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  • 13. Fischig: die Industrie

    13. Fischig: die Industrie

    Fischig: die Industrie

    Lachs mit Läusen, überfischter Thunfisch und falsche Verspechen

    Lachs mit Läusen, Thunfisch mit faulem Siegel, Fische als Ware: Eine Recherche über Aquakultur, Fangflotten und Siegel, die genau das verschleiern sollen.

    Unter Wasser zu sein, ist wie in eine andere Welt einzutauchen. Alles wirkt gedämpft. Alles da oben oder da draußen bleibt weit, weit weg. Die riesige Farbenvielfalt. Die Abertausend Tiere hier unten. Vom Wasser umschlossen. Abgeschirmt.

    Unsere Bewegungen werden vom Wasserwiderstand gebremst. Ein Ort, der einfach anders funktioniert – und meistens auch sehr gut ohne uns Menschen.

    Aber als Taucher:in ist man hier nur zu Besuch. Man lässt auf sich wirken. Schaut sich um und genießt die wabernde Stille.  

    Und plötzlich taucht da ein kleiner Fisch auf. Schwimmt direkt vor den Taucher:innen.

    „Und dann waren wir drei, vier Taucher, und dann kam dieser kleine Reinigungsfisch, im offenen Meer an – hat quasi auf uns Taucher gewartet – kommt zu uns und dann hat [der Taucher] so sein Mundstück rausgenommen und der Fisch ist in den Mund geschwommen, hat dann so Stückchen gesucht und ist wieder rausgeschwommen; ist zu dem Nächsten geschwommen und hat vor dem Mund gewartet.“

    – Annemarie Botzki im Interview

    Der kleine Fisch schwimmt da vor ihrem Mund hin und her und macht keine Anstalten, zu flüchten. Große, gruselige Menschen mit blubbernder Taucherausrüstung? – Kenn‘ ich schon – jetzt mach den Mund auf!

    „So eine Begegnung mit so einem Fisch, der so groß ist, dass Taucher kommen, dass der warten muss, bis er da reinschwimmen kann, und dann zum Nächsten schwimmt und dann so wirklich vor deiner Maske so hin und her schwimmt. Also, [..] das war echt noch mal so, da denkst du wirklich: Es ist ein wilder Fisch, der hier im Meer schwimmt?“

    – Annemarie Botzki im Interview

    Ja klar, ist ja wortwörtlich der Job von diesen kleinen Putzerfischen: in die Münder von riesigen Tieren krabbeln, um dort nach Essensresten zu fischen. Meeresbiolog:innen sehen darin sicherlich nichts Besonderes.

    Aber es ist doch mehr als nur cute, dass er dieses Prinzip auch bei Menschen anwendet und sogar brav wartet, bis die ihren Mund von der Atemmaske befreit haben.

     

    Und solche Begegnungen bleiben bei uns. Sie machen etwas mit uns. Verändern unsere Beziehung zu anderen Lebewesen.

    Thunfische nach dem Angeln
    Thunfische nach dem Angeln

    Aber da gibt es eben noch eine ganz andere Seite der Unterwasserwelt. Eine Welt, die zum Schauplatz alltäglicher Grausamkeit wird. Dort, wo ein kleiner Putzerfisch als sogenannter „Beifang“ einfach leblos über Bord geworfen wird.

    „Oft ist gar nicht das Bewusstsein da, dass Fische fühlende Lebewesen sind, und sie werden wirklich als Ressource gesehen, die in Tonnen gemessen werden.“

    – Annemarie Botzki im Interview

    In Tonnen. Nicht als Individuen. Nicht wie ein Putzerfisch, der auf Taucher:innen wartet.

    „Es ist wirklich ja katastrophales Schicksal für die Fische. Auch zum Beispiel andere Tiere wie Garnelen leiden einfach, werden einfach als bloße Ressource in Kilo und Tonnen mit Maßstäben gesehen. Und ja, es ist halt auch einfach weit weg.“

    – Annemarie Botzki im Interview

    dreckige pfoten

    Recap

    Doch noch immer bleibt der Aberglaube: Fische leiden nicht. Meerestiere spüren nichts. Und sowieso ist alles Unterwasser eher eine „Meeresfrucht“s.

    Genau das wird zu ihrem Verhängnis – nicht nur beim grausamen, mittelalterlichen „Fischertag“ in Memmingen, den ihr in der letzten Folge auch kennengelernt habt –

     

    – sondern auch auf den Weltmeeren:

    Jedes Jahr wird eine unzählbare Anzahl Tiere aus dem Wasser gezogen. Das alles in einer gefühlt unendlichen, manchmal auch rechtsfreien Weite der Ozeane. Ein riesiges Geschäft, mit schier unzählbaren Opfern.

    Aus dem „Fruchtbarkeitssymbol“ Fisch, das sogar der liebe Jesus wundersam vermehrt hat, ist ein immenser Kassenschlager auf der ganzen Erdkugel geworden.

    Ob „Alaska-Seelachs-Filet“ oder der „Shrimp-Cocktail“ – heute landen mehr Meerestiere denn je zuvor auf den Tellern der Menschen.

    Lachs

    Der Fisch-Superstar

    Ein Fluss in Norwegen, irgendwann im Herbst. Auf dem Grund feiner Kies, klares, kaltes Wasser.

    Da unten im Flussbett sind auch kleine Eier, der sogenannte Laich. Denn hier schlüpft ein Lachs!

    Mehrere Monate – oder auch Jahre – lebt er im Süßwasser von Flüssen, jagt Eintagsfliegen, Mücken und später kleinere Fische. Diese heranwachsenden Lachse nennt man „Parr“. (fragt mich bitte nicht, warum)

    Nach dem Lachs-Kindergarten geht es dann als silbriger, sogenannter „Smolt“ oder „Schmolts“ weiter. Vermutlich ähnlich, wie ein pubertierender Teenager, der sich die „Schuppen abstoßen will“, ziehen die kleinen Smolts weiter in die Welt. Dabei passt ihr Körper sich dem steigenden Salzgehalt in Richtung Meer immer weiter an.

    Von den norwegischen Flüssen geht es immer weiter in Richtung Grönland. Während dieser Zeit schwimmt der Lachs tausende Kilometer. Währenddessen jagt der Raubfisch Heringe, Krill, Garnelen oder Flusskrebse.

    Der silberne Fisch wächst von wenigen Gramm auf mehrere Kilogramm an. Durch die vielen Krebstiere, die so ein Lachs verspeist, färbt sich sein Inneres leicht rosa.

    Hier im offenen Meer sind sie aber auch selbst anfällig, gejagt zu werden: Robben, andere Fische und auch der Mensch machen dem Fischlein das Leben zur Hölle. Nur zwischen 14 und 54 % der Millionen Lachse, die aus den kleinen Flüssen starten, überleben diese große Reise.

    Und dann kommt der Moment, an dem der Instinkt kickt: wieder ein paar Babys machen!

    Aber nicht hier im Salzwasser, sondern in der eigenen Kinderkrippe.

    Deshalb geht’s nach ein paar Jahren im offenen Meer zurück. Gegen den Strom.

    Sie springen Stromschnellen hoch, kämpfen gegen die Strömung. Sicher kennt ihr alle die Bilder von springenden Fischen. That’s them!

    Tausende Kilometer geht’s zurück ins Süßwasser. Alles, um den Kreislauf wieder zu schließen. Ablaichen im norwegischen Flüsschen.

    Die Lachsindustrie: Aquakultur

    Aber diesen Weg können nicht alle Lachse erleben. Um genau zu sein, gibt es sehr viel weniger frei schwimmende Lachse in Norwegen, als in Netzen vor der norwegischen Küste gezüchtet werden. Für sie gibt es keinen freien Ozean, keine kilometerlange Wanderung.

    In riesigen Netzanlagen werden tausende silberfarbene Lachse herangezüchtet[i]. Und auch sie werden lieber in Tonnen, statt als Individuum gezählt:

    „Das hier ist die weltgrößte Fischfarm. Sie ist 385 Meter lang, 50 Meter breit. Und zur Produktionsspitze haben wir hier 10.000 Tonnen Lachs mit zweieinhalb bis drei Millionen Lachsen. Die Netze reichen 56 Meter tief ins Wasser. In dieser Anlage enthalten sie keine Chemikalien, die in anderen Betrieben eingesetzt werden, um die Netze gegen Zerfall, das sogenannte Foulingen, zu schützen. Hier werden sie von Robotern geputzt.“ – Ein Mitarbeiter der Firma „Nordlaks“ in einem Beitrag von DW Deutsch 

    Norwegens Aquakulturen produzieren über 50 % des weltweiten Lachses, der dann auf den Tellern landet. In unzähligen Fischfarmen, in den Fjorden Norwegens wird der Fisch gezüchtet. Riesige Anlagen für die Massentierhaltung von Fischen.

    Auf Google Maps sieht man immer wieder die kreisrunden Anlagen im Wasser: 10 bis 16 Ringnetze mit 40 Metern Durchmesser, direkt an der Küste. An den rund 760 Standorten[ii] dieser Lachsfarmen leben jeweils Hunderttausende Fische. Laut Vorgaben dürfen hier nur knapp 2,5 % gefüllt mit Fisch sein. Ob das wirklich genug ist, bei Fischen, die kilometerlange Reisen zurücklegen?

    Und auch hier frage ich mich, wie das genau kontrolliert werden soll und wer das tatsächlich tut – aber das ist ein anderes Thema.

    In diesen Netzgehegen, Netzkäfigen, oder wie man es auch immer nennen mag, konzentrieren sich nicht nur Fische, sondern auch Fäkalien, Futterreste und auch die sogenannten Lachsläuse: Diese kleinen Parasiten fressen Haut und Schleim der Fische, später dringen sie sogar noch tiefer ein und saugen das Blut der Wirtfische.

    Dutzende der kleinen Blutsauger setzen sich auf die Fische, fressen sich manchmal sogar bis zum Schädelknochen vor, beißen große Wunden, die sich entzünden können. Die angeschlagenen und angefressenen Lachse sterben meist an den Folgen von bakteriellen Infektionskrankheiten, die sich in der Enge der Aquakultur blitzschnell ausbreiten.

    „Also in Norwegen sterben jedes Jahr – verenden – sterben tun ja alle Fische aus der Industrie – aber, da verenden wirklich 100 Millionen. Es ist wirklich die offizielle statistische Zahl. Lachse vor der Schlachtung.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Annemarie hat mit der Organisation foodwatch die Lachsindustrie in Norwegen und Schottland im Report „Faule Fische – Millionen tote Lachse und katastrophale Zustände in der Industrie“ untersucht.

    Dafür hat das Team von foodwatch offizielle Behördenunterlagen, Medienberichte und Studien ausgewertet. Dabei wackelt das Bild der „nachhaltigen Lachszucht in Europa“ ziemlich gewaltig:

    „Die haben zwei Aufzuchtsphasen, also einmal die kleinen Lachse, die sowieso in Becken herangezogen werden. Erstmal in so einer Industriehalle und dann gibt es halt die Phase im Wasser. Und zusammengenommen sterben da wirklich – ja, 100 Millionen Lachse.“ – Annemarie Botzki im Interview

    100 Millionen tote Tiere. Das sind über 180 gefüllte olympische Schwimmbecken. Voller verendeter Fische.

    Jeder vierte der Smolts und jeder sechste der erwachsenen Lachse sterben in diesem System aus Netzen in den Fjorden Norwegens. Würde man diese ganzen Lachse aneinandereihen, könnte man sie zwei bis drei Mal um den Äquator wickeln[iii].

    Natürlich gibt es nicht nur in Norwegen Aquakulturen. Auch beispielsweise in Island oder Schottland werden mehrere Millionen Tiere in der Massenzucht gehalten.

    Und auch dort sterben Fische durch den Befall mit Lachsläusen und die resultierenden Folgeerkrankungen. In Schottland verendeten 2022 rund 17,5 Millionen Lachse in Aquakulturen. 2025 gab es sogar Vorfälle, bei denen insgesamt Millionen Fische durch „versehentliche Vergiftung“ starben. Doch statt öffentlicher, transparenter Aufklärung, versuchten die schottischen Behörden, die Untersuchungsberichte zum Vorfall zu verstecken.

    Die Big Player & das System

    Es gibt verschiedene, große Player in der Lachsindustrie Norwegens, die zusammen etwa 1,4 Millionen Tonnen Lachs produzieren. Insgesamt sind die Top-10-Produzenten verantwortlich für fast 70 Prozent der Gesamtproduktion. Vor 30 Jahren waren es nur knapp 19 Prozent[iv]. Mit kleinen Fischern, die für ihr Überleben fischen, hat diese Industrie also recht wenig zu tun.

    Dabei ist das Unternehmen „Mowi“ mit jährlich 237.000 Tonnen getötetem Lachs der Spitzenreiter. „Nordlaks“, die wir eben gehört haben …

    … sind mit ihren 35.000 Tonnen noch knapp unter den Top 10 der Lachs-Riesen.

    In Deutschland stammt jeder zweite Lachs im Supermarktregal aus Norwegen.

    Eine gute Sache hat diese Konzentration von Macht in der Fisch-Industrie Norwegens allerdings: Sie wird genau beobachtet und selbst das Schlimmste wird in offiziellen Behörden-Statistiken festgehalten: Auf der Seite der norwegischen Fischereidirektion können alle Menschen die Statistiken in unzähligen Excel-Listen lesen.

