Kategorie: Episoden

Jede Folge von dreckige Pfoten

  • 09. Allein im Schlachthof

    09. Allein im Schlachthof

    Allein im Schlachthof

    Abgrund der Eierproduktion

    Über 700 dokumentierte Übergriffe, neun Beteiligte – und ein Betrieb, der jahrelang ungestört weiterlief. Was wie ein Skandal beginnt, entpuppt sich als Blick in den Abgrund eines ganzen Systems.

    Es ist ruhig. Ein paar Geräte surren vor sich her.

    Der letzte LKW-Fahrer hat die Halle verlassen.

    Irgendwie ist es ihr gelungen, herauszukommen. Nennen wir sie Annika.

    Annika hat ihr ganzes Leben in einem Stall mit tausenden anderen Legehennen verbracht. Und jetzt ist sie frei – zumindest für einen kurzen Augenblick.

    Sie hat keine Ahnung, wo sie hier ist. Aber sie wird bei ihrem kleinen Erkundungsausflug gefilmt.

    Denn versteckte Kameras filmen seit Tagen, grausame Bilder in diesem Schlachthof in Bayern. Dass Annika hier lebend über den Verladehof läuft, ohne von Mitarbeitenden verfolgt zu werden, ist ein Wunder!

    Sie hatte Glück und konnte sich aus einer der vielen Transportkisten befreien, die hier Tag für Tag auf das Fließband geworfen werden. Aus irgendeinem Grund war die Kiste wohl nicht richtig verschlossen: Ihr Weg in die Freiheit.

    Aber, auch wenn hier gerade alles ruhig ist: In wenigen Stunden kommen die LKW und die Arbeitenden wieder. Dann könnte auch Annika, wie all die anderen Legehennen am Fließband, kopfüberhängen. Wenn sie Glück hat, kann sie es noch in eine dunkle Ecke schaffen.

    Annika hat es tatsächlich in eine Ecke geschafft. Sie ist schwach und steht nur da. Das viele Rumlaufen, kein Wasser, kein Essen – seit Tagen.

    Die Tür geht auf. Shit!

    Mit rotem Licht leuchten die Menschen, die reinkommen, umher. Der Lichtstrahl trifft auch Annika. Sie hat eine Scheißangst.

    Ein Mensch kommt langsam immer näher.

    Annika wird gepackt.

    @aninova.org Während des Einsatzes des Undercover-Teams im Luna-Schlachthof ist es gelungen, wenigstens sechs Hennen zu befreien. Diese sechs Glücklichen sind jetzt auf einem Lebenshof und erfahren zum ersten Mal Wärme und Fürsorge von Menschen. 🍀🐔 #suppenhuhn #hennen #fleisch #eier #schlachthof #tierrettung #aninova ♬ Originalton – ANINOVA | Für Tierrechte

    Bis jetzt war Annika nur eine „Produktionsmaschine“. Als sie nur noch wenige Eier „produzierte“, war sie zu einer Art „Abfallprodukt“ geworden.

    Was passiert mit Dingen, die nichts mehr wert sind in dieser grausamen Industrie?

    Wohin verschwinden die Millionen Legehennen, die nicht mehr genügend Eier „liefern“?

    Annika war bisher für die Menschen nur ein paar Cent wert. Ein Abfallprodukt eben.

    Aber ab jetzt ist ihr Leben unbezahlbar.

    1. Der Luna-Schlachthof

    Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach in Bayern.

    Es ist kurz nach Ostern.

    Hier im kleinen CSU-geführten Örtchen ist ein wichtiger Betrieb für unsere Lieblingsindustrie ansässig.

    Und genau da herrscht gerade reger Betrieb.

    LKWs mit gelbem Anhänger rollen einer nach dem anderen über den Hof. Was sie geladen haben, erkennt man fast nicht.

    Aber wer genau hinschaut, erkennt dutzende Hühner, gequetscht in kleine Gitterboxen aus Plastik. Hunderte davon sind auf die Laster gestapelt.

    Das sind die Hühner, die für diese Industrie nur noch wenige Centbeträge wert sind.

    Sie haben ihren „Legepeak“ erreicht. Sie sind nutzlos geworden für die Eierproduktion.

     

    Die Hennen werden nachts von ausgebeuteten Niedriglohn-Arbeitenden in diese Gitterboxen gequetscht und auf die Lkw geladen.

    Die Arbeitenden müssen unter immensem Zeitdruck ganze Ställe mit tausenden Tieren leeren. Deshalb landen die Hennen oft rabiat in den Gitterboxen, dann auf dem LKW und letztlich hier in diesem Schlachthof.

    [Weil] Hennen und auch ehemalige Elterntiere nur noch wenige Cent wert sind und es sich letztlich nur lohnt, wenn man einen Schlachthof mit entsprechend hoher Kapazität hat, gibt es von diesen Schlachthöfen nur sehr, sehr wenige.

    – Recherche-Aktivist im Interview

    Das sagt einer der Recherche-Aktivisti, die an der Aufdeckung beteiligt waren. Die Stimme wurde anonymisiert.

     

    Recherche-Aktivisti haben im April 2025 diesen riesigen Schlachthof in Bayern besucht. Sie wussten, dass es hier zu brutalen Szenen kommt, noch bevor die „ausgedienten Legehennen“ am Fließband getötet werden.

