda

    [xviii] Siehe „Foreign investments successful in Eastern Germany“, 01.05.2017 von Pig Progress: https://www.pigprogress.net/home/foreign-investments-successful-in-eastern-germany/ Archiv: https://web.archive.org/web/20250424192332/https://www.pigprogress.net/home/foreign-investments-successful-in-eastern-germany/

    [xix] „Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe”, 05.02.2006 im SPIEGEL

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO

    [xx] „NL: 19 % der Schweinehalter wollen Ausstiegsförderung nutzen“, 09.01.2025 in topagrar:

    https://www.topagrar.com/schwein/news/niederlande-uber-1500-viehhalter-beantragen-den-ausstieg-im-jahr-2024-20010372.html

    [xxi] Die „Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Deutschland“ berichtet:

    https://www.schweine.net/news/viehzaehlung-in-den-niederlanden-51-weniger-schwei.html

    [xxii] „Schweinereien im Osten“, 25.04.2008 in Der Freitag:

    https://www.freitag.de/autoren/jeroen-kuiper/schweinereien-im-osten

    [xxiii] Siehe: “Massives Tierleid in Schweinezucht Sandbeiendorf” von Animal Rights Watch: https://www.ariwa.org/tierleid-in-sandbeiendorf/

    [xxiv] „Tierschützer schlagen Alarm“ bei ARD Brisant, 17.12.2013:

    https://www.youtube.com/watch?v=eJdRaQtXPQ0

    [xxv] „Tierquälerei in ostdeutschen Schweinebetrieben”, 10.12.2013 von Deutschlandfunk:

    https://www.deutschlandfunk.de/fleischindustrie-tierquaelerei-in-ostdeutschen-10.html

    [xxvi] „Haßleben: Aus für Schweinemastanlage mit 37.000 Plätzen“, 10.07.2020 in agrarheute:
    https://www.agrarheute.com/tier/schwein/hassleben-fuer-schweinemastanlage-37000-plaetzen-570665

    [xxvii] „The manipulation of the American mind: Edward Bernays and the birth of public relations“ in „The Conversation“ von Richard Gunderman
    https://theconversation.com/the-manipulation-of-the-american-mind-edward-bernays-and-the-birth-of-public-relations-44393

    [xxviii] „Tiere im Massenstall – Mitgeschöpfe oder Nahrungsmittel?“ – Talkrunde tacheles vom 16.09.2012 (Phoenix)

    https://www.youtube.com/watch?v=cpgt2m8zOSM

    [xxix] „Über die Gigantomanie in Sachen Schnitzelproduktion“, 18.01.2012 in der TAZ:

    https://taz.de/Ueber-die-Gigantomanie-in-Sachen-Schnitzelproduktion-NORMALZEIT/!624915/

    [xxx] “Regionalkrimis (11): Achsen* des Bösen”, 13.08.2010 in der TAZ:

    https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/08/13/regionalkrimis_11_achsen_des_boesen/

    [xxxi] “Alternative Ost – Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe”, 05.02.2006 im Spiegel

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/alternative-ost-a-119751f9-0002-0001-0000-000045774378 Archiv: https://archive.is/dy2NO

    [xxxii] Pressemitteilung der Bürger-Initiative „Kontra Industrieschwein“ am 09.07.2020.

    [xxxiii] Siehe [2]: „Schweinezucht in der Ex-DDR“

    [xxxiv] Pressemitteilung der Behörde in Halle: “Baugenehmigung für Schweinemastanlage Gerbisbach erteilt”, 22.07.2013:

    https://presse.sachsen-anhalt.de/landesverwaltungsamt/2013/07/23/baugenehmigung-fuer-schweinemastanlage-gerbisbach-erteilt/ Archiv: https://archive.is/TKO2L

    [xxxv] „Unterschriften kontra Schweinemast“, 05.02.2006 in der Mitteldeutschen Zeitung:

    https://www.mz.de/lokal/jessen/unterschriften-kontra-schweinemast-2771499

    [xxxvi] „Mastanlage: Erste Ferkel in Gerbisbach eingestallt“, 11.07.2014 in der Mitteldeutschen Zeitung:

    https://www.mz.de/lokal/jessen/mastanlage-erste-ferkel-in-gerbisbach-eingestallt-2100645 Archiv: https://archive.is/rACcb

    [xxxvii] „Hauptausschuss: Lokaltermin im Schweinestall Gerbisbach vorgeschlagen“, 03.10.2014 in der Mitteldeutschen Zeitung:

    https://www.mz.de/lokal/jessen/hauptausschuss-lokaltermin-im-schweinestall-gerbisbach-vorgeschlagen-2130343

    [xxxviii] „dem Volk aufs Maul schauen“ im Wiktionairy: „gewöhnlichen Menschen zuhören und daraus lernen, die eigenen Handlungen danach ausrichten“
    https://de.wiktionary.org/wiki/dem_Volk_aufs_Maul_schauen

    [xxxix] „Was kann die Stadt tun?“, 02.01.2026 in der Mitteldeutschen Zeitung.
    https://www.mz.de/lokal/jessen/so-positioniert-sich-der-jessener-stadtrat-zur-schweinemastanlage-4174104

    [xl] „Eine Sauerei“, 16.01.2026 in der TAZ: https://taz.de/Quaelerische-Tierhaltung/!6118526/

    Und das Original-Material bei uncover: https://uncover-recherche.de/systematischer-gesetzesbruch-in-deutschen-schweinebetrieben/

    [xli] Ebenda.

    [xlii] Ebenda.

    dreckige pfoten

    Hinweis

    Die Musik und die KI-Stimmen habe ich von Artlist. Meldet euch unter diesem Link an, um diese Musik, AI-Bilderstellung oder AI-Voice-overs und vieles andere für euren Content zu nutzen.