    Natürlich völlig naiv, so etwas von deutschen Behörden in der Tierindustrie zu verlangen. Wer braucht schon Transparenz in einer der schlimmsten Industrien?

    „In Norwegen ist die Industrie einfach so groß, weil die wirklich ja Hunderte von Industrieplayern die ganze Küste entlang haben und auch so viele Krankheitsausbrüche und ja, also deswegen ist das eigentlich ganz gut dokumentiert da. […] Man kann auch sagen: Bei uns in Deutschland gibt es nicht wirklich eine Tiergesundheitserhebung, also dafür aber ja auch eingesetzt, dass man wirklich die Tiergesundheit überprüft.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Der Regierung Norwegens sind die immensen Probleme in den Aquakulturen bekannt. Immerhin analysieren sie das jedes Jahr. Trotzdem bleibt das System, wie es ist: Eng und kontrolliert von der Industrie.

    2016 ist die weltweite Produktion von Lachs eingebrochen, weil Lachsläuse unzählige Aquakulturen befallen haben. Die millimeterkleinen Parasiten, haben die Enge der Fischfarmen ausgenutzt und konnten sich hier extrem schnell vermehren.

    Und das wiederum bedeutet, dass unzählige Lachse verendeten. Wie schon eben gesagt: Rund 100 Millionen Lachse. Jedes Jahr.

    Dazu kam, dass der Preis von 5,86 Euro im Jahr 2015 auf 7,67 Euro im Folgejahr gesprungen ist. Und wie wir wissen, ist Tierleid für die Industrie nur ein Nebenfaktor, aber wenn der Absatz wegen zu hoher Kosten sinkt – das geht nicht!

    Es mussten Lösungen her – natürlich nur industriefreundliche Lösungen: Chemikalien, Süßwasserkuren oder sogar andere Fische sollen die Lachsläuse bekämpfen.

    Ob Wasserstoffperoxid, Heißwasser- oder Süßwasserkuren: All diese vermeintlichen Heilversprechen, töten die Lachse während der Behandlung.

    Ein einkalkuliertes Risiko.

    Alternativ, aber nicht weniger tödlich, werden Putzerfische ausgenutzt, die dann die kleinen Parasiten von den Lachsen fressen sollen. Leider hatte auch diese glorreiche Idee keinen gänzlichen Erfolg: Die Putzerfische, in Norwegen meist Lippfische oder Seehasen, schaffen zwar bis zu 200 Lachsläuse am Tag, aber verrecken dann selbst und werden zur Beute der Lachse[v].

    Rund 50 Millionen Putzerfische[vi] werden so Jahr für Jahr neben den Millionen Lachsen, auch Opfer dieser seelenlosen Industriemaschine.

    Statt die Aquakultur und das immense Leid, das durch sie entsteht, einzudämmen, werden also Kollateralschäden in Kauf genommen. Tierleid wird immer massiver, gleichzeitig werden die Profite der Konzerne geschützt.

    Je weniger Netzkäfige mit Hunderttausenden von Fischen es gäbe, desto weniger Futter gäbe es für die Lachslaus. Denn eigentlich hat die Lachslaus unter Naturbedingungen recht selten die Chance, so viel Nahrung auf einmal zu finden.

    Und dabei geht von dieser massiven Vermehrung der Lachsläuse auch eine Gefahr für die Fische im offenen Meer aus:

    „Das Futter, die Fäkalien, die Lachsläuse, gehen auf die freien Fische über. Die Flüsse in Norwegen werden jetzt schon geschlossen zum Angeln, weil so wenig Wildlachse zurückkehren. Das heißt, in Norwegen ist ungefähr die Hälfte der Wildlachse schon verschwunden, weil halt diese Auswirkungen der Lachsindustrie auch so enorm sind.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Ausbruchgefahr

    Nochmal kurz zurück zu unserer schwimmenden Riesenfarm vom Anfang, ihr wisst schon…

    „Wir messen die geflüchteten Fischmengen. In den vergangenen vier Jahren sind insgesamt 40 Lachse entkommen. 36 davon haben wir wieder eingefangen. Es sind also insgesamt vier.“ – Ein Mitarbeiter der Firma „Nordlaks“ in einem Beitrag von DW Deutsch

    Ich weiß ja nicht, wen dieser Mitarbeitende hier verarschen will, aber lassen wir das mal so stehen.

    Studien gehen eher davon aus, dass jährlich Millionen Tiere aus den Netzkäfigen der Aquakulturen entkommen. Beispielsweise entkamen bei einem einzigen Prison-Break in Norwegen knapp 500.000 Tiere aus den Netzen von Marine Harvest.

    Das war übrigens nur einer der gemeldeten Ausbrüche. Offiziell wird von rund 12 bis 29 % Escapes gesprochen.

    Entkommen die Lachse aus den Aquakulturen, konkurrieren sie mit dem wenigen Wildlachs, der noch in den Gewässern zuhause ist. Gleichzeitig sind die Aquakultur-Lachse auf schnelles Wachstum gezüchtet. Das macht sie anfälliger für Krankheiten, als Wildlachs.

    Wenn sich diese verschiedenen Lachsgene jetzt durch die Macht der Liebe vereinen, dann kommen dabei Lachsbabys raus, die den Naturgewalten nur schlecht gewachsen sind. Ein zusätzlicher Faktor, der die Wildlachspopulationen noch weiter dezimieren kann.

    In den Ländern der Mega-Aquakultur-Farmen, Norwegen und Schottland, sind bereits jetzt knapp 23 – 42 % der Wildlachse mit Farm-Lachs gekreuzt.

    Auch Krankheiten oder die Lachslaus können mit den Ausbrechern hinausschwimmen. Verschiedene Viren können sogar bis zu 100 Kilometer weit übertragen werden.

    Zusätzlich begünstigen Aquakulturen die Entwicklung wesentlich aggressiverer Erreger – ähnlich, wie die multiresistenten Keime, die uns schon aus der Massentierhaltung an Land bekannt sind.

    Nachhaltig? Teil 1

    Einen wichtigen Faktor vergessen viele Menschen beim Lachs auch gerne: Es ist ein Raubfisch. Das bedeutet, dieser Fisch jagt nach anderen Tieren. Und die müssen irgendwo herkommen – auch in der hochgelobten Aquakultur, die sich gerne besonders nachhaltig gibt.

    „Jeder fünfte gefangene Fisch landet nicht auf unseren Tellern. Er wird geschreddert und zu Pulver verarbeitet, nur um wieder an Fische verfüttert zu werden. […] Denn ohne das braune Pulver geht in vielen Aquakulturen nichts. Und das hat seinen Preis. Wir hatten die Blutdiamanten. Jetzt haben wir Blutfisch. Fischmehl steht unter Verdacht, ein schmutziges Geschäft zu sein. Immer wieder hört man von illegalen Praktiken und Ausbeutung. Man sagt, Aquakultur ist nachhaltig. Aber das ist sie nicht.“ –  ZDF-Reihe „Meer Crime – Fischmehl, ein schmutziges Business“

    Eine ganz frische Doku vom ZDF unter dem Titel „Fischmehl – ein schmutziges Business“ taucht in der Reihe „Meer Crime“ in die Untiefen einer Industrie ein, die wir uns kaum schlimmer vorstellen könnten: die Produktionsstätten für Fischmehl und Fischöl.

    Was einst ein Nebenprodukt des Fischfangs war, ist heute eine derart gefragte Zutat, ohne die die Aquakultur-Industrie nicht mehr überleben könnte. Und wegen der die Meere genauso leergefischt werden, wie für sogenannten „Wildfisch“.

    Für „unseren“ europäischen Lachs werden unzählige Tonnen von Fischen aus entlegenen Teilen unseres blauen Planeten gefischt, die damit den Menschen fehlen, die vielleicht wirklich darauf angewiesen wären[vii].

    „Die Fangschiffe gleichen schwimmenden Industrieanlagen. Die größten von ihnen ziehen an einem einzigen Tag so viele Meerestiere aus dem Wasser wie 50 Holzboote in einem Jahr. Viele stehen im Verdacht, illegal Fisch zu fangen. Immer wieder auch verboten nah an der Küste. Teils für europäische Märkte, aber auch für Fischmehlfabriken.“ – ZDF-Reihe „Meer Crime – Fischmehl, ein schmutziges Business“

    In einer 25dieser Aspekt des Neokolonialismus aber nur ein Hintergrundrauschen.

    Um es kurz zu machen: Für ein Kilogramm Lachs müssen sechs Kilogramm anderer Fische verfüttert werden. Diese Rechnung kann und wird niemals aufgehen.

    „Die Lachse brauchen Proteine. Das ist dann Fischmehl oder Fischöl. Da gab es aber auch schon sehr viel Druck und die Industrie versucht, das zu reduzieren. Dann nutzen die auch Soja, wofür Regenwald zum Beispiel auch abgeholzt wird. Da hat Greenpeace auch mal den Nachweis gemacht. Das ist wirklich aus dem Regenwald […] Ich habe jetzt einen neuen Bericht gelesen letzte Woche, der auch auf diese Frage eingeht, und da war dann so der Tipp von einem Wissenschaftler: Mehr Abfallprodukte aus der Tierindustrie verfüttert werden sollen, also wie zum Beispiel Federn oder andere Teile von Hühnchen, die noch so überbleiben – also, muss man sich mal vorstellen. Also klar, Wiederverwertung von Produkten ist ja gut, aber dann nimmt man so Produkte aus der Schlachterei und schüttet die dann als Essen ins Meer, um die Lachse zu füttern.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Jetzt haben wir wahrscheinlich alle kurz das Bild von Eingeweiden im offenen Meer im Kopf: die nächste, große Idee in der Lachsindustrie. Aber das ist wohl vorerst noch eine Zukunftsvision von Wissenschaftler:innen, die der Industrie den Rücken stärken wollen.

    Das trübt das Bild des „Superfood Lachs“ gewaltig: Hunderttausende Fische in einem Netz gefangen, angefressen von Läusen, gefüttert mit Soja aus dem Regenwald oder Resten aus der Tierindustrie. Klima- und Umweltauswirkungen, oder aussterbende Wildfischbestände gibt es noch dazu.

    Lügen der Industrie

    Um dieses angekratzte Image ein wenig aufzupolieren, greift die Industrie immer wieder zu Tricks und Spielchen, um es Menschen schmackhaft zu machen, Lebewesen aus dem Meer zu verspeisen. Wie schon öfter angedeutet: Ich glaube, die Marketing-Menschen dieser Industrie haben vermutlich einen Werbe-Workshop beim Teufel persönlich abgeschlossen, um so dreist zu lügen.

    Die Lachsläuse in der Aquakultur sind vermutlich insgesamt ein kleineres Problem, als die Menschen, die es für eine gute Idee halten, Fische in Megafarmen zu sperren, um sie dann grausam zu töten.

    Wer zum Beispiel kommt auf die unendlich fiese Idee, Tiere – also Lebewesen mit Empfindungsfähigkeit – als „Meeresfrüchte“ oder sogar „Meeresgemüse“ zu bezeichnen?

    Oder aber das beliebte „Alaska-Seelachsfilet“, das so schön natürlich und gleichzeitig exotisch klingt. Ein Premiumprodukt. Oder?

    „Dieser Alaska-Seelachs ist gar kein Lachs, aber die nutzen diesen Namen Lachs einfach, weil es besser klingt. Es gibt wirklich wilde Lachse in Kanada und in Alaska, die schwimmen in den Flüssen. Da gibt es aber nur noch ganz wenig Populationen, die überhaupt so stabil sind, dass man die guten Gewissens irgendwie essen könnte. Wir können jetzt nicht alle von dem Industrielachs weg und dann halt alle Wildlachs essen. Das geht gar nicht.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Es gibt also wieder ein paar Tricks, damit der Konsum von Fisch am Laufen gehalten wird: „Alaska-Seelachs“, der eigentlich ein pazifischer Pollack oder ein Dorsch ist.

    „Aber da gibt es auch interessante Tricks, die ich gesehen habe. Das hat Patagonia mit einem Film mal gezeigt. […] die Lachse wachsen ja erstmal so als kleine Fische heran, kleine Smolts. Manche Leute nehmen jetzt die kleinen Smolts und setzen die in die wilden Flüsse und sagen dann, das wäre Wildlachs. […] Die kleinen Fische kommen aus der Industrie, die werden in die freie Wildbahn ausgesetzt und dann irgendwie geangelt oder gefischt. Und dann wird halt gesagt, das sei Wildlachs.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Ein Kilo totes Tier kostet dann im Laden auch mal gerne 15 bis 20 €.

    Aber Wildfang – das klingt doch … gut?!

    Kein Netzkäfig, keine Lachsläuse, kein Fischmehl aus Westafrika. Nur ein Boot und das offene Meer, ganz so wie vor tausend Jahren.

    Auch hier trügt der Schein.

    Denn das Muster, das wir gerade bei der Aquakultur gesehen haben, setzt sich auch beim Fang im Meer fort: Wenige Konzerne profitieren, ein Preisschild auf jedem Tier, Siegel und Abkommen, statt durchgängiger Kontrollen. Nur mit neuem Vokabular und anderen Zertifikaten.

    dreckige pfoten

    Nachhaltiger Fisch?