    Aber weder Veterinäre, noch Mitarbeitende haben sich jemals dagegen aufgelehnt. Es war mucksmäuschenstill, rund um den Schlachthof „Buckl“ in Wassertrüdingen.

    Deshalb wussten die Aktivisti, was sie machen müssen: Endlich der Welt zeigen, was hier passiert! Aber wie?!

    Besonders an den Recherchen zum Schlachthof in Wassertrüdingen war, dass wir bisher keinerlei Erfahrung mit Geflügelschlachthöfen hatten. Das heißt, wir wussten gar nicht genau, wie ist der Ablauf? Wir wussten nicht: wo sind die Punkte, wo es möglicherweise zu Übergriffen kommt? […]
    Noch bei der Vorrecherche wussten wir nicht, ob sie eine Elektrobetäubung haben – also die Hennen kopfüber in ein Wasserbad getaucht werden, welches unter Strom gesetzt ist – oder ob sie eine CO₂-Betäubung haben. […]
    Entsprechend haben wir am Anfang auch erstmal nur eine Kamera in den Außenbereich gehängt und eine in den Bereich, wo die Tiere aus den Kisten genommen und in das Förderband reingehängt werden, um einfach zu verstehen: Was passiert da eigentlich? Wie funktioniert so ein Schlachthof?

    Recherche-Aktivist im Interview

    Wie ich schon in den ersten drei Episoden erzählt habe: Es gibt eine Menge Arten, wie Tiere für ihr Fleisch getötet werden. Je größer ein Schlachthof, desto automatisierter und meist auch brutaler ist der Umgang mit den einzelnen Tieren.Wenn tausende Tiere am Tag getötet werden müssen, dann bleibt für keinen der beteiligten Mitarbeitenden Zeit, Empathie zu empfinden. Ich denke, so weit können wir uns das alle vorstellen.Aber was die Recherche-Aktivisti schon auf den ersten Aufnahmen entdecken, ist noch viel grausamer als unsere Vorstellung:
    […] was Geflügel-Schlachthöfe von Schlachthöfen für Säugetiere vor allem unterscheidet, ist die große Anzahl der Tiere, die dort getötet werden, aber auch, dass sie viel wehrloser sind. Und diese Kombination führt letztlich zu einer unfassbaren Verrohung der Mitarbeitenden. Die Gewalt, die wir dort erlebt haben und die wir für so einzigartig hielten, findet aber in anderen Schlachthöfen genauso statt.
    – Recherche-Aktivist im Interview

    Ein ganz normaler Geflügelschlachthof

    […] im Vergleich zu anderen Schlachthöfen [gibt es] bei Geflügel-Schlachthöfen eine ganz, ganz krasse Industrialisierung. So, dass dort eben Bänder sind, die laufen. Das ist letztlich wie man sich ein Autowerk vorstellt: dass man da Schienen hat, da fahren dann die Autos rum und überall stehen Leute und schrauben irgendwas dran oder machen irgendwas. […] Nur, dass es eben dort um Lebewesen geht. Aber genauso durchgetaktet. Von der Rampe bis zur Aufhängung war bereits ein automatisches Förderband.Kisten konnten da als Stapel mit (geschätzt) zehn Kisten übereinander in einen Mechanismus gestellt werden, der dann automatisch die Kisten nebeneinander auf ein Förderband stellt. Auf diesem Förderband sind sie dann bestimmt 20 bis 25 Meter weitergefahren. Dort wurden sie dann von Mitarbeitern des Schlachthofs aus den Kisten gepackt und in ein Hakensystem eingehängt – mit den Füßen, um dann quasi im Förderband zu sein.Man sieht aber insgesamt, dass es dort ganz, ganz krass industrialisiert ist und wirklich jeder Schritt nach Möglichkeit vollautomatisiert läuft, um möglichst wenig Arbeitsschritte zu haben.
    – Recherche-Aktivist im Interview Die Hühner in den Transportboxen, die gerade mit dem LKW auf den Hof des Buckl-Schlachthofs in Bayern rollen, sind dazu verdammt, zum sogenannten „Suppenhuhn“ zu werden: Ihr ausgemergeltes Skelett, manchmal mit gebrochenen Knochen, schmale Schenkel und Brüste – all das ist für „KFC“, „Burger King“ oder „McDonald’s“ nicht fleischig genug.Stattdessen sollen sie zum Spottpreis von ein bis zwei Euro pro Kilogramm in der Tiefkühltruhe von „REWE“, „Edeka“ und Co. verkauft werden. Nur so kann wieder ein Plus am Ende der Rechnung stehen.Der Schlachthof hier ist eine Art „Entsorgungsstätte“ für einen ganzen Industriezweig. Und dementsprechend scheiße wird hier auch gearbeitet.Die Arbeit an diesem Fließband wird wohl kaum in unsere Vorstellung einer „Work-Life-Balance“ passen.Aber es wird noch schlimmer kommen, als alle dachten…

    Das ganze Skript?

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    Das war „dreckige Pfoten“ mit „Alleine im Schlachthof“.