    In diesem Podcast werden die Ereignisse so genau und realistisch wie möglich dargestellt, aber ein Podcast ist kein rechtlich urteilendes oder offizielles Dokument.

    Bitte nehmt dreckige Pfoten deshalb vor allem als Anstoß für euren eigenen Weg: Macht eigene Recherchen oder stellt mir gerne auch einfach eure Fragen.

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  • 03. Blackbox Schlachthof 3/3

    03. Blackbox Schlachthof 3/3

    blackbox schlachthof 03

    Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

    Anna und Hendrik stehen vor Gericht: Hausfriedensbruch, Unterlassung, Schadensersatz – weil sie Bilder veröffentlicht haben, die ein „Tierwohl“-Schlachthof am liebsten für immer verschwinden lassen würde.​

    Diese Folge erzählt, wie der Prozess abläuft, welche Einschüchterungstaktiken der Betrieb fährt und warum dieser Fall zur Grundsatzfrage wird: Sind Tierschützer:innen Täter:innen – oder die wichtigsten Zeug:innen systematischer Tierqual?

    recap

    In den letzten zwei Folgen von „dreckige Pfoten“ haben wir den Schlachthofprozess unter die Lupe genommen: Zwei Tierschützer stehen vor Gericht, weil ein „Tierwohl“-Schlachthof die Bilder aus seinem Betrieb nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

    Anna und Hendrik haben uns beschrieben, welche Qualen Schweine bei der CO₂-Betäubung in einem Schlachthof durchmachen müssen. Diese Art der Betäubung vor dem eigentlichen Schlachten ist höchst umstritten – und trotzdem hoher Standard in deutschen Schweineschlachthöfen.

    Statt schillernder Werbe-Kulisse haben ihre Aufnahmen gezeigt, was wirklich passiert, wenn Schweine mit der sogenannten CO₂-Gondel in die Tiefe fahren: Schreie, Panik, Todeskampf.

    Diese Bilder landeten im Fernsehen, in Zeitungen – und plötzlich war aus dem Vorzeige-„Tierwohl“-Schlachthof ein Ort der Qualen geworden, über den ganz Deutschland diskutiert.

    Wir haben uns auch angeschaut, wie sich Schlachtung historisch entwickelt hat, warum Betäubung so oft schiefgeht und wieso Methoden wie CO₂ und Elektroschock für Millionen Tiere eher qualvoller Standard als Ausnahme sind.

    Und über allem hängt die Frage: Wer steht hier wirklich vor Gericht – die, die Tiere quälen, oder die, die diese Qual sichtbar machen?​

    dreckige pfoten

    1. Der Schlachthof-Prozess

    Wir werden in diesem Podcast noch öfter darüber reden, warum Tierrechtsaktivisti ihre Freiheit und manchmal auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, um uns hier draußen zu zeigen, welche Hölle die Tiere durchmachen müssen.

    Sie alle treibt an, Tieren eine Lobby zu geben. Die Aktivisti verstärken die unendlich vielen Schreie von empfindungsfähigen Lebewesen, damit sie endlich von uns allen gehört werden. Damit das Leiden der Tiere endlich endet.

    Damit sich etwas ändern kann.

    Ob das bedeutet, dass die Politik sich bewegt und endlich den ersten Paragraphen des Tierschutzgesetzes ernst nimmt, oder ob es Tierquäler:innen sind, denen das Handwerk gelegt wird.

    Wir als Konsumierende tragen Mitverantwortung für das Leiden der Tiere. Aber die Politik, Gesetze und Subventionen treiben dieses grausame System weiter an und verhindern viel zu oft wichtige Aufklärungsarbeit.

    Was diese Menschen machen ist vielleicht nicht erlaubt. Aber das was sie aufdecken ist meist erheblich schlimmer und noch viel weniger erlaubt. Im Kern geht’s nämlich um die Frage, ob wir unsere Tierliebe ernst meinen oder es am Schnitzel scheitert.

     

    1.1 Täter:innen oder Zeug:innen?

    Gehen wir zurück zu Anna und Hendrik. Denn sie stehen vor Gericht für eine Tat, die für uns alle relevant ist.

    Mir zumindest waren die Dimensionen überhaupt nicht klar, in denen heutzutage Schweine mit CO₂ betäubt werden, und welche grausamen Qualen das für die Tiere bedeutet.

    Und trotzdem stehen Anna und Hendrik jetzt als Täter:innen vor Gericht – nicht als Zeug:innen eines Verbrechens.

    Ja, genau so läuft es im Prinzip ab. Heißt man sieht von außen erst mal nur, wie halbwegs ruhige Schweine automatisiert irgendwo reingeschoben werden und auf der anderen Seite kommen sie schlafend wieder raus. Und was da unterirdisch zwischen diesen beiden Sachen passiert, das sieht halt kein Mensch und das soll auch kein Mensch sehen

    – Anna im Interview [15].

    Also ohne solche Recherchen wüsste kein Mensch, wie was wirklich zugeht. Und die Öffentlichkeit hat ja auch ein Recht darauf, zu erfahren, wie es aussieht. Eine Öffentlichkeit. Muss ja informiert sein über diese Zustände, um sich selbst entscheiden zu können: Okay, möchte ich das unterstützen oder nicht?

    – Anna im Interview.

