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  • 09. Allein im Schlachthof

    09. Allein im Schlachthof

    Allein im Schlachthof

    Abgrund der Eierproduktion

    Über 700 dokumentierte Übergriffe, neun Beteiligte – und ein Betrieb, der jahrelang ungestört weiterlief. Was wie ein Skandal beginnt, entpuppt sich als Blick in den Abgrund eines ganzen Systems.

    Es ist ruhig. Ein paar Geräte surren vor sich her.

    Der letzte LKW-Fahrer hat die Halle verlassen.

    Irgendwie ist es ihr gelungen, herauszukommen. Nennen wir sie Annika.

    Annika hat ihr ganzes Leben in einem Stall mit tausenden anderen Legehennen verbracht. Und jetzt ist sie frei – zumindest für einen kurzen Augenblick.

    Sie hat keine Ahnung, wo sie hier ist. Aber sie wird bei ihrem kleinen Erkundungsausflug gefilmt.

    Denn versteckte Kameras filmen seit Tagen, grausame Bilder in diesem Schlachthof in Bayern. Dass Annika hier lebend über den Verladehof läuft, ohne von Mitarbeitenden verfolgt zu werden, ist ein Wunder!

    Sie hatte Glück und konnte sich aus einer der vielen Transportkisten befreien, die hier Tag für Tag auf das Fließband geworfen werden. Aus irgendeinem Grund war die Kiste wohl nicht richtig verschlossen: Ihr Weg in die Freiheit.

    Aber, auch wenn hier gerade alles ruhig ist: In wenigen Stunden kommen die LKW und die Arbeitenden wieder. Dann könnte auch Annika, wie all die anderen Legehennen am Fließband, kopfüberhängen. Wenn sie Glück hat, kann sie es noch in eine dunkle Ecke schaffen.

    Annika hat es tatsächlich in eine Ecke geschafft. Sie ist schwach und steht nur da. Das viele Rumlaufen, kein Wasser, kein Essen – seit Tagen.

    Die Tür geht auf. Shit!

    Mit rotem Licht leuchten die Menschen, die reinkommen, umher. Der Lichtstrahl trifft auch Annika. Sie hat eine Scheißangst.

    Ein Mensch kommt langsam immer näher.

    Annika wird gepackt.

    @aninova.org Während des Einsatzes des Undercover-Teams im Luna-Schlachthof ist es gelungen, wenigstens sechs Hennen zu befreien. Diese sechs Glücklichen sind jetzt auf einem Lebenshof und erfahren zum ersten Mal Wärme und Fürsorge von Menschen. 🍀🐔 #suppenhuhn #hennen #fleisch #eier #schlachthof #tierrettung #aninova ♬ Originalton – ANINOVA | Für Tierrechte

    Bis jetzt war Annika nur eine „Produktionsmaschine“. Als sie nur noch wenige Eier „produzierte“, war sie zu einer Art „Abfallprodukt“ geworden.

    Was passiert mit Dingen, die nichts mehr wert sind in dieser grausamen Industrie?

    Wohin verschwinden die Millionen Legehennen, die nicht mehr genügend Eier „liefern“?

    Annika war bisher für die Menschen nur ein paar Cent wert. Ein Abfallprodukt eben.

    Aber ab jetzt ist ihr Leben unbezahlbar.

    1. Der Luna-Schlachthof

    Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach in Bayern.

    Es ist kurz nach Ostern.

    Hier im kleinen CSU-geführten Örtchen ist ein wichtiger Betrieb für unsere Lieblingsindustrie ansässig.

    Und genau da herrscht gerade reger Betrieb.

    LKWs mit gelbem Anhänger rollen einer nach dem anderen über den Hof. Was sie geladen haben, erkennt man fast nicht.

    Aber wer genau hinschaut, erkennt dutzende Hühner, gequetscht in kleine Gitterboxen aus Plastik. Hunderte davon sind auf die Laster gestapelt.

    Das sind die Hühner, die für diese Industrie nur noch wenige Centbeträge wert sind.

    Sie haben ihren „Legepeak“ erreicht. Sie sind nutzlos geworden für die Eierproduktion.