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    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

  • 08. Gülle, das “schwarze Gold”

    08. Gülle, das “schwarze Gold”

    Gülle, das schwarze Gold

    Wie aus „Abfall“ ein Millionen-Geschäft wurde

    Wäsche, die nach Schwein stinkt. Brunnen mit dem 1000-fach überschrittenen Nitratwerten. Tiere, die ihr Leben im eigenen Dreck stehen. Das ist kein Versehen – das ist die Logik der schlimmsten Industrie der Welt, die ihr Abfallproblem einfach zur Normalität erklärt hat. Und wir haben uns dran gewöhnt.

    Nur ein paar Wochen, bevor ich diese Episode aufgenommen habe, ist ein wichtiger Dokumentarfilmer gestorben: Wolf-Michael Eimler hat über Jahrzehnte zur Tierindustrie in Niedersachsen recherchiert und mit vielen „Größen“ aus der Tierindustrie geredet.

    Ich hätte so gerne mehr erfahren – und ihm gedankt für seine Arbeit.

    Ich würde diese Folge so gerne einfach mit Dimitry aus „Triangle of Sadness“ starten. Wisst ihr noch? Dieser Typ, der reich durch … Scheiße wurde!

    Gewöhnt euch am besten jetzt schon an die Wortwahl – wird nicht besser werden…

    Wir sind auf einer 50 Millionen-Dollar-Jacht und der russische Millionär Dimitry stellt sich vor:

    By the way: Der Film ist wirklich sehenswert –

    Dimitry, gespielt von Zlatko Buric, stellt sich als russischer Oligarch vor. Aber wenn wir ehrlich sind: Das hätte genauso gut auch ein Oldenburger Agrarriese sagen können.

    Vor allem macht diese Szene deutlich, wie wichtig Gülle, Jauche, Scheiße in der Agrarindustrie ist. Das „Nebenprodukt“ wurde zum import-export-Schlager und brachte vielen Menschen viel Geld ein. Umwelt und Tiere waren (und sind) zweitrangig.

    Und darüber hinaus wird hier auch schnell deutlich, dass es zwischen dem „bösen, kommunistischen Osten“ und dem „guten, kapitalistischen Westen“ nicht viel Unterschied gibt – zumindest, was die ganze Scheiße angeht.

    Ich werde am Ende übrigens nochmal zählen, wie viele „Scheiße“ es in dieser Episode waren. Stay tuned.

    1. Wo fangen wir an?

    Gülle, Jauche oder „schwarzes Gold“: Wir alle haben den abscheulichen Geruch schon mal in der Nase gehabt. Manche haben vielleicht auch mal Landwirte diesen Scheiß (ha) versprühen sehen.

    Wenn der Gestank erst mal im Geruchsgang war, geht der da nicht mehr so schnell raus. Es bleibt irgendwie im Gehirn und verätzt alles. Allein beim Gedanken an die Gülle-getränkten Felder in meiner Heimat, kommt mir ein bisschen Kotze in den Hals.

    Gülle ist aber nicht nur ekelhaft stinkend. Es ist auch ein sehr beliebter Dünger für Ackerflächen. Ohne die tausenden Kubikmeter Scheiße und Pisse aus den Tierhaltungsanlagen, würden wir wohl kaum Obst und Gemüse in dieser Hülle und Fülle im Supermarkt erleben.

    Na gut, Moment: Natürlich würde das auch anders gehen – mit biozyklischem veganem Anbau zum Beispiel.

    Aber in einem riesigen Netzwerk aus Produzierenden und Nutznießern, samt Güllebanken – einer Art Vermittler zwischen der Tierindustrie und dem Ackerbau (Gülle als Dünger) – ist der Ausstieg eben mit großem Willen verbunden.

    Manchmal hilft leider nur ein Systemumsturz, um etwas wirklich zu ändern.

    Exkurs: Was ist Gülle

    Das Wort Gülle stammt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und bedeutete so viel wie ‚Pfütze‘ oder ‚Lache‘.
    Gülle ist ein natürlich anfallender Wirtschaftsdünger, der hauptsächlich aus Abfallstoffen der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung wie Urin und Kot besteht.

    Wikipedia-Eintrag zum Thema Gülle

    Diese „Abfallstoffe“ enthalten – wie jede Kacke und Pisse – viel Stickstoff, Phosphor und Kalium. Und da viele Pflanzen besonders auf diese Stoffe geil sind, ist Gülle eben ein guter Dünger, um den Ertrag zu steigern.

    Vermutlich werden schon seit Jahrtausenden tierische oder menschliche Fäkalien auf die Felder gestreut, um eine bessere Ernte einzufahren.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht anders geht:

    Denn bevor es Gülle in immensen Mengen aus der Tierindustrie gab, wurde auf verschiedene Art gedüngt.

    Kleinere Betriebe, die sich vorrangig selbst versorgt haben, haben den Mist und die Jauche der (wenigen) Tiere auf ihren eigenen Feldern verteilt. Das Höchste der Gefühle war vermutlich ein bisschen Kalk, der den Boden für die Wachstumsphase vorbereitete.

    Erst in den Jahren um die letzte Jahrhundertwende, wurden Verfahren entwickelt, um im großen Maße künstlich Düngemittel herzustellen. Vor allem das Haber-Bosch-Verfahren bildete die Grundlage für die Produktion von synthetischem Stickstoffdünger.

    Aber für die kleinen Landwirtschaftsbetriebe waren diese „Kunstdünger“ trotz der voranschreitenden Industrialisierung nicht erschwinglich. Sie mussten weiter auf Gülle und Mist setzen.