    „Ich glaube, es ist nach wie vor die Logik von Undercover-Recherchen, die wir hier weiter anwenden: Es geht darum aufzuzeigen, was in dieser Parallelwelt passiert. Es gibt einfach kaum Bilder, die diese CO₂-Betäubung zeigen. Und wir nutzen das jetzt, um diese Bilder weiterzuzeigen. Und, dass es absolut gerechtfertigt war.
    „Ein Redakteur vom NDR hat mal bei allen großen Schlachthäusern angefragt, die Schweine schlachten, ob sie die CO₂-Betäubung verwenden und ob sie dabei filmen dürfen. Die haben entweder keine Antwort bekommen oder eine Absage. Niemand will diese Betäubung zeigen.“

    – Hendrik im Interview.

    „Und dann die Leute, die dieses Material beschaffen, zu verklagen und […] dass ein Gericht da mitgeht – das ist total krass. Obwohl das Gericht gleichzeitig sagt: Ja, die Tiere leiden ja, es sind tierschutzrechtliche Verstöße auf dem Material zu sehen. Ja, das Bildmaterial ist echt. Es besteht ein öffentliches Interesse – und trotzdem diese Entscheidung zu treffen, das ist ein absoluter Skandal.“

    – Anna im Interview.

    1.2 Die Schlamm-Schlacht vor dem Prozess

    [Nachts in einer Stadt – Gitter wird geschlossen]

    Als Anna und Hendrik aus der Polizeistation rauskommen, wissen sie, dass sie schon bald Post bekommen werden.

    Denn wer unerlaubt das umzäunte Gelände einer Person betritt, ohne dass sie oder er auf Kaffee und Kuchen eingeladen wurde, kann eine Anzeige wegen „Hausfriedensbruch“ bekommen.

    Genau das ist passiert: Obwohl es kein „Haus“ war und dort definitiv kein „Frieden“ herrschte.

    Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass die Grundstücksbesitzer:innen wegen dieses Hausfriedensbruchs weitere Forderungen stellen können.

    „Also, im Zivilrecht geht es im Wesentlichen darum, dass wir aufhören sollen, die Bilder zu verbreiten. Da war seine [SH-Betreiber] Forderung auch, dass wir nicht nur aufhören, die Bilder selber zu benutzen, sondern die sollen auch bei Animal Rights Watch quasi nicht mehr gezeigt werden. Und eigentlich sollen wir sie auch bei der Presse zurückholen.
    Dann gab es noch eine Unterlassungsaufforderung, sein Gelände nicht mehr zu betreten. Ich meine, das darf man sowieso nicht, das ist ja dann Hausfriedensbruch. Aber wenn man so eine Unterlassungs quasi vor Gericht durchsetzt und es dann trotzdem tut, dann kriegt man nicht nur eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch, sondern muss auch ziemlich viel Geld zahlen.
    Die dritte Forderung von ihm war Schadensersatz.“

    – Anna im Interview.

    „Im Zivilverfahren ist es so, dass die Anwälte sich immer ganz viele Schriftsätze hin und her schicken.
    Aber das meiste findet eigentlich im Vorfeld schriftlich statt. Und da hat er [der Anwalt] irgendwann im Verlauf dann auch versucht den Schaden zu beziffern mit 98.000 €.“

    – Anna im Interview.

    Um das vor dem Gericht zu rechtfertigen, müssen die Anwält:innen des Betriebs einiges aufbieten. Informationen aus Social Media mit zweideutigem Inhalt werden da genauso als „Beweis“ genutzt, wie fragwürdige Herleitungen zum eventuell entstandenen Schaden.

    „Wenn es einen Schaden gibt, der durch den Hausfriedensbruch entstanden ist, dann sollen wir den Zahlen. Und ich soll zusätzlich auch noch für den Schaden aufkommen, der durch die Veröffentlichung entstanden ist. Das würde sich jetzt auf diese 98.000 € beziehen, die [der Anwalt] versucht hat zu beziffern, im Laufe des Prozesses.“
    „Aber die müsste er jetzt erst mal gesondert vversuchen,bei mir einzuklagen.“
    Und das sind halt alles absurde Forderungen: So was wie seine Social-Media-Kosten oder Kosten für Security, die er im Nachhinein bestellt hat.
    Kosten bezahlen, nur weil wir Bilder aus seiner CCO₂-Anlage gezeigt haben?“

    – Anna im Interview.

    Dieser ganze Papierkrieg vor einem solchen Zivilprozess ist nicht nur nervtötend und anstrengend. Er macht auch etwas mit Anna und Hendrik: Es soll einschüchtern. Es lässt Fragen aufkommen, ob das alles der richtige Weg ist. Ist das Einstehen gegen das Leid von anderen Lebewesen vielleicht doch nicht so wichtig, wie Recht und Ordnung? Vielleicht hat der Schlachthof ja doch ein Recht, Tiere so zu behandeln?

    „Der Schlachthof macht ja echt einen riesen Gewinn – viel Umsatz – mit dem Verkauf von toten Schweinen. Und deswegen ist es umso verwunderlicher, dass er meint, das sei ein Geschäftsmodell, was wir betreiben würden: Nämlich, dass wir die Bilder veröffentlicht haben. […] Da fließt kein Geld.“

    – Hendrik im Interview.

    Die vielen Schreiben von Anwält:innen mit Vermutungen und Halbwahrheiten – all das baut psychischen Druck auf. Die hohe Summe – einfach so in den Raum gestellt – soll Anna und Hendrik verängstigen und kann sie privat ruinieren.

    All das, um die schrecklichen Bilder aus der CO₂-Gondel zu verheimlichen.

    1.2.1 Erste Instanz

    Ja, das ist mir total nahe gegangen. Ich hatte sogar Tränen in den Augen. Das habe ich nie. […] aber mich hat das so sehr berührt, als wir aus dem Gerichtssaal rausgekommen sind und plötzlich waren viel mehr Leute, als vor dem Gerichtstermin. […] Und plötzlich stand da so eine riesige Menge und alle haben so krass gerufen: ihr seid nicht allein, ihr seid nicht allein!
    War so laut, das war richtig krass. Das war absolut beeindruckend und hat mich echt, wirklich zu Tränen gerührt.“

    – Anna im Interview.[ii] [iii]

    Der Gerichtssaal des Landgerichts Oldenburg ist gut besetzt. Einige Reporter:innen von Tageszeitungen wollen die Story festhalten.