    Die Hennen werden nachts von ausgebeuteten Niedriglohn-Arbeitenden in diese Gitterboxen gequetscht und auf die Lkw geladen.

    Die Arbeitenden müssen unter immensem Zeitdruck ganze Ställe mit tausenden Tieren leeren. Deshalb landen die Hennen oft rabiat in den Gitterboxen, dann auf dem LKW und letztlich hier in diesem Schlachthof.

    [Weil] Hennen und auch ehemalige Elterntiere nur noch wenige Cent wert sind und es sich letztlich nur lohnt, wenn man einen Schlachthof mit entsprechend hoher Kapazität hat, gibt es von diesen Schlachthöfen nur sehr, sehr wenige.

    – Recherche-Aktivist im Interview

    Das sagt einer der Recherche-Aktivisti, die an der Aufdeckung beteiligt waren. Die Stimme wurde anonymisiert.

    Recherche-Aktivisti haben im April 2025 diesen riesigen Schlachthof in Bayern besucht. Sie wussten, dass es hier zu brutalen Szenen kommt, noch bevor die „ausgedienten Legehennen“ am Fließband getötet werden.

    Aber weder Veterinäre, noch Mitarbeitende haben sich jemals dagegen aufgelehnt. Es war mucksmäuschenstill, rund um den Schlachthof „Buckl“ in Wassertrüdingen.

    Deshalb wussten die Aktivisti, was sie machen müssen: Endlich der Welt zeigen, was hier passiert! Aber wie?!

    Besonders an den Recherchen zum Schlachthof in Wassertrüdingen war, dass wir bisher keinerlei Erfahrung mit Geflügelschlachthöfen hatten. Das heißt, wir wussten gar nicht genau, wie ist der Ablauf? Wir wussten nicht: wo sind die Punkte, wo es möglicherweise zu Übergriffen kommt? […]
    Noch bei der Vorrecherche wussten wir nicht, ob sie eine Elektrobetäubung haben – also die Hennen kopfüber in ein Wasserbad getaucht werden, welches unter Strom gesetzt ist – oder ob sie eine CO₂-Betäubung haben. […]
    Entsprechend haben wir am Anfang auch erstmal nur eine Kamera in den Außenbereich gehängt und eine in den Bereich, wo die Tiere aus den Kisten genommen und in das Förderband reingehängt werden, um einfach zu verstehen: Was passiert da eigentlich? Wie funktioniert so ein Schlachthof?

    Recherche-Aktivist im Interview

    Wie ich schon in den ersten drei Episoden erzählt habe: Es gibt eine Menge Arten, wie Tiere für ihr Fleisch getötet werden. Je größer ein Schlachthof, desto automatisierter und meist auch brutaler ist der Umgang mit den einzelnen Tieren.Wenn tausende Tiere am Tag getötet werden müssen, dann bleibt für keinen der beteiligten Mitarbeitenden Zeit, Empathie zu empfinden. Ich denke, so weit können wir uns das alle vorstellen.Aber was die Recherche-Aktivisti schon auf den ersten Aufnahmen entdecken, ist noch viel grausamer als unsere Vorstellung:
    […] was Geflügel-Schlachthöfe von Schlachthöfen für Säugetiere vor allem unterscheidet, ist die große Anzahl der Tiere, die dort getötet werden, aber auch, dass sie viel wehrloser sind. Und diese Kombination führt letztlich zu einer unfassbaren Verrohung der Mitarbeitenden. Die Gewalt, die wir dort erlebt haben und die wir für so einzigartig hielten, findet aber in anderen Schlachthöfen genauso statt.
    – Recherche-Aktivist im Interview