    Und als auch die kleinen Betriebe immer größer wurden und mehr und mehr Tiere in ihre, noch immer kleinen Ställe zwängten, wurden auch die Mengen an „Abfallprodukten“ immer größer.

    Es wurden Teiche vollgepumpt mit Literweise Gülle von Schwein, Huhn, Rind. Dann wurden daraus riesige Lagunen. Da die immer mal wieder überschwappten, wurden größere Betonsilos vorgeschrieben.

    Die Jahr für Jahr steigenden Mengen an Gülle machten es dann letztlich auch unmöglich, Gülle nur gezielt einzusetzen – irgendwohin muss der ganze Scheiß ja doch irgendwann.

    Gottseidank gibt es dazu den sogenannten „Breitverteiler“: Kennt ihr diese Wasserfontänen mit dem breiten, aber flachen Wasserstrahl im Schwimmbad? – Sowas, nur für … flüssige Kacke.

    Mit ihm wurden sogar noch 2015 unglaubliche 113 Millionen Kubikmeter Gülle ausgebracht. Das ist eine ganze Großstadt, die literally knietief in der Scheiße steckt.

    Ein paar von den randalierenden Bauern in Brüssel haben mit so einem Ding sogar 2024 die Polizei … beschissen. Cannot not find that funny.

    Aber es gibt ein Problem, wenn Gülle derart frei durch die Luft geschleudert wird: Sie setzt tonnenweise Ammoniak frei. Dieses Gas ist so giftig, dass schon kleine Mengen gesundheitsgefährdend sein können.

    Deshalb sind Breitverteiler seit 2020 im Ackerbau verboten. Bis 2025 konnten sie aber noch auf Wiesen eingesetzt werden.

    Heute nutzen die Landwirte einen Schleppschuh oder Schleppschlauch, um die Kacke direkt auf den Boden auszubringen. Weniger Gestank, weniger Emissionen.

    Okay – das Problem mit dem Gestank ist wohl behoben…

    Aber da war doch schon in den 1980er Jahren Protest in der DDR, weil diese Art der exessiven Düngung ein ganzes Waldstück verseucht hat?!

    Wieso hat es so lange gedauert, bis sich was tut? Und: Wieso ist das Grundwasser in manchen Gegenden noch immer mit Nitrat verseucht?

    2. Beweismittel

    Die Eule auf dem gelben Untergrund kennt ihr sicherlich als Symbol für „Naturschutzgebiete“. Und die ist eine DDR-Erfindung! Und die DDR hatte sogar schon 15 Jahre vor der Bundesrepublik, ein Umweltschutzministerium.Trotzdem kennen wir alle die schrecklichen Bilder von Luft- und Umweltverschmutzung im „Osten“.Denn leider war immer die Produktion wichtiger als die Umwelt. Ob bei der Förderung von Braunkohle, der Synthese von Chemikalien oder eben bei der „Produktion“ von Tieren. Genau deshalb sind am 25. Juni 1988 Umweltaktivist:innen aus der DDR mit Filmemachern aus dem Westen unterwegs. Heute ist es besonders ruhig in der Gegend um den Industriestandort Bitterfeld. Zumindest der gefürchteten Staatssicherheit (Stasi) will heute keiner begegnen. Es ist so ruhig, weil die Niederlande gegen die Sowjetunion spielt. Das EM-Finale. Alle, die können, sitzen vor dem Fernseher. Ganz Europa schaut hin, als der Osten gegen den Westen verliert. Diese Chance nutzen die Filmemacher und lassen sich von den Umweltaktivist:innen die schlimmsten Auswüchse der Rückgratlosigkeit des DDR-Regimes zeigen.Alle Beteiligten könnten mehrere Jahre ins Gefängnis kommen. Aber sie wollen -, nein, sie müssen zeigen, wie grausam die Natur hier rund um Bitterfeld Schaden nimmt. Und mit ihr die Familien der Arbeitenden, die wegen dem besseren Lohn herkamen. Diese Mondlandschaft ist im Laufe von vielen Jahren entstanden. Bis 90 Meter tief wird nach Kohle gesucht. 2/3 der Landschaft um Bitterfeld sind in bestimmten Gegenden so aufgewühlt.Ausgekohlte Tagebaue werden seit Anfang dieses Jahrhunderts als Müllkippen benutzt. Es ist gar nicht mehr nachzuvollziehen, was wo vergraben wurde. – „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989 In der DDR waren offizielle Umweltdaten nicht zugänglich und wurden seit 1972 sogar als „Vertrauliche Verschlusssache“ behandelt. Später wurden sie sogar als „geheime Verschlusssache“ eingestuft.Diese Umweltsünden zu dokumentieren – und damit deutlich zu zeigen, wie grandios die Industrie der DDR scheitert – war beinahe schon Hochverrat. Es ist so, dass die DDR-Regierung jahrzehntelang ihre Bevölkerung über den Zustand der Umwelt im Unklaren bzw. regelrecht getäuscht hat.Erinnert sei daran, dass die DDR Regierung westeuropäischen Müll aufkauft gegen West Devisen. Dr. Ulrich Neumann, Umweltaktivist der Gruppe „Arche“ in „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989Unkontrolliert und unbeaufsichtigt laufen hier inmitten unserer Umwelt chemische Reaktionen im Abwasser ab. – „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989 Diese Aufnahmen aus Bitterfeld schlugen nicht nur im Westen ein, wie eine Bombe. Bitterfeld wurde als „ökologisches Notstandsgebiet“ stigmatisiert.In der DDR selbst wurde der Film vor allem vom grün-ökologischen Netzwerk „Arche“ landesweit verteilt – meist im geschützten Rahmen der evangelischen Kirche.Die Unzulänglichkeiten innerhalb des Staates wurden immer deutlicher, auch, wenn die Führungskader schnell dementierten. Eine Aktivistin beschreibt „Bitteres aus Bitterfeld“ als einen Mosaikbaustein, der den Umsturz 1989 erst möglich machte. Autorin Monika Maron beschreibt in ihrem Roman „Flugasche“ die Umweltkatastrophe in der DDR schon 1981:
    Die Leute in Bitterfeld haben sich eingerichtet, haben sich gewöhnt, Einwohner von Bitterfeld zu sein und vom Dreck berieselt zu werden. Vielleicht ist es nichts als grob und herzlos, ihnen zu sagen: Ihr seid vergessen worden, geopfert für Wichtigeres. Und ich kann es nicht ändern. Autorin Monika MaronWas passiert, wenn Gewöhnung zur Normalität wird? Wenn man aufhört zu merken, wie schlimm es ist, weil es schon immer so war? Die Umweltaktivist:innen in der DDR, die diese „neue Normalität“ nicht akzeptieren wollten, wurden für den Staat zum Feind: Sie wurden ausgehorcht und unter Druck gesetzt – zermürbt. (So sehr, dass sich der Ostdeutsche Umweltaktivist und Fahrer des Filmteams in einer der DDR-Mülldeponien suizidierte und zuvor seine Tochter umbrachte.)