    Fast genau ein Jahr nachdem Anna und Hendrik die Aufnahmen in der CO₂-Gondel gemacht haben, sitzen sie nun hier dem Geschäftsführer des Betriebs gegenüber.

    Alle wirken gesetzt und verhandeln sachlich über den Vorwurf: Anna und Hendrik sollen dem Ruf des „Tierwohl“-Schlachthofs geschadet haben.

    Der Anwalt erklärt, dass der Betrieb zu Unrecht angeprangert wird, denn schließlich sei alles, was im Schlachthof passiert, mit dem Tierschutzgesetz konform.

    „Es ist völlig absurd: Also erst hat der Schlachthof behauptet, die Aufnahmen seien gar nicht aus seinem Betrieb, was man daran sehen würde, dass seine Gondel sich – weiß ich nicht – linksrum statt rechtsrum dreht oder so.
    „Das ist natürlich total absurd, weil die Gondel dreht sich links- oder rechtsrum, je nachdem von welcher Seite man draufschaut.“
    „Und dann, ein paar Monate später: […] Er hat dann einfach die Argumentation von vorher nicht mehr verwendet und dann hieß es aber, das Bildmaterial ist manipuliert – die Tonspur wäre manipuliert. Die Schweine würden nämlich gar nicht schreien.
    „Und um das nachzuweisen, hat er eine Szene genommen aus unserem Bildmaterial, um zu zeigen: hier, da schreien die Schweine nicht.

    – Anna im Interview.

    Was allerdings etwas schal wirkt: Der Betrieb möchte gleichzeitig, dass die Bilder aus der Öffentlichkeit verschwinden. Alles gesetzeskonform, aber niemand soll’s sehen, hm?

    „Es gab einen Verhandlungstag und dieser Verhandlungstag hat eigentlich dazu gedient, grob fürs Gericht zu verstehen, wo beide Seiten stehen und dann zu schauen, ob ein Vergleich geschlossen werden kann. Also, ob es eine Möglichkeit gibt, dass das Gericht nicht urteilt, sondern beide Parteien – wir und das Schlachthaus uns irgendwie einigen können.
    Wir haben das erste Angebot gemacht – das ging in der Presse ein bisschen unter – und haben gesagt: ja, wir wären bereit, die Unterlassungserklärung zu unterschreiben, dass wir das Gelände betreten. Das ist für uns okay. Aber für uns ist natürlich keine Option, Schadensersatz zu zahlen, oder dass wir die Bilder irgendwo runternehmen und löschen.
    Das fand der Schlachthof blöd und hat uns aber dann das Angebot gemacht, dass wir keinen Schadensersatz zahlen müssen, wenn wir die Bilder offline nehmen. Übrigens auch bei der Presse darauf hinwirken.“
    „Und das war für mich auch total entlarvend. Also dass der Schlachthofbetreiber im Gerichtssaal vor Publikum und Presse sagt: ja, ihr müsst keinen Schadensersatz zahlen, aber nimm bitte die Bilder offline.
    „Das ist so entlarvend. Dass das auch einfach wirklich eine Einschüchterungstaktik von dem Schlachthaus ist – dass er will, dass die Bilder verschwinden, und deswegen uns möglichst hart mit irgendwelchen Schadensersatzforderungen kommt.“

    – Hendrik im Interview.

    Hier werden zwei Privatpersonen verklagt – aber keine Medienhäuser, die über den Fall – mit dem gleichen Bildmaterial – berichtet haben.

    Eine so hohe Forderung nach Schadensersatz kann zwei junge Menschen finanziell ruinieren; von der psychischen Belastung eines solchen Prozesses mal ganz zu schweigen.

    Der Vorsitzende Richter sagte der Presse ganz trocken: Dieses Verfahren habe das Potenzial, „Rechtsgeschichte zu schreiben[iv].

    Denn hier geht es nicht nur um Anna und Hendrik, sondern um die unzähligen Ermittler:innen und Journalist:innen, die ungeheures Leid aufdecken, wo eigentlich gar keins sein sollte.

    Und dafür müssen sie manchmal leider geltende Gesetze brechen, weil es sonst nie ans Licht kommen würde.

    Doch schon früher haben Richter:innen entschieden, dass die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf hat, von Tierquälerei zu erfahren. Das hat sogar der Bundesgerichtshof schon 2018 gerechtfertigt:

    Zwar sind die Filmaufnahmen – die eine Massentierhaltung dokumentieren und tote oder nur mit unvollständigem Federkleid versehene Hühner zeigen – geeignet, das Ansehen und den wirtschaftlichen Ruf der Klägerin in der Öffentlichkeit zu beeinträchtigen. Der Senat ist auch davon ausgegangen, dass die Ausstrahlung der nicht genehmigten Filmaufnahmen das Interesse der Klägerin berührt, ihre innerbetriebliche Sphäre vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Diese Beeinträchtigungen sind aber nicht rechtswidrig. Das von der Beklagten verfolgte Informationsinteresse der Öffentlichkeit und ihr Recht auf Meinungs- und Medienfreiheit überwiegen das Interesse der Klägerin am Schutz ihres sozialen Geltungsanspruchs und ihre unternehmensbezogenen Interessen. Dies gilt trotz des Umstands, dass die veröffentlichten Filmaufnahmen von F. rechtswidrig hergestellt worden waren.[v]

    Leider haben die Richter in Oldenburg das in der ersten Instanz jedoch anders gesehen:

    Anna und Hendrik sollen für den Schaden, der durch ihren Hausfriedensbruch entstanden ist, zahlen. Außerdem soll der Verein, der das Material an die Presse weitergegeben hat – „Animal Rights Watch“, kurz ARIWA – das Bildmaterial löschen. Beiträge bei ARD, BILD oder RTL und alle anderen Veröffentlichungen sind davon nicht betroffen.