    Ein ganz normaler Geflügelschlachthof

    […] im Vergleich zu anderen Schlachthöfen [gibt es] bei Geflügel-Schlachthöfen eine ganz, ganz krasse Industrialisierung. So, dass dort eben Bänder sind, die laufen. Das ist letztlich wie man sich ein Autowerk vorstellt: dass man da Schienen hat, da fahren dann die Autos rum und überall stehen Leute und schrauben irgendwas dran oder machen irgendwas. […] Nur, dass es eben dort um Lebewesen geht. Aber genauso durchgetaktet. Von der Rampe bis zur Aufhängung war bereits ein automatisches Förderband.Kisten konnten da als Stapel mit (geschätzt) zehn Kisten übereinander in einen Mechanismus gestellt werden, der dann automatisch die Kisten nebeneinander auf ein Förderband stellt. Auf diesem Förderband sind sie dann bestimmt 20 bis 25 Meter weitergefahren. Dort wurden sie dann von Mitarbeitern des Schlachthofs aus den Kisten gepackt und in ein Hakensystem eingehängt – mit den Füßen, um dann quasi im Förderband zu sein.Man sieht aber insgesamt, dass es dort ganz, ganz krass industrialisiert ist und wirklich jeder Schritt nach Möglichkeit vollautomatisiert läuft, um möglichst wenig Arbeitsschritte zu haben.
    – Recherche-Aktivist im Interview Die Hühner in den Transportboxen, die gerade mit dem LKW auf den Hof des Buckl-Schlachthofs in Bayern rollen, sind dazu verdammt, zum sogenannten „Suppenhuhn“ zu werden: Ihr ausgemergeltes Skelett, manchmal mit gebrochenen Knochen, schmale Schenkel und Brüste – all das ist für „KFC“, „Burger King“ oder „McDonald’s“ nicht fleischig genug.Stattdessen sollen sie zum Spottpreis von ein bis zwei Euro pro Kilogramm in der Tiefkühltruhe von „REWE“, „Edeka“ und Co. verkauft werden. Nur so kann wieder ein Plus am Ende der Rechnung stehen.Der Schlachthof hier ist eine Art „Entsorgungsstätte“ für einen ganzen Industriezweig. Und dementsprechend scheiße wird hier auch gearbeitet.Die Arbeit an diesem Fließband wird wohl kaum in unsere Vorstellung einer „Work-Life-Balance“ passen.Aber es wird noch schlimmer kommen, als alle dachten…

    Das ganze Skript?

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    dreckige pfoten

    Das war „dreckige Pfoten“ mit „Alleine im Schlachthof“.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.

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    Intro-Musik von: Manuel Rathje

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    Quellen & Hintergründe

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    eindringliche
    Geschichten

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  • Gerbisbach: Wie ein Fall zum Sinnbild für Behördenversagen wurde

    Gerbisbach: Wie ein Fall zum Sinnbild für Behördenversagen wurde

    True Crime in Deutschland – unterschätzte Fälle

    Ein Dörfchen in Sachsen-Anhalt. Felder, Stille, der Geruch von Gülle in der Luft. Und irgendwo dahinter: tausende Schweine hinter Dämmen aus Bürokratie.

    Nein zur Schweinemast in Gerbisbach

    Stell dir vor: Ein Gericht entscheidet, dass eine Anlage so nicht betrieben werden darf. Die Behörden wissen es. Die Anwohner:innen kämpfen seit Jahren dagegen an. Und die Schweinefarm läuft einfach weiter.

    Das klingt nach einem Krimi. Es ist aber ein realer Fall aus Sachsen-Anhalt – und er zeigt, wie systematisch das Versagen von Behörden, Politik und Rechtsstaat gegenüber der grausamen Massentierhaltung sein kann.

    Was in Gerbisbach passiert ist

    Seit 2014 betreibt ein Unternehmer in Gerbisbach eine Anlage mit zigtausenden Schweinen.

    Die Menschen in der Nähe wollten das von Beginn an nicht einfach hingenommen. Sie haben Akten durchforstet, Anwält:innen eingeschaltet, Petitionen gestartet. Sie haben geklagt, verloren, wieder geklagt – und inzwischen gewonnen!

    Und doch: Der Betrieb läuft. Jahr für Jahr. Die Abgründe der Massentierhaltung bleiben für tausende Schweine pro Jahr Realität.

    Im Zentrum steht nicht nur ein Unternehmen, das Regeln bricht – sondern auch ein früherer Landwirtschaftsminister, der nach seiner politischen Karriere als Berater für eben diese Branche tätig wurde. Ein klassisches Drehtür-Phänomen zwischen Politik und Agrarindustrie.