    Das ganze Skript?

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    Das war „dreckige Pfoten“ mit einem Beitrag zu Gülle.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.

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    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

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    Weitere Infos

    [1] Die „Big-Four“: VEB Schweinezucht und -mast Borna, Eberswalde, Haßleben, Neustadt/Orla

    [1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“.

    [1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“ über sogenannte Lohnmäster, die das volle Risiko tragen, aber nur einen Teil des Gewinns; oder von LKW-Fahrern, die Nacht für Nacht Überstunden schieben; über Hilfsarbeiter aus der Türkei, die alles mitmachen müssen.

     

    Quellen & Hintergründe

    Bücher & Hintergrundliteratur

    Rechtliche Grundlagen & politische Einordnung

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  • 07. Mission: Undercover

    07. Mission: Undercover

    Mission: Undercover

    Tierschützer in der Hölle

    Tim ist mittendrin und macht als Undercover-Ermittler schreckliche Aufnahmen. Seine Tarnung darf unter keinen Umständen auffliegen – auch, wenn Mitarbeitende grausame Dinge tun und ein Chef nur Dollarzeichen in den Augen hat. In einer der größten Hühnermastanlagen in Deutschland.

    Intro

    Vor Tims Augen schwirren kleine Staubkörner in der Luft. Er hat einen weißen Anzug an und trägt eine Schutzmaske. So einen Anblick kennen wir aus den COVID-Zeiten.

    Aber um Tims Gummistiefel herum laufen Hunderte, Tausende Hühner. Die weißen Mini-Dinos leben hier. In einer riesigen Halle. In dieser staubigen Luft. Auf einem zugeschissenen Boden.

    An langen Rohren hängen Futternäpfe und Tränken. Das trostlose Neonlicht macht die ganze Atmosphäre nicht gerade besser.

    Für die vielen Individuen ist das alles, was sie in ihrem Leben kennenlernen werden: Neonlicht statt Sonnenlicht, Lärm, Staub und Trostlosigkeit.

    Tim weiß das sehr genau. Am liebsten würde er bestimmt hier abhauen wollen. Aber er hat einen Auftrag: Er will zeigen, wie grausam ein Leben hier drin ist – und wie viel grausamer manche Menschen mit den Tieren hier umgehen.

    „Das ist wirklich die Hölle da. Es ist komplett monoton. Sie sind in einem Raum, wo sie die Sonne nicht sehen. Sie kriegen keine frische Luft. Das ist es die ganze Zeit super stickig. Die haben keine Möglichkeit, sich zu beschäftigen.“

    – Tim im Interview.

    Er wird zwei Wochen lang mit versteckter Kamera einen der größten Hühnermastbetriebe in Deutschland filmen. Jedes Detail wird er zeigen. Er wird den unglaublich grausamen Umgang mit den Tieren festhalten. Von Mitarbeitenden, die Tiere quälen, bis zum Chef, der statt Individuen nur Profitmaschinen sieht, und dem hauseigenen Tierarzt, der auch mal ein Auge zudrückt.

    Tim muss diese Zustände aushalten. Dinge, die kaum jemand auch nur einen Tag mitansehen könnte. Was er sieht, wird er später als das Brutalste seines Lebens beschreiben.

    Aber er wird auch sehen, dass selbst so ein Betrieb mit einem Tierwohl-Siegel ausgezeichnet wird und die „Produkte“ später im Supermarkt landen. Als „Masthähnchen“ für 4,99 € pro Stück.