    Was die Verbreitung der Bilder betrifft, hatte [der Schlachthof] in seiner ursprünglichen Klageschrift sich nur auf die ARIWA [Animal Rights Watch] Veröffentlichung bezogen. Und deswegen haben wir auch nur da verloren. Also das heißt, die Bilder bleiben weiterhin in der Presse
    „Aber Sie fordern jetzt von mir: […] Ich darf diese Bilder nicht weiter verbreiten […] weil sie sagen ich habe das Urheberrecht an den Bildern und deswegen müsste ich alles tun, damit die Bilder bei ARIWA runtergenommen werden.“

    – Anna im Interview.

    „Und das Gericht hat bestätigt: die Schweine leiden, es besteht ein öffentliches Interesse an der Sache.
    Das Gericht hat bestätigt die Aufnahmen sind echt. Und trotzdem verbieten sie mir jetzt das Bildmaterial zu verbreiten, was ja total absurd ist. Die Begründung ist, es ist ja ein Hausfriedensbruch. […] Wenn man das jetzt durchgehen lassen würde, dann wäre das ja quasi wie eine Aufforderung für andere Leute auch.“

    – Anna im Interview.

    Ich fand auch total bezeichnend: Der Schlachthausbetreiber ist an die Presse gegangen und hat bisschen erklärt, wie das ganze aus seiner Sicht ist. Und er meinte, er hat diese Aufnahmen gesehen und das könne nicht aus seinem Betrieb sein, das sei ja wie im Horrorfilm, wie die Tiere da schreien würden.

    Tatsächlich hält der Geschäftsführer das Material für manipuliert und in einem Interview sagte er sogar:

    „Das ist eine Geräuschkulisse wie im Horrorfilm. Das gibt es hier bei uns nicht.“[vi]

    Und das finde ich jetzt mit gerichtlicher Feststellung, dass die Aufnahmen aus seinem Betrieb sind, umso zitierenswürdiger, dass der Schlachthausbetreiber selber sagt, dass das, was in seinem Schlachthaus passiert, wie im Horrorfilm ist.

    – Hendrik im Interview[vii].

    „Das finde ich halt total krass: Die Medien sind eben auf unserer Seite. […] Klar, wir haben jetzt das Urteil verloren, aber was das Thema angeht, haben wir halt gewonnen, ganz klar.
    Und darum geht es am Ende. Es geht am Ende nicht darum, ob wir irgendwie keine Ahnung eine Vorstrafe haben, Schadensersatz zahlen müssen oder so – dass dieses Thema in der Gesellschaft groß wird, ist viel mehr wert.“

    – Anna im Interview.

    „Ich glaube die öffentliche Unterstützung, aber auch in gewisser Weise auch die Presseberichterstattung, die stärkt uns den Rücken. Und ich glaube das sind die Dinge, die glaube ich entscheidend sind. Ich glaube nicht, dass wir sonst einfach so einknicken würden, aber das […] stärkt uns total den Rücken und lässt uns wirklich das Gefühl geben: wir stehen zwar dort stellvertretend für alle anderen, die Sachen aufdecken und für Verbesserungen für Tiere kämpfen, aber wir sind halt tatsächlich nicht wirklich allein.“

    – Hendrik im Interview.

    „Wir werden nicht aufgeben, auf gar keinen Fall.“
    „Und keinen Cent auf einen Schlachthof zahlen.“

    – Anna und Hendrik im Interview.

    Anna und Hendrik wollen weitermachen. Aber bis das Verfahren abgeschlossen ist, könnten mehrere Jahre vergehen.

    Ganz abgesehen davon, dass es jede Menge Anstrengung und Geld kostet.

    Währenddessen geht der Betrieb im Schlachthof ungehindert weiter.

    Tier für Tier.

    1.2.2 Der Streisand-Effekt: Die Berichte danach

    Aber der harte Kurs des Unternehmens gegen die Aktivisti schlägt schon jetzt große Wellen in den Medien:

    Es gibt unzählige Berichte, in denen der Schlachthof nicht besonders gut wegkommt.

    „Das Material wird mehr gezeigt als bei der eigentlichen Veröffentlichung. Und das Thema CO₂ ist jetzt in einigen sehr guten Texten genauer besprochen worden.
    Wie die absurd und wie beschissen es ist, so ein Gas zu verwenden – ich glaube, das kommt bei immer mehr bei immer mehr Leuten an.
    Öffentliche Kommunikation, öffentliche Debatten sind ja wesentlich komplexer. Bis mal alle es durchdrungen haben. Nicht alle schauen diesen Beitrag, nicht alle verstehen es sofort und da braucht’s einfach eine viel, viel häufigere Beschallung der Öffentlichkeit mit den mit den Schreien der Tiere aus dem aus der CO2-Anlage im Schlachthaus.

    – Hendrik im Interview.

    Vermutlich kennt die heutige Gen Z die Musikerin und Schauspielerin Barbara Streisand gar nicht mehr. Ich alter Mann bin ja auch schon nicht mehr mit ihrer Musik aufgewachsen.

    Jedenfalls verklagte Streisand 2003 einen Fotografen auf eine Unsumme Schadensersatz. Der hatte für ein wissenschaftliches Projekt, Fotos der kalifornischen Küste gemacht und dabei auch ihre Villa fotografiert.