    Von so manchen Verpackungen von Produkten aus Fischen, strahlen einem mehr Siegel und Logos entgegen, als von einem Formel-1-Rennwagen. Aber weder die Lachslaus, noch das Fischmehl sind darauf zu sehen.

    Hier gibt es zum Beispiel das ASC- und das MSC-Siegel: Das eine für Meereslebewesen aus Aquakulturen und das andere für Tiere, die direkt aus dem Meer gefischt werden. Beides verspricht „Nachhaltigkeit“ und „kontrollierte“ Fischerei.

    Klar, von „besonders schonend getöteten Fischen“ redet keines der Labels. Aus gutem Grund vermutlich.

    MSC-Siegel

    Vor Neufundland – einem Gebiet im Norden Kanadas – treffen zwei wichtige Strömungen aufeinander: der warme Golfstrom und der kühle Labradorstrom. (ja, wie der Hund.)

    Und wo solche Bewegungen aufeinandertreffen, kommt es zu Verwirbelungen, bei denen dann auch Nährstoffe weiter an die Oberfläche gespült werden. Also jede Menge Fressen für Kabeljau und Co. Und damit natürlich auch für die riesigen Fangschiffe aller Nationen.

    Als 1992 ganz plötzlich keine Fische mehr zu fangen waren – I mean: Wer hätte das ahnen können –, da schritt man zur Tat und schränkte nicht nur die Fischerei extrem ein, sondern der Umweltschutzverein WWF und das Unternehmen Unilever gründeten das Marine Stewardship Council (MSC).

    Die seit 1999 gemeinnützige, unabhängige Organisation zertifiziert jedes Jahr unzählige Produkte und nimmt damit rund 39 Millionen Euro pro Jahr ein. Das Logo der MSC klebt dann auf Hummer, Lachs, Thunfisch, Hering und vielen anderen Tierprodukten oder eben Produkten für Haustiere. Insgesamt waren es 2014 noch 9.359 MSC-zertifizierte Produkte und 2024 waren es schon 21.859 Produkte.

    Trotzdem sind das nur knapp 19 Prozent des weltweiten Fischfangs, immerhin 55 Prozent des deutschlandweiten Verkaufs. Ein guter Start vielleicht, aber auch ein bisschen Feelgood-Atmosphäre für eine eigensinnige Verwendung des Begriffs nachhaltig: Denn auf jedem Produkt mit dem MSC-Siegel steht auch „zertifizierte nachhaltige Fischerei“.

    „Die Fischindustrie stellt sich wirklich gerne als eine sehr gesunde und nachhaltige Alternative dar und sagt wirklich so: Hey Leute, ja Fleisch und rotes Fleisch vor allem, ist für super viel Umweltschaden verantwortlich, aber wir sind eine gesunde Industrie.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Tatsächlich steht auf der MSC-Website auch, dass Fische aus Wildfang einen

    „Das Fischlabel MSC sagt zum Beispiel auf der Webseite: Es ist eine nachwachsende Ressource. Also, die Fische wachsen ja einfach nach und wir können davon viel essen. Die Lachsindustrie sagt halt: Wir brauchen nicht so viel Futter wie eine Kuh, um die zu mästen und zu töten, sondern unser Verhältnis von Futter zu dem, was man am Ende an Fischfleisch daraus kriegt, ist viel besser.

    Und so werden verschiedene Sachen halt schön gerechnet und die Fischindustrie versucht wirklich zu sagen: Wir sind eine nachhaltige, umweltschonende Alternative.“ – Annemarie Botzki im Interview

    „Ich habe noch eine Recherche zum Thema Thunfisch gemacht, weil ich auch die Haie echt liebe und gesehen habe, wie viel Beifang bei den Thunfischen mit dabei ist. Und da haben mich die Zahlen wirklich geschockt.“ – Annemarie Botzki im Interview

    foodwatch hat auch beim MSC-Siegel Probleme aufgedeckt, die kaum zum Image des „nachhaltigen Fischfangs“ passen können, und deshalb die Organisation abgemahnt: Auf Dosen mit Thunfisch strahlt das Logo von MSC, aber eigentlich stammen die Fische aus den gleichen Fangeinsätzen der Flotten, wo auch in überfischten Gebieten gefischt wurde.

    So verkaufte REWE einen „Ja!“-Thunfisch von einer Fischereiflotte, die auch in überfischten Gebieten Thunfische aus dem Wasser zieht. Trotzdem bekommt die Dose das begehrte MSC-Zertifikat.

    Das ist nicht der erste Vorfall und wird vermutlich auch nicht der letzte sein. Gleich nochmal mehr dazu.

    Fangmethoden: FADs und Beifang

    Wer bei Fisch aus dem offenen Meer – am besten noch kombiniert mit einem MSC-Siegel – daran denkt, dass das jetzt aber wirklich nachhaltig ist, kennt vielleicht noch nicht die üblen Fangmethoden der Industrie:

    Ich habe bei Instagram einen Infopost über die Fangmethoden gemacht. Schaut gerne rein, damit ihr einen Überblick habt.

    Zwar haben die Fische, die im Meer schwimmen, einen großen Vorteil gegenüber den Tieren in der Aquakultur: sie konnten zumindest einen Teil ihres Lebens in Freiheit leben. Aber der Fang ist nicht weniger grausam, als durch ein Rohr aus den Netzen der Aquakultur gesaugt zu werden.

    Ja, ein Rohr wird ins Wasser der Netzkäfige getaucht, das Netz angehoben und dann werden die Fische auf ein Schlachtboot mit Unterdruck gesaugt. That’s the usual business…

    Vor allem bei Thunfisch, der in Deutschland nach Lachs und dem Fake „Alaska-Seelachs“ mit 13 Prozent auf dem dritten Platz der meistverkauften Fischprodukte liegt, sind sogenannte Ringwadennetze mit Fischsammlern der traurige Goldstandard. Die Fish Aggregating Devices oder kurz FAD, gelten laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz als eine der schädlichsten Fangmethoden.

    Ein Ringwadennetz wird als Ring auf der Wasseroberfläche ausgelegt, wobei das Netz langsam nach unten sinkt. Am unteren Ende des Netzes wird dann das Netz wieder verschlossen und man hat eine Art Tasche, die mit Fischen verschiedener Arten gefüllt ist. Anschließend wird dieses gesamte Netz auf das Schiff gezogen.

    Dazu kommen aber nun auch noch die Fischsammler oder FADs. Mit schwimmenden Objekten, locken Fischer seit Jahrhunderten Tiere an, um sie dann zu fangen. Skaliert eine ganze Industrie das ins Unermessliche und kombiniert das mit den Ringwadennetzen, dann haben wir ein großes Problem: In diesen Fischsammlern, verkriechen sich dutzende verschiedene Fischarten, die wiederum andere Tiere anziehen.

    Wird dieser FAD, samt der umherschwimmenden Lebewesen eingefangen, landen auch jede Menge Tiere auf den Schlachtschiffen, die eigentlich nicht von Menschen gegessen werden.

    „Experten schätzen, dass beim Einsatz von FADs und Ringwadennetzen allein im Indischen Ozean jedes Jahr mindestens 200.000 Seidenhaie (hauptsächlich Jungtiere) sinnlos als Beifang sterben. Weitere Beifangopfer sind: Meeresschildkröten, Delfine, andere Haiarten und Wale.“

    Aufwand. Aber sie zerstören dabei oft ganze Kolonien.

    Dabei ist besonders beeindruckend – im negativen Sinne –, dass 2018 von nur fünf Trawlern mindestens 8.000 Seidenhaie als Beifang gefangen wurden. Fischerboote, die durchschnittlich etwa 35.000 Tonnen Thunfisch fangen.

    Auch der abgepackte Thunfisch – Skipjack, Gelbflossenthun und Großaugenthun – kommt zu 90 Prozent aus Gebieten, in denen hauptsächlich mit FADs gefangen wird[viii]. Bereits jetzt gelten sechs der acht Thunfischarten als gefährdet, andere sogar als vom Aussterben bedroht. Trotzdem werden sie nach wie vor gefangen und in unsere Supermarkt-Filialen gebracht.

    dreckige pfoten

    Exkurs: Beifang

    Nochmal kurz zum Thema Beifang.

    So bezeichnet man in der Regel Meerestiere, die statt des eigentlichen Ziels gefangen werden. Ein Fischerboot, das beispielsweise auf der Jagd nach Thunfisch ist, kann in der Regel wenig mit gefangenen Delfinen anfangen. Die Delfine sind also unnötiger Beifang.

    Die Krux daran ist aber: Delfine schwimmen sehr oft mit Thunfischen zusammen. Das wissen auch die Fischereiflotten und jagen deshalb gezielt Delfinschulen, um an die eigentlich gesuchten Thunfische zu kommen.

    Wird das Netz eingebracht, sind oft erschöpfte oder kleinere Delfine oder Haie mit dabei. Sie landen später meist verwundet wieder im Meer.

    Die Gesellschaft zur Rettung der Delfine geht von 300.000 versehentlich gefangenen und getöteten Delfinen und Walen durch Beifang aus.

    Es gibt auch noch weitere Dimensionen des Schreckens: Laut einer Studie verenden jedes Jahr sogar bis zu 200.000 Seidenhaie in FADs, ohne, dass sie offiziell als Beifang erfasst werden. Der Thunfisch aus diesen Fängen wird oft trotzdem mit einem MSC-Stempel für „nachhaltige Fischerei“ versehen[ix].

    Einen Punkt muss ich hier allerdings machen: Diese Fischereiflotten ziehen pro Jahr hunderttausende Tonnen schwere Netze aus den Ozeanen. Und selbst in den offiziellen Audits sieht die Dimension des Beifangs deshalb verschwindend gering aus.

    Beispielsweise wurden bei einer Fangflotte über 67.564 Tonnen Thunfisch gefangen. In den gleichen Netzen wurden auch bedrohte Tierarten gefangen. Allerdings macht dieser Beifang laut Statistik nur wenige Prozentpunkte aus. Etwa 0,25 Prozent Seidenhaie und 0,1 Prozent Walhaie. Das klingt also minimal.

    Doch foodwatch rechnet das für uns vor:

    „Es wurden 173 Tonnen gefährdete Seidenhaie [(Carcharhinus falciformis)] mitgefangen – das entspricht bei einem angenommenen Gewicht von 100 kg pro Hai geschätzt etwa 1.730 Individuen. 77 Tonnen streng geschützte Walhaie [(Rhincodon typus)] wurden gefangen, was etwa 4–5 Individuen, je nach angenommener Körpermasse, entspricht.“

    Ein Bruchteil von den vermutlich 12,1 Millionen Thunfisch-Individuen, bleibt es trotzdem. Deshalb gab’s dann auch das MSC-Zertifikat für den Dosenthunfisch.

    Alles recht ähnlich, wie die sogenannte Verlustrate bei Lachs oder in der Tierindustrie an Land: Ein kleiner Prozentsatz klingt nach wenig – ist aber jedes Mal ein Lebewesen zu viel.

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    Die MSC-Täuschung

    Ich stolpere in letzter Zeit immer wieder über das Scheinargument, dass ja fast alle Menschen Fleisch und Fisch essen, also sei veganer Aktivismus irrelevant. Das ist nicht nur eine billige Ausrede für den eigenen, rückgratlosen Lebenswandel – es normalisiert auch stillschweigend Tierhaltung, Schlachtung und eben die Fischerei als Standard, während einzig der Verzicht darauf als „abnormal“ markiert wird.

    So ähnlich kommt es mir auch vor, wenn man sich das MSC-Siegel und die tatsächlichen Bedingungen anschaut: Spätestens mit den Zertifizierungen von ganzen Fischereiflotten, die auch auf destruktive Fangmethoden, wie FADs setzen oder in Beständen fischen, die bereits überfischt sind, hat sich diese Organisation endgültig ins Abseits katapultiert.

    Bei einer Flotte, die ebenfalls MSC-zertifiziert ist, wurden laut Audit-Bericht 2022 insgesamt 70 vom Aussterben bedrohte Weißspitzen-Hochseehaie gefangen, 4.486 Seidenhaie, zwei Walhaie, drei Mantarochen und acht Meeresschildkröten. Und das sind eben nur die dokumentierten Fälle, als Beobachter:innen an Bord waren[x].

    „Es soll an Bord auch mal aussortiert werden, es gibt da so ein Pilotprojekt: Die haben ein Fließband gebaut, das die Haie raussortieren und schnell zurück ins Wasser bringen soll. Aber das ist nur ein Beispielprojekt, überhaupt nicht etabliert.“ 

    „Es gibt Studien dazu, die zeigen, dass Beobachter an Bord den tatsächlichen Beifang systematisch unterschätzen.“ – Annemarie Botzki im Interview

    Gegen die MSC-Zertifizierung der genannten Fischreiflotte hatte sogar das Gründungsmitglied der MSC, der WWF, 2018 Einspruch erhoben. Aber dieser Move wurde uns vom Marine Stewardship Council offiziell als Erfolg verkauft:

    „Die MSC-Zertifizierung [von Echebastar] ist ein sichtbares Ergebnis der langjährigen Arbeit an fischereilichen Verbesserungen – sowohl seitens der Fischerei, als auch seitens der Thunfischkommission des Indischen Ozeans.“ – Karin Lüdemann von MSC

    Und es geht noch weiter: Bei Gelbflossenthunfischen werden durch den Fang ganze Generationen ausgelöscht. Laut der Blue Marine Foundation und der Indian Ocean Tuna Commission sind 97 Prozent der unter FADs gefangenen Gelbflossenthune noch nicht geschlechtsreif. Es werden also Kinder aus dem Wasser gezogen[xi].