    Der riesige Schweinestall in Gerbisbach hat bis heute keine rechtsgülitige Genehmigung - aber läuft weiter...

    Warum dieser Fall so symptomatisch ist

    Der Fall Gerbisbach ist kein Einzelfall – er ist ein Muster. Er zeigt:

    • Wie langsam Rechtsmittel gegen industrielle Tierhaltung wirken, selbst wenn Bürger:innen Recht bekommen.
    • Wie politische Netzwerke dafür sorgen können, dass Vollzug ausbleibt.
    • Wie Bürger:innen jahrelang gegen ein System kämpfen – und trotzdem kaum gehört werden.
    • Und wie die Geschichte der DDR-Landwirtschaft bis heute nachwirkt: Viele dieser Megaanlagen entstanden aus ehemaligen LPG-Betrieben – und wurden nach der Wende privatisiert, ohne dass die strukturellen Probleme gelöst wurden.

    Ein Kampf, den kaum jemand sieht

    Man muss sich das vorstellen: Da sitzen Menschen an Küchentischen, wälzen Gerichtsbeschlüsse, schreiben Einsprüche – während ein paar hundert Meter entfernt die Anlage läuft, als wäre nichts. Keine News, keine nationale Berichterstattung. Aber jede Menge Aktenordner und Erschöpfung.

    Während einzelne Tierrettungsaktionen gottseidank viral gehen, bleibt das systemische Versagen oft im Verborgenen. Kein Einzelschicksal, das sich leicht teilen lässt. Nur ein jahrelanger, stiller Kampf gegen Mühlen, die sich einfach weiterdrehen. Zermürbende Realität der Tierfabriken-Gegner:innen.

    Genau das ist der Grund, warum dreckige Pfoten über solche Fälle berichtet. Die systematische Untergrabung von Tierrechten und gezielte Lobbyarbeit muss aufgedeckt werden.

    Den ganzen Fall hören

    In der zweiteiligen Episode „Lobby Schweinerei“ nimmt dreckige Pfoten den Fall Gerbisbach auseinander: die Vorgeschichte, die Gerichtsverfahren, die politischen Verbindungen und den Kampf einer Anwohnerin seit 20 Jahren.

    dreckige Pfoten öffnet Türen. Der Podcast lässt die Menschen zu Wort kommen, die Tierleid dokumentieren. Er erzählt die True-Crime-Fälle, über die niemand spricht – investigativ recherchiert, mit allen Quellen offengelegt.

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  • 08. Gülle, das “schwarze Gold”

    08. Gülle, das “schwarze Gold”

    Gülle, das schwarze Gold

    Wie aus „Abfall“ ein Millionen-Geschäft wurde

    Wäsche, die nach Schwein stinkt. Brunnen mit dem 1000-fach überschrittenen Nitratwerten. Tiere, die ihr Leben im eigenen Dreck stehen. Das ist kein Versehen – das ist die Logik der schlimmsten Industrie der Welt, die ihr Abfallproblem einfach zur Normalität erklärt hat. Und wir haben uns dran gewöhnt.

    Nur ein paar Wochen, bevor ich diese Episode aufgenommen habe, ist ein wichtiger Dokumentarfilmer gestorben: Wolf-Michael Eimler hat über Jahrzehnte zur Tierindustrie in Niedersachsen recherchiert und mit vielen „Größen“ aus der Tierindustrie geredet.

    Ich hätte so gerne mehr erfahren – und ihm gedankt für seine Arbeit.

    Ich würde diese Folge so gerne einfach mit Dimitry aus „Triangle of Sadness“ starten. Wisst ihr noch? Dieser Typ, der reich durch … Scheiße wurde!

    Gewöhnt euch am besten jetzt schon an die Wortwahl – wird nicht besser werden…

    Wir sind auf einer 50 Millionen-Dollar-Jacht und der russische Millionär Dimitry stellt sich vor:

    Ausschnitt aus dem Film "Triangle of Sadness" mit dem Gülle-Händler Dimitry
    Ausschnitt aus dem Film “Triangle of Sadness” mit dem Gülle-Händler Dimitry

    By the way: Der Film ist wirklich sehenswert –

    Dimitry, gespielt von Zlatko Buric, stellt sich als russischer Oligarch vor. Aber wenn wir ehrlich sind: Das hätte genauso gut auch ein Oldenburger Agrarriese sagen können.