    Ähnlich, wie der Schlachthof empfand auch Streisand die Veröffentlichung als verletzend. Nur ging es bei ihr um Bedenken über die Sicherheit ihrer Familie – und nicht um den „Schutz“ eines Industriebetriebs und der wirtschaftlichen Interessen.

    Als öffentlich wurde, dass Streisand die Bilder verschwinden lassen wollte, tat das Internet, was es gut kann: einen Shitstorm aufwirbeln.

    Innerhalb eines Monats wurde das Bild 420.000-mal runtergeladen und wie ein Lauffeuer überall im Internet geteilt. Es berichteten Zeitungen und Fernsehen über die Forderung der Musikerin.

    Statt das Bild ihrer Villa aus dem Internet zu verbannen, wurde Streisands Haus noch berühmter als vorher. Außerdem wurde die Klage abgewiesen.

    Trotz dieses verheerenden Endes gibt es immer wieder ähnliche Versuche, unliebsame Aufnahmen aus der Öffentlichkeit zu klagen. Der Journalist, der den Begriff „Streisand-Effekt“ prägte, schrieb dazu:

    Wie lange wird es dauern, bis Anwälte erkennen, dass der Versuch, etwas zu unterdrücken, was ihnen online nicht gefällt, dazu führt, dass etwas, das die meisten Menschen niemals sehen würden […], nun von viel mehr Menschen gesehen wird? Nennen wir es den Streisand-Effekt.

    Mike Masnick, “Since When Is It Illegal To Just Mention A Trademark Online?”, in Techdirt am 05. Januar 2005[viii]

    Ob die Anwält:innen und der Betreiber des Schlachthofs diesen Effekt noch nicht kennen?

    Das ganze Skript?

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    Das war „dreckige Pfoten“ mit der LETZTEN von drei Folgen zum „Schlachthofprozess“.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.

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    Rechtliche Beratung für den Podcast: Benjamin Lück

    Die Intro-Musik ist von Manuel Rathje

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    Da das Verfahren wegen den Aufnahmen aus der CO2-Betäubungsanlage noch immer läuft, wurden teilweise andere Aufnahmen von Organisationen wie Animal Rights Watch und SOKO-Tierschutz genutzt. Die Links dazu findet ihr weiter unten.

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    Quellen

    [i] NDR „Hallo Niedersachsen“ am 06.02.2025: „Tierschützer kämpfen gegen CO2-Betäubung von Schweinen“
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Tierschuetzer-kaempfen-gegen-CO2-Betaeubung-von-Schweinen,hallonds93068.html

    [ii] NDR „Hallo Niedersachsen“ am 11.06.2025: „Tierrechtsaktivisten wegen Hausfriedensbruch vor Gericht“
    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/Tierrechtsaktivisten-wegen-Hausfriedensbruch-vor-Gericht,hallonds95678.html

    [iii] Siehe auch „Pro Lebensglück“ auf Instagram:

    https://www.instagram.com/pro_lebensglueck/reel/DKx4upfqLcm/

    [iv] Süddeutsche Zeitung am 18.06.2025: „Gondeln des Todes“
    https://www.sueddeutsche.de/wissen/oldenburg-gericht-schlachtung-tierschutz-li.3264739?reduced=true Archiv: https://archive.is/lWcqr

    [v] Urteil vom 10. April 2018 – VI ZR 396/16 : https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2018/2018072.html

    [vi] Tagesspiegel am 22.06.2025: „Schweinebetäubung mit Kohlendioxid: Wie viel Leid ist vertretbar?“
    https://www.tagesspiegel.de/politik/schweinebetaubung-mit-kohlendioxid-wie-viel-leid-ist-vertretbar-13891738.html Archiv: https://archive.is/XKwjn

    [vii] Tagesspiegel am 22.06.2025: „Schweinebetäubung mit Kohlendioxid: Wie viel Leid ist vertretbar?“
    https://www.tagesspiegel.de/politik/schweinebetaubung-mit-kohlendioxid-wie-viel-leid-ist-vertretbar-13891738.html Archiv: https://archive.is/XKwjn

    [viii] Siehe https://www.techdirt.com/2005/01/05/since-when-is-it-illegal-to-just-mention-a-trademark-online/

    [ix] Original hier: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32009R1099 und in der FAZ: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-sehr-leiden-schweine-bei-der-betaeubung-aufnahmen-aus-schlachthof-110548286.html Archiv: https://archive.is/2mKvO#selection-2523.191-2523.205

    [x] Siehe auch Schlachthofprozess“ auf Instagram: https://www.instagram.com/p/DQ62dbZAoFX/

    [xi] Siehe auch „Schlachthofprozess“ auf Instagram:
    https://www.instagram.com/reel/DQ62dbZAoFX/
    https://www.instagram.com/reel/DPI_X-KArmW/

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    eindringliche
    Geschichten

    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

  • 02. Blackbox Schlachthof 2/3

    02. Blackbox Schlachthof 2/3

    blackbox schlachthof 02

    Trügerische Idylle „Tierwohl Schlachthof“

    Nächtliche Aktion im Industriegebiet: Mit Klettergeschirr, Sauerstoffflasche und Minikameras steigen Tierschützer:innen in den Schacht der CO₂-Gondel, um festzuhalten, was Schweine in ihren letzten Minuten erleben.​

    Wir hören, wie Betäubung mit Gas, Strom und Bolzenschuss tatsächlich funktioniert, warum Fehlbetäubungen millionenfach vorkommen – und wie die Aktion im „Tierwohl“-Schlachthof schließlich mit Blaulicht und Festnahme endet.

    recap

    In der ersten von drei Folgen haben wir uns hier bei „dreckige Pfoten“ den Schlachthofprozess unter die Lupe genommen: Zwei Tierschützer stehen vor Gericht, weil ein „Tierwohl“-Schlachthof die schrecklichen Bilder aus seinem Betrieb nicht in der Öffentlichkeit sehen will.