    Dann ist es auch kein Wunder, dass viele Thunfischbestände als überfischt gelten. Und trotzdem wird weiter gejagt, trotzdem werden weiterhin Siegel vergeben.

    Fischfang für den massenhaften Konsum kann einfach nicht „nachhaltig“ sein. Kein Ökosystem ist auf diese maximale Ausbeutung ausgelegt.

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    Die Menschen

    Bei der Produktion dieser Folge ist mir wieder aufgefallen, wie schwierig es ist, über Fische und Fischerei zu reden, ohne einen Aspekt zu vergessen. Ich weiß jetzt schon, dass ich auf jeden Fall einige Teilbereiche unterbelichtet gelassen habe: die Schlachtung von Fischen, die Produktion von Fischmehl, die Marketingmaschinerie der Industrie und vieles mehr.

    Aber ich möchte auf einen Aspekt eingehen, den der zügellose, globale Kapitalismus mit sich bringt:

    Fischen ist für viele Küstenbewohner:innen der einzige Zugang zu günstiger Nahrung. Klar, könnte ich mich darüber echauffieren, dass sie fühlende Lebewesen mit Angelhaken und Netzen einfangen und essen – aber diese Menschen sollten nicht im Fokus unserer Kritik an der Fischerei stehen.

    Denn dramatischer ist der Impact, den westliche Fischereiflotten in den Ozeanen der Welt haben: Sie verdrängen und bedrängen die lokalen Fischereibetriebe. Wo Fangquoten in manchen Fanggebieten eingebracht wurden, um die lokale Wirtschaft nicht zu schädigen, werden sie von anderen Fangflotten regelmäßig ignoriert und übertreten. Das macht dann wiederum die Situation der lokalen Fischer noch viel prekärer.

    Davon abgesehen gibt es auch offene Konfrontationen von großen Fischschleppern und kleinen Fischerbooten: 2015 berichtete der Journalist Ian Urbina über einen Mord an mindestens vier Fischern durch einen Trawler unter taiwanesischer Flagge. Morde, die nur durch Zufall aufgedeckt wurden – mittels forensischer Analyse von Videomaterial auf einem verschrotteten Handy – und deren Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden.

    Auf die Frage in einer Talkshow, ob das ein Einzelfall war, sagt der Journalist:

    „Leider nicht. Ich meine, wenn man mit Decksleuten von Hochseefischereifahrzeugen über schwerwiegende Verbrechen spricht, hört man davon – die UNO hat 2009 eine umfassende Untersuchung unter Decksleuten im Südchinesischen Meer durchgeführt und festgestellt, dass 49 % der Decksleute Zeugen von Morden an anderen Besatzungsmitgliedern an Bord der Schiffe waren, auf denen sie arbeiteten. Das reicht also nicht aus.“ –

    Auch die Menschen, die auf diesen Fischertrawlern angeheuert werden, tun das vor allem wegen des lieben alten Geldes. Mit ein paar Monaten Arbeit auf hoher See versprechen sie sich ein gutes Auskommen. Dabei sind die Basislöhne mit knapp 114 bis 142 US-Dollar sehr kläglich.

    Dazu sind die Arbeitsbedingungen teilweise katastrophal: Arbeitsschutz ist weit ab der Küste nur ein Wort. Es gibt schlechte bis keine medizinische Versorgung, lange Arbeitszeiten bei gleichzeitig zu wenig Ruhezeiten, unfaire Vertragsbedingungen sowie verspätete oder einbehaltene Löhne[xii].

    Weiter gibt es Verträge in für die Arbeiter:innen fremden Sprachen, Boni für Fangquoten, die nicht für alle gelten, oder auch Einschüchterungsversuche gegen Aufmüpfige.

    Und ja, das erinnert uns sehr an die Leiharbeiter:innen, die in deutschen Schlachthöfen arbeiten müssen.

    Erst 2023 streikten 2.000 westafrikanische Seeleute gegen die schlechte Bezahlung und Ausbeutung auf europäischen Thunfisch-Trawlern im Indischen Ozean. Damit gab es zwar viel Aufmerksamkeit für die unterirdische Behandlung der Arbeiter:innen, ob sich aber langfristig etwas an der Situation verändert – I doubt it.

    Viele dieser Gräueltaten auf den Ozeanen der Welt, werden durch Fangflotten von europäischen, US-amerikanischen, japanischen oder chinesischen Unternehmen vollbracht. Alle haben nur eines im Sinn: Möglichst viel Geld durch die Ausbeutung der Meere machen.

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    Reflexion & Transfer

    Wir alle kommen nicht drumherum, uns für unsere Ernährungs- und Lebensweise zu verantworten. Oder zumindest sollte dafür ein Mindestmaß an Interesse da sein: Wer Tiere essen will, will wissen, was oder wen er da isst. Ob ich das jetzt gut oder schlecht finde, ist egal, denn die Tiere sind schließlich die Leidtragenden solcher Entscheidungen.

    Es gibt viel, das langsam in eine bessere, wenn auch nicht die endgültig richtige Richtung zeigt.

    Was sich tut

    In Schottland hat die Organisation WildFish Bürger:innen befragen lassen: Über ein Viertel der Befragten forderte staatliche Eingriffe und sagte, dass sie einen vollständigen Ausstieg aus der Aquakultur in Netzkäfigen in Schottland unterstützen.

    Selbst der normalsterbliche Fischesser sieht inzwischen ein, dass Überfischung, Beifang und Naturausbeutung einen sehr hohen Preis haben. Und ein Stopp der massiven Expansion der Fischerei und der Aquakulturen kann ein erster Schritt zur Umkehr sein.

    Studien aus Kanada und Norwegen zeigen, dass die Reduktion oder Auflösung von Lachsfarmen einen Rückgang der Seeläuse auf Wildlachsen von bis zu 94 Prozent brachte. Wahrscheinlich gibt es selten einen direkteren Hinweis darauf, dass die Aquakulturen ein großes Problem sind.

    Und auch am „End of Fish-Day“ im März haben zehn Organisationen einen schnellen und konkreten Wandel in der Fischerei und auch im Fischkonsum gefordert. Dabei ist auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Ziel der Forderungen geworden: Denn noch immer rät die DGE zu viel zu vielen Produkten aus Meerestieren. Ganz abgesehen davon, dass die DGE bei der Gemeinschaftsverpflegung – die rund 16 Millionen Menschen täglich betrifft – auf Nachhaltigkeit scheißt.

    In den UK fordert die Initiative „Crustacean Compassion“ die Industrie dazu auf, mehr für den Schutz von Krustentieren zu tun. Mit einem Benchmarking, das die Unternehmen nach ihrem verantwortungsbewussten Umgang mit Krabben, Hummern und anderen Zehnfußkrebsen bewertet.

    Ob das Erfolg hat, kann ich sowieso nicht sagen – aber es klingt wie einer von vielen, kleinen Schritten…

    Auch für die Menschen an Bord der Flotten gibt es zumindest auf dem Papier Bewegung: Die Konvention 188 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit dem Titel „Arbeit in der Fischerei”, soll weltweite Mindeststandards für Löhne, Verträge, Ruhezeiten und medizinische Versorgung auf See festschreiben. Ratifiziert haben sie bislang 26 Staaten. Leider sind große Fangnationen wie China, die USA oder Taiwan noch nicht dabei.

    Der Streik der Seeleute von 2023 hat für einen kurzen Augenblick Aufmerksamkeit gebracht. Durch den Druck wurde zumindest ein Übergangslohn vereinbart. Doch eine Anpassung an die ILO-Standards, gab es leider auch mehrere Jahre nach dem Streik immer noch nicht.

    Dieselbe Geschichte wie bei der Tierindustrie an Land: Aufmerksamkeit ist der erste Schritt. Aber jetzt ist endlich politische Durchsetzung gefragt.

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    Abschluss

    Draußen brutzelt die Sonne. Die Bäume und Pflanzen leiden unter Wassermangel, aber auch den Kühen, Schweinen, Hühnern und Schafen macht die Hitze in unserer Welt nach dem Klimawandel zu schaffen.

    Aber hier im Supermarkt ist es dank Klimaanlage wohltemperiert. Und ihr steht gerade vor dem Regal mit den Konserven. Heute Abend soll es nur ein gesundes Salätchen geben. Viel Grünzeug, bisschen Mais und eine Dose Thunfisch. Das schmeckt kalt sicher gut.

    Auf der Dose ist ein Siegel drauf, das „nachhaltige Fischerei“ verspricht. Super.

    Aber wenn ihr das Teil dann in der Hand habt, beschleicht euch ein mulmiges Gefühl: irgendwas stimmt da nicht.

    Bilder von Haien, Delfinen und auch dem Mord auf hoher See blitzen vor euren inneren Augen auf.

    Die Dose fällt euch aus der Hand.

    Aber dann kommt euch der Gedanke: Da gab’s doch eine Alternative.

    Na gut, dummer Name: „Thun-Visch“ mit V. Aber immerhin kein Siegel, das mehr verspricht, als es jemals halten kann.

    Die Begegnung von Annemarie mit dem Putzerfisch, oder auch Jonathans „kurze Liaison“ mit einem Fisch aus der letzten Folge, sind Begegnungen, die verändern. Unser Blick schärft sich plötzlich und sieht in diesem kleinen Wesen mehr. Ein Fisch mit einer Agenda. Mit einem Plan und mit einer Zukunft. Kein Lebewesen, das nur ein Preisschild hat.

    Aber was, wenn all diese Begegnungen bald nicht mehr möglich sind? Weil die Meere zu toten, blauen Flächen geworden sind. Weil Putzerfische in Lachsfarmen zu Hunderttausenden gestorben und Lachse in der Wildnis komplett verschwunden sind.

     

    Wir haben das in der Hand.

    Und wenn das auch mal bedeutet, dem Ulf die Garnelen-Spieße madigzureden, die er da gerade auf euren Grill schmeißen will.

     

    Noch mehr?

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    Das war „dreckige Pfoten“ mit „Fischig“

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle der schlimmsten Industrie der Welt.

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    Intro-Musik von: Manuel Rathje

    Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

    Weitere Quellen

    Der Newsletter des Ethologen und Autors Jonathan Balcombe: https://www.jonathanbalcombe.com/newsletter/

    FAO: „The State of World Fisheries and Aquaculture”: https://openknowledge.fao.org/items/da88cb90-9c91-4f70-9331-68fe71c91ddc

    Blue Marine Foundation: Diskriminierung und Sklaverei auf Hoher See:
    https://www.bluemarinefoundation.com/the-hidden-cost-of-tuna-discrimination-on-board-european-fishing-

    Patagonia: „A Salmon Nation“:
    https://www.youtube.com/watch?v=rfLBmMK1SAg

    Delfin aus Ringwaden-Netz gerettet: https://www.morski.hr/video-herojski-cin-ribar-skocio-u-mrezu-kako-bi-golim-rukama-spasio-zapetljanog-dupina/

    Alles über Fangmethoden: https://www.delphinschutz.org/delfine/gefahren-fuer-delfine/fischfangmethoden/

    Deutsche Welle: „Norwegens größte Lachsfarm“: https://www.youtube.com/watch?v=VKvTyfQvxCg

    SPIEGEL: „»Der Lachs, wie wir ihn kennen, ist ein Industrieprodukt«“: https://www.spiegel.de/ausland/lachs-aus-aquakulturen-der-lachs-wie-wir-ihn-kennen-ist-ein-industrieprodukt-a-61d2d4c0-32dc-4510-ac92-1f10c45728cc

    Foodwatchs Bericht „Faule Fische“: https://www.foodwatch.org/fileadmin/-DE/Themen/Tierhaltung/Dokumente/2024-12-04_Faule_Fische_Report.pdf

    Foodwatchs Bericht „Thunfisch: Betrug in Dosen“: https://www.foodwatch.org/fileadmin/-DE/Themen/Tierhaltung/Dokumente/Thunfisch.pdf

    WWF-Artenlexikon über Lachs: https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/atlantischer-lachs

    Sehr interessantes Video über die Putzerfische und das generelle „Self-Awareness“ in anderen Tieren: Anton Petrov auf YouTube: „First Scientific Confirmation of Conciousness in a Tiny Fish“
    https://www.youtube.com/watch?v=Drbl5udwk9I

     

    Careless Whisper in der „richtigen“ Variante: https://www.youtube.com/watch?v=tHfpgiBoT28#

    Quellen & Hintergründe

    [i] DW Deutsch: „Lassen sich Lachse artgerecht und nachhaltig züchten?“
    https://www.youtube.com/watch?v=VKvTyfQvxCg

    [ii] Zahl aus dem Report von foodwatch: „Faule Fische“, Seite 13

    Alle Fisch-Aquakulturen: https://www.barentswatch.no/fiskehelse/localities

    [iii] Eigene Berechnung: Parr: 5,5 bis 10 cm, Smolts: 12 bis 16 cm, Adulte Lachse: 71 bis 90 cm => 88.500 km bis 116.000 km. Der Äquator-Umfang ist rund 40.000 km. =>  2,2 bis 2,9 x Umrunden.
    https://waves-vagues.dfo-mpo.gc.ca/library-bibliotheque/282289.pdf

    [iv] Konzentration der Top-10-Produzenten: 18,9 % (1996) → 69,3 % (2022) der norwegischen Gesamtproduktion.
    Quelle: Fiskeridirektoratet (Norwegische Fischereidirektion): „Grow-out production of Atlantic salmon and rainbow trout – Statistics.”
    https://www.fiskeridir.no/English/Aquaculture/Statistics/Atlantic-salmon-and-rainbow-trout/grow-out-production

    [v] SPIEGEL: „Parasiten in der Lachsproduktion – Vampirjagd unter Wasser“, vom 26.07.2024
    https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/parasiten-in-der-lachsproduktion-wie-zuechter-mit-immer-neuen-tricks-laeuse-toeten-a-ddf24b57-9c5d-4c23-9272-039f192004d7

    Archiv: https://archive.is/ioG1e

    [vi] ebenda

    [vii] Ein wichtiger Ort für den Fischfang ist die Küste vor Westafrika. Hier werden auch Unmengen Fischmehl produziert. Insgesamt werden rund  5,6 Mio. Tonnen Fischmehl und 1,2–1,3 Mio. Tonnen Fischöl produziert.