    1. Masthühner

    Woran denkt ihr, wenn ihr dieses Geräusch hört?Klingt ein bisschen nach Sommer. Oder ein Fotoshooting mit Heidi Klum mit riesigen Gebläsemaschinen. Oder ein Luftkissenboot? Kennt ihr sowas überhaupt? Die gab’s früher sogar als Transportmittel von Frankreich bis nach England…Aber anyways: Wir stehen inmitten einer riesigen Hühnermastanlage. Um uns herum sind tausende Tiere. Weiße Flecken tummeln sich überall, dazwischen Futtertröge und darunter auch noch irgendwo Einstreu. Zugekotet.Und dieses laute Gebläse ist eine Lüftungsanlage. Diese vier oder sechs riesigen Turbinen sollen die schädlichen Gase und den Feinstaub in der Luft der kleinen gefiederten Tiere verringern und helfen im Hochsommer gegen Hitze.Und jetzt sitzen hier diese kleinen, dino-artigen Kreaturen. Müssen jede Minute ihres Lebens diese Lautstärke miterleben. Ganz abgesehen davon, dass sie hier nur zur Schlachtung entkommen können.Würden wir unsere Kinder so behandeln, wie wir andere Tiere – vor allem aber Hühner – behandeln, dann würde die »Supernanny« uns nicht nur auf die Stille Treppe setzen. Vermutlich würde sie uns eher eigenhändig für immer in die Hölle verbannen.Aber nicht nur „Chicken-Nuggets oder „Chicken-Wings klingen in den Ohren vieler Menschen verführerisch. Das liegt auch daran, dass weder „Kentucky Fried Chicken“ noch „Riesa Chicken“ oder „McDonald’s“ uns erzählen, woher die Hunderte oder Tausenden stammen. Aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir das auch nicht wissen. Das würde die Illusion von knusprigem, leckerem Hühnchenfleisch von uns nehmen.Und selbst „Tierwohl“ und „Qualitäts-Siegel“ sind für die meisten Hühner in der Massentierhaltung nur ein anderes Label für ein genauso elendes Leben.AAaaber naja …Was ich damit sagen will: Es wird Zeit, dass wir uns ein wenig eingehender mit Hühnern, genauer gesagt „Masthühnern“, auseinandersetzen.

    1.1 Dimensionen, Fakten und Entwicklung

    Denn Masthühner sind mit Abstand die am meisten gezüchteten und letztlich geschlachteten Tiere – weltweit. In Deutschland sind es fast 600–630 Millionen Tiere pro Jahr. Auf dem ganzen Erdball rund 70 bis 80 Milliarden Tiere[i] – also mindestens zehnmal so viel, wie es Menschen gibt.Die drei größten Produzenten sind mit Abstand die USA, China und Brasilien. 2024 waren diese Länder zusammen für die Schlachtung von etwa 50 % der weltweiten Masthühner verantwortlich. China und die USA haben dabei mit unglaublichen 14–17 Milliarden und 9 Milliarden geschlachteten Hühnern pro Jahr die Spitzenplätze in dieser Triade des Grauens.Und obwohl immer wieder die zynische Werbung, gestaltet von irgendwelchen weltfremden Agenturensöhnen für Schlachtkonzerne, uns grüne Wiesen und viel Freiheit herbeilügen, haben weniger als 2 % der Masthühner in Deutschland auch tatsächlich einen Zugang ins Freie.Übrigens bedeutet der Zugang ins Freie – mit freiem Zugriff von Greifvögeln, kaum Versteckmöglichkeiten – meist kein „Friede-Freude-Eierkuchen“ für die Hühner.Aber wenn diese 600 Millionen Lebewesen der Ozean sind – dann sind die zwei Prozent – ein Becher Wasser.Statt auf einem grünen, offenen Feld unter blauem Himmel zu laufen, haben die meisten Tiere also eine riesige Halle um sich herum und nasse, kotdurchsetzte Sägespäne unter ihren Krallen.Nochmal: Das ist der Normalzustand – die Wunschvorstellung ist der Becher mit Wasser.