    Nach außen wird Transparenz verkauft, aber innen sieht alles etwas anders aus:  Die Recherche-Aktivisten Anna und Hendrik haben undercover, mit versteckten Kameras gezeigt, was normalerweise hinter Imagefilmen und Tierwohl-Slogans verschwindet.

    Die grausamen Aufnahmen landeten in Fernsehbeiträgen und zeigten so die Realität für 80 % der deutschen Schlacht-Schweine.

    Der Schlachthof fordert nun Unterlassung und Schadensersatz in ruinöser Höhe.

    Am Ende bleibt die Frage: Wer wird hier eigentlich zur Rechenschaft gezogen – die, die Tiere quälen, oder die, die das sichtbar machen?

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    1. Tierschützer:innen bereiten sich vor

    Es ist eine sehr ruhige Montagnacht: Die Straßen in diesem Industriegebiet, irgendwo in Niedersachsen, sind menschenleer. Kein Auto ist unterwegs. Und die Rushhour ist noch einige Stunden entfernt.In einem kleinen Waldstück machen sich ein paar Tierrechtsaktivisti bereit für ihren Job. Für ihre Arbeit ist die Nacht besonders geeignet. Denn keiner von ihnen will Menschen oder Tiere in irgendeiner Weise gefährden.Eine wolkenlose Nacht im Frühjahr ist also perfekt!Heute Nacht wollen sie beweisen, dass Schweine bei der Betäubung mit Kohlendioxid (CO₂) unglaublichen Qualen ausgesetzt werden.
    Um das zu machen, haben sie sich vorbereitet.
    Auf dem Gelände ist relativ schnell ausgemacht, wo die Betäubung stattfindet: Eine unscheinbare Box aus Edelstahl verhüllt das eigentliche „Herzstück“: ein Gondel-System, das in die dunkle Tiefe führt[i].Mit professionellem Klettergeschirr und einer Sauerstoffflasche ausgerüstet, geht es hinab in das dunkle Loch der sogenannten „CO₂-Gondel“.Gondeln aus Metall werden wie mit einem Fahrstuhl in die Tiefe gelassen und kommen auf der anderen Seite wieder nach oben.Es sind nur wenige Sekunden in der Dunkelheit – aber da unten herrscht eine so hohe CO₂-Konzentration, dass nur wenige Sekunden reichen, um das Bewusstsein zu verlieren. Das gilt auch für Menschen.
    Deshalb wäre ohne Sauerstoff hinabzusteigen fahrlässig.
    Ganz langsam geht es für Anna hinab. Oben stehen andere Aktivisti für den Notfall bereit.Notfall bedeutet entweder „unerwünschter Besuch“ oder Probleme im mit CO₂ gefüllten Schacht.Doch alles klappt wie geplant: Die kleinen Kameras werden an den Metallstangen der Gondeln montiert.In ein paar Stunden werden sie schreckliche Bilder aufzeichnen. Der ganz normale Alltag in diesem und noch vielen weiteren Schlachthöfen.
    Bis dahin sind die Aktivisti längst wieder verschwunden.

    2. Geschichte des Schlachtens

    2.1 „The Jungle“

    Sie nutzen alles vom Schwein – außer das Schreien.

    – Upton Sinclair: „Der Dschungel“[ii]

    Mehr als nur „lebhaft“ könnte man das „Packingtown“ genannte Schlachthof-Viertel im Chicago des Jahres 1904 nennen: Überall wuseln Menschen, werden Karren umhergeschoben, Ladungen von Waggons geladen.

    Lange bevor sich die Autoindustrie angesiedelt hatte, kamen Menschen aus der ganzen Welt hier an, um Fuß zu fassen und sich einen Teil des „amerikanischen Traums“ zu schnappen. Leider in den meisten Fällen mit wenig Erfolg.

    Das Gelände der „Union Stock Yards“ spannte sich über mehrere Quadratkilometer. Hier wurden schon zwischen 1865 und 1900 rund 400 Millionen Tiere geschlachtet [iii].

    Für ein paar Wochen tummelte sich auch der Schriftsteller Upton Sinclair hier herum, um für sein neuestes Buch zu recherchieren. Im „meatpacking district“ – dem „Fleischverarbeitungs-Bezirk“[iv] erlebte er einen extrem unhygienischen Verarbeitungsprozess von Fleisch. Dazu kamen grausame Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung der Ärmsten der Armen und gigantische Umweltschäden.

    Manche Arbeiter:innen verloren Gliedmaßen in einer Suppe aus tierischen Eingeweiden und landeten damit auch in der Wurst auf dem Teller der Amerikaner:innen. Andere verletzten sich schwer und mussten trotzdem weiterarbeiten, da ihnen sonst kein Gehalt gezahlt wurde. Der Chicago River wurde wegen ständiger Verschmutzung mit verwesenden Resten aus der Fleischindustrie auch „Bubbly Creek“ – „blubbernder Bach“ – genannt⁣ [v].

    Nachdem er all das erlebt hatte, tippte sich Upton Sinclair die Finger wund. Es entstand eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts: „The Jungle“ – „Der Dschungel“

    Ein kleiner Einblick

    Der litauische Einwanderer und Hauptcharakter, Jurgis Rudkus, erfährt in den „Union Stock Yards“ in Chicago einige der schlimmsten Effekte des aufstrebenden Kapitalismus:

    Seine Arbeit im Schlachthof besteht darin, Gedärme der ausgeweideten Tiere zusammenzufegen. Andere Arbeiter:innen müssen gammelndes Fleisch in Konserven pressen.