    Quelle: FAO GLOBEFISH Quarterly Fishmeal and Fish Oil Analysis, 2024/2025,
    https://fao.org/in-action/globefish/species-analysis/fishmeal-and-fish-oil/en

    [viii] Laut foodwatch: Thunfisch-Report

    [ix] Laut foodwatch: Thunfisch-Report, Primärquelle: John D Filmalter, Robert K Bauer, Fabien Forget, Paul D Cowley, Laurent Dagorn, Movement behaviour and fishery interaction of silky sharks (Carcharhinus falciformis)

    in the tropical tuna purse seine fishery in the Western Indian Ocean, ICES Journal of Marine Science, Volume 78, Issue 7, October 2021, Pages 2474–2485,

    https://doi.org/10.1093/icesjms/fsab119

    [x] Laut foodwatch: Thunfisch-Report, Primärquelle: Marine Stewardship Council (MSC), Surveillance Report – Year 1: Echebastar Indian Ocean Purse Seine Skipjack Tuna Fishery, veröffentlicht am 30. Juni 2023,

    Tabelle 4-8, S. 22, Zugriff am 4.8.2025
    https://fisheries.msc.org/en/fisheries/echebastar-indian-ocean-purse-seine-skipjack-tuna/@@assessment-documentsets?assessment_step=Surveillance+Audit&documentset_name=Surveillance+report&assessment_id=FA-03379&phase_name=Ongoing+surveillance&start_date=2023-06-30

    [xi] Laut foodwatch: Thunfisch-Report, Primärquelle: Blue Marine Foundation, „Statement in Advance of the 28th Session of the IOTC,“ Blue Marine Foundation News, 02.05.2024, accessed July 24, 2025,

    https://www.bluemarinefoundation.com/statement-in-advance-of-the-28th-session-of-the-iotc/

    [xii] Blue Marine Foundation: „The hidden cost of tuna: Discrimination on fishing vessels“, 22.07.2025
    https://www.bluemarinefoundation.com/all-resources/the-hidden-cost-of-tuna-discrimination-on-board-european-fishing-vessels/

     

    dreckige pfoten

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    eindringliche
    Geschichten

    Nicht »noch ein Laber-Podcast« – sondern eindringliche Geschichten, mit Haltung und Herz über die grausamste Industrie unserer Zeit.

  • True Crime Podcast: Die schlimmste Industrie der Welt

    True Crime Podcast: Die schlimmste Industrie der Welt

    Ein True-Crime-Podcast über die schlimmste Industrie der Welt

    Ein True-Crime-Podcast über die schlimmste Industrie der Welt – so lässt sich dreckige Pfoten in einem Satz zusammenfassen. Anders als klassische True-Crime-Formate, die sich mit Mordfällen oder ungelösten Kriminalfällen beschäftigen, richtet dieser Podcast den Blick auf ein Feld, das selten mit dem Genre in Verbindung gebracht wird: die Massentierhaltung. Reale Fälle von Tierquälerei, Lobbyismus und systemischem Vollzugsversagen werden hier mit investigativer Tiefe und journalistischem Anspruch aufgearbeitet – nicht als Anklage, sondern als Einordnung dessen, was in dieser Industrie alltäglich passiert.

    Recherche-Aktivistin in einem konventionellen Milch-Melkstand. Bild: ARIWA
    Recherche-Aktivistin in einem konventionellen Milch-Melkstand. Bild: ARIWA

    Was macht einen True-Crime-Podcast aus?

    True Crime beschreibt ein Erzählformat, das reale Verbrechen oder Missstände in eine dramaturgische Struktur überführt: mit Spannungsbogen, konkreten Personen und einer Rechercheleistung, die über bloße Berichterstattung hinausgeht. Anders als fiktionale Krimi-Formate stützt sich True Crime auf Fakten, Gerichtsakten und Originalquellen – das Publikum verfolgt keine erfundene Handlung, sondern einen tatsächlichen Fall, dessen Ausgang oft ungewiss oder ungerecht ist.

    Genau dieser Anspruch an Faktentreue und investigative Tiefe – nicht die Sensationslust – ist es, was das Genre für ernsthafte, gesellschaftlich relevante Themen interessant macht.

    Dazu gehören unter anderem:

    • Undercover-Recherchen in Tierhaltungsbetrieben und Schlachthöfen
    • Verstöße gegen das Tierschutzrecht
    • behördliche Kontrollen und Vollzugsdefizite
    • Gerichtsverfahren gegen Unternehmen oder Aktivistinnen und Aktivisten
    • Lobbyismus und politische Verflechtungen
    • wissenschaftliche Erkenntnisse über die Empfindungsfähigkeit von Tieren
    • und ab und zu auch ein wenig Humor …
    dreckige pfoten

    dreckige Pfoten: True Crime über Massentierhaltung und Tierquälerei

    dreckige Pfoten überträgt dieses Format auf ein Themenfeld, das in Deutschland kaum investigativ aufgearbeitet wird: die Agrarindustrie.

    Statt Kriminalfälle von den “Reichen und Schönen”, stehen reale Fälle aus der Massentierhaltung im Zentrum – von Anbindehaltung über Schlachthof-Missstände bis zu Lobbyarbeit, die politische Reformen verzögert.

    Moralkeule vom Veganer? – vor allem sprechen Fakten, Gerichtsurteile und O-Töne von Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft für sich. Alles eingebettet in eine Geschichte, die einzelne Schicksale widerspiegelt.

    Diese Kombination aus nüchtern-journalistischem Ton und persönlicher Nähe macht dreckige Pfoten zu einem True-Crime-Podcast, der ein Thema hörbar macht, das sonst oft unsichtbar bleibt.

    zu allen Folgen von dreckige Pfoten:

    Bevor dreckige Pfoten entstand, habe ich als Videoeditor für Tierschutzorganisationen wie ANINOVA, SOKO Tierschutz und ARIWA gearbeitet. Ich habe Undercover-Aufnahmen geschnitten, die zeigen, was in der Tierindustrie alltäglich ist – Bilder, die selten den Weg in die breite Öffentlichkeit finden, weil sie schwer auszuhalten sind.

    Genau das war der Ausgangspunkt für dreckige Pfoten: Diese Aufnahmen brauchen einen Rahmen, der sie einordnet, statt sie nur zu zeigen. True-Crime-Storytelling bietet diesen Rahmen. Es verbindet reale Fälle mit Hintergrundrecherche, Struktur und einem journalistischen Anspruch an Quellenarbeit, ohne dabei auf Effekthascherei angewiesen zu sein.

    Ich produziere den Podcast als One-Person-Show. Ich kombiniere mein Schnitt-Handwerk, meine Storytelling-Skills und die Liebe zur Recherche.

    Am Ende geht es darum, Tieren wie Annika eine Stimme zu geben, die in der öffentlichen Debatte sonst oft fehlt.

    Puten leiden in der Tierhaltung massiv
    Puten leiden in der Tierhaltung massiv

    Reale Fälle, echte Täter:innen: Beispielthemen

    Jede Episode von dreckige Pfoten behandelt einen konkreten Fall aus der deutschen Agrarindustrie – mit echten Orten, echten Verantwortlichen und oft mit direktem Bezug zu laufenden politischen oder juristischen Prozessen.

    Ein Beispiel ist die Anbindehaltung von Rindern: eine Praxis, bei der Tiere teils lebenslang angebunden gehalten werden, ohne sich frei bewegen zu können. Niedersachsen hat diese Haltungsform 2026 verboten – ein Wendepunkt, der zeigt, dass politischer Druck durchaus etwas bewegen kann, auch wenn der Vollzug in anderen Bundesländern weiterhin lückenhaft bleibt.

    Andere Episoden beleuchten den Schlachthof-Prozess und die Frage, wie selten Verstöße tatsächlich strafrechtliche Konsequenzen haben, oder befassen sich mit Lobbyarbeit, die Reformen in der Tierhaltung verzögert oder verwässert. Wiederkehrende Themen sind dabei auch die Rolle einzelner Aktivisti, die mit Undercover-Recherchen erst die Grundlage für öffentliche Aufmerksamkeit schaffen – und das oft ungesühnte Systemversagen, das sich hinter Einzelfällen verbirgt.

    dreckige Pfoten ordnet diese Fälle journalistisch ein: mit Gerichtsurteilen, Gesetzestexten und O-Tönen von Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft.
    dreckige pfoten

    Warum das True-Crime-Format für Tierschutz-Journalismus funktioniert

    True Crime lebt von einem Versprechen: Es zeigt reale Ereignisse, ordnet sie ein und lässt das Publikum eigene Schlüsse ziehen, statt vorgefertigte Urteile zu liefern. Genau dieses Prinzip macht das Format auch für Tierschutz-Journalismus wirksam.

    dreckige Pfoten zeichnet ein reales Bild der Industrie.

    Die Fakten, Bilder und Originalzitate stehen im Podcast im Zentrum.

    Von Gerichtsurteilen, Gesetzestexten, Interviews mit Undercover-Rechercheteams oder O-Tönen von Politiker:innen und Verantwortlichen aus der Agrarindustrie: All das soll euch helfen, endlich ein komplettes Bild zu bekommen, statt eines neuen Marketing-Gags der Tierindustrie.

    Es ist keine Nüchternheit, sondern ein Versuch, mit dem dreckige Pfoten-Podcast klassischen Tierschutz-Content eine Stufe höher zu heben, ohne zu übel zu moralisieren.

    Gleichzeitig braucht jede Geschichte ein Gesicht. Deshalb stehen in vielen Episoden einzelne Tiere im Mittelpunkt. Ob eine Kuh, ein Fisch, oder eben ein konkretes Schicksal: Die systematische Ausbeutung wird damit greifbar, ohne die journalistische Distanz aufzugeben. Diese Kombination aus investigativer Tiefe und emotionalem Anker ist es, die True Crime von reiner Doku-Berichterstattung unterscheidet. Und das werdet ihr hören!

    junge Kühe in Anbindehaltung in Deutschland
    junge Kühe in Anbindehaltung in Deutschland

    Häufige Fragen

    Ist dreckige Pfoten ein Tierschutz-Podcast?

    Ja, thematisch geht es um Tierschutz. Anders als klassische Ratgeber- oder Gesprächsformate arbeitet dreckige Pfoten aber erzählerisch und investigativ, im Stil eines True-Crime-Podcasts.

    Beruht der Podcast auf realen Fällen?

    Ja. Die Episoden basieren auf dokumentierten Ereignissen, eigener Recherche, Gerichtsverfahren, behördlichen Vorgängen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Geht es ausschließlich um Massentierhaltung?

    Nein. Neben industrieller Tierhaltung behandelt dreckige Pfoten unter anderem Schlachthöfe, Behördenversagen, Lobbyismus, Tierrechte, Fische und gesellschaftliche Traditionen.

    Enthalten die Episoden belastende Inhalte?

    Einzelne Episoden zeigen oder beschreiben Tierleid. Auf der Website und im Podcast wird dafür mit entsprechenden Content Notes gearbeitet.

    dreckige pfoten

    Wo kann man dreckige Pfoten hören?

    dreckige Pfoten ist über die gängigen Podcast-Plattformen sowie über den offiziellen RSS-Feed verfügbar. Auf den Episodenseiten findet ihr außerdem weiterführende Informationen, Quellen und Hintergründe zu den jeweiligen Fällen.

    Jetzt reinhören

    dreckige Pfoten erscheint jeden Monat und ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar: auf Spotify, Apple Podcasts, und Amazon Music sowie mit Video-Version auf YouTube

    Wer sich für True-Crime-Storytelling mit journalistischem Anspruch interessiert und wissen will, was hinter den Kulissen der schlimmsten Industrie Deutschlands passiert, hört bei dreckige Pfoten von realen Fällen, echten Konsequenzen und von Tieren, die sonst keine Stimme hätten.

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  • 12. Was denkt ein Fisch?

    12. Was denkt ein Fisch?

    Was denkt ein Fisch?

    Von Liebesbeziehungen und Wettfischen

    Ein Stadtbach in Bayern wird am „Fischertag“ zur Jagdkulisse, weil es eben „Tradition“ ist. Dabei sagt Wissenschaftler Jonathan Balcombe: Fische fühlen! Aber wir sehen weg.