    1.2 Eine kleine Bohne mit Wirkung

    Mitte des letzten Jahrhunderts gab es nicht nur im Bausektor eine rasante Industrialisierungswelle. In den USA gab es eine grundlegende Veränderung der ländlichen Farmen. Statt der idyllisch wirkenden Familienbetriebe, entwickelten sich mehr und mehr große Konglomerate und Agra-Industrielle.Der Grundgedanke des Kapitalismus – Wachstum und Profit vor allem anderen – gab hierbei den Rhythmus an.Statt Selbstversorgung, stand ab 1945 mehr und mehr die Spezialisierung auf dem Plan. Die immer günstigeren synthetischen Düngemittel halfen dabei, dass die Preise für Futtermittel auch rapide sanken.Das macht es lukrativer, immer mehr Tiere zu halten. Am besten natürlich auf kleinster Fläche.Neben riesigen Hallen für Tiere, entstanden auch riesige Silos und Häfen für Futtermittel. Alles oft sogar aus einer Hand oder von einem Firmengeflecht: Dünger, Samen, Futtermittel, Schlachthöfe.Das ist sozusagen die Geburtsstunde der „Factory Farms“ oder „Massentierhaltung“.Auf die einzelnen Tiere wurde geschissen. Sie waren ja nur ein kleines Zahnrad beim Gewinne einfahren.Der Allgemeinheit in den USA konnte man damals schon gut verkaufen, dass Speck und Eier das beste Frühstück sind. Ein massiver, tierproduktlastiger Shift von Brot und Haferbrei. Alles auch dank Werbung und Propaganda.Übrigens auch etwas, wofür wir dem „Vater der PR“, Edward Bernays zu danken haben. Ihn habe ich schon in einer der letzten Folgen erwähnt.Anyways: In den USA wurde diese Art des „Factory Farmings“ massiv vorangetrieben. Hinzu kommt, dass damals auch der Anbau von Mais und Soja extrem gefördert wurde. Dank garantierter Preise und millionenschwerer Subventionen, wurde die teure und arbeitsintensive Baumwolle allmählich in den USA abgelöst.Nach 1945 wurde Soja auch in Europa immer wichtiger – aber vor allem als Importgut. Mit dem Gesetz über „Handel und Hilfe“ wurde geregelt, dass Soja in Europa als Lebensmittelhilfen ankam. Zwischen 1955 und 1960 waren das fast drei Viertel der US-Sojaölexporte.Tja. Statt wie einige sicherlich noch denken, kam die Sojabohne also nicht aus abgeholzten Regenwaldgebieten zu uns, sondern wurde von den Alliierten mitgebracht. Und da wir Kartoffelköpfe nicht wissen, wie man Tofu macht, wurden die Sojabohnen in Ölmühlen der Amerikaner gepresst und das Schrot vor allem an Tiere verfüttert.Auch noch heute werden fast 70 % des globalen Sojaanbaus als Tierfutter genutzt.Damit hat diese kleine Bohne sehr viel damit zu tun, wieso auch Europa den Irrweg der Massentierhaltung gegangen ist.Und ähnlich, wie in den USA, gab es auch hier die sogenannte „vertikale Integration“: eine Verflechtung von Futtermittelherstellern, Brütereien, Vertrags-Mästern, Schlachthöfen und Einzelhandel.Immer größere Betriebe wurden auch hier aus dem Boden gestampft. Auch große Agrarunternehmen fassen in Deutschland Fuß und bauen entweder selbst die ersten Riesenställe oder helfen mit ihren Entwicklungen dabei, dass der maximale Profit das Ziel ist.Mit ausgefeilten Apparaturen für die automatische Fütterung oder Lüftungsanlagen wird kaum was dem Zufall überlassen.Selbst das Futter für die Tiere wird nach und nach so optimiert, dass die Tiere schneller wachsen und es gleichzeitig wenig kostet.Doch eine Sache bleibt da noch, die man aus Sicht der Unternehmen noch perfektionieren sollte: die Hühner selbst.