    Vor allem macht diese Szene deutlich, wie wichtig Gülle, Jauche, Scheiße in der Agrarindustrie ist. Das „Nebenprodukt“ wurde zum import-export-Schlager und brachte vielen Menschen viel Geld ein. Umwelt und Tiere waren (und sind) zweitrangig.

    Und darüber hinaus wird hier auch schnell deutlich, dass es zwischen dem „bösen, kommunistischen Osten“ und dem „guten, kapitalistischen Westen“ nicht viel Unterschied gibt – zumindest, was die ganze Scheiße angeht.

    Ich werde am Ende übrigens nochmal zählen, wie viele „Scheiße“ es in dieser Episode waren. Stay tuned.

    1. Wo fangen wir an?

    Gülle, Jauche oder „schwarzes Gold“: Wir alle haben den abscheulichen Geruch schon mal in der Nase gehabt. Manche haben vielleicht auch mal Landwirte diesen Scheiß (ha) versprühen sehen.

    Wenn der Gestank erst mal im Geruchsgang war, geht der da nicht mehr so schnell raus. Es bleibt irgendwie im Gehirn und verätzt alles. Allein beim Gedanken an die Gülle-getränkten Felder in meiner Heimat, kommt mir ein bisschen Kotze in den Hals.

    Gülle ist aber nicht nur ekelhaft stinkend. Es ist auch ein sehr beliebter Dünger für Ackerflächen. Ohne die tausenden Kubikmeter Scheiße und Pisse aus den Tierhaltungsanlagen, würden wir wohl kaum Obst und Gemüse in dieser Hülle und Fülle im Supermarkt erleben.

    Na gut, Moment: Natürlich würde das auch anders gehen – mit biozyklischem veganem Anbau zum Beispiel.

    Aber in einem riesigen Netzwerk aus Produzierenden und Nutznießern, samt Güllebanken – einer Art Vermittler zwischen der Tierindustrie und dem Ackerbau (Gülle als Dünger) – ist der Ausstieg eben mit großem Willen verbunden.

    Manchmal hilft leider nur ein Systemumsturz, um etwas wirklich zu ändern.

    Exkurs: Was ist Gülle

    Das Wort Gülle stammt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und bedeutete so viel wie ‚Pfütze‘ oder ‚Lache‘.
    Gülle ist ein natürlich anfallender Wirtschaftsdünger, der hauptsächlich aus Abfallstoffen der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung wie Urin und Kot besteht.

    Wikipedia-Eintrag zum Thema Gülle

    Diese „Abfallstoffe“ enthalten – wie jede Kacke und Pisse – viel Stickstoff, Phosphor und Kalium. Und da viele Pflanzen besonders auf diese Stoffe geil sind, ist Gülle eben ein guter Dünger, um den Ertrag zu steigern.

    Vermutlich werden schon seit Jahrtausenden tierische oder menschliche Fäkalien auf die Felder gestreut, um eine bessere Ernte einzufahren.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht anders geht:

    Denn bevor es Gülle in immensen Mengen aus der Tierindustrie gab, wurde auf verschiedene Art gedüngt.

    Kleinere Betriebe, die sich vorrangig selbst versorgt haben, haben den Mist und die Jauche der (wenigen) Tiere auf ihren eigenen Feldern verteilt. Das Höchste der Gefühle war vermutlich ein bisschen Kalk, der den Boden für die Wachstumsphase vorbereitete.

    Erst in den Jahren um die letzte Jahrhundertwende, wurden Verfahren entwickelt, um im großen Maße künstlich Düngemittel herzustellen. Vor allem das Haber-Bosch-Verfahren bildete die Grundlage für die Produktion von synthetischem Stickstoffdünger.

    Aber für die kleinen Landwirtschaftsbetriebe waren diese „Kunstdünger“ trotz der voranschreitenden Industrialisierung nicht erschwinglich. Sie mussten weiter auf Gülle und Mist setzen.