    Eine Kanone knallt.

    Dann springen Hunderte Menschen schreiend ins Wasser des Stadtbachs. Sie haben Kescher in der Hand, mit denen sie versuchen, Fische zu fangen.

    Wenn das gelingt …

    … wird der Jubel groß!

    Manche der übermännlichen Männer rasten dermaßen aus, dass sie sich mit einem Flachköpper Abkühlung verschaffen. Andere klopfen sich gegenseitig wie echte Steinzeitmenschen auf die Brust, wenn sich endlich ein Fisch in ihrem Netz verfangen hat.

    Das Wasser im Stadtbach wird schon nach kurzer Zeit trüb. Am Rand werden die Forellen in ausgedienten 10-Liter-Farbeimern gesammelt.

    Wer am Ende die größte der vor Monaten hier eingesetzten Forellen fängt, kann sich dann „Fischerkönig“ schimpfen.

    Seit Jahrhunderten wiederholt sich hier in Memmingen in Bayern dieses durchaus mittelalterliche Spektakel: Was schon lange nicht mehr zur Nahrungsversorgung dient, ist heute eine „Riesen Gaudi“ – „ein Fest, das Menschen zusammenbringt und die Geschichte unserer Stadt lebendig hält!“so liest sich der Flyer des Events.

    Tausende kommen, um sich das Wettfischen der Männer – und seit 2021 auch Frauen – anzuschauen.

    Und wer dann etwas genauer hinschaut, sieht auch an Dutzenden Stellen grausame Bilder: Man sieht Fische, die in viel zu kleinen Behältern nach Sauerstoff japsen, andere, die die Hetzjagd im Bach nicht lange überlebt haben, und wieder andere, die bei lebendigem Leibe ersticken, weil sie in überfüllten Eimern landen. Selbst Enten werden im Eifer des Wettfischens mitgekeschert. Wer König werden will, muss schließlich schnell sein.

    Wieder so ein barbarisches Fest, das sich als „Tradition“ tarnt.

    Der Fischertag in Memmingen im Juli 2025
    Der Fischertag in Memmingen im Juli 2025

    Woher kommt eigentlich … Fisch?

    Vielleicht habt ihr schon mal eines dieser komischen „Stillleben“ von barocken Künstlern gesehen: Da liegen manchmal einfach so Fische neben einem Wasserkrug und Gemüse auf dem Tisch rum. Die Augen der Tiere noch offen und der Mund leicht geöffnet.Denn paradoxerweise galt so ein toter Fisch als Symbol für das Leben oder Fruchtbarkeit. Oder denkt nur an den alten Jesus, der einfach mal tausende Fische reproduziert hat, um seine Leute zu versorgen.Auch das griechische Wort „Ichthys“ (ἰχθύς) bedeutet Fisch und kann gleichzeitig als Glaubensbekenntnis „Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland“ dienen.Der fette Goldring an der Hand des Papstes – genannt „Fischerring“ – wird nach dem Tod eines Pontifex mit einem silbernen Hammer zerschlagen und für jeden Papst neu eingeschmolzen. Der Amtsring ist ein Symbol für die „Menschenfischerei“, die die katholische Kirche praktiziert.In Japan wurden seit etwa 1870 die riesigen Koi von Adeligen als Statussymbole gehalten.„Findet Nemo“ hat fast eine Milliarde US-Dollar an den Kinokassen eingespielt und war damit einer der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten.Und nach dem „Hot-Girl-Summer“ – also selbstbewusste Frauen mit Iced Coffee – und dem „Brat-Summer“ – schrille, freche Outfits – kam dann endlich der „Sardine-Girl-Summer“: alles rund um den Minifisch in der Dose.Und trotz dieser ganzen, aufgeladenen Symbolik und Mystifizierung, werden jedes Jahr Milliarden Fische getötet für unseren Konsum – oder das Futter unseres Konsums –, aber dazu in der nächsten Folge noch mehr.
    Hier beschränken wir uns darauf: Warum müssen Fische fühlen, wenn Menschen nichts fühlen?

    Fische fühlen …

    An der Universität von Michigan haben 1968 zwei Forscher eine Entdeckung gemacht, die absolut bahnbrechend war: In der Studie „Reaktion der Nebennieren der Regenbogenforelle auf Stress“, die in der Fachzeitschrift „General and Comparative Endocrinology“ veröffentlicht wurde, haben sie gezeigt, dass Regenbogenforellen, die Chemikalien ausgesetzt wurden, einen erhöhten Cortisol-Spiegel hatten.

    Cortisol ist ein Stresshormon, das bei vielen Tieren vorkommt und beispielsweise den Blutdruck reguliert.

    Die Forscher damals haben mit ihrem (ethisch sicherlich fragwürdigen Experiment[i]) gezeigt, dass die Regenbogenforellen nicht nur die schädlichen Reize der Chemikalien bemerkt und gemieden haben, sondern sogar unter Stress litten.

    Als kleines Beispiel: Wenn wir auf die heiße Herdplatte fassen, ziehen wir reflexartig die Hand zurück. Wenn jemand unsere Hand auf die Herdplatte drückt, fühlen wir Schmerzen und das Cortisol-Level steigt. Erst, wenn der Schmerz vorbei ist, sinkt das Stresshormon wieder.

    Wir können also recht gut sagen: Schon spätestens seit 1968 ist klar, dass Fische leiden, wenn ihnen wehgetan wird.

    Forschungen seit 2003[ii] haben sogar gezeigt, dass Fische Schmerz über sogenannte Nozizeptoren wahrnehmen können: Ähnlich wie bei uns Menschen, reagieren auch bei Fischen diese Nervenenden auf äußere Einflüsse. Und erzeugen im Nervensystem eine Art Aufschrei, der weitere Handlungen anstößt, um irgendwie dem Schmerzreiz, der den Nozizeptor triggert, zu entkommen.

    Werden Fische gequält, reagieren sie nicht mit einer mechanischen Reaktion, sondern sie versuchen, den Schmerzen zu entgehen. Und sie leiden darunter, wenn sie der Pein nicht entkommen können.

    Aber selbst das reicht für manche Forschende noch nicht aus, um Fischen das Recht der Unversehrtheit zuzugestehen:

    „Ohne Zweifel sind Knochenfische aber mit einfachen Nozizeptoren ausgestattet, und sie zeigen selbstverständlich Reaktionen auf Verletzungen und sonstige Eingriffe. Ob diese jedoch als Schmerz wahrgenommen werden, ist nicht bekannt.“

    Dieses Zitat stammt nicht etwa von einer Gruppe von Biologen, sondern ein Sozialökologe und Fischereiwissenschaftler, dessen Hobby das Angeln ist und dessen Forschungsgruppe an der HU Berlin …

    „hilft, Gewässer naturnah zu erhalten, die Versorgung mit Fisch als Nahrungsmittel sicherzustellen, das Erholungserlebnis am Wasser beim Angeln zu verbessern und die Fischpopulationen zu schützen.“

    Pressemitteilung des Leibnizinstituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei zum mit 50.000 € dotierten „Communicator-Preis“

    Aber zum Glück gibt es auch noch andere Wissenschaftler, die sich für das Wohlergehen von Fischen interessieren:

    Jonathan, der Fisch-Versteher

    „Es gibt also immer mehr Material. In den letzten 30 oder 35 Jahren hat sich da einiges verändert.“

    – Jonathan Balcombe im Interview.

    Das ist Jonathan Balcombe. Er ist Ethologe, Autor und Speaker. In seinem Buch „What a Fish Knows“ (zu Deutsch: „Was Fische wissen“) geht er Mythen und Fragen über Fische auf den Grund, und enthüllt dabei die überraschenden Fähigkeiten der Meeresbewohner.

    Ich betreue seit einigen Jahren seinen Newsletter, den ich euch nur ans Herz legen kann: Schaut dazu gerne auf jonathanbalcombe.com – einen Link findet ihr auch in den Shownotes.

    Als Jonathan in seiner beruflichen Laufbahn anfing, genauer hinzuschauen, war die Welt noch eine andere: Ethische Bedenken waren eine Nebensache in der Forschung.

    „Es war ein offenes Spielfeld, auf dem man machen konnte, was man wollte.“

    – Jonathan Balcombe im Interview

    Aber wie wir eben schon gehört haben, glauben selbst heute noch manche Forschende der Fischerei, dass Fische nicht so ganz richtig Schmerzen empfinden. Aber inzwischen gibt es zumindest grundlegende Leitplanken zur Nutzung von Tieren in Versuchen.

    „Ich habe 1992 promoviert. Das war also vor 34 Jahren. […] Aber es war eine Art evolutionärer, persönlicher Entwicklungsprozess, der verschiedene Phasen durchlief. […] Und es ist eine sehr spannende Zeit, als Ökologe das Verhalten von Tieren zu erforschen, denn die Wissenschaft stellt sich mittlerweile Fragen darüber, was Tiere denken und welche Emotionen sie empfinden – und zwar nicht nur bei Wirbeltieren[…], was an sich schon großartig ist – sondern auch bei Wirbellosen wie Insekten und Tintenfischen, die derzeit sehr im Fokus stehen. Es ist also eine Zeit, in der die Wissenschaft Fragen stellt und Aspekte des Lebens von Tieren aufdeckt, von denen wir nie geahnt hätten, dass sie dazu fähig sind […]“

    – Jonathan Balcombe im Interview

    Delfine oder Wale kommunizieren untereinander, bei Stress streicheln sich Fische gegenseitig, Schützenfische können menschliche Gesichter erkennen, manche Fische in Korallenriffen nutzen ultraviolette Muster zur Tarnung und wieder andere Fische sind für ihre Schwarmintelligenz bekannt, die sogar Angreifer abschreckt.

    Es gibt Fische, die Hilfsmittel benutzen, um an etwas zu gelangen. Oder Fische, die ganz gezielt die Schuppen, Parasiten und sogar den Mund von anderen Fischen sauber halten. Diesen kleinen Putzerfischen wurde in einer relativ frischen Studie sogar menschenähnliche Selbstwahrnehmung bescheinigt:

    Im relativ harmlosen, sogenannten Spiegeltest, werden Tiere mit einem Punkt am Körper markiert – an einer Stelle, die sie selbst nicht gut einsehen können. Wird ein Spiegel mit ins Spiel gebracht, können manche Tiere den Punkt im Spiegel als den gleichen Fremdkörper an ihrem Körper identifizieren und versuchen, ihn abzukratzen. 

    Das haben Menschenaffen, Elstern und auch Schweine hinbekommen. Deshalb wird ihnen ein Ichbewusstsein zugeschrieben: Sie nehmen sich selbst als handlungsfähiges Individuum wahr und nicht als jemand anderen, der da gegenüber „im Spiegel“ steht.

    Menschen können das übrigens erst ab dem fünfzehnten Lebensmonat.

    Und auch die kleinen Putzerfische haben den Punkt im Spiegelbild erkannt und schneller abgestoßen, als viele andere Tiere.

    Aber noch interessanter: Sie haben sozusagen mit dem Spiegelbild gespielt. Sie haben Futter vom Boden aufgehoben, nach oben gebracht und dann dessen Bewegung beim Herabfallen im Spiegel verfolgt. Das ist für die meisten Biolog:innen ein eindeutiges Zeichen für komplexes Selbstbewusstsein.

    Auch diese kleinen, spuckenden Fische haben eine ganz ungeahnte Fähigkeit:

    „Es gibt Studien, die zeigen, dass sie unsere Gesichter erkennen.

    – Jonathan Balcombe im Interview

    Es gibt also unzählige Beweise, Studien und Forschungen dazu, dass Meerestiere mehr können, als wir ihnen zugestehen.

    Sogar Garnelen haben in Versuchen bewiesen, dass sie wahrscheinlich schmerzähnliche, angstähnliche und stressbedingte negative Zustände empfinden. Ob beziehungsweise wie sehr sie umfassendere Emotionen wie Freude, Vergnügen oder komplexes Leiden empfinden, ist noch nicht endgültig bewiesen[iii] – trotzdem sollte das Schmerzempfinden alleine schon ausreichen, um sie zumindest als schutzbedürftig einzustufen.

    Aber laut EU-Recht gilt:

    „Krebstiere fallen nicht in den Anwendungsbereich der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009, das Aufbewahren von diesen Tieren unterliegt auch keinen sonstigen Vorgaben im Tierschutzrecht der EU.“

    Drucksache 672/12 des Bundesrats

    Die Begegnung mit einem Fisch

    Jonathan ist nicht nur ein wundervoller Mensch, und ein alter Hase im „Wissenschaftsgame“ – er hat auch einiges erlebt, das ihn selbst heute noch erstaunt.