    1.3 Das Huhn der Zukunft

    Fangen wir kurz von vorne an: Das sogenannte „Haushuhn“ ist ein domestiziertes Bankivahuhn aus den Dschungeln Südostasiens. Nachdem der Mensch seine Finger vor rund 5.000 Jahren an das Tier gelegt hatte, war es auf jedem kleinen Bauernhof zu finden.Aber mit dem Wachstum unserer – also der menschlichen Bevölkerung – wuchs auch die Zahl der Hühner rasant.Allerdings hat der Mensch ja diesen seltsamen, sehr skrupellosen Wachstums- und Optimierungszwang…
    „Wusstest du, dass Geflügel landesweit an dritter Stelle der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse steht?“ „Das Fleisch war mehr oder weniger ein Beiprodukt der Ei-Industrie. Nur wenige Hühnerhalter haben den Schritt hin zu einer besseren Fleisch-Produktion gewagt.“ „Als eine Lösung bot A&P Food Stores, der größte Geflügelhändler des Landes, an, einen Wettbewerb für die Entwicklung von Hühnern mit besonders hochwertigem Fleisch zu sponsern. Ein nationales Komitee war für das Programm ‚Das Huhn von morgen‘ verantwortlich: ein Tier mit breiter Brust, mit größeren Unterschenkeln, pralleren Oberschenkeln und Schichten von weißem Fleisch [wie das Wachsmodell auf der rechten Seite].“ „Das Komitee plante eine Reihe von staatlichen und regionalen Wettbewerben für das ‚Huhn von morgen‘, die im Juni 1948 mit einem nationalen Wettbewerb enden sollten. A&P stellte 10.000 Dollar an Preisgeldern zur Verfügung.“ „Welcher Fleischtyp wird morgen der Champion sein? Der Wettbewerb ‚Huhn der Zukunft‘ von 1951 wird die Antworten liefern.“
    Das Huhn der Zukunft – The Chicken of Tomorrow Contest, 1948Dieser Wettbewerb in den USA legte den Grundstein für die modernen Hochleistungsrassen in der Hühnermast – weltweit: schnell wachsende Tiere mit ungesund riesigen Fleischbergen an ihren Körpern.Noch 1957 waren ausgewachsene Hühner knapp unter einem Kilogramm schwer. Schon in den 80er Jahren waren Masthühner doppelt so schwer. Heute sind sie im Schnitt viermal so groß und schwer. – Und dieses Gewicht erreichen sie in der gleichen, kurzen Zeit ihres Lebens: rund 40 Tage.Statt Hühnern, die für ihre Eier jahrelang gequält und am Ende für ihr Fleisch getötet wurden, gab es nun also Hühner, die in kürzester Zeit nur für ihr Fleisch gezüchtet und getötet wurden. Ihre Eier waren wertlos. Und andersherum waren oder sind die ausgemergelten Körper der Hühner aus den Eierfabriken noch weniger wert – und was mit männlichen Eintagsküken passiert, wissen ja inzwischen einige.Inzwischen kontrollieren nur noch wenige Großunternehmen, welche Tiere aus den Eiern schlüpfen. Sie haben die „Hühner von morgen“ perfektioniert und beherrschen mit ihren „Hybridrassen“ den Markt der Tierindustrie.Statt Mais oder Erbsen mit mehr Ertrag, werden nun einfach Hühner gezüchtet, die maximalen Fleischansatz haben – oder die meisten Eier legen. Mendelsche Regeln oder so…Auch nach Deutschland kommen diese Hybridrassen gut an. Auch ein Unternehmer aus Cuxhaven übernimmt das Prinzip und importiert Tiere aus den USA. 1965 entsteht daraus die Brüterei, die später zu „Wiesenhof“ wird.Auch in der DDR wurde geforscht, um das „perfekte Huhn“ zu finden. Schließlich wollte der sozialistische Staat den Kapitalisten im Westen in nichts nachstehen…
    „Sie sind nur auf der Welt, um in wenigen Wochen fett und fleischig zu werden. Ihr englischer Name Broiler, bedeutet nämlich nichts anderes, als Brater. […] Der verändernde Eingriff in die Natur ist gelungen: Wissenschaftler und Züchte haben einen neuen Weg gewiesen. An den Praktikern ist es jetzt in zu gehen.“
    – aus „Mahlzeit DDR 1“, 05:04Mit einem geheimen Ministerrats-Beschluss von 1965 wurde sogar Massentierhaltung im großen Stil angeschoben:
    „Beschluss über den Aufbau moderner, Großanlagen für die industrielle Produktion von Schlachtvieh, Schlachtgeflügel und Eiern in der DDR.“
    Geheimes Protokoll des Ministerrats der DDR, 1965Die industrielle Massentierhaltung von Hühnern ist damit in vollem Gange.Es gibt nur ein paar Haken. Und diese Haken tun vor allem den Tieren weh.Dieser, sehr sachliche Auszug aus Wikipedia spiegelt das Dilemma wieder – getarnt als Produktivitäts-Versprechen:
    • Ein Lege-Hybridhuhn kann mit zwei Kilogramm Futter ein Kilogramm Ei erzeugen. Alte Rassehühner benötigen vier bis fünf Kilogramm.
    • Ein Lege-Hybridhuhn legt, nachdem es legereif geworden ist, in der ersten Legeperiode bis zu 330 Eier in 365 Tagen, das heißt in einem Jahr. Eine zweite Legeperiode ist nicht vorgesehen, jedoch möglich.
    • Ein Mast-Hybridhuhn in konventioneller Haltung ist nach knapp einem Monat schlachtreif, kann aber je nach gewünschtem Schlachtgewicht auch länger gemästet werden. In der ökologischen Landwirtschaft dauert die Mast eines Hybridhuhns etwa vier Monate.
    Dieser Wiki-Artikel ist ganz aufschlussreich für unsere Geschichte:
    „Eine Untersuchung von 51.000 Masthybriden in Großbritannien ergab, dass etwa 28 % der Hühner sich schlecht fortbewegen konnten. 3,3 % der Tiere waren fast bewegungsunfähig.“
    Außerdem:
    „Masthybride leiden zudem oft an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. plötzlicher Herztod und Bauchwassersucht).“
    Wikipedia-Artikel zum „Hybridhuhn“Bei den „Legehybriden“ ist die Wortwahl der Wiki-Autor:innen sogar noch brutaler:
    „Ein Großteil der Legehybriden erkrankt an den Legeorganen. ‚Die Eileiterentzündung (Salpingitis) wird auch als ‚Berufskrankheit’ der Legehennen bezeichnet.‘“
    Klingt jetzt nicht so nach „perfektioniert“, hm?Diese Tiere – ob Huhn in der Eierindustrie oder als sogenanntes „Explosionshuhn“ in der Fleischindustrie: Diese Tiere leiden jeden scheiß Tag ihres kurzen Lebens. Wieder gelten 10 Prozent als „natürliche Auslese“ in der ekelhaft emotionslosen Logik der Tierindustrie.Wer die Zeit als Legehenne oder Masthuhn übersteht, dessen Leben endet nicht weniger grausam. Das hab ich euch schon in einer der ersten Folgen erzählt.Aber haben wir nicht das Tierschutzgesetz? – Das regelt doch ganz klar:
    „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“
    Tierschutzgesetz § 1Und das gilt doch auch für Masthühner, oder?Wenn wir einem Gutachten von den Tierärzt:innen bei „Expertise for Animals“ glauben, dann verstößt die Haltungsrealität bei Masthühnern gegen den Tierschutz.Aber trotzdem bleibt alles legal.

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    Quellen

    [i] Bei Statista noch in „Tonnen“ gemessen: Chicken meat production worldwide from 2012 to 2025 (in 1,000 metric tons)
    https://www.statista.com/statistics/237637/production-of-poultry-meat-worldwide-since-1990/

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