    Und als auch die kleinen Betriebe immer größer wurden und mehr und mehr Tiere in ihre, noch immer kleinen Ställe zwängten, wurden auch die Mengen an „Abfallprodukten“ immer größer.

    Es wurden Teiche vollgepumpt mit Literweise Gülle von Schwein, Huhn, Rind. Dann wurden daraus riesige Lagunen. Da die immer mal wieder überschwappten, wurden größere Betonsilos vorgeschrieben.

    Die Jahr für Jahr steigenden Mengen an Gülle machten es dann letztlich auch unmöglich, Gülle nur gezielt einzusetzen – irgendwohin muss der ganze Scheiß ja doch irgendwann.

    Gottseidank gibt es dazu den sogenannten „Breitverteiler“: Kennt ihr diese Wasserfontänen mit dem breiten, aber flachen Wasserstrahl im Schwimmbad? – Sowas, nur für … flüssige Kacke.

    Mit ihm wurden sogar noch 2015 unglaubliche 113 Millionen Kubikmeter Gülle ausgebracht. Das ist eine ganze Großstadt, die literally knietief in der Scheiße steckt.

    Ein paar von den randalierenden Bauern in Brüssel haben mit so einem Ding sogar 2024 die Polizei … beschissen. Cannot not find that funny.

    Aber es gibt ein Problem, wenn Gülle derart frei durch die Luft geschleudert wird: Sie setzt tonnenweise Ammoniak frei. Dieses Gas ist so giftig, dass schon kleine Mengen gesundheitsgefährdend sein können.

    Deshalb sind Breitverteiler seit 2020 im Ackerbau verboten. Bis 2025 konnten sie aber noch auf Wiesen eingesetzt werden.

    Heute nutzen die Landwirte einen Schleppschuh oder Schleppschlauch, um die Kacke direkt auf den Boden auszubringen. Weniger Gestank, weniger Emissionen.

    Okay – das Problem mit dem Gestank ist wohl behoben…

    Aber da war doch schon in den 1980er Jahren Protest in der DDR, weil diese Art der exessiven Düngung ein ganzes Waldstück verseucht hat?!

    Wieso hat es so lange gedauert, bis sich was tut? Und: Wieso ist das Grundwasser in manchen Gegenden noch immer mit Nitrat verseucht?