    In diesem bis zum Kleinsten heruntergebrochenen Arbeitsprozess gibt es auch noch die „Knocker“ – zu Deutsch etwa „Schläger“: Sie sind damit beauftragt, den Schweinen mit einem Vorschlaghammer den Schädel zu zertrümmern. Was nach blankem Horror klingt, war eine gängige Methode der „Betäubung“:

    […] und während sie brüllend und stürzend dastanden, lehnte sich einer der „Schläger“ mit einem Vorschlaghammer bewaffnet, über das Dach des Pferchs und wartete auf eine Gelegenheit, einen Schlag zu führen. Der Raum hallte wider von den schnell aufeinanderfolgenden Schlägen und dem Stampfen und Treten der Stiere. Kaum war das Tier gefallen, ging der „Klopfer“ zu einem anderen weiter, während ein zweiter Mann einen Hebel anhob, die Seite des Pferchs anhob und das Tier, das noch immer strampelte und zappelte, auf das „Tötungsbett“ gleiten ließ. Hier legte ein Mann Fesseln um ein Bein, drückte einen weiteren Hebel, und der Körper wurde mit einem Ruck in die Luft gehoben. Es gab fünfzehn oder zwanzig solcher Pferche, und es dauerte nur ein paar Minuten, um fünfzehn oder zwanzig Rinder zu klopfen und sie herauszurollen. Dann wurden die Tore erneut geöffnet, und eine weitere Partie stürmte herein; […]

    – Upton Sinclair: „Der Dschungel“ [vi]

    Das ganze Skript?

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    Das war die zweite von drei Folgen zum „Schlachthofprozess“.

    Der Podcast „dreckige Pfoten“ soll ein bisschen Licht ins Dunkle bringen und Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar machen.

    Deshalb meine Bitte: Wenn ihr von dieser Folge nur einen Bruchteil interessant fandet, sagt es weiter und bewertet den Podcast!

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    Quellen

    [i] Siehe hier Seiten 5+6: https://elib.tiho-hannover.de/servlets/MCRFileNodeServlet/etd_derivate_00002993/remiend_2001.pdf

    [ii] https://www.goodreads.com/quotes/79118-they-use-everything-about-the-hog-except-the-squeal

    [iii] Encyclopedia of Chicago: Dictionary of Leading Chicago Businesses (1820-2000) that was prepared by Mark R. Wilson, with additional contributions from Stephen R. Porter and Janice L. Reiff.  Online: https://web.archive.org/web/20090719222132/http://www.encyclopedia.chicagohistory.org/pages/2883.html

    [iv] Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/Union_Stock_Yards

    [v] Siehe hier: https://en.wikipedia.org/wiki/Bubbly_Creek

    [vi] https://etc.usf.edu/lit2go/77/the-jungle/1263/chapter-3/

    [vii] Hugo Heiss hat eine entsprechende Schrift 1904 veröffentlicht: „Das Betäuben der Schlachttiere mittels blitzartig wirkender Betäubungsapparate“ https://www.niederbayern-wiki.de/wiki/Hugo_Hei%C3%9F

    [viii] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/CO2-Narkose und https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Hill_Hickman

    [ix] Siehe https://vgt.at/de/aktuelles/detailseite/7612/co2-betaeubung-bei-huehnern.html und https://www.researchgate.net/profile/Mohan-Raj-2

    [x] Die Aufdeckung von Animal Rights Watch gibt es hier: https://www.ariwa.org/totschlagen-kleiner-ferkel-ist-standard/

    [xi] https://www.topagrar.com/schwein/news/ein-schonendes-ende-nottoetung-unheilbar-kranker-schweine-mit-co2-oder-e-zange-9552240.html

    [xii] https://www.agrarheute.com/tier/schwein/nottoetung-saugferkeln-sollten-wissen-529489

    [xiii] Hier ein Artikel von Spiegel Online: https://www.spiegel.de/wirtschaft/toetung-von-ferkeln-mit-kohlendioxid-so-brutal-wie-legal-a-ab02233f-498a-4553-bbfa-25d5ee06e652 Archiv: https://archive.is/k6bCW

    Und hier gibt es Einblicke in eine Recherche von ARIWA: https://www.ariwa.org/co2-toetung-ferkel/

    [xiv] Studie des Friedrich-Löffler-Instituts und VION: https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/projektabschluss-projekt-tiger-untersuchte-tierschutzgerechtere-alternativen-zur-co2-betaeubung-von-schlachtschweinen/

    [xv] Diese Geräte sind ein Industriestandard: https://www.hubert-haas.de/produkte/betaeubungsgeraete/

    [xvi] Eine Studie dazu: https://www.researchgate.net/publication/263264458_Identifying_reasons_for_stun_failures_in_slaughterhouses_for_cattle_and_pigs_A_field_study
    und noch eine: https://www.openagrar.de/receive/openagrar_mods_00018871

    [xvii] Auch hier eine Studie dazu: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8151686/

    [xviii] Siehe: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/deutschland-umstrittene-co2-methode-bei-schweineschlachtung-14169503.html und https://archive.is/0xID0

    [xix] Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA (2020): Schweine bei der Schlachtung: Tierschutzmaßnahmen. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.efsa.europa.eu/de/news/pigs-slaughter-measures-address-welfare-concerns

    Ebenso: Eurogroup For Animals (2020): EFSA (finally) affirms that CO2 stunning is incompatible with pig welfare at slaughter. Online abgerufen am 12.8.24: https://www.eurogroupforanimals.org/news/efsa-finally-affirms-co2-stunning-incompatible-pig-welfare-slaughter

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