    Allen voran ist Jonathan aber ein bekennender Natur- und Tierliebhaber. Er hat mir sogar von seiner kleinen Liebesaffäre mit einem kleinen Fisch in Florida erzählt:

    „Ich hatte tatsächlich eine ganz, ganz kurze Liebesbeziehung mit diesem Fisch in Florida, als in der Nähe meines Zuhauses am Strand schnorchelte. […] Eines Tages war ich im flachen Wasser, und dieser kleine grüne Fisch, vielleicht zwei, drei Zentimeter groß, tauchte plötzlich direkt vor meinem Mund auf, ganz in meiner Nähe. Und ich schaute den Fisch an. […] na ja, ich bin nun mal ein Mensch, also habe ich Kontakt aufgenommen und habe „Hallo“ gesagt und bin davongeschwommen. […] Und dann, eine Minute später, tauchte der Fisch wieder direkt vor meiner Tauchmaske auf. Lange Rede, kurzer Sinn: In den nächsten etwa 25 Minuten, bis ich aus dem Wasser kam, schwamm er mir immer wieder hinterher. Er musste sehr, sehr schnell schwimmen, um mit mir Schritt zu halten. Aber er war immer an meiner Seite und kam immer wieder zu mir zurück. Jetzt könnte man sagen, dass der Fisch auf Nummer sicher gehen wollte und mich als Schutzschild nutzte, um Raubtiere abzuschrecken. Und naja, selbst wenn das der Fall wäre – was ich bezweifle –, wäre das ziemlich schlau von diesem kleinen Fisch. Das zeugt von Einfallsreichtum und Mut.“ – Jonathan Balcombe im Interview.

    Eine kleine Begegnung unter Wasser, die für beide die Welt veränderte.

    „[…] Ich hatte eigentlich ein schlechtes Gewissen, als ich endlich aus dem Wasser kam – weil ich schon fast zu einer Rosine geworden war und es wurde Zeit, wieder an Land zu gehen, wo ich lebe. Und ich verabschiedete mich von diesem kleinen Fisch. Ich habe den Fisch nie wieder gesehen. Aber wissen Sie, im Laufe dieser 25 Minuten hatte ich eine gewisse Zuneigung zu diesem Fisch entwickelt.“ – Jonathan Balcombe im Interview

    Jonathan erzählt mir auch von Cristina Zenato, eine Profitaucherin, die eine besondere Beziehung zu karibischen Riffhaien aufgebaut hat: Viele erkennen sie wieder und nähern sich ihr, um sich von ihr streicheln zu lassen. Cristina nutzt diese Verbindung, um Angelhaken aus den Mäulern der Haie zu entfernen und gleichzeitig die Öffentlichkeit über die Notlage der Haie und der Ozeane aufzuklären.

    Es gibt auch die herzergreifende Dokumentation über einen Taucher, der eine Freundschaft zu einem wilden Oktopus aufbaut: Über Monate hinweg entdecken sie sich immer wieder gegenseitig und lernen sich kennen. Sie bauen eine ganz eigene Bindung zueinander auf, spielten sogar miteinander.

    „Wenn man über Monate hinweg das Vertrauen eines Tieres gewinnt, wird es einen tatsächlich bis zu einem gewissen Grad ignorieren, sein normales Leben weiterführen und einem erlauben, in seine geheime Welt einzutreten. Der Oktopus zeigte mir viele Verhaltensweisen, die der Wissenschaft völlig unbekannt waren, weil dieses Tier mir vertraute. […] Die Menschen haben irgendwie vergessen, dass die Artenvielfalt der Natur unser Lebenserhaltungssystem ist.“ – Der Regiesseur des Films „My Octopus Teacher“ und Freediver Craig Foster.

    Was bei all diesen Begegnungen und Beziehungen von Mensch und Meerestier ganz schnell klar wird: Diese Tiere haben alle eine eigene Persönlichkeit; sie sind Individuen und haben ein komplexes, inneres Leben.

    Ob Meerestiere genauso wie wir Menschen fühlen? – fraglich. Ob das vollkommen unwichtig ist, um Meerestiere vor der Ausbeutung durch uns zu schützen? – Absolut.

    „Und es ist so leicht zu vergessen – und doch so wichtig, nicht zu vergessen –, dass es sich hierbei um eigenständige, einzigartige Individuen handelt. Jeder hat ein Leben. Jeder hat eine eigene Lebensgeschichte. Sie sind nicht alle gleich. Keine zwei Hühner sind gleich, keine zwei Sandkörner sind gleich.
    Aber ein Huhn und ein Fisch sind keine Sandkörner. Es sind fühlende Wesen, die Emotionen haben. Sie können gute und schlechte Tage haben, auch wenn die meisten von ihnen – wenn sie in Gefangenschaft oder in der Massentierhaltung leben – schlechte Tage haben. Zumindest Wildtiere genießen Freiheit, bevor sie gefangen werden.“ – Jonathan Balcombe im Interview

    Angeln als „Trend“

    Dieses Geräusch kennen vermutlich die meisten: Eine Angel wird ausgeworfen und der Köder fliegt über die Wasseroberfläche.

    Dann dauert es meist eine ganze Weile: Der Fisch muss den Köder schlucken – was nichts anderes heißt, als dass der spitze Angelhaken sich im Maul des Tiers verbeißt. Dank Widerhaken kommt kein Tier so einfach wieder los.

    Die Fische, die einen solchen Haken im Maul haben, versuchen wegzuschwimmen, kämpfen dagegen an. Aber die meisten verlieren den Kampf.

    Obwohl diese Beschreibung eines 0815-Angelausflugs alles andere als idyllisch klingt, hat Angeln heute ein makelloses Image. Wer als Frau* bei Tinder und Co. swiped, hat recht schnell einen richtigen Kerl mit Fisch in den Armen auf dem Display. Ein Symbol für echte Provider-Mentality.

    Aber auch Angel-Influencer schaffen Millionen Aufrufe mit ihrem Content, der irgendwo im Nebel von Naturromantik, Abenteuer und Männlichkeit wabert.

    Sogar der liebe Materia oder Marsimoto hat einen Account, der nur übers Angeln geht – mit knapp 50.000 Followern. Macht ihm richtig Spaß, die Route rauszuholen. *reusper*

    Das war der Angel-Influencer Dustin Schoene, der seine Freundin, das „Germany Next Topmodel“ Lena Gercke, fragt, was so spannend toll beim Angeln sein soll.

    Komischerweise kommen die Tiere – also Fische – in solchen Spots nie vor, hm…

    Auch diese 14-Jährige strahlt von einer Backe zur anderen, weil sie einen Fisch aus einem Anglerteich gezogen hat:

    Ähnlich wie beim Jagen, geht es den jungen Menschen vor allem um ein Naturerlebnis:

    endlich wieder Gras – eh, wasser – anfassen oder so.

    Wieso sind wir noch immer so borniert als Menschen, wenn es um die Tiere unter Wasser geht? Haben wir Angst, weil wir im Gegensatz zu ihnen nicht unter Wasser atmen können? Sind es die Flossen?

    Jonathan dazu:

    „Wir haben zwar Fortschritte dabei gemacht, zu verstehen und genauer zu untersuchen, wozu Fische fähig sind, aber unsere Sichtweise auf Fische ist immer noch sehr primitiv. Es ist so weit verbreitet, dass die Menschen glauben, es sei in Ordnung, sie mit Haken zu fangen, und dass sie keinen Schmerz empfinden und daher nicht leiden. Und man sieht Werbung für Seniorenresidenzen oder ein Hotel in den Tropen, und dort wird das Angeln als Mittel eingesetzt, um das Angebot attraktiv zu machen. Das Angeln hat also immer noch dieses Image. Dieses positive Image, dass es Spaß macht. Dass es harmlos ist. Dass es Vergnügen bereitet.“ – Interview mit Jonathan Balcombe

    Aber bevor die Angel-Influencer das wahr- und ernstnehmen, fahren sie lieber zum „Sportfischen“ ins Ausland. Da kann man dann auch ohne nerviges Tierschutzgesetz einfach zum Spaß angeln und die Fische danach meist halb-tot wieder ins Wasser werfen.

    Und irgendwo dazwischen liegen Medien, die Fische noch immer nicht als Individuen wahrnehmen. Wie eine arte-Doku über den „Trendsport Angeln“, die Angelwerbung samt sterbenden, japsenden Fischen einfach unkommentiert stehen lässt:

    „Das Highlight des Jahres: Der Angelwettbewerb ‚La Salmo Trek‘. […] Jetzt müssen wir ihn messen. Forellen, Angeln in den Bergen und Gemeinschaft. Dieses Jahr geben wir alles, um aufs Podium zu kommen. Drei Tage werden sie unter Zeitdruck von Bergsee zu Bergsee laufen und mit 80 anderen Teams um die Wette fischen.“ – arte :re Beitrag „Trendsport Angeln“

    Und dann haben sie einen Fisch gefangen, keschern den japsenden Fisch aus dem Wasser, messen ihn japsend und posieren für ein kleines Insta-Foto mit dem japsenden Fisch. Dann werfen sie den japsenden Fisch wieder ins Wasser.

    Daneben steht ein ganzes Kamerateam, das eigentlich wissen könnten, dass das sogenannte „Catch and Release“ zumindest in Deutschland – dem Land der Co-Produktion dieses Beitrags – nach dem Tierschutzgesetz verboten ist.

    Und was tun das arte-Kamerateam? Sie filmen weiter und schweigen. Während dieses gesamten Wettkampfs schweigen sie einfach.

    Aber zurück zum Wettfischen, was ja in Deutschland nicht erlaubt ist – ihr wisst schon, wegen dem Tierschutzgesetz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund“ etwas antun. Oder gilt das in Bayern nicht?

    dreckige pfoten

    Menschen spüren nicht, dass Fische fühlen …

    Wenn wir an den gestrandeten Wal an der Ostseeküste denken, der gefühlt alle Klapphüllen-Besitzer:innen Deutschlands auf die Barrikaden brachte, dann wundert uns nicht, warum Menschen Verbindungen zu Meeresbewohnern aufnehmen. Was uns wundert, ist eher, warum Fische und Co. zu Abermillionen in Netzen und an Anglerhaken landen.

    Und es gibt ein traditionsreiches Volksfest in der bayerischen Stadt Memmingen, bei dem alle Leinen los sind: ein mittelalterliches Spektakel – so steht’s auch bei Wikipedia – das zehntausende Menschen anlockt. Und am Ende wird der „Fischerkönig“ gekrönt.

    Fischertag Memmingen: Wikipedia als Touristenbroschüre

    „Das älteste Fest, das den Bürger mit einbezieht in die Freude des Feierns, ist der Memminger Fischertag. Und wie es typisch ist für den rationell denkenden Schwaben, ist es ein Fest, das einen Zweck mit feiernder Fröhlichkeit vereint.” – Fischertagsverein

    Der Sinn? – Der Bach, der sich durch die Stadt windet und der weder Abwasser, noch Trinkwasser führt – soll einmal im Jahr gereinigt werden. Und natürlich wollen die tierlieben Memminger die Forellen, die hier schwimmen, nicht vergraulen. Sondern sie fangen sie in einer Art Wettkampf und töten sie.

    Jährlich kommen zu diesem antiquierten Brauchtum einige zehntausend Menschen zu Besuch, um unzählige Fische zu töten oder dabei zuzuschauen, wie es andere vermeintliche Fischer mit Hut tun.

    Wer innerhalb von 30 Minuten die schwerste Forelle fängt, erhält den Titel des „Fischerkönigs“ … oder „Fischerkönigin“.

    Denn erst seit 2021 und nach einem langen Gerichtsverfahren, dürfen auch endlich Frauen mit in den Bach springen und Fische mitfangen. Richtig fortschrittlich klingt die ganze Sache aber immer noch nicht.

    In seinem Urteil von 2021 stellte das Landgericht Memmingen fest, dass das Fischerfest nicht mehr nur eine Tradition sei, sondern eine Spaßveranstaltung für über tausend „Fischer:innen“:

    „Während im Mittelalter die Reinigung des Stadtbachs den Hintergrund des Ausfischens darstellte, stehen heute der Traditionsgedanke sowie der Spaßfaktor gleichermaßen nebeneinander.“ – Urteilsbegründung Landgericht Memmingen, 28.07.2021

    Dass Tiere aus Spaß jagen und töten, so ganz und gar nicht tierschutzkonform ist, ist leider in Memmingen noch nicht angekommen.

    Die Tierschutzorganisation PETA erstattete schon in den vergangenen Jahren Anzeige gegen den Veranstalter, den Fischertagsverein: unsachgemäße Tötungen, keine Betäubung, nicht ausreichend Wasser für die gefangenen Fische. Wie PETA sagt:

    „An diesem Tag ist alles erlaubt, was nur noch peinlich und barbarisch ist!” – PETA in einer Pressemitteilung

    Aber bisher hält sich der Glaube, dass diese sehr eigensinnige „Reinigung des Baches“ eine hochgelebte „Traditionsveranstaltung“ sei. Sogar als immaterielles Kulturerbe wurde es von den Bayern aufgenommen. Das hat natürlich nichts mit dem immateriellen Kulturerbe der UNESCO zu tun, denn die würde ein Wettfischen niemals als Kulturerbe bezeichnen – die Bayern machen eben ihr eigenes Ding.

    PETA hat sogar angeboten, das Fest mit 125.000 € zu sponsern, wenn es künftig ohne Forellenjagd auskommt. Aber wie die Memminger selbst sagen:

    „[Passantin] Der Fischertag ist ein Heimatfest mit viel Tradition und da gehört’s einfach dazu, dass man die Fische rausnimmt und auch schlachtet nimmt und isst.

    [Passant 1] Es ist gut, dass man über Alternativen nachdenkt, aber ich glaube, da zieht man sich den Zaun vieler Aufsicht, die da eben dieses Brauchtum auch leben.