    2. Beweismittel

    Die Eule auf dem gelben Untergrund kennt ihr sicherlich als Symbol für „Naturschutzgebiete“. Und die ist eine DDR-Erfindung! Und die DDR hatte sogar schon 15 Jahre vor der Bundesrepublik, ein Umweltschutzministerium.Trotzdem kennen wir alle die schrecklichen Bilder von Luft- und Umweltverschmutzung im „Osten“.Denn leider war immer die Produktion wichtiger als die Umwelt. Ob bei der Förderung von Braunkohle, der Synthese von Chemikalien oder eben bei der „Produktion“ von Tieren. Genau deshalb sind am 25. Juni 1988 Umweltaktivist:innen aus der DDR mit Filmemachern aus dem Westen unterwegs. Heute ist es besonders ruhig in der Gegend um den Industriestandort Bitterfeld. Zumindest der gefürchteten Staatssicherheit (Stasi) will heute keiner begegnen. Es ist so ruhig, weil die Niederlande gegen die Sowjetunion spielt. Das EM-Finale. Alle, die können, sitzen vor dem Fernseher. Ganz Europa schaut hin, als der Osten gegen den Westen verliert. Diese Chance nutzen die Filmemacher und lassen sich von den Umweltaktivist:innen die schlimmsten Auswüchse der Rückgratlosigkeit des DDR-Regimes zeigen.Alle Beteiligten könnten mehrere Jahre ins Gefängnis kommen. Aber sie wollen -, nein, sie müssen zeigen, wie grausam die Natur hier rund um Bitterfeld Schaden nimmt. Und mit ihr die Familien der Arbeitenden, die wegen dem besseren Lohn herkamen. Diese Mondlandschaft ist im Laufe von vielen Jahren entstanden. Bis 90 Meter tief wird nach Kohle gesucht. 2/3 der Landschaft um Bitterfeld sind in bestimmten Gegenden so aufgewühlt.Ausgekohlte Tagebaue werden seit Anfang dieses Jahrhunderts als Müllkippen benutzt. Es ist gar nicht mehr nachzuvollziehen, was wo vergraben wurde. – „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989 In der DDR waren offizielle Umweltdaten nicht zugänglich und wurden seit 1972 sogar als „Vertrauliche Verschlusssache“ behandelt. Später wurden sie sogar als „geheime Verschlusssache“ eingestuft.Diese Umweltsünden zu dokumentieren – und damit deutlich zu zeigen, wie grandios die Industrie der DDR scheitert – war beinahe schon Hochverrat. Es ist so, dass die DDR-Regierung jahrzehntelang ihre Bevölkerung über den Zustand der Umwelt im Unklaren bzw. regelrecht getäuscht hat.Erinnert sei daran, dass die DDR Regierung westeuropäischen Müll aufkauft gegen West Devisen. Dr. Ulrich Neumann, Umweltaktivist der Gruppe „Arche“ in „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989Unkontrolliert und unbeaufsichtigt laufen hier inmitten unserer Umwelt chemische Reaktionen im Abwasser ab. – „Bitteres aus Bitterfeld“, 1989 Diese Aufnahmen aus Bitterfeld schlugen nicht nur im Westen ein, wie eine Bombe. Bitterfeld wurde als „ökologisches Notstandsgebiet“ stigmatisiert.In der DDR selbst wurde der Film vor allem vom grün-ökologischen Netzwerk „Arche“ landesweit verteilt – meist im geschützten Rahmen der evangelischen Kirche.Die Unzulänglichkeiten innerhalb des Staates wurden immer deutlicher, auch, wenn die Führungskader schnell dementierten. Eine Aktivistin beschreibt „Bitteres aus Bitterfeld“ als einen Mosaikbaustein, der den Umsturz 1989 erst möglich machte. Autorin Monika Maron beschreibt in ihrem Roman „Flugasche“ die Umweltkatastrophe in der DDR schon 1981:
    Die Leute in Bitterfeld haben sich eingerichtet, haben sich gewöhnt, Einwohner von Bitterfeld zu sein und vom Dreck berieselt zu werden. Vielleicht ist es nichts als grob und herzlos, ihnen zu sagen: Ihr seid vergessen worden, geopfert für Wichtigeres. Und ich kann es nicht ändern. Autorin Monika MaronWas passiert, wenn Gewöhnung zur Normalität wird? Wenn man aufhört zu merken, wie schlimm es ist, weil es schon immer so war? Die Umweltaktivist:innen in der DDR, die diese „neue Normalität“ nicht akzeptieren wollten, wurden für den Staat zum Feind: Sie wurden ausgehorcht und unter Druck gesetzt – zermürbt. (So sehr, dass sich der Ostdeutsche Umweltaktivist und Fahrer des Filmteams in einer der DDR-Mülldeponien suizidierte und zuvor seine Tochter umbrachte.)

    Das ganze Skript?

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    dreckige pfoten

    Das war „dreckige Pfoten“ mit einem Beitrag zu Gülle.

    „dreckige Pfoten“ bringt Licht ins Dunkle und macht Seilschaften, Lobbyismus, Tierqual und die Arbeit von dutzenden Recherche-Aktivisti sichtbar.

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    Intro-Musik von: Manuel Rathje

    Viele Quellen und das Transkript findet ihr auf www.dreckige-Pfoten.de

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    Weitere Infos

    [1] Die „Big-Four“: VEB Schweinezucht und -mast Borna, Eberswalde, Haßleben, Neustadt/Orla

    [1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“.

    [1] Nina Kleinschmidt und Wolf-Michael Eimler berichten in „Wer hat das Schwein zur Sau gemacht?“ über sogenannte Lohnmäster, die das volle Risiko tragen, aber nur einen Teil des Gewinns; oder von LKW-Fahrern, die Nacht für Nacht Überstunden schieben; über Hilfsarbeiter aus der Türkei, die alles mitmachen müssen.

     

    Quellen & Hintergründe

    Bücher & Hintergrundliteratur

    Rechtliche Grundlagen & politische Einordnung

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