    [Passant 2] Die tun ja Fische aus dem Bach rausziehen und warum sollte es vegan sein? Was soll man dann- verstehe ich nicht, wie das aussehen soll, wie so ein Tag vegan gestaltet werden soll.“ – aus einem Sat1-Bericht von 2025

    Undercover-Aufnahmen

    Auch der Verein „Captain Paul Watson Foundation Germany“, kurz CPWF, hat 2025 gegen den Fischertag in Memmingen protestiert. Gleichzeitig haben sie wieder jede Menge Beweise gesichert, dass dieser Tag ein Leidensspektakel für die Forellen im Bach der Stadt sind:

    Um Punkt acht knallt ein Kanonenschuss und Hunderte springen ins Wasser des Stadtbachs.

    Die Forellen peitschen in vollkommenem Ausnahmezustand durchs Wasser. Die Menschen schreien und rufen, während sie durch das Wasser hasten.

    Die Kerle feiern sich selbst, wenn sie etwas gefangen haben. Manche machen einen Flachköpper in das knietiefe Wasser, weil sie sich so dolle freuen. Richtig heroische Momente…

    Obwohl selbst der Vorsitzende auf der großen Bühne zugibt, dass die Fische, die da gefangen wurden, vom Verein in den Bach gesetzt wurden.

    „Dieses Jahr haben wir einen Zentner Regenbogenforellen eingesetzt und ein paar sind dabei, die sind ganz schön groß geworden.“ – Originalaufnahmen Captain Paul Watson Foundation

    In den Keschern verfangen sich die Fische schnell. Der erste Jubel. Eine große Forelle. Das Netz wird dann von Helfern am Rand des Bachs übernommen. Es dauert meist lange, bis die Helfer die Forellen aus dem Netz entwirren können und der Fisch in einem bereitgestellten Kübel mit Bachwasser landet.

    Die meisten dieser Behälter sind nur ausgediente 10-Liter-Farbeimer – „Alpina Weiß“ hat wohl in Memmingen ein gutes Geschäft gemacht.

    Teilweise sind die Eimer viel zu klein; die Forellen passen gerade so rein; oder die Eimer werden mit viel zu vielen Tieren überfüllt. Die Fische japsen nach dem wenigen Sauerstoff, der noch im Wasser ist.

    Laut der „Touristen-Broschüre“ bei Wikipedia – so nennt ein Kommentator den Inhalt – alles gelogen, den Fischen geht’s nämlich gut!

    Im Eifer der Forellenjagd, hat sich sogar eine Ente mit den Fischen in einem Kescher verfangen. Es dauert eine halbe Ewigkeit, die Fische und die Ente zu befreien. Auch wieder nur ein kleiner Hiccup bei diesem Event. So denkt man zumindest, wenn man den Redner an einer der Fischwaagen hört:

    „Der Tierschutz ist bei uns ganz wichtig. Waidgerechter Umgang mit den Fischen. Darum haben wir einen ganzen Tag Bachaufsichten verteilt.“ – Originalaufnahmen Captain Paul Watson Foundation

    Die gesammelten Fische, die teilweise japsend im wenigen Wasser der Behälter liegen, sollen zu einem der sogenannten „Versorgungszelte“ gebracht werden, in denen sie dann waidgerecht betäubt und getötet werden.

    Alles auch von Securitys bewacht, damit niemand sieht, was in dem Zelt so passiert – oder wie viele Fische vielleicht schon vorher qualvoll verendet sind.

    Die Menschen mit ihren Eimerchen und den vermutlich noch japsenden Fischen, stehen in einer Schlange vor dem Zelt. Es geht wohl leider nicht so schnell, fühlende Lebewesen zu töten, wie sich die Memminger das so gedacht haben.

    Natürlich gibt es auch die Leute, die eher weniger Lust auf Schlangestehen haben: Am Rand des Baches schlagen sie mit Knüppeln auf die Fische, in der Hoffnung, dass sie dadurch bewusstlos werden. Danach kippen sie das Wasser aus den Eimern und werfen die Fische zurück – ohne Wasser.

    Ich hab mir das ganze Material der Captain Paul Watson Foundation angeschaut und mich immer wieder dabei ertappt, wie ich den Kopf geschüttelt habe: Eine ganze Stadt findet sich damit ab, was da an diesem Julitag passiert. Ein Verein mit über 4000 Mitgliedern, die alle Beiträge zahlen, damit dieses „Festchen des Grauens“ reibungslos ablaufen kann. Samt Blasmusik und Siegerehrung.

    Aber wie ein Redner während des Wiegens der noch lebenden Forellen sagt:

    „Wir passen da unwahrscheinlich auf die Fischer auf, dass die nicht den Ruf des Vereins schädigen.“ – Originalaufnahmen Captain Paul Watson Foundation

    Ja, okay.

     

    Der ganze Tag ist natürlich auch von Alkohol geprägt: Viele der Teilnehmenden springen schon mit Standgas ins Wasser zur Fischjagd. Auch die „Abstecher“ im „Versorgungszelt“ halten ihre Laune mit Bier oben. Wer könnte es ihnen verdenken?

    Nach diesem ganzen Spektakel – der Jagd auf die Forellen im Stadtbach – sieht das Bächlein einfach nur noch traurig und braun aus. Keine Fische mehr zu erkennen.

    Nach den Aufnahmen hat die Organisation gemeinsam mit PETA erneut Strafanzeige gestellt. Doch wie wir es inzwischen kennen: Keine dieser Anzeigen hat gefruchtet.

    Dabei ist und bleibt es für die Tierschützer von CPWF ganz klar:

    „Wettfischen ist illegal in Deutschland. Und sollte der Memminger Fischertagsverein unseren Forderungen nicht nachkommen, haben wir angekündigt, im Jahre 2026 das Leben unserer Klienten zu verteidigen.“ – Tom Strerath von der CPWF Deutschland

    Verboten oder nicht: Dieses ganze Prozedere am „Fischertag“ in Memmingen wirkt wie ein mittelalterliches Spektakel. Es ist auch ein Sinnbild dafür, wie sehr sich Menschen – größtenteils Männer – danach sehnen, eine Übermachtphantasie ausleben zu können.

    Fische, die von Hunderten Menschen gejagt und letztlich getötet werden.

    „Wahrlich ist der Mensch der König aller Tiere, denn seine Grausamkeit übertrifft die ihrige.“ – Leonardo da Vinci

    Reflexion & Transfer

    Eine Statue für Torero

    Man hat ihnen Statuen gewidmet, und über Jahrhunderte ihre „Tradition“ hochgehalten. Man stritt immer wieder mit den Landesherrschern: Mal wurde das Spektakel verboten, mal wieder erlaubt. Riesige Stadien wurden gebaut, um ihren ungleich en Wettkampf auszuleben – über vierhundert solcher Orte wurden bis heute gebaut. Und die Veranstalter machen noch immer ein riesiges Geschäft.

    Aber immer mehr Menschen scheinen kein Interesse daran zu haben, was ihre Eltern noch als identitätsstiftend erachtet haben. Nur noch wenige sehen einen Sinn in der barbarischen Tierquälerei, die andere mal als „Sport“, mal als „Kulturgut ersten Ranges“ hochstilisiert.

    Kaum ein Torero oder Matador wird im Ausland als Star gehandelt – eher im Gegenteil.

    Ach so: Ich rede hier gerade vom Stierkampf.

    Denn die Welt schaut mit Unverständnis auf die spanischen Toreros, die noch immer Stiere in einer Arena bekämpfen und ihnen Spieße mit Widerhaken in den Leib jagen.

    Zwar versuchen Lobbyverbände, Gewerkschaften der Toreros und rückwärtsgewandte Politiker:innen immer wieder, den Stierkampf ins positive Licht zu rücken – manchmal auch mit Manipulation.

    Aber die Realität sieht anders aus: Immer weniger Veranstaltungen, das Staatsfernsehen überträgt die Kämpfe nicht mehr und sowieso ist das Männlichkeitsbild eines Toreros eher un-woke.

    Stiefkämpfe sind schon lange nicht mehr das, was Spanien, Portugal oder Südfrankreich ausmacht. Die bunten Tücher, die farbenfrohe Robe der Toreros und die teilweise frenetische, aggressive Atmosphäre – alles Spektakel, das fast genauso im Fußball wiederzufinden ist – aber eben ohne grausames Blutvergießen.

    Und wir können nur hoffen, dass die Welt ganz bald auf die verschrobene Vorstellung von „Tradition“ in Memmingen schaut. Ich wette, ihr Memminger findet eine Menge Tierfreunde, die euch helfen, den Stadtbach sauber zu halten.

    Der Spielmannszug und die ulkigen Kostümierungen könnt ihr ja behalten – aber es geht sicher auch ohne diese wilde Tierjagd im Bach.

    Kann doch alles nicht so schwer sein…

    Abschluss

    Auch ich habe viel Scheiße in meinem Leben gebaut. Wenn man dazugehören will, vergisst man als Jugendlicher oft, was das wirklich bedeutet.

    Auch ich bin als pubertierender Junge mit einem Familienfreund zum Angeln auf seinem Boot mitgefahren. Ich wusste gar nicht richtig, was ich da jetzt tun sollte. Aber mir wurde das natürlich gezeigt: Ein lebendiger Wurm auf den Haken gespießt *puh* Und dann mit voller Kraft die Leine ins Wasser geworfen.

    Schon nach ein paar Versuchen zog tatsächlich etwas an der Angelleine. Ich angelte.

    Der Freund, dem das Boot gehörte, übernahm das Auswaiden: ein Schlag gegen die Bootskante und ein Schnitt mit dem Taschenmesser.

    Ich kann mich nicht mehr an alle meine Gefühle von damals erinnern – das ist immerhin schon fast ein Vierteljahrhundert her. Aber als ich dann vor dem Grill stand und diese tote, kleine Forelle entschuppen sollte, wurde mir plötzlich ganz komisch.

    Das hatte ich zu verantworten? Nur wegen des kurzen Thrills, dieses Zucken an der Leine zu spüren?

    Als ich das Material dieses „Volksfests“ in Memmingen so anschaue, frage ich mich, ob die Menschen, die hier umhertoben, nicht auch mal so einen Moment haben. Einen Moment, in dem sie diesen Fischen in die Augen sehen und sich denken:

    „Muss das sein?! Muss ich als Mensch diesen Tieren das antun?“

    In Memmingen und anderswo wird weiter gefischt. Auch Materia oder Dustin werden weiter mit ihren Riesenfängen prahlen.

    Weil wir als Menschen unsere Übermachtphantasie nicht kontrollieren wollen. Weil „Tradition“ eben manchmal auch Grausamkeiten bedeutet. Weil wir Fische noch immer viel zu selten ernst nehmen.

    Aber während in Memmingen einige hundert Forellen gefischt werden, sind es auf hoher See Meerestiere im Wert von über 180 Milliarden Dollar. Und wir bekommen davon fast nichts mit.

    Lachse, die von Parasiten bei lebendigem Leib angefressen werden; Haie, die als Beifang tot zurück ins Meer geschubst werden; und ein Siegel, das schon lange mehr verspricht, als es je einhalten kann.

    Das alles in der nächsten Folge.

    Noch mehr?

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    Intro-Musik von: Manuel Rathje

    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

    Für diesen Podcast wurden Stimmen teilweise mithilfe von KI erstellt.

     

    Quellen & Hintergründe

    [1] Cortisol muss über das Blut gemessen werden, was bedeutet, dass den Tieren mehrmals Blut abgenommen werden muss; inzwischen gibt es aber auch weniger invasive Methoden: https://fischwissen.ch/de/bibliothek/stressmessung-mittels-wasserproben

    [1] Sneddon, Braithwaite & Gentle, Proceedings of the Royal Society B: “Do fishes have nociceptors?”

    [1] Eine erste Metaanalyse deutet jedoch darauf hin, dass: „Zwar wird über die Empfindungsfähigkeit dieser Zehnfußkrebs-Taxa noch diskutiert, doch zeigen die bislang an verschiedenen Arten durchgeführten Verhaltenstests, dass sie in unterschiedlichen Kontexten Präferenzen zeigen, individuelle Unterschiede aufweisen, die auf eine Persönlichkeit hindeuten, über kognitive Fähigkeiten verfügen und Verhaltensindikatoren aufweisen, die mit negativen affektiven Zuständen übereinstimmen.“ – „A review of behavioral testing in decapod shrimp (Caridea) and prawns (Dendrobranchiata) with applications for welfare assessment in aquaculture“ von Dana L. M. Campbell​ und Caroline Lee, 2025

    https://peerj.com/articles/18883/

    [1] Gegen Materia / Marten / Marsimoto wurden 2023 Gewaltvorwürfe in den USA erhoben. Seiner Karriere hat das aber bisher keinen Abbruch gemacht.

    https://www.rnd.de/panorama/marteria-gewaltvorwuerfe-in-den-usa-das-steht-in-der-anzeige-LJMEW5OXMJEV7CQVJXQQXFEEXI.html

    [1] In der Untersuchung „Stierkampf in Spanien: Männlichkeit zwischen Inszenierung und Alltag; psychologischer Verständnisversuch eines Rituals“ von Vera Kattermann wird besonders hervorgehoben, dass der Stierkampf eine Reflexionsmöglichkeit für die Zuschauenden gibt und gleichzeitig Ventil für Angst und Aggressivität ist.

    https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/M4OSL42GFOIW2NP3MQHCECJJKAROQYMG

     

